Ask A Muttersprachler
In einer E-Mail, die ich diese Woche aus Süddeutschland bekam, stand dies:
Vielen Dank für Ihr Mail.*
Daran fallen zwei Dinge auf: Erstens hat der Verfasser relativ elegant die Klippe der Schreibweise für diese Art der elektronischen Post umschifft. Der Duden empfiehlt E-Mail, vermutlich da alternative Schreibweisen entweder zu Verwechslung führen (Email) oder sich nicht so recht in die Regeln der deutschen Groß- und Kleinschreibung in Wörtern einfügen wollen (eMail und EMail).
Zweitens, und das ist viel interessanter, liegt hier eine süddeutsche Genusverwendung vor: während im Hochdeutschen ›E-Mail‹ weiblich ist (die E-Mail), bevorzugen die Süddeutschen, aber auch Österreicher und Schweizer das E-Mail. (Der Duden, interessanterweise, führt zwar ›die/das E-Mail‹, aber nur ›die Mail‹ auf - in diesem Fall wäre die Umschiffung wohl doch nicht so elegant gewesen, wie ich dachte, aber der Duden stammt aus dem Jahr 2007.)
Nun ist auch ein in Süddeutschland lebender Mensch, der mit Deutsch aufgewachsen ist, ein Muttersprachler. (Dies mag ein Hamburger zwar gerne mal abstreiten, aber das ist jetzt nicht das Thema.) Und die Genusunterschiede hören ja nicht bei elektronischer Post auf. Es zählen auch etablierte(re) Wörter des Alltags dazu, man denke an der Mikro (abgeleitet von und den Mikrowellenherd bezeichnend), das Cola oder der Butter. Und was den Butter betrifft, da bin ich alemannischer Muttersprachler genug, um zu sagen, dass diese Verwendung zwar altmodisch klingt, aber nicht unüblich ist. Wer’s genau wissen will, der fährt zur Feldforschung mal ins Münstertal bei Offenburg.
Wenn ich nun also sage, ich möchte den Artikelgebrauch im irischen Englisch beschreiben und erkläre meinen (muttersprachlichen) englischen Freunden, worum es geht, dann höre ich oft »Yes, but I think you can use ›the‹ in English in this context«. Mit anderen Worten, es ist ein sehr schmaler Grat (wenn auch genau umgekehrt als in meinem Beispiel der süd/nord/hochdeutschen Genusverwendung). Denn auch der Gebrauch des Artikels wie im irischen Englisch, der angeblich so charakteristisch für diese Varietät ist, ist nicht »falsch«, und in vielen Dialekten des britischen Englisch durchaus nicht fremd.
Der Mythos des Normmuttersprachlers ist ohnehin überholt. Denn, wo die meisten bei »I’m here since Monday« den Rotstift ansetzen würden, ist das in Irland ein korrekte Umschreibung dafür, dass jemand, naja, seit Montag hier ist. Und an der muttersprachlichen Kompetenz eines Iren zweifelt niemand (obgleich mir da von einigen Engländern vehement widersprochen wird).
Ums humoristisch zu sehen, sag ich’s mit Volker Pispers (…bis neulich!):
Viele sagen ja, die bei uns lebenden Ausländer müssen wenigstens vernünftig Deutsch sprechen. Was isn das? Vernünftiges Deutsch? Wo wird das denn gesprochen? Warense da schon mal? Können Sie sich an einem schwäbischen Stammtisch artikulieren?
Ja, ich könnte.
(Für die Phonologen unter uns: Vielen Dank für Ihr Mail aus dem Mund eines Alemannen klänge für einen Norddeutschen übrigens auch nach dem Erhalt einer Mehllieferung; das (Weizen)Mehl klingt auf Badisch wie ›Mähl‹… to be continued!)
TweetSchlagworte: Alemannisch, Artikelgebrauch, Muttersprache



7. August 2009 um 12:19 Uhr
Da frage ich doch wieder einmal: wer entscheidet »Vernunft«? Und jetzt schmeisse ich meine »The The«- CD in den Player.
7. August 2009 um 12:28 Uhr
Hm, ich weiß es nicht. Vernunft weswegen?
Äh ja, The The wäre dann ja die Band der Magisterarbeit, oder?
7. August 2009 um 18:04 Uhr
Du hast mich voll verunsichert. Ich dachte schon die Good Morning Tüte hätte mich gedanklich verlaufen lassen!
»Viele sagen ja, die bei uns lebenden Ausländer müssen wenigstens vernünftig Deutsch sprechen. Was isn das? Vernünftiges Deutsch?«, darauf bezog ich mich.
Die Soul Mining von The The bläst Dir einfach das Hirn frei! Gib sie Dir!
8. August 2009 um 15:00 Uhr
Achso. Ich hatte schon an eine philosophisch anmutende Diskussion über Kantsche Vernunft gedacht. Das hat man nun davon. *kicher*
Zur sprachlichen »Vernunft« - Hochdeutsch und alle anderen standardsprachlichen Varietäten sind mehr oder minder willkürlich festgelegte Normen, die nur von einem Bruchteil derjeweiligen Sprachgemeinschaft gesprochen werden. Oft sind diese Standardvarietäten historisch aus administrativen und wirtschaftlichen Epizentren entstanden, wie beispielsweise das »Oxford English« oder der pariser Dialekt des Französischen. Interessanterweise - und es entbehrt nicht einer gewissen Komik - sagt man ja, das Hochdeutsche wird am ehesten in und um Hannover gesprochen.
8. August 2009 um 16:02 Uhr
Mich als Bärlinah in Hamburch erstaunt verbal wenig. In Deinem neuen Beitrag sprichst Du über Dialekte. Ich finde es schade, dass viele Mundarten am Aussterben sind. Jeder Mensch, der sich nur etwas damit auseinandersetzt wird bemerken, wieviele Sprachen er verstehen kann. Vielleicht nicht sprechen. Aber lesen und hören geht. Grüsse Max
PS: Dein Blog gefällt mir. Aber die Genusverwendung hat mich an meine Grenzen bebracht. Ich wollte Dir schon mailen, Genuss schreibt man mit zwei s. Aber irgendwann habe sogar ich es gerafft! Ein spassiges Wochenende. Max