Der Kassenpatient

Früher, als Bachelor noch Bakkalaureat hieß und Master Magister (klingelt’s?), stapelten sich im Prüfungsamt zur Sprechzeit die Prüflinge vor zwei Türen hinter denen sich die Sachbearbeiter seltenst aus der Ruhe bringen ließen. Denn besonders wenige Tage vor den vierteljährlichen Meldeterminen ging’s da zu, wie im Taubenschlag. Meist waren die Sachbearbeiter nur um 06.30 Uhr und nur telefonisch erreichbar.

Als ich letzte Woche zwei Tage vor dem Juli-Meldeschluss und etwa eine Stunde vor Prüfungsbeginn den Protokollbogen abholen wollte, entwischte mir beim Anblick der wartetenden Meute nur “Oh, war ja klar”. Galant an der Masse vorbeigeschoben (O-Ton Sachbearbeiterin: “Sie haben sich hoffentlich vorgedrängelt?”), genervte Blicke geerntet – zwei Stunden später zur Rückgabe des Bogens saßen immer noch die gleichen schwitzenden Menschen im Warteraum.

Doch halt! Die Wartenden sind Teil der Lemmingebewegung, die im Zuge der universitären Umwälzungen der letzten Jahre ausgebrütet wurden. Und ihnen steht eine Sachbearbeiterin an zwei Tagen zur Verfügung. Natürlich sind die Berührungspunkte der BAler mit der Prüfungsverwaltung ungleich geringer, als die unseren – aber es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, weshalb sich um die im Aussterben begriffenen Magisterstudenten zwei Sachbearbeiterinnen an vier Tagen kümmern. Generell wirkt es im Unialltag auf uns “Alte” immer ein wenig so, als habe die Uni längst vergessen, dass es uns gibt – zumindest aber wird uns durch kleine Nadelstiche permanent suggeriert, wir seien der lästige Schandfleck in der modernen Uniwelt.

Da passt die VIP-Behandlung für Magisteraltlasten im Prüfungsamt irgendwie nicht ins Bild. Denn auch nach der Prüfung, längst nach Ablauf der Sprechstunde, kann ich mich an der immer noch wartenden Meute vor dem BA/MA-Sprechzimmer vorbei schieben. Bis weit in ihre Mittagspause hinein nimmt sich Frau A-bis-K dann fast eine halbe Stunde Zeit für psychologische Aufbauarbeit. Die wird irgendwann ein Buch schreiben können.

Bei der Massenabfertigung nebenan muss sich der Bachelorstudent fühlen, wie ein Kassenpatient.

Tja.


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8 Kommentare zu „Der Kassenpatient“

  1. Bruno sagt:

    Mein Master hieß früher Diplom. Aber gestapelt haben sich die Leute schon immer vor dem Prüfungsamt, unabhängig von der Namensgebung des Studienganges. Bei uns wurden aber auch Diplom, BA, MA und die diversen Förderprogramme gleich behandelt. Jeder muss eine Nummer ziehen und warten.

  2. Lukas sagt:

    Bei uns an der TU Wien braucht man die Studien- und Prüfungsabteilung im Normfall so oft, dass man es an einer Hand abzählen kann; und zumindest das Dekanatszentrum für Mathematik (+ andere Naturwissenschaften, die haben sich da irgendwie organisatorisch zusammen getan) ist normalerweise recht schnell und kompetent (bis auf seltsame Wartezeiten beim Einreichen von fertigen Studien, aber gut, soll sein).

  3. simop sagt:

    Siehste, bei uns hat es sich bezüglich Prüfungsamt gerade in die Gegenrichtung entwickelt:

    Während wir “Altlasten” (Lehramt nach “altem” System, also noch vor Bachelor/Master) zu allen möglichen Prüfungsanmeldungen auf’s Prüfungsamt latschen mussten (habe ich erwähnt, dass das Prüfungsamt nicht nur mitten in der Fußgängerzone liegt, sondern ich zudem entweder am Campus am Stadtrand oder sogar dem in der Nachbarstadt war?), haben es die Bachelors leichter – für die geht alles elektronisch, von Rückmeldung über Prüfungsanmeldung, Rücktritt, Notenlisten (nix mehr von Lehrstuhl zu Lehrstuhl pilgern um die Aushänge zu studieren) bis hin zu Studentenausweis und Co.
    Nur diejenigen, die noch eine Staatsprüfung ablegen müssen, müssen zu dieser Anmeldung mal ausnahmsweise dorthin. Einmal während des Studiums. *grummel*
    Na ja, ich habe es ja seit über einem halben Jahr geschafft, will ich mal nicht jammern… ;-)

  4. suz sagt:

    @Bruno: neenee, Nummernziehen wäre organisiert und wenn die Uni eins drauf hat, ist es Chaos – aber es sind die Menschen im System, die das Chaos irgendwo sehr liebenswürdig rüber bringen. Und eigentlich hab ich ja auch großes Mitleid mit den BA/MA-lern – kommt Zeit, kommt Betreuung: über kurz oder lang wird ja auch der letzte Magisterstudent verschwunden sein. (Und mittlerweise ist Frau A-bis-K auch Frau A-bis-Z geworden, so schnell kann’s gehen!)

