Moderne Schnitzeljagd II

Da Stine nicht den erhofften Bürokratieabbau mit sich brachte, holte man all diejenigen von der Straße, die sich ein Studium nicht mehr leisten können, weil die Uni seit ein paar Jahren Studiengebühren erhebt, um die Verwaltungskosten zu deckeln und Stine zu refinanzieren. (Ich hätte diesen Beitrag auch ‘Uni Hamburg beweist das perpetuum mobile‘ nennen können, aber nun gut.) Die Menschen, die sich Stine ausgedacht haben, müssen sich auf ähnlicher Wellenlänge befinden, wie die Hirnakrobaten, die für die Elbphilharmonie zuständig sind.

Höchstes Niveau! Für nur 50€ pro Semester sind auch Sie bei diesem Schauspiel dabei! Zur Erinnerung und in Kurzform: ich möchte mich beurlauben lassen, weil ich mich in der Prüfungsphase befinde. Diese Prüfungsmeldung ist von der Uni schon offiziell bestätigt, aber ein einfaches “Hallo, ich möchte dieses Semester nicht kommen, weil Sie mich bereits zur Prüfung zugelassen haben” reicht hier nicht.

Ein vorab aus dem computergestützten Onlineverwaltungsmonstrum abgeschicktes Formular muss ausgedruckt zur Uni getragen werden, damit die Verwaltungskünstler der linken Unihand ein Häkchen in meinem Stinedatenblatt machen können, auf das die Verwaltungskünstler der rechten Unihand keinen Zugriff haben. Ihr erkennt die Dramatik? Kein Witz, sowas kann sich niemand ausdenken.

Aber wir befinden uns im Servicezeitalter, der Misanthrop aus der Univerwaltung hat ausgedient, oder ist hinter schweren Türen und ständig besetzten Telefonleitungen verschwunden. Jetzt haben wir junge, auffällig häufig schwäbelnde Serviceprofis am Start, die hinter Tresen mit coolem Schriftzug und indirekter Beleuchtung sitzen. Hilfe – und sie lächeln! Wer will sowas, jetzt mal ehrlich?

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als sich auf dem Campus alles geduzt hat, was nicht Besenreißer um die Augen oder ne Hornbrille auf der Nase hatte. Und nun siezen dich schon Erstsemester. (Ich hätte diesen Beitrag auch ‘Abgesang auf die gute alte Unimentalität’ nennen können, aber nun gut.)

Die Uni Hamburg ist im großen und ganzen eine Campusuni, normalerweise sind alle Institute und Gourmettempel fußläufig zu erreichen. Der Umzug in ein größeres Gebäude ging also die vorvergangene Woche über die Bühne und verlagerte die aufgeblähte Verwaltung ein paar hundert Meter weiter, weil das riesen Hauptgebäude nicht mehr ausreicht. Die Nähe auf der Landkarte täuscht. Aber zumindest ahnt man, dass dahinter eine Menge Frust steckt, weil’s mit dem von Raketen-Moni ausgeheckten Umzug der kompletten Uni in die HafenCity nicht geklappt hat. Damit wären sie auch in geografischer Nähe zur Elbphilharmonie gewesen.

Die Lage der neuen Verwaltung ist aber echtes Insiderwissen. Die Webseite der Uni schafft es nämlich, den Nutzer geradezu auf eine elektronische Schnitzeljagd zu schicken: finden Sie Kontaktpersonen und -adressen auf der Homepage! Gehen Sie nicht über die Edmund-Siemers-Allee! Zahlen Sie Ihren Semesterbeitrag! Zählen Sie nicht alle von der Uniseite aus geöffneten Fenster (ich hatte am Ende zwölf Fenster offen). Entscheiden Sie sich entweder für die Verwaltungsadresse ESA1 oder Alsterterrasse 1. Am Ende hat der User mehrere Adressen zur Ansicht, und das Schnitzeljagdabenteuer auf dem Campus kann beginnen. (Ich hätte den Beitrag auch ‘Universität Hamburg klont ihre Mitarbeiter’ nennen können, aber nun gut.)

Die Uni nennt das “Service für Studierende”.

Ich finde das zynisch.


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1 Kommentar zu „Moderne Schnitzeljagd II“

  1. tráchtas. dialann. tagebuch einer magisterarbeit. » Realsatire ist ein Euphemismus sagt:

    [...] Bazar besser drauf, als andere – und ich wage mal die Behauptung, dass ich an einem besonders erfolgreichen Exemplar meinen Abschluss mache. Der springende Punkt ist, dass wir’s wissen, wir [...]

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