Moderne Schnitzeljagd I
Wann immer es um höchsten Unterhaltungswert geht, kann die Univerwaltung nicht besonders weit sein. Heute ein kleiner Schwank aus der Reihe “Schlanke Uni”.
Vor vier Jahren leistete sich die Uni Hamburg eine monströse web-basierte Verwaltungsdiva und nannte sie Stine. Okay, so nannte unser tattriger, aber liebenswürder Nachbar, ein Hamburger, den es vor Jahrzehnten der Liebe wegen in den malerischen Schwarzwald verschlug, seine struwwelige, kalbähnliche Hundedame. Aber da die Uni es offensichtlich mit Frauen besonders gerne hat, nannte man die elektronische Suchhilfe der Stabi ja auch Stella.
Stine sollte alles können können. Raumverwaltung, Seminarverwaltung, Prüfungsverwaltung, Studentenverwaltung, Nummernverwaltung. Alles. Aber Stine war sehr bockig. Denn Stine wollte nicht einmal funktionieren; und das in höchster Perfektion. Das Chaos schlug damals so hohe Wellen, dass selbst gestandene Medien ihre Berichte mit “100 Tage Alptraum” (Zeit) beschlagzeilten.
Ich war im Kinderkranheitenstadium von Stine unter anderem Bachelorstudentin der BWL, Diplommeteorologin im Prüfungssemester – “Ihre Anmeldung zu Meteorologie I wurde akzeptiert” -, mehrfach im System oder wahlweise schlicht unauffindbar. O-Ton eines Stine-Mitarbeiter zwei Jahre nach Einführung: “Wir haben Ihre Matrikelnummer gar nicht im System. Sie sind Sie sich sicher, dass Sie studieren?” (Gemach, gemach – er hätte ja auch fragen können: “Sind Sie sicher, dass Sie existieren?” Wobei, so klang er ungefähr.) Es wäre müßig zu erwähnen, dass auch die etwa 100 Studenten, die damals von der Löschung ihrer kompletten Existenz betroffen waren, natürlich weiterhin Gebührenbescheide der Uni erhielten, auch doppelt und dreifach, jedes Semester wieder (“Dieser Gebührenscheid geht Ihnen nur einmal zu. Er gilt für Ihr gesamtes Studium”). Wenn die Uni eins drauf hat, dann ist es die Perfektion des Bürokratiewusts.
Man hätte sich ja auch mal Hilfe bei Menschen holen können, die ein ähnliches System erfolgreich implementiert haben. Die Uni in Australien beispielsweise, an der ich 2005 zwei Semester studiert habe, hat in meinem ersten Semester so ein System eingeführt. Es kränkelte zwei, drei Tage, dann war Ruhe im Gebälk. Keine Aufreger, keine Presse, keine über die Anschaffung und Einführung gestolperten Verwaltungskader.
So langsam hat man den Eindruck, dass sich Stine und Uni einigermaßen vertragen haben. Die Studenten aus dem alten System, die Stine für ihre Studienorganisation eigentlich gar nicht brauchen, sind ja eine aussterbende Spezies. Es sind sogenannte Scheinstudenten, also die Art von Studenten, die Zeit ihres Unilebens einen Berg von papierigen Leistungsnachweisen anhäufen (zur “Scheinfreiheit” bitte hier entlang). Dass dich mit Weisheit beschlagene Bachelorstudenten fragen: “Hä? Was issn n Schein?!?”, sagt ja auch schon alles. Wir Aussterbenden brauchen Stine einmal im Semester, um einen Bogen Studienbescheinigungen auszudrucken. Wenn überhaupt.
Stine ist so hochkomplex, dass man für jeden Popelschritt eine TAN braucht. Die entsprechende Liste wird bei Eingabe einer falschen Nummer sofort gesperrt. Eine Neubeschaffung der TAN-Liste gibt’s nur gegen Vorlage der Geburtsurkunde und dem Nachweis der letzten dreiundzwanzig Wohnsitze. Kurz: der Zugang zu den Accounts ähnelt einem Verteidigungsring, dagegen ist jedes Onlinebankingkonto offen wie ein Scheunentor.
