Die Suche nach dem verlorenen Schein
Wer noch nie die Angst hatte, im Vorfeld einer Prüfungsmeldung einen Schein zu vermissen – gleich, ob man ihn lediglich verlegt hat oder ob man beim Durchstöbern der Studienordnung einfach ne Spalte übersehen und sich gar nicht erst daran versucht hat – der hat nie studiert.
Im Juni habe ich auf der Suche nach einem verschollenen Politikschein meine Wohnung und den Dachstuhl auf den Kopf gestellt. Zwei Tage lang. Weil ich alles beisammen hatte: Einführung, Grundkurs I, Grundkurs II, Theoriekurs, Lektürekurs, Übung – allein der Schein fürs Mittelseminar fehlte. Meine Schweißausbrüche legten nahe, vorsorglich den Hausmeister anzurufen, um ihm die Fehldiagnose Wasserrohrbruch zu ersparen.
Das Ekligste: ich konnte mich zwar erinnern, dass ich alle Scheine im Grundstudium nach Studienordnung längst gemacht hatte. Aber ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, welches Mittelseminar ich belegt hatte. Nichts, keine Erinnerung an ein Semester, an einen Prof, an ein Referat, an eine Hausarbeit, an einen Schein. Und das, wo ich auf mein Erinnerungsvermögen stolz bin – ich besitze bis zum heutigen Tag keinen Terminkalender. Tjaha, und wo keine Erinnerung an ein Seminar oder Prof, da auch keine Bettelei um Neuausstellung eines Scheins.
In einem lichten Moment – zwischen fataler Halberinnerung an die große Entpapierungsaktion meiner Wohnung aus dem Jahr zuvor und der kurzzeitigen Überlegung vom nichtvorhandenen Balkon zu springen – kam’s mir in den Sinn, erst nochmal die Studienordnung für Politikwissenschaft zu lesen. Konnte mir sowas entgangen sein?
Der Versuch, die Internet-Studieninformationsseite des Instituts für Politische Wissenschaften zu finden, gestaltete sich ähnlich schwierig und aussichtslos, wie die Suche nach dem Schein. Diese Seite sah schon zu Beginn meines Studiums im Jahr 2001 so veraltet aus, als sei sie der Usenet-Zeit entsprungen und seither nicht mehr aktualisiert worden. Zudem sind und waren Magisterstudierende die unsichtbare und vermutlich unterschätzte Komponente in einem Fach, das traditionell fast ausschließlich Diplom-Studierende im Hauptfach hat, aber eine ungleich höhere Anzahl an Nebenfächlern produziert, die in der Antike, also vor der Einführung computererfasster Nebenfachwahl wie Phantome durch die Gemäuer waberten (was im Übrigen dazu führte, dass das Institut regelmäßig zu Beginn eines Semesters vom Massenandrang in Seminaren “völlig überrascht” wurde).
Nach stundenlanger Suche wurde ich fündig – auf einer seit 2006 nicht mehr aktualisierten Internetseite der unabhängigen Fachschaft. Die Uniseiten hatten sich längst auf Bachelor und Master umgestellt. Ein Umstand, der sich für die verbliebenen Diplom- und Magisterstudenten wie ein Schlag ins Gesicht anfühlt: alle hecheln dem neuen Ideal nach, die BA- und MA-Studenten werden auf Senften getragen, ihnen werden die Seminarplätze bevorzugt vergeben – der Rest wird nicht mehr in Seminare aufgenommen, weil den BA- und MA-Studenten eine Maximalteilnehmerzahl von 30 versprochen wird. (Das hat, unter uns, teilweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt – oder, wie es ein Kommilitone mal formulierte: das sei “Übung für die Revolution”)
Ums kurz zu machen (und um nicht abzuschweifen!): auf dieser Seite stand, dass Magister im (zweiten) Hauptfach in Politikwissenschaften Mittelseminar oder Übung abliefern dürfen. Ich hatte den Schein also tatsächlich nie gemacht, und nie machen müssen. Ich weiß also nicht, ob ich froh darüber sein sollte, oder mir Gedanken machen muss. Die zwei Tage Strom hätte ich mir aber gerne erspart.
Die Suche nach dem verlorenen Schein II gestaltete sich ruhiger.
Max Said,
7. Oktober, 2009 @ 17:00
“Ums kurz zu machen (und um nicht abzuschweifen!)” suz: der erste Lacher meines Tages! Danke!
suz Said,
8. Oktober, 2009 @ 20:19
Tja, was soll ich sagen…
Max Said,
9. Oktober, 2009 @ 16:07
Ich ziehe mal so aus Respekt und als absolut faule Socke den Hut vor Dir. Ich hatte mich statt für Uni für Gastronomie entschieden…ich glaube das war eine meiner wenigen Fehlentscheidungen! Was soll`ist verjährt!
Trotzdem: Hut ab!
suz Said,
9. Oktober, 2009 @ 18:48
Hab ja am Anfang, also vor… äh, 16 Semestern auch nicht geglaubt, dass ich mit fast Ende 20 noch am ersten Abschluss bastle. Deshalb: Uni und Gastronomie vertragen sich nicht so gut. Obwohl, mir ist ja auch viel Leben dazwischen gekommen. Und wer weiß, vermutlich mache ich auch noch weiter (Der Mensch lernt schließlich ja nicht aus Fehlern
).
Max Said,
10. Oktober, 2009 @ 13:55
Wäre auch echt blöd! Die Konsequenzen meiner Fehler kenne ich und weiß damit umzugehen!