Kandidat II: SHITSTORM

Die Jury bloggt ja ganz flei­ßig zu den Begrif­fen und so lang­sam erschei­nen auch Bei­träge über Außen­sei­ter­kan­di­da­ten. Das Stim­mungs­bild mag sich zwar auf ein paar wenige Begriffe kon­zen­trie­ren - aber das Schöne an unse­rer Wahl ist ja, dass die Ent­schei­dungs­fin­dung so trans­pa­rent ist. Des­halb möchte ich mich heute einem weni­ger aus­sichts­rei­chen Kan­di­da­ten wid­men. Die Dis­kus­sion um sol­che Außen­sei­ter sollte ja auch zei­gen, warum diese ver­mut­lich nur Außen­sei­ter bleiben.

Nun denn, heute: Shits­torm.

Ich sage es vor­weg: Nice, but not quite. Aber immer­hin erfüllte Shits­torm die wich­ti­gen Nomi­nie­rungs­kri­te­rien. Noch ein Wort der War­nung: Die Dis­kus­sion ist poten­ti­ell unüber­sicht­lich und irgend­wie scheint es mir, als legte Google mit jeder Such­an­frage neue Daten, Ergeb­nisse und Tref­fer­ge­nau­ig­keit an den Tag. Gut, die­ses Schick­sal teile ich mit mei­nen Jury­kol­le­gen und Shits­torm mit sei­nen Konkurrenten.

Was bedeu­tet Shits­torm?

Rein for­mal ganz ein­fach erklärt: aus shit ›Scheiße, sel­te­ner: Dreck‹ + storm ›Sturm‹. Mit einem Anteil von unter 0,01% der Google­tref­fer auch mit einem deut­schen Ele­ment, der Shitsturm. Ein Mas­ku­li­num, der Shits­torm. Meist im Sin­gu­lar, als Plu­ral die Shits­torms.

Shits­torm lässt sich für das Deut­sche all­ge­mein defi­nie­ren als ›Sturm öffent­li­cher, mas­sen­haft auf­tre­ten­der Ent­rüs­tung (im Web)‹. Dabei bezieht sich Shits­torm aber nicht nur auf kon­struk­tive Kri­tik oder erwart­ba­ren Gegen­wind, was ja die nahe­lie­gende Über­set­zung Pro­test­sturm bezeich­nen würde, son­dern es beinhal­tet - mit den Wor­ten des Blog­gers Sascha Lobo - auch

eine sub­jek­tiv große Anzahl von kri­ti­schen Äuße­run­gen […], von denen sich zumin­dest ein Teil vom ursprüng­li­chen Thema ablöst und [die] statt­des­sen aggres­siv, belei­di­gend, bedro­hend oder anders atta­ckie­rend geführt [wer­den]. (Sascha Lobo, How to sur­vive a shit storm, Vor­trag auf der re:publica 2010)
Ein Kom­men­tar zum Kinderpornografie-Urteil gegen den ehe­ma­li­gen SPD-MdB Jörg Tauss brachte uns viel Kri­tik ein. Danach wuss­ten wir auch, was ein Shits­torm ist. (Ruhrbarone.de, 24.12.2010)

Es ist also eine plötz­lich auf­tre­tende, sach­fremde, häu­fig belei­di­gende und unkon­trol­lier­bare Reak­tion einer brei­te­ren (Netz-)Öffentlichkeit jen­seits einer übli­chen oder erwart­ba­ren Dis­kus­sion. Oft beinhal­ten Shits­torms eine Reihe von ad homi­nem-Angrif­fen. Ganz wie es unsere Medi­en­welt will, fin­den Shits­torms meist als Blog­bei­träge oder -kom­men­tare, Twit­ter­nach­rich­ten oder Facebook-Meldungen Aus­druck. Spie­gel Online bei­spiels­weise sah Kris­tina Schrö­der im Juni 2010 dem »Zwitscher-Sturm (in der Szene »Shits­torm« genannt)« ihrer mikro­blog­gen­den Twit­ter­kol­le­gen aus­ge­lie­fert. Nicht nur die Täter kom­men dem­nach aus dem Social Media-Bereich, son­dern - der Natur der Social Media-Sache geschul­det - häu­fig auch ihre Opfer.

