Früher und Heute

Wie, so frage ich mich manchmal, haben die das eigentlich früher gemacht, so eine Abschlussarbeit zu schreiben? Ohne Computer, ohne Cut&Paste, ohne PDFs und automatischer Silbentrennung, ohne Rechtschreibprüfung und elektronischem Thesaurus. Ohne computergestützter Zitatesammlung – und ohne das Internet.

Im Internet finde ich heute als Sprach- oder Literaturwissenschaftler bei der Modern Language Association (MLA) eine komplette Bibliographie zu jedem beliebigen Thema, you name it (Naja, im Fall der Linguistik sind mir schon gewisse Lücken aufgefallen). In Kombination mit einem Bibliothekszugang und Zugriffsrechten auf elektronische Zeitschriften muss man zur Literaturrecherche, ceteris paribus, das Haus noch nicht mal verlassen. Für alle anderen Dinge gibt’s Google Scholar.

Hat man dann für einen Text keinen Zugriff über die örtliche Universitätsbibliothek, genügen im Normalfall zwei, drei Klicks zur Fernleihe. Siehe da, nahezu alles ist bestellbar und liegt spätestens zwei Wochen später zur Abholung im Regal. Sehr fein ist auch die Kopiebestellung: dann kümmern sich andere darum, einen Aufsatz zu kopieren. Man muss ihn dann nur noch abholen. Die Fernleihe eignet sich in Ausnahmefällen übrigens auch wunderbar, eigentlich nicht ausleihbare Bücher der eigenen Bibliothek vier Wochen nach Hause zu holen. Oder solche Werke, die zwar bereits im Katalog verzeichnet sind, sich aber noch irgendwo im Niemandsland zwischen Anschaffung und Ausleihbarkeit befinden.

Tja, wie haben die das früher gemacht? Das Internet hat so vieles so viel einfacher gemacht. Aber – damals hatte man auch noch keine Ablenkungsmanöver aus dem Netz zu fürchten. Diese Zeitverschwender der heutigen Zeit, die weder zum allgemeinen Erkenntnisgewinn beitragen, noch einen tieferen Sinn haben.

Äh, wie haben die sich früher denn ablenken lassen?


Schlagworte: , , , , ,

Keine Kommentare zu „Früher und Heute“

  1. Max sagt:

    1986 mussten mein Kumpel ein Referat über China halten. Vielleicht ist Dir die Taktik bekannt: Du kannst schwänzen bis 33%, aber die mündliche Note muss trotzdem stimmen. OK! Es gab kein Internet. In Bibliotheken war nix über das aktuelle China zu finden. Ach so, das Referat war im Fach Wirtschaft. Wir haben uns den Arsch aufgerissen. Wir waren im chinesischem Konsulat und hatten Angst, ob die uns verhaften. Zeitungsarchive waren hilfreich, speziell Der Spiegel half weiter. Am Ende haben wir ein vier Stunden- Referat an zwei Tagen gehalten und 11 Points abgestaubt. Der Info- Beschaffungsstress wurde vollkommen ignoriert.
    Max
    PS. Aber vielleicht hätten wir auch besser abgeschnitten, wenn ich die Nacht vor dem zweitem Teil vorher nicht DURCHgesumpft hätte. Auch mit meinen Kollegen morgens um acht zwei Flaschen Sekt zu leeren, die erste Stunde zu schwänzen…wer weiss…da wäre noch was gegangen! ;)
    PPS: Und das ist wirklich wahr, wie peinlich!

  2. suz sagt:

    Hm, in der Schule halfen immer die Bücher weiter. Da ich in einem Bundesland zur Schule ging, das nicht besonders viel von eigenständigem Lernen hält, dafür umso mehr von Frontalunterricht, hielt sich das Referatehalten auch in Grenzen. Meist waren Referatsthemen dann also auf die Teile des Buches beschränkt, die sonst nicht behandelt worden wären. Die Bibliothek an unserer Schule, äh, also die neben der Schule hab ich, glaub ich, selten von innen gesehen. Da war die Lehrbuchsammlung der Schule ja ausführlicher.

    Und ich wage die Behauptung, dass unsere Methode vom Ins-Lexikon-gucken oder auch euer Beim-Konsulat-vorbeigucken wesentlich effektiver war, als was die Kids heute mit Wikipedia und Cut-&-Paste zu Stande bringen.

  3. Bernd Skrybny sagt:

    “Ohne Computer, ohne Cut&Paste, ohne PDFs und automatischer Silbentrennung, ohne Rechtschreibprüfung und elektronischem Thesaurus. Ohne computergestützter Zitatesammlung – und ohne das Internet.”

    Und ohne schöne Fremdworte wie ceteris paribus.

    Aber dafür mit dem Akkusativ, Du “Sprach- oder Literaturwissenschaftler “. Das machte dann nicht so einen peinlichen Eindruck.

  4. suz sagt:

    Hilfe, jetzt ist der Dativ auch noch dem Akkusativ sein Tod!

    Ich habe mich möglicherweise von zu viel Mündlichkeit verleiten lassen. Eventuell auch von einer Analogiebildung zu “mit elektronischeR Silbentrennung”. Immerhin: “ohne ADJ+DAT” hat eine erstaunlich hohe Googletrefferquote erstens in Kontexten, die “anfälliger” sind für Strukturen der gesprochenen Sprache [Foren, Kommentaren etc] und zweitens in Kombination mit “mit oder ohne ADJ+DAT”. Es darf also angenommen werden, dass es sich um eine umgangssprachliche Konstruktion handelt und die “strikte” Dudenregel ohne + AKK aufgeweicht wird.

    Daraus erwachsender Zweifelsfall:
    “mit oder ohne automatische Rechtschreibprüfung”?
    “mit oder ohne automatischer Rechtschreibprüfung”?
    “mit automatischer Rechtschreibprüfung oder ohne automatische Rechtschreibprüfung?”

    Ich gebe zu, das hier ist meist ein schriftlicher Kontext, in diesem Fall also: Asche auf mein Haupt. Aber wenn ich den Duden zitieren darf: “ohne Der Dativ und der Genetiv des Substantivs nach ohne sind veraltet.” (Duden Grammatik Band 4). Jetzt dürfte es natürlich eine Diskussion darüber geben, ob ich nicht vielleicht extrem schizophren bin, also entweder veraltetete Konstruktionen und/oder neue Phänomene der gesprochenen Sprache in einem schriftsprachlichem Medium einbringe. Möglicherweise – aber ich bin kein Germanist – entwickelt sich eine Akzeptanz von ohne mit Dativ (s.o.) in gesprochener Sprache.

    Ich gebe zu, eine sehr anschauliche Gegenprobe aus dem von Dir oben zitierten Text – “und ohne dem Internet” – ist stilistisch extrem unglücklich, aber umgangssprachlich vermutlich nicht weit davon weg – und (deshalb auch bitte keine Diskriminierung) schon gar nicht in meiner muttersprachlichen Varietät.

    Ich bin kein Germanist. Ich bin noch nicht mal Muttersprachler der Dudengrammatik oder eines wie auch immer gearteten Standarddeutschs. Deshalb sind meine Antworten auch eher tentativer Natur. Aber danke für den Denkanstoß. Gerne mehr (aber ohne unterstellte Peinlichkeiten).

    (NB: meintest du eigentlich ohne schöne Fremdwörter? SCNR :P )

Kommentieren