Archiv des MonatsDezember, 2009

Einmal quer durchs Alphabet

Mit der Prüfungsmeldung beendet der Student der alten Generation ein skurriles Studentenleben, begleitet von bürokratischen Repressalien und aberwitzigen Auswüchsen deutscher Gründlichkeit. Ein Abgesang auf die scheinbasierte Zettelwirtschaft und die dezentrale Universitätsorganisation.

Im öffentlichen Diskurs entsteht der Eindruck, Magister und Diplomer sind die Altlasten eines längst vergessenen Systems. Spätestens seit diesem Semester, in dem an unserem Institut die ersten Masterstudenten ihr Studium aufgenommen haben und die neuen Bacherlorstudenten nur noch ihresgleichen in Seminaren sehen, ist im Zeitalter der computerisierten Erfassung von Leistungsnachweisen der Inbegriff des alten Systems vom Aussterben bedroht: der Schein.

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Academia 2.0

Das Internet treibt seltsame Blüten. Auch die etwas irritierende Tendenz, dass Studenten glauben, ihren meist sehr blumigen Dünnpfiff aus Hausarbeiten veröffentlichen zu können.

Einer der schönen Nebeneffekte von Google Scholar ist die Möglichkeit, unter dem Suchergebnis für einen Text (Fachzeitschriftenartikel, Bücher etc.) auf den Link “zitiert durch” zu klicken. Dann macht Google Scholar eine neue Suche auf, die Titel zeigt, die den fraglichen Text zitiert haben. Für die Schneeballsuche ein hilfreiches, wenn auch nicht erschöpfendes Mittel:

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Irish Medicine

I have not Drink a Glass of liquer this seven years unless it was ordered me by a Doctor to use as medisene [Ulster, 1861, Anglican]

They have serious side effects.

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Blumige Renundanz

As to flowers we have such abundance that the woods abounds in More plenty than your Garden at home. [Ulster, 1767, Presbyterian]

Dreifach hält besser.

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Motivationsbooster

Bereits hier schrieb ich davon, dass zwischen dem Gefühl von der Produktion langweiliger Blafaselei und gefühlter Weltrettung manchmal emotional nur Stunden liegen.

Dass mit dem langweiligen Blafasel habe ich bereits vor drei, vier Wochen ad acta gelegt. Auf das damalige Hochgefühl empfundener Brillianz folgte am nächsten Tag zwar der Seelenkater. Am allgemeinen Gefühl, dass ich was ordentliches abgeben werde, hat sich allerdings nichts geändert. Nur: die Überwindung, einfach weiter zu machen – immer weiter zu machen, gleich, was sich einem in den Weg stellt – steht auf einem anderen Blatt.

Eine mögliche Abhilfe für innere Unruhe kann die Einnahme einer Überdosis Baldrian sein. Auch extrem effektiv, aus dem Selbstversuch: Kleine Gewohnheiten ändern. Den Wecker mal woanders hinstellen, mal verkehrt herum im Bett schlafen (und sich beim Aufwachen wundern, was anders ist, anstatt sich einfach noch mal umzudrehen). Zur Uni laufen, statt die U-Bahn zu nehmen (hier: Barmbek-Süd nach Rotherbaum). Eine längst aussortierte Jacke tragen. Sich auch für einen Tatort aus den 90ern begeistern lassen (hier: Stöver/Brockmöller).

Oder sich von einem lieben Menschen eine unerwartete Freude machen lassen.

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Stand der Dinge

“Wieviele Seiten haste denn jetzt schon geschrieben?” werde ich oft gefragt. Zeit also, mal Kassensturz zu machen. Antwort: drei. Also die Einleitung habe ich schon mal. Da man die aber bekanntlich erst zum Schluß schreibt, habe ich oberflächlich betrachtet noch nichts Zählbares. Aber der Reihe nach.

Bei Hausarbeiten habe ich immer erst Literatur gesammelt, queer gelesen, Texte aussortiert, dann intensiver gelesen, Notizen gemacht. Zeitlich gestrafft, zwei, drei Tage von morgens um acht bis abends elf am Schreibtisch. Bis eben irgendwann ein Berg von Notizen und Querverweisen da war, der dann vorstrukturiert wurde und schlußendlich in ein, maximal zwei Tagen zusammengetragen und verschriftlicht wurde. Das war relativ einfach. Aber das waren ja nie mehr als 20 Seiten, da kann man das schon mal machen. Persönlich empfundener Vorteil: man ist beim Schreiben so sehr drin, dass irgendwie alles logisch aufeinander aufbauen kann. Häppchenweise arbeiten, also über Wochen hinweg gleichzeitig lesen und schreiben war nie mein Ding. Drei, vier Tage, ratzfatz fertig.

Jetzt ist das natürlich was anderes. Und trotzdem kann ich meine Methode nicht ablegen, erst zu lesen und dann zu schreiben. Das führte in den vergangenen Wochen zu erhöhtem Frust, den Deckel nicht zu finden auf dieses auch leider sehr bodenlose Fass von Literatursuche und -sichtung. Aber der Großteil ist vermutlich gelesen, zumindest das fürs grobe Argumentationsgerüst. Die Details für die Theorieuntermauerung kommen nach der Analyse der Daten (Henne und Ei lassen aber grüßen: anhand welcher Parameter soll ich die Daten denn sortieren und analysieren? Welche Daten sind aufgrund meiner Parameter überhaupt verwertbar?). Fürs erste ist wohl mal Richtfest.