Shits­torms sind vom ein­fa­chen Trol­len abzu­gren­zen. Der Troll tritt als Ein­zel­tä­ter auf und seine pri­märe Funk­tion ist die Pro­vo­ka­tion einer ansons­ten um Anstän­dig­keit und Sach­lich­keit bemüh­ten Dis­kus­sion (also um der rei­nen Pro­vo­ka­tion Wil­len). Shits­torm ist dage­gen der Pro­zess, also die Gesamt­heit der Angriffe zu einem Thema oder auf eine Per­son. Als Bei­spiel für einen Shits­torm nennt Lobo auch die hämi­schen Reak­tio­nen auf Gün­ther Oet­tin­gers »We are all sit­ting in one boat«-Rede.

So erklärt, ver­wun­dert es auch nicht, dass sich die große Mehr­heit der Tref­fer nicht in eta­blier­ten Medien fin­det, son­dern über­wie­gend in Journalistisch-Bloggersdorf und im Social Media-Kontext. Eine Aus­nahme wäre etwa ein Zitat in einer Feuillton-Rückschau bei Spie­gel Online, was gleich­zei­tig einer der frü­hes­ten Belege im deutsch­spra­chi­gen Raum ist (2006, ursprüng­lich online erschie­nen bei der Frank­fur­ter Rund­schau, der Link bei SPON führt aber nur zu einer Fotogalerie):

Mein Freund und frü­he­rer Men­tor Kurt Von­ne­gut würde das natio­na­lis­ti­sche Geplap­per in den deut­schen Medien wohl als ›shit storm‹ bezeichnen.

Das Ori­gi­nal­zi­tat stammt aus einem Kom­men­tar von John Irving im bri­ti­schen Guar­dian zur Dis­kus­sion um Gün­ter Grass‹ SS-Vergangenheit. Mög­lich also, dass Shits­torm so in die deut­sche Spra­che kam. (Google zeigt für 2004-5 zwar deut­sche Tref­fer an, die sich aber auf diverse Songs oder eine Band bezie­hen.) Auf­schluss­reich ist im 2006er Zitat nicht nur die Benut­zung von Anfüh­rungs­zei­chen, son­dern auch die Ortho­gra­phie: hier wurde wie bei Angli­zis­men in der Ein­glie­de­rungs­phase üblich die eng­li­sche Schrei­bung ver­wen­det (klein und aus­ein­an­der). Mitt­ler­weile hat sich die »deut­sche« Schrei­bung Shits­torm etabliert.

Ein­zug in eta­blier­tere Medien fin­det der Begriff beson­ders ab Dezem­ber 2010 - als Bezeich­nung der recht stür­mi­schen Reak­tion auf die Ankün­di­gung, auch für pri­vate Inter­net­an­ge­bote Jugend­schutz­sper­ren ein­zu­füh­ren (z.B. TAZ vom 2.12.2010, »Shits­torm über NRW« ) und im Zusam­men­hang mit WikiLeaks.

Woher kommt Shits­torm?

Keine der Stan­dard­re­fe­renz­werke wie OED bie­ten eine Defi­ni­tion für Shits­torm (»Did you mean shit-load?«). Sprach­log­le­se­rin Ariane, die Shits­torm nomi­niert hatte, ver­weist auf das Urban Dic­tio­nary, also eine user­ge­ne­rierte Defi­ni­ti­ons­samm­lung für viel Umgangs­sprach­li­ches und oft­mals noch viel Schmut­zi­ge­res. Shits­torm und shit storm wer­den dort so defi­niert (Auszüge):

  1. When all the shit hits you at once.
  2. Figu­ra­tively, a huge down­pour of shit.
  3. A course of action that would appear to lead to a good out­come, but when under­ta­ken, leads to a situa­tion that is utterly out of con­trol beyond human comprehension.
  4. A huge fuck-up of epic pro­por­ti­ons of some sort or ano­ther and its ensuing calamity.
  5. An extre­mely bad situation.

