18 Stunden im Leben eines Magistranden

(Für die Linguisten unter euch: ab 6 Uhr 25 wird’s richtig spannend.)

16.45 Ich wache auf, es ist kalt. Hab vergessen, die Heizung wieder anzustellen.

16.55 Radio an. Der SC Freiburg liegt zurück gegen Hertha, zu Hause. Und das noch vor dem ersten Kaffee. Das macht ganz schlechte Laune, Radio aus.

17.35 Ich genehmige mir ne Runde Facebook-Spiele. Die Olympia-Erfahrung der letzten Tage hat gezeigt, dass ich an Biathlon-Tagen besonders unproduktiv bin. Und heute ist Massenstart. Probates Mittel gegen Prokrastination (‘Die Angst vor der Datei’): Datei einfach aufmachen, bevor man die Facebook-Farm bestellt. Als Einstieg das bisher geschriebene ‘glätten’; Formulierungen, die gestern irgendwie total geil waren, klingen mit Abstand reichlich dämlich.

20.01 Tatsächlich, ich bewältige den historischen Abriss der linguistischen Besiedlung Irlands, an der ich gestern kläglich gescheitert war (soviel zum Thema ‘Geschichtliches geht irgendwie immer’). Die Übernahme einiger Passagen aus einer Hausarbeit vor fuffzig Semestern war eher hinderlich, als hilfreich. Und noch beim Schreiben fallen mir Dinge auf, die so unglaublich gut in meine Keltizismus-Dekonstruktion passen werden. Fein!

20.20 Ich beschließe, mich heute mit einer Pizza zu belohnen. Im Kühlschrank gammelt gar nichts mehr vor sich hin. Da Störfeuer gerade aber nicht willkommen sind, verschiebe ich die Bestellung.

21.30 Noch 30 Minuten bis zum Massenstart. Mein Magen erinnert mich kurz an die Pizzabestellung, die verschiebe ich aber gleich wieder, denn eigentlich wollte ich das Kapitel “Theorierahmen” schon gestern abgefrühstückt haben, so will ich zumindest noch die verworrenen Notizzettel geordnet bekommen, bevor’s in Whistler Mountain losgeht.

22.00 Der Livestream ist glücklicherweise stabil. Und weil ich bei Biathlon grundsätzlich nie gestört werden will, und ich mich so oder so nicht traue, wild blinkende Java-Webseiten von Pizzadiensten zu öffnen, die den Livestream zum garantierten Absturz bringen würde, verschiebe ich die Bestellung.

22.35 Was ein Rennen! Unglaublich! Das ist Biathlon! (Es hilft natürlich, wenn man sich so begeistern kann, dieses Glück ist ja nicht jedem beschieden.)

22.55 Mir schlottern immer noch die Knie. Ich brauch erst mal einen Kaffee.

23.45 Aber die Rückkehr ist geschafft, der Puls hat sich normalisiert. Ich werde erneut an den Hunger erinnert, verschiebe diesen aber wieder, weil ich neue Emails mit Artikelkonstruktionen in anderen Sprachen erhalte.

1.15 Ich bezahle 0,97 Euro für den ARD-Olympiasong. Ich find den toll. Aber ich frage mich schon, weshalb der Track, der ja von Bryan Adams eigens für die ARD geschrieben und mit Sicherheit von GEZ-Gebühren finanziert wurde, nicht kostenlos runterzuladen ist, sondern dass da offensichtlich noch die Amazons, iTunes und Musicloads dieser Welt kräftig mitverdienen.

2.25 Die Abhandlung des Theorierahmens ist irgendwie Marke Blafasel, und so richtig komme ich da nicht weiter. Also mache ich erst mal was Entspannteres: die cross-linguistische Analyse muss ja auch noch irgendwie zu Papier gebracht werden. Und mittlerweile ist die Umfrage auf 12 Sprachen angewachsen (6 Germanische, 4 Romanische, 1 Slavische und 1 Finno-Ugrische), da muss doch eine Beschreibung schon möglich sein. Also: durch die ganzen Emails friemeln.

3.15 Ich kämpfe mit den Konventionen linguistischer Darstellungsmethoden – und vor allem mit deren Darstellung in Word.

4.36 Frechheit – warum hat um diese Uhrzeit eigentlich noch kein Pizzadienst auf?

6.25 WESPENNEST! Bei der zusammenfassenden Diskussion meiner cross-linguistischen Analyse stoße ich auf Erstaunliches: nicht nur, dass der bestimmte Artikel ein sogenanntes “areal feature” ist (d.h., z.B., alle Sprachen in Westeuropa haben Artikel), das ist längst bekannt und hinreichend belegt, auch, dass sich diese häufig in geografisch eng verbandelten Sprachen im Kontakt entwickeln. Aber nu kommt’s: auch die Grammatikalisierung semantischer Konzepte scheint an geografische Nähe, weniger an linguistische, geknüpft zu sein. Mit anderen Worten: die zwar geografisch aber typologisch eher wenig bis gar nicht verwandten Sprachen Bulgarisch, Ungarisch und Rumänisch benutzen den Artikel in nahezu identischen Kontexten, womit Rumänisch in dieser Hinsicht beispielsweise sehr viel weiter weg ist von Italienisch als von Ungarisch. Das ist vielleicht nicht so sehr überraschend, aber für eine Miniumfrage mit gerade mal acht Beispielsätzen ist das unglaublich – und es stützt meine These so sehr, DASS ICH EIGENTLICH ALLE DISKUSSION UM IRISCH SOFORT EINSTELLEN KANN! Mit anderen Worten, “Standardenglisch” ist mit seinen durchgängig artikellosen Konstruktionen, äh, naja, ungewöhnlich.

8.40 Unglaublich, wie soll ich so aufgepuscht denn schlafen?

9.10 Aber ich verwerfe den kurzfristigen Gedanken, jetzt Bücher in die Stabi zurück zu bringen. Sollen die doch von meinen Gebühren Hiwis finanzieren.

10.31 Gute Nacht, ihr lieben!

2 Kommentare »

  1. Chisa Said,

    28. April, 2010 @ 22:28

    Ja, noch viel krasser: Die finnisch-ugrischen Sprachen, sowie Turk und Japanisch weisen witzige und ziemlich viele Ähnlichkeiten auf. Japanisch hat also mit Sprachen etwas gemeinsam, die tausende Kilometer entfernt sind. Dafür hat Japanisch absolut nichts mit Chinesisch gemein, außer die paar Schriftzeichen, die sie mal geklaut haben…

  2. suz Said,

    29. April, 2010 @ 20:33

    Es ist natürlich auch immer die Frage, was man untersucht (also, welches grammatische Phänomen und ob man einzelne Aspekte rauspickt). Bestimmte Artikel findest du ja auch überall auf der Welt. In diesem Fall waren es ja bis auf Ungarisch alles indo-europäische Sprachen, und die Tatsache, dass sich sogenannte Definitheitsmarker im Sprachkontakt herausbilden ist auch nicht neu. Also dass Ungarisch und auch Bulgarisch in der Balkanregion diese Elemente “grammatikalisiert” haben. Interessant war ja vielmehr, dass die Kontexte des Gebrauchs nahezu identisch sind und dass es sich so deutlich gezeigt hatte, war das eigentlich phänomenale daran!

    Ja, das ist allerdings sehr seltsam, also dass Chinesisch und Japanisch nicht miteinander verwandt sind. Ich habe mich leider im Orient nie so wirklich umgesehen, aber daran kann ich mich wohl noch gut erinnern

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