Und jetzt will sich ein Scheinstudent beurlauben lassen, für die Prüfungsphase, übrigens bereits offiziell von der Uni bestätigt. Wo man früher einfach ins Misanthropenmekka der Univerwaltung schlurfte, in überfüllten Gängen einen Zettel ausfüllte (Berufstöchter und -söhne aus dem Speckgürtel gehen bevorzugt mit Mami und Papi an der Hand und mit Reifeprüfungszeugnis bewaffnet zur Einschreibung. Ist jedes Semester übrigens ein empfehlenswertes Schauspiel!) und das Gebäude eine Stunde später mit bescheinigter Beurulaubung wieder verließ, gibt es heute – wir ahnen es – Onlineformulare über Stine.
Aber es sind nicht einfach nur Formulare. Es sind – ich bin kein Informatiker – seltsame verschachtelte Teilformulare, die anhand der bei Stine hinterlegten Daten schon vorausgefüllt sind. Man wird angewiesen, diese Teilformulare zu vervollständigen, wofür aber nirgendwo ein Eingabefeld vorgesehen ist. Ist man mit dem Nichtausfüllen durch, muss man den Antrag durck Klick “auf Vollständigkeit prüfen”. Wenn das System dem Nutzer das korrekte Nichtausfüllen bestätigt (vielen Dank dass ihr mich mit diesem Vertrauensvorschuss zur Prüfung zugelassen habt), erscheinen überall dort, wo gar keine Eingabefelder für Änderungen vorhanden sind, viele mysteriöse OKs. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: gehen Sie ins Seminar, tun Sie nix dafür, weil nichts verlangt wird und Sie bekommen die Note 1. Also schickt man den Antrag über den “Senden-Button” an die Uni. Es erscheint eine Meldung, dass der Antrag erfolgreich verschickt wurde, man das Formular jetzt aber ausdrucken muss, damit man das mit Unterschrift zur Studienverwaltung bringen kann. Dafür muss man wieder auf einen “Zurück”-Button klicken, weil die Sendebestätigung nur die Postadresse der Uni enthält, nicht aber das Formular selbst.
Mit dem ausgedruckten Onlineforumular und der Berechtigungsbestätigung (hier: Prüfungsmeldebestätigung) tappt man zur Uni, damit die Sachbearbeiterin die Vollständigkeit der Unterlagen prüfen kann und das Häkchen “beurlaubt” in meiner elektronischen Akte markieren kann. Die Liste möglicher Nachweise für einen Antrag auf Beurlaubung sieht für den Grund “Prüfungsvorbereitung” aber die Möglichkeit der Vorlage der Bestätigung des Prüfungsamts, dass man sich in der Prüfungsvorbereitung befindet, gar nicht vor. Man soll vielmehr einen Nachweis über Scheinfreiheit vorlegen, den mein Institut nur auf Antrag ausstellt. Alles klar?
Man könnte ja annehmen, dass Stine wirklichen Bürokratieabbau mit sich gebracht hätte. Hätte bringen können ist hier vermutlich eher die Formulierung der Wahl. So simple Funktionen beispielsweise, dass die dezentral organisierten Prüfungsämter alle Zugriff auf Stine haben und für eine erfolgreiche Prüfungsmeldung einfach einen entsprechenden Vermerk in die Datenblätter eintragen. Janö! Jeder der ungefähr dreihundertachzig Fachbereiche der Uni hat natürlich sein eigenes Prüfungsamt, fein säuberlich unterteilt nach Studenten mit krummen Zähnen, schiefen Haarschnitten und Pertussis-Impfung. Und in den meisten davon wird noch in guter Handarbeit abgeheftet und gestempelt.
Der Vorteil dieses Systems ist ja, dass man neuerdingstens ganz ungeniert die Sachbearbeiter der Uni mit Anrufen belästigen darf, weil das System, äh, total hirnverbrannt ist. Und Stine hat auch das Tor zu einem völlig neuen Arbeitsmarkt aufgestoßen: nun bevölkern Heerscharen von jungen Serviceprofis die Infopoints der Univerwaltung, die mittlerweile so bullig geworden ist, dass sie kürzlich in ein größeres Gebäude umziehen musste, weil das riesen Hauptgebäude der Uni mit seinen beiden noch größeren Flügelbauten nicht mehr ausreicht.
Und wir ärgern uns über 50€ Verwaltungskostenbeitrag pro Semester?
TweetSchlagworte: Beurlaubung, Bürokratie, Prüfungsamt, Stine, Uni Hamburg, Verwaltung



22. November 2010 um 13:51 Uhr
[...] Bazar besser drauf, als andere – und ich wage mal die Behauptung, dass ich an einem besonders erfolgreichen Exemplar meinen Abschluss mache. Der springende Punkt ist, dass wir’s wissen, [...]