Was auf­fällt: ein Medi­en­fo­kus wird hier nicht auf­ge­führt. Wir haben statt des­sen andere, obgleich ähn­li­che Bedeu­tun­gen, etwa (a) Öffent­li­che Auf­ruhr oder (b) unkon­trol­lier­bare Reak­tio­nen und Angriffe (auf Äuße­run­gen und Hand­lun­gen), aber auch © Patt­si­tua­tio­nen und Destruk­tion in einem mili­tä­ri­schen Kon­text und (d) gene­rell sehr unan­gehme Situa­tio­nen. Die User füh­ren noch wei­tere Defi­ni­tio­nen an, die aber in der Bewer­tung der Web­sei­ten­be­su­cher regel­recht durch­fal­len, was auf sub­jek­tive oder sehr spe­zi­elle Erklä­run­gen schlie­ßen lässt. Dar­über hin­aus sind sol­che Defi­ni­tio­nen und beson­ders ihre Bei­spiele oft frag­wür­dig, weil nicht klar ist, ob sie wirk­lich beleg­ten Sprach­ge­brauch reflek­tie­ren oder ob die Defi­ni­ti­ons­for­mu­lie­rer sie sich für den Moment aus­ge­dacht haben.

Eine ähn­li­che, aber all­ge­mei­nere Defi­ni­tion lie­fert Wiktionary:

  1. n. (vul­gär) A vio­lent situa­tionIn Bal­ti­more, the gene­ral rule is that if some­thing looks like a shits­torm, smells like a shits­torm and tas­tes like a shits­torm, it goes to homi­cide (David Simon, Homi­cide: A Year on the Kil­ling Streets, 2006)
  2. n. (idio­ma­tisch, vul­gär) Con­side­ra­ble back­lash from the public. - When Abbott sta­ted openly that his plan invol­ved a new tax of 1.7% on large com­pa­nies with big pro­fit margins - those, in fact, most able to pay - he pro­vo­ked a near uni­ver­sal shits­torm. (Mungo Mac­Cal­lum, The Monthly, April 2010, Issue 55, The Monthly Ptd Ltd, page 32.)

Eine GoogleNgram-Suche legt übri­gens den Ver­dacht nahe, dass es sich bei Shits­torm um einen Ame­ri­ka­nis­mus han­delt. Dort nimmt die Fre­quenz des Worts begin­nend mit den 1980er Jah­ren stark zu. Für das bri­ti­sche Eng­lisch fin­den sich keine Belege bzw. sind die Zah­len even­tu­ell zu klein, sodass Google sie nicht anzeigt. Ein Blick in die ent­spre­chende Kor­pora erhär­tet den Ver­dacht: das Cor­pus of Con­tem­porary Ame­ri­can English (COCA) fin­det zwi­schen 1990 und 2009 immer­hin 14 Belege. Im Bri­tish Natio­nal Cor­pus (BNC) fin­det man dage­gen kei­nen Beleg. Die Tref­fer für ame­ri­ka­ni­sches Eng­lisch im COCA sind mit 10 Bele­gen über­wie­gend aus dem Genre Fik­tion – und dabei häu­fig in Zita­ten bzw. wört­li­cher Rede.

Die Bedeu­tung? Neben der Bedeu­tung ‘Sturm der Ent­rüs­tung’ ist auch die Bedeu­tung einer ‘bru­ta­len und/oder unüber­sicht­li­chen Situa­tion’ vorherrschend:

We wal­ked into a shits­torm. Roads mined. Gooks behind every blade of grass. Ambush. Mortars. You name it. (Mar­tyn Burke, Laug­hing War, 1980)

The racial kil­ling of Yusuf Hawkins in Ben­son­hurst is men­tio­ned, as is the slay­ing of Huey New­ton and PE’s own recent media shits­torm […]. SPIN, Februar 1990.

What about Griff? It seems to me that he deser­ved the whole media shits­torm about his anti-Semitic remarks. (SPIN, März 1990)

Ent­leh­nung

Also lässt sich bei der Bedeu­tung zwei­er­lei fest­hal­ten: Ers­tens wurde - wie bei Ent­leh­nun­gen regel­mä­ßig beob­acht­bar - nur eine der vie­len Bedeu­tun­gen über­nom­men. Zwei­tens schei­nen die Spre­cher diese Bedeu­tung dahin­ge­hend ein­ge­grenzt zu haben, dass es zwar wie im Eng­li­schen öffent­li­che Ent­rüs­tung bezeich­net, aber doch stark auf den Über­tra­gungs­ka­nal fokus­siert wird, und beson­ders auf das Web 2.0 und die all­ge­meine Netz­öf­fent­lich­keit. Dar­über hin­aus scheint Shits­torm dann benutzt zu wer­den, wenn das Augen­merk des Pro­test­sturms auch auf Dyna­mik, Emo­tio­nen, per­sön­li­chen Angrif­fen und unsach­li­cher Kri­tik liegt (siehe Lobo in sei­ner bewusst sub­jek­ti­ven Definition).

