Academia 2.0
Das Internet treibt seltsame Blüten. Auch die etwas irritierende Tendenz, dass Studenten glauben, ihren meist sehr blumigen Dünnpfiff aus Hausarbeiten veröffentlichen zu können.
Einer der schönen Nebeneffekte von Google Scholar ist die Möglichkeit, unter dem Suchergebnis für einen Text (Fachzeitschriftenartikel, Bücher etc.) auf den Link “zitiert durch” zu klicken. Dann macht Google Scholar eine neue Suche auf, die Titel zeigt, die den fraglichen Text zitiert haben. Für die Schneeballsuche ein hilfreiches, wenn auch nicht erschöpfendes Mittel:

Über diese Art der Schneeballsuche stößt man zunehmend auf Texte, die über einen Selbstveröffentlichungsverlag erschienen sind. In diesen webbasierten Verlagen veröffentlichen Studenten Seminar- und Examensarbeiten, meist aber lediglich Hausarbeiten. Und – verlangen Kohle dafür!
Ich weiß ja nicht (und will vermutlich nicht wissen), welch verschobenes Selbstbild am Werk ist, wenn man glaubt, mit einer Hausarbeit, der noch dazu jegliche Wissenschaftlichkeit abgeht, Geld verdienen zu können. Mir wär das ja peinlich. Denn was man über die Vorschau und die Literaturliste lesen kann, verheißt meist nichts Gutes: Forschungsstand adé, kritische Stellungnahme? Breit gefächert gelesen? Peer review-Rezension jenseits des Drüberlesens des Profs (der ja auch nicht drüberliest und die “Veröffentlichung” im Hinterkopf hat)? Die Fragestellung kommt der Neuerfindung des Rads gleich, die Einleitung ist ein Witz, dann die bloße Nacherzählung eines Standardwerks – wobei mir immer klarer wird, wie einige Dozenten dem Hörensagen nach Hausarbeiten bewerten: Einleitung, Schluss und Literaturliste lesen – die sind damit meist relativ treffsicher. Äh Moment, was diskutiere ich hier eigentlich? Lehne dich zurück und hol’ das Bier ausm Kühlschrank!
Wir sind als Studenten an der Uni, um wissenschaftliches Arbeiten zu lernen, keine Frage. Wir lernen. Unsere Belohnung im Studium ist der Schein. Punkt. Aber können Studenten – im Hauptstudium, übrigens – (noch immer) nicht zwischen einer scheinrelevanten und einer wissenschaftlichen Arbeit unterscheiden? Dass die heute gefundene Arbeit mit einem Schein belohnt würde, ist in Ordnung. Und da ich im gleichen Seminar saß, weiß ich auch, dass der Prof eine ausführliche und konstruktive Kritik geschrieben hat. Aber was veranlasst die Autorin zu glauben, die Arbeit ohne geringsten wissenschaftlichen Mehrwert (!) sei zwischen sechs (PDF) und elf Euro (gedruckt) wert? Ich persönlich hab ja schon ein Problem damit, für einen Standardartikel einer Linguistikkoryphäe zu bezahlen. Mal nüchtern betrachtet: die von der Autorin zitierten Werke stehen in unserer Bibliothek quasi nebeneinander. Da investiere ich mein Geld lieber zwei Stockwerke tiefer in Mensakaffee.
Die in englischer Sprache eingereichten Hausarbeiten heißen bei GRIN übrigens “Scholarly Paper”. Janee, iss klar. Was macht Studenten glauben, ihre Arbeiten will irgendjemand lesen, außer dem Prof, der dafür Geld bekommt? Falsche Selbsteinschätzung und/oder grobe Selbstüberschätzung? Und – ich würde mich ja mal gerne mit einem Internetnutzer unterhalten, der so etwas auch noch runterlädt (äh, und dafür bezahlt). Fürs Ideensammeln bei Hausarbeiten sind solche Portale ja halbwegs hilfreich, aber ich hoffe, dass ich mit meiner Befürchtung, dass solche Selbstbeweihräucherungen aus dem Netz auch als Verweise Einzug in diverse Seminars- und Abschlussarbeiten finden, weit daneben liege.*
Wissenschaft 2.0, odda was?
*Natürlich gibt es auch Beispiele, dass brilliante Seminarsarbeiten veröffentlichbar sind und pupliziert werden. Diese bewegen sich aber im Promillebereich und werden - vom Dozenten betreut – bei Verlagen für Fachpublikationen eingereicht.
P.S.: Vielleicht sollte Google Scholar darüber nachdenken, Treffer aus onlinebasierten “Wissenschafts”verlagen nicht zu indizieren. Mir schwant nämlich übles: die Studenten die ihre Arbeiten da hochladen bedienen ihr eigenes Klientel: eines, das den Müll nicht von relevanter wissenschaftlicher Literatur trennen kann. Andererseits – mit indizierten Hausarbeiten können Plagiate ja relativ schnell entlarvt werden.
P.P.S.: Vielleicht müssen sich die “Verlage” auch fragen, ob sie Seminarsarbeiten überhaupt veröffentlichen sollten. Gegen eine Veröffentlichung einer Abschlussarbeit mit entsprechendem Mehrwert spricht ja auch nichts; diese sind meistens mindestens von zwei Professoren gelesen und immerhin mit einem akademischen Grad belohnt. In ihnen steckt oftmals monatelange Recherche. Aber der Verdacht liegt nahe, dass die “Verlage” an Seminars- und Hausarbeiten ganz schön (mit) abkassieren.