Du bist so wunderbar, Berlin
Es gibt Tage, an denen man seine kultivierte Lebensform in die Ecke stellt, sich in Schale wirft, den Schal um den Hals hängt. Es sind die Tage, an denen man sich zur rituellen Wegzehrung morgens um halb zwölf Biergit Kraft in die Tasche steckt.
Anhänger des SC Freiburg zu sein erfordert eine hohe Leidensfähigkeit. Die notorische Auswärtsschwäche des SC ist besonders für die Fans mitunter schmerzhaft, die fast 800 Kilometer nördlich der Heimspielstätte ihre badischen Konsulatszelte aufgeschlagen haben. Eigentlich, sind wir ehrlich, fahren wir nach Stellingen, Bremen, Wolfsburg oder Hannover, um uns regelmäßig in bester Sadistenmanier so richtig was auf die Fresse geben zu lassen. Mein persönliches Torverhältnis bei Nordclubs der ersten Liga liegt – vermutlich und gefühlt – irgendwo bei 4:27.
Berlin. Olympiastadion. Sonntag, 20. September 2009.
Noch bevor die Tickethäuschen geöffnet haben, werden wir von in Deutschlandfahnen eingehüllten Hertha-Fans als Dreck, Schweine und Hurensöhne beschimpft. Ein SC-Fan säuselt zurück: “Hallo Tabellenletzter!”. Freiburger Galgenhumor, wir sind Vorletzter.
Eine Fankultur disqualifiziert sich bereits dann, wenn sie die Begrüßung der Gästefans mit einem gellenden Pfeifkonzert aus dem weiten Rund des Stadions quittiert.
Ob’s Zweckoptimismus ist oder Vorfreude, oder meinetwegen auch Überheblichkeit, lasse ich mich in einem Anflug von Euphorie zu einem Tipp hinreißen. Ich wiederhole meine schon zwei Tage zuvor per SMS an meine Schwester abgegebene Weissagung von 0-4. Okay, wirklich ernst nimmt mich niemand, aber ich habe erst einmal die Lacher auf meiner Seite.
0-1, 0-2 und ich habe nach 12 Minuten schon keine Stimme mehr.
Die Herthakurve hüpft und feiert. Jenau. Auf der elektronischen Anzeigentafel blendet man Werbung ein. Ein Hertha-Sweater für 49,90. Vermutlich, weil man den Spielstand nicht anzeigen will. 0-3.
Während bei diesem Spielstand in der Westkurve in Stellingen Totenstille herrschen würde und auf den Haupttribünen schon eine halbe Stunde vor Spielende ein Massenexodus einsetzen würde, wäre jetzt ein von Freiburger Seite angestimmtes “Hertha, wir hören nichts” fehl am Platz. Also erweisen wir den Herthafans einen Freundschaftsdienst und übernehmen für sie die “Favre raus!”-Rufe, weil die Anhänger der alten Dame gerade damit beschäftigt sind, wechselseitig ihre Mannschaft auszupfeifen und Freiburg zu beleidigen.
0-4. Ich hätte doch so einen Lottoschein ausfüllen sollen.
Und weil nach dem Spiel die dritte Halbzeit stattfindet, schießen sich die Hertha-Fans einfach noch ein Eigentor: In einer Unterführung auf dem Weg zur U-Bahn versucht eine Gruppe von Fans – gleichsam voll wie gefrustet – uns zu provozieren (Jugendschutzgründe verbieten hier eine Wiedergabe des genauen Wortlauts). Als das nicht fruchtet, rufen sie uns “KSC! KSC!”* hinterher. Wir gucken uns an, drehen uns um, und singen mit. Liebe Berliner, ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ihr uns mit einem badischen Verein beleidigen könnt, noch dazu mit einem, dessen Fans sich – angestachelt von antischwäbischen Parolen ihres Mannschaftskapitäns – in der dritten Halbzeit mit Fans des VfB Stuttgart geprügelt haben?
Tss, wie provinziell.
*Der Karlsruher SC und Hertha verbindet eine Fanfreundschaft. Im eigentlichen Leben ist Karlsruhe die badische Landeshauptstadt, und der KSC ist – fairerweise zugegeben – der einzige badische Proficlub, dessen alternatives Auswärtstrikot die badischen Farben trägt.
Max Said,
2. Oktober, 2009 @ 15:03
“kultivierte Lebensform”! Wo hast Du die denn aus gebuddelt?
suz Said,
6. Oktober, 2009 @ 10:02
Ich geb’s zu – ich führe normalerweise ein extrem spießiges Leben. Hihi.