Archiv des MonatsSeptember, 2009

Westerwave and The Aufschwung

Ich gehöre ganz bestimmt zu denjenigen, die sich jetzt eins ins Fäustchen kichern – und genüßlich dabei zusehen, wie Journaille und Web-2.0-Gemeinde Guido Westerwelle im Wechsel mit Häme überschütten. Mit seiner leidlich geschickten Reaktion auf die Anfrage eines BBC-Reporters beschäftigt sich unter einem sprachwissenschaftlichen Aspekt heute das Bremer Sprachblog.

Schon machen Videos die Runde, die sich an Westerwelles schwachen Englischkenntnissen ergötzen: auf die Frage eines jungen Osteuropäers, was Osteuropa von der deutschen Erfahrung mit dem Frieden lernen könnte, antwortet Westerwelle:

“The fall of the wall… There has been so much dynamic in the new members of the European Union. And I do not mean only the economic dynamic, I mean the dynamic of the society. If I would compare this sometimes to the old EU 50 [das sehen wir ihm nach, weil wir davon ausgehen, dass auch ein FDP-Chef weiß, wieviele Mitgliedsstaaten die EU vor Mai 2004 hatte], we could learn that the [queue] for a successful welfare state, a successful economy is the dynamic of the society is the will to reach very ambitious aims and perhaps this is something what we in the last years lost in our mentality or lost too much in our mentality. For example, if I look to what we got today, we got today the new unemployment rates and when I listen to the government and I hear there that 11 percent or 10.8 percent unemployment rate and “Der Aufschwung ist da”, this is not ambitious enough. The aim, for example for the German society, should not be to come from the last place with the growth rates in the European Union to the second last or third last. Our aim, our issue should be to reach once again the top again. And this is what we can learn, I think, at the moment, much more.”

Diese Transkription – begünstigt durch das stockende Englisch – kostete mich zwei Videodurchläufe (und einen davon zum Korrekturlesen). Und vermutlich ist meine Interpunktion auch ein wenig vorteilsstiftend für Herrn Westerwelle. Das ist jetzt zwar kein sprachlich-künstlerischer Erguss, aber bis auf ein paar grammatikalische Patzer und einer oftmals unglücklichen Wortwahl ist das nicht das schlechteste, da gibt’s mehr Stoiberismen in deutscher Sprache.

Und mal Hand aufs Herz – das ist lediglich die um polemische Phrasendrescherei bereinigte Version eines Vortrags in deutscher Sprache. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass diese Passage – hätte er die Frage auf Deutsch beantwortet – nur einen Hauch mehr Inhalt gehabt hätte, als ein wahlkampfgeprägter Reflex der Marke Die gegenwärtige Regierung beschönigt die neuen Arbeitsmarktzahlen. Die Antwort auf die Frage, was Osteuropa von Deutschland lernen könnte, war es so oder so nicht.

Außerdem offenbart es einen weiteren Aspekt, der mir in meiner nebenberuflichen Übersetzertätigkeit immer wieder begegnet: Ein übersetzter Text kann immer nur so gut sein, wie das Original. Das war jetzt ernst gemeint – vermutlich fällt vielen, die sich über Herrn Westerwelles Englisch amüsieren, erst jetzt wirklich auf, welchen Müll er von sich gibt – womit ich niemandem unterstelle, Westerwelles polemisches Blafasel von der Leistungsgesellschaft nicht auch auf Deutsch für ausgemachten Blödsinn zu halten. In Übersetzungen habe ich das oft: schlechte Texte und sinnentleerte Phrasen, schönklingend und unübersetzbar.

Naja, und wenn ich mich aus dem Fenster lehnen wollte, würde ich auch die kühne Behauptung aufstellen, dass einige der jetzigen Hämekübelumdreher mit dem oben transkribierten Text ihre – nicht in Westerwelles Englisch fußenden – Verständnisprobleme hätten, aber das würde meinem Belustigungsdrang doch sehr entgegenwirken. Obgleich sich die Webgemeinschaft da uneins ist, ob’s Helmut Kohl zu Maggie Thatcher oder Heinrich Lübke zur Queen gesagt oder irgendein Kabarettist erfunden hat – aber der amüsanteste Sprachpancher ist ohnehin bereits belegt:

You can say you to me.