    @Lukas: bis zur Abschlussphase brauchte man das Prüfungsamt auch nur einmal zum Abstempeln des Zwischenprüfungszeugnisses (manche Institute machen das auch selbst). Nur in der Prüfungsphase biste eigentlich eher Laufzettelstudent als Prüfungskandidat; so kam’s mir jedenfalls manchmal vor. Information, Anmeldung, Anträge, Nachträge, Fragen, Magisterarbeit Abgabe, psychologische Betreuung, Klausurentermine mitteilen, Prüfungsbogen abholen und abgeben. Und wie simop schon sagte: die Bachelors haben’s da leichter – für die wurde ja auch dieses seltsame elektronische Verwaltungssystem eingeführt.

    @simop: diese Verlagerung auf elektronische Studentenverwaltung haben wir jetzt auch – was aber irgendwie die Institute nach wie vor nicht daran zu hindern scheint, weiterhin nach altem Brauch Scheine auszustellen. Aber nichts genaues weiß ich auch nicht. Aber offenbar kommen die neuen Studiengänge mit weniger Betreuung durch den Bürokratiedino aus.

  5. Lukas sagt:

    Zwischenprüfungszeugnisse, Zeugnisbestätigungen etc. gibt’s bei uns schon lang nicht mehr. Seit ein, zwei Jahren sind sogar die Zeugnisse nicht mehr abzuholen, sondern selber runterzuladen und auszudrucken, alles recht praktisch gemacht… Aber wir sind ja auch eine *Technische* Universität. ;)

  6. suz sagt:

    Zeugnisse selbst ausdrucken? Schöne neue Computerwelt :D

    Zwischenprüfungszeugnisse gab’s für die Magister und zu Zeiten der manuellen, zettelbasierten Seminaranmeldung hatten die in unserem Institut auch einen praktischen Wert: nur mit Zwischenprüfung darf man auch an Hauptseminaren teilnehmen. Ist auch irgendwie logisch, weil es davor häufig vorgekommen ist, dass Anfänger in Oberseminaren saßen und durch absolute Anfängerfragen aufgefallen sind (sind in die Seminare gegangen, weil sie in ihrer Naivität “ein interessantes Thema” hören wollten. Für den Erfolg eines Seminars ist das natürlich nicht föderlich.
    Das Zwischenprüfungszeugnis in Politikwissenschaft hab ich nie ausstellen lassen, weil’s auch irrelevant ist – sogar für die Prüfungsanmeldung brauchte ich nur die Bescheinigung meines Prüfers aus Politik, dass ich “studiert habe und scheinfrei bin”.

    Neuerdings ist läuft ja alles elektronisch, d.h. die elektronische Anmeldung zu höheren Seminaren kann nur erfolgen, wenn man da drin steht, dass man das und das Modul abgeschlossen hat. In Australien war das System sehr einfach: deiner Studentennummer war ein bestimmtes Level zugewiesen (z.B. 100 im ersten Jahr oder 300 im dritten Jahr, vorausgesetzt man hat durchgängig studiert und alles bestanden, oder 400/500 für Masterstudiengänge) – damit konnte man sich abwärtskompatibel sich für Seminare anmelden, denen wiederum je nach Schwierigkeitsgrad auch eine Nummer zugewiesen war (also z.B. 100 für ein Anfängerseminar, 300 für Mittelseminare, 400 für Masterseminare).

  7. Lukas sagt:

    Gut, bei uns gibt’s auch einfach kaum Seminare; wenn ich doch einmal Linguistik dranhäng, kann ich mehr darüber berichten (allerdings dann Uni Wien, nicht TU Wien). Prinzipiell gibt’s an der Uni Wien zur Platzvergabe ein unsägliches “Versteigerungs”system… Meine Mutter (hat in der Pension Geschichte studiert) hat das allerdings einfach mit freundlichen E-Mails an die Professoren geregelt, falls es Probleme gab, die kannten sie schon und hatten ein paar Reserveplätze in den Seminaren reserviert, die sie autonom vergeben durften. ;)

  8. suz sagt:

    Hm, das ist dann der Unterschied zwischen seminarbasierten Geisteswissenschaften und vorlesungsgestützten Naturwissenschaften. Oder so. Scheint mir auch so, dass (administratives) Chaos besonders bei Geisteswissenschaften auftritt – immer diese Freigeister!!

    Versteigerung hatte die Pädagogen (betraf mich nicht). Das war teilweise unerträglich, weil es noch nicht mal oder nur theoretisch rechnerisch möglich war, sein Studium dort in der vorgesehenen Zeit beenden konnten. Als man dann zunächst Studiengebühren für Langzeitstudierende einführte, gab’s Krieg. Tja, immer schön an den Realitäten vorbei ;) . Jetzt haben wir Studiengebühren für alle und das theoretische Recht, die Regelstudienzeit bei der Uni einzuklagen, ist bei den Studis noch nicht angekommen (aber in allen Bereichen, übrigens). Ach ja.

    Ich hab’s eigentlich auch immer so geregelt, dass ich a) den Kontakt zum Prof gesucht habe oder b) mit eiserner Verteidigung meine Rechte als Magisterstudent (besonders nach Einführung der besonders chaotischen elektronischen Seminarplatzvergabe) durchzusetzen versuchte, um an dem Seminar trotzdem teilzunehmen – weil die meisten Seminare nach BA/MA-Einführung nur für diese Studenten frei gehalten wurden, waren “wir Alten” per Definition ausgeschlossen. DAS meinte ich letztens damit, dass wir von der Uni zunehmend nur als Last/Schandfleck wahr genommen wurden.

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