Also nach Weihnachten tipp ich mir die Finger wund!

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Früher und Heute III

Vermutlich – so meine feste Überzeugung – kommt die berühmte Angst vor dem leeren Blatt aus längst vergangener Zeit, als die Schreibenden keine Möglichkeit hatten, mit dem Ablenkungspotential des Internets in Kontakt zu kommen.

Wenn ich jetzt vor einer leeren Wordseite sitze, steuert mein juckender Finger die Maus, äh den Trackpoint, mal fix in die Schnellstartleiste und klickt ganz von selbst auf das kleine Browsericon. Bei Safari muss man noch nicht mal umständlich Favouritenordner und Linkregister über die Menüleiste ausklappen. Dort liegen die gängigen Applikationen und Lesezeichen benutzerdefiniert schon auf der Broweseroberfläche. Ein Klick genügt und man ist bei [Soziales Netzwerk], [Onlineenzyklopädie] oder im Newsfeed von [Onlinenachrichtenportal].

Es fällt zwar nicht auf, dass man Angst vor dem leeren Blatt – oder dem leeren Bildschirm – hat,

das Ergebnis ist aber dasselbe.

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Früher und Heute II

Natürlich gab’s früher auch schon Fernleihe. Und natürlich verlasse ich das Haus auch zur Literaturrecherche, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ein Großteil der für mich relevanten Literatur gibt’s nur in Präsenzbibliotheken (äh, was aber nicht ausschließt, dass einige Standardwerke dort auch wegverliehen sind – für Präsenzbibliotheken teilweise ein schwaches Bild).

Aber ich erinnere mich noch an die Zeit, in der die Fernleihe keine drei Klicks einfach war, sondern in der noch Formulare ausgefüllt werden mussten. Und – nicht zu vergessen –  an die Zeit, in der der Faktor Mensch eine größere Rolle spielte. Misanthropie ist immerhin eine hinreichende Einstellungsvoraussetzung für Bibliotheksangestellte.

Is leider so.

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Fremdwort des Jahres 2009

Das Bremer Sprachblog sucht das Fremdwort des Jahres 2009. Weil momentan ja jeder nach Wie-auch-immer-gearteten-Worten des Jahres sucht.

Egal, ob es sich um ein ästhetisch bemerkenswert befriedigendes, ein kommunikativ einzigartig effektives oder zwischenmenschlich außergewöhlich ansprechendes Wort handelt — jede Begründung zählt.

Ich habe Moin ins Rennen geworfen. Begründung: weil’s kommunikativ einzigartig effektiv ist. Das wurde mir besonders beim Türken meines Vertrauens bewußt, als ich in seinen Laden trat und ihn mit “Moin” begrüßte.

Er: Hey, das heißt “Guten Tag oder Hallo, wie geht’s Dir?”!

Ich: Hä, wieso? Hab ich doch gesagt! “Guten Tach, Hallo, wie geht’s?”… Moin halt!

Und ein Fremdwort ist Moin deshalb, weil alles südlich der nativen Sprachräume von Moin (Friesisch, Platt, Süddänisch, Niederländisch (Friesland) etc.) Probleme mit seiner korrekten Verwendung haben, den Norddeutschen aber glauben machen wollen, dass man nach der frühmorgendlichen Kaffeepause doch nicht mehr “Guten Morgen” wünschen kann.

Tz.

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Früher und Heute

Wie, so frage ich mich manchmal, haben die das eigentlich früher gemacht, so eine Abschlussarbeit zu schreiben? Ohne Computer, ohne Cut&Paste, ohne PDFs und automatischer Silbentrennung, ohne Rechtschreibprüfung und elektronischem Thesaurus. Ohne computergestützter Zitatesammlung – und ohne das Internet.

Im Internet finde ich heute als Sprach- oder Literaturwissenschaftler bei der Modern Language Association (MLA) eine komplette Bibliographie zu jedem beliebigen Thema, you name it (Naja, im Fall der Linguistik sind mir schon gewisse Lücken aufgefallen). In Kombination mit einem Bibliothekszugang und Zugriffsrechten auf elektronische Zeitschriften muss man zur Literaturrecherche, ceteris paribus, das Haus noch nicht mal verlassen. Für alle anderen Dinge gibt’s Google Scholar.

Hat man dann für einen Text keinen Zugriff über die örtliche Universitätsbibliothek, genügen im Normalfall zwei, drei Klicks zur Fernleihe. Siehe da, nahezu alles ist bestellbar und liegt spätestens zwei Wochen später zur Abholung im Regal. Sehr fein ist auch die Kopiebestellung: dann kümmern sich andere darum, einen Aufsatz zu kopieren. Man muss ihn dann nur noch abholen. Die Fernleihe eignet sich in Ausnahmefällen übrigens auch wunderbar, eigentlich nicht ausleihbare Bücher der eigenen Bibliothek vier Wochen nach Hause zu holen. Oder solche Werke, die zwar bereits im Katalog verzeichnet sind, sich aber noch irgendwo im Niemandsland zwischen Anschaffung und Ausleihbarkeit befinden.

Tja, wie haben die das früher gemacht? Das Internet hat so vieles so viel einfacher gemacht. Aber – damals hatte man auch noch keine Ablenkungsmanöver aus dem Netz zu fürchten. Diese Zeitverschwender der heutigen Zeit, die weder zum allgemeinen Erkenntnisgewinn beitragen, noch einen tieferen Sinn haben.

Äh, wie haben die sich früher denn ablenken lassen?

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