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Der wahre Feind sitzt vor dir

…und ist nicht die Arbeit, es ist nicht die Datenmenge oder der Zeitdruck. Der wahre Feind ist Word.

Warum, bitteschön, erstellt Word automatisch eine neue Formatvorlage, wenn ich innerhalb eines Absatzes, dem eine vorhandene Vorlage zugewiesen ist, ein Wort kursiv setze? Tut’s da wirklich Not, gleich eine neue Vorlage zu erstellen? Es beschränkt sich ja nicht nur auf kursive Wörter, sondern – sofern ich sie hätte – fettgedruckte, unterstrichene, oder – Gott bewahre – unterschiedliche Schriftarten und -größen. Das müllt im Endeffekt nur meine Formatvorlagenleiste zu und hat keinen ersichtlichen Vorteil.

Oho, fängt ja gut an.

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Datenflut

In einem meiner sich über die Monate ausgewachsenen Alpträume schrumpfte meine Datenmenge auf einen statistisch unerheblichen kleinen Haufen zusammen.

Dem ist mitnichten so. Der erste Blick in die Datenbank fördert mehr als 500 Beispiele zu Tage. Für ein – gemeinhin – stiefmütterlich vernachlässigtes Phänomen eine erstaunliche Menge. Okay, wenn man diese 530 Token noch von ihren Beispielen bereinigt, die zwar ein the enthalten, aber nicht in die Kategorie “non-standard-Feature” fallen, bleiben aber vermutlich noch weit über 400.

Das ist unglaublich viel.

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Externes Evaluationszentrum

Seit dem Wochenende gibt es für meine Magisterarbeit zwei externe Qualitätsprüfer. Vermutlich sollte man in diesem Zusammenhang eher von Quantitätsprüfern sprechen, denn sie geben mir Stichtage für die Fertigstellung einzelner Kapitel vor, sie beurteilen nicht unbedingt die fachliche Richtigkeit.

Nach der alten – aber effektiven – Methode von Zuckergetränk und Peitsche habe ich bis Mittwoch das erste Kapitel abzuliefern. Wie das mit der Peitsche in die Tat umgesetzt werden soll, ist nicht abschließend geklärt, immerhin befinden sich die Evaluationszentren in Köln und der Provence. Das mit der Peitsche müssen also ortsansässige Quantitätsprüfer übernehmen.

Irgendwer ist ja immer der Buhmann.

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TV-Tipp

Notruf Hafenkante, 24. September, 19.25 (ZDF). Suz als Schwester Dorothea.

Ja, äh, genau.

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Sommerpause beendet

Wenn die erste Kehrmaschine durch die Straße fährt, ist der Sommer vorüber.

Und wenn’s hier in den letzten Wochen etwas fachfremd zur Sache ging, hatte das nur einen Grund: ich habe mich mit fachfremden Sachen beschäftigt.

Aber jetzt ist der Job gekündigt, die Prüfungsanmeldung angepeilt, Termine gemacht, die Wohnung renoviert und entrümpelt und der SC im Pokal ausgeschieden. Nur einer hält sich noch ohne Visum im Konsulat auf, und zahlt auch keine Miete, dieser Schweinehund.

Deshalb: öffentlicher Druckaufbau – Weihnachten.

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Du bist so wunderbar, Berlin

Es gibt Tage, an denen man seine kultivierte Lebensform in die Ecke stellt, sich in Schale wirft, den Schal um den Hals hängt. Es sind die Tage, an denen man sich zur rituellen Wegzehrung morgens um halb zwölf Biergit Kraft in die Tasche steckt.

Anhänger des SC Freiburg zu sein erfordert eine hohe Leidensfähigkeit. Die notorische Auswärtsschwäche des SC ist besonders für die Fans mitunter schmerzhaft, die fast 800 Kilometer nördlich der Heimspielstätte ihre badischen Konsulatszelte aufgeschlagen haben. Eigentlich, sind wir ehrlich, fahren wir nach Stellingen, Bremen, Wolfsburg oder Hannover, um uns regelmäßig in bester Sadistenmanier so richtig was auf die Fresse geben zu lassen. Mein persönliches Torverhältnis bei Nordclubs der ersten Liga liegt – vermutlich und gefühlt – irgendwo bei 4:27.

Berlin. Olympiastadion. Sonntag, 20. September 2009.

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Ne Klausur schreiben

Wenn ich ehrlich bin, habe ich den größten Bammel nicht vor der Magisterarbeit, dem damit verbundenen Stress, oder der Zeit nach der sorgenfreien Studentenzeit. Den größten Bammel habe ich vor den Klausuren.

Zum Warmwerden war die Niederländischklausur wohl eher nur bedingt geeignet. Lückentexte einfüllen, Verben ins Perfekt setzen und Mehrzahlen bilden ist ja nur eine leidlich gute Vorbereitung auf Theorien pauken, Mittelenglisch lernen oder sich ein genügend fundiertes Wissen in Politikwissenschaft wieder (neu) anzueignen.

Ürgs.

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Wie man sich Studenten vom Hals hält

An anderer Stelle waren die (Öffnungs-)Zeiten der Sekretariate, Prof-Sprechstunden oder Geschäftszimmer bereits Thema. Mir ist aber noch eine weitere, vermutlich höchsteffiziente Möglichkeit entgangen, wie sich misanthropische Universitätsmitarbeiter Studenten vom Hals halten:

Sprechstunde von 6.30-8.00 Uhr. Morgens, wohlgemerkt.

Da mache ich demnächst um 6.31 einen Testanruf.

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Flat White

Ich trinke Kaffee in allen Formen und Farben. Wirklich. Es gibt, auch wenn einige das für abwegig oder gar unmöglich halten, mitunter trinkbare Instantvarietäten, die, je nach Zubereitung, sogar als anständiger Begleiter für die Pause durchgehen.

Nur das mit dem Milchschaum habe ich nie richtig verstanden. Wenn ich gnädig bin, halte ich den Schaum für Verarschung, an den meisten Tagen ist Milchschaum aber nicht mehr als ein Fashionstatement. Aber für alle Tage gilt: meinen Milchkaffe bitte und grundsätzlich ohne Milchschaum.

Das erste Mal fiel mir diese Eigenart als extrem deutsch auf, als wir im Herbst 2004 einige australische Wissenschaftler in Hamburg zu Gast hatten. Daran, dass Angehörige des angelsächsischen Kulturraums in deutschen Kneipen den Bierschaum mit einem Löffel abtragen, hatte ich mich ja schon gewöhnt. Aber nun fingen sie an, das auch im Café zu tun: “Does coffee in your country ever come without that revolting froth on it?!?”

Als ich 2005 nach Australien ging, wusste ich, wovon sie sprachen. Von einem Flat White (davon). Nun ist uns die australische Kaffeekultur nicht nur in Geschmack und Preis haushoch überlegen, sie kommen auch gänzlich ohne Milchschaum aus! Cappuccino hat eine cremeartige Substanz als Häubchen, und kommt nicht mit einem derart großporigen Missverhältnis von Schalengröße und Inhalt daher. Milchkaffee ist eben Flat White, ein Espresso-”Shot”, aufgefüllt mit erhitzter (geschäumter, nicht aufgeschäumter) Milch aus dem unteren Drittel der Milchkanne*:

To achieve the “flat”, non-frothy texture the steamed milk is poured from the bottom of the jug, holding back the lighter froth on the top in order to access milk with smaller bubbles, making the drink smooth and velvety in texture.

Ich habe nach meiner Rückkehr nach Deutschland Jahre gebraucht, um über den Verlust australischer Kaffeekultur hinweg zu kommen. Koffeinjunkies finden dort ein wahres Paradies vor: an jeder Ecke vollbringt jeder noch so abgewratzte Einraumkiosk wahre Kaffeewunder für n Euro oder weniger. Dass Starbucks ob seiner groben Unterschätzung des australischen To-Go-Kaffeemarktes 75% seiner Filialen dort schließen musste, sagt eigentlich alles.

Ja, und ausgerechnet bei McCafé gibt es jetzt Flat White. Das ist wie vorgezogene Weihnachten!

Und nun dürft ihr raten, was die Kaffee-Sommelière im McCafé auf den Espresso und das Non-frothy-Drittel Milch abschließend mit ihrem großen Löffel ins obere Drittel meines Bechers geschaufelt hat…

…….!?!

*Der Trick ist übrigens auch, dass man die Kanne nach dem Schäumen ein bis zwei Minuten stehen lässt, damit sich die erhitzte und cremige Milch unten in der Kanne sammelt, bevor man sie auf den Espresso schüttet.

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