Im Eng­li­schen spricht man in die­sem Zusam­men­hang häu­fig von social media shits­torm oder wie die Belege aus SPIN oben zei­gen, von media shits­torm. Die mut­maß­li­che deut­sche Grund­be­deu­tung wird im Eng­li­schen also durch Kom­po­sita aus­ge­drückt - das Web 2.0 und die Medien all­ge­mein schei­nen in der Geber­spra­che nicht zwin­gend Teil der Kern­be­deu­tung zu sein. Die Unter­schiede sind zuge­ge­be­ner­ma­ßen mini­mal und (social) media shits­torm lie­fert auch deut­sche Tref­fer - die Schat­tie­run­gen zei­gen aber, wie fein Bedeu­tungs­un­ter­schiede bei Ent­leh­nun­gen aus­ge­prägt sein können.

Den­noch hat Shits­torm auch im Deut­schen ver­mut­lich recht schnell eine Bedeu­tungs­er­wei­te­rung erfah­ren, wenn man - vor­sich­tig inter­pre­tiert - die Hacker­an­griffe und Boy­kott­auf­rufe auf Pay­pal und Ama­zon im Zuge der WikiLeaks-Diskussion mit einbezieht:

Der Online-Bezahldienst Pay­pal und Ama­zons Cloud-Service bekom­men nun den Zorn der Digi­tal Nati­ves zu spü­ren, nach­dem die Unter­neh­men die Zusam­men­ar­beit mit der Enthüllungs-Plattform Wiki­leaks gekün­digt haben. Es hagelt Boykott-Aufrufe unter dem Motto »Bye­pal«. Auch auf den Fan­pages bei Face­book erlebte vor allem Pay­pal am Wochen­ende einen regel­rech­ten »Shits­torm«. (horizont.net, 6.12.2010)

(Ich möchte aller­dings zu Pro­to­koll geben, dass die­ser Schluss mei­ner­seits sehr frei und sub­jek­tiv gezo­gen ist - den­noch würde sich hier zumin­dest eine Mög­lich­keit für eine Bedeu­tungs­er­wei­te­run­gen ergeben.)

Wie Sascha Lobo in sei­nem Vor­trag sagt, spielt die sub­jek­tive Ein­schät­zung, was ein Shits­torm ist, eine tra­gende Rolle - ent­we­der weil man selbst betrof­fen ist oder weil man die Reak­tio­nen auf eine Sache so inter­pre­tiert und sie unter Shits­torm zusammenfasst:

Es war der erste Shits­torm mei­nes Lebens. (MDR-Intendant und Twit­te­rer Udo Rei­ter über die Reak­tio­nen auf sei­nen zwei­fel­haf­ten Bun­des­prä­si­den­ten­witz)

Mög­li­cher­weise ist die Zunahme des Begriffs im Deut­schen auch ein wenig Lobo selbst und der Reich­weite sei­nes Blogs zuzu­schrei­ben. Ohne mich jetzt zu sehr aus dem Fens­ter leh­nen zu wol­len: Lobos Defi­ni­tion auf der re:publica2010 ent­spricht recht gut der Ver­wen­dung im Jahr 2010 und weicht in genau den Punk­ten von der Bedeu­tung in der Geber­spra­che ab. (Obgleich Lobo zu Beginn sei­nes Vor­tra­ges zugibt, dass seine Inter­pre­ta­tion des Begriffs deut­lich von der Defi­ni­tion im Eng­li­schen abwei­che, als Grund­lage nutzt er Urban Dic­tio­nary. Hier liegt aber nicht eine abwei­chende Defi­ni­tion vor, son­dern ledig­lich eine sehr spe­zia­li­sierte.) Zugu­ter­letzt scheint die Zunahme von Shits­torm zeit­lich erst nach Lobos Dis­kus­sion erfolgt zu sein (ab Mitte April 2010). Lobos Ver­wen­dung könnte also für die Blo­go­sphäre weg­wei­send gewe­sen sein.

Fazit: Shits­torm als expres­si­ver Neu­zu­gang (Aber reicht das?)

Also ohne jetzt fra­gen zu wol­len, wel­ches Ei man beschreibt: Unter der plau­si­blen Annahme, dass die Teil­nahme der Jeder­män­ner im öffent­li­chen Dis­kurs einer­seits und die Ver­fes­ti­gung unser Medi­en­de­mo­kra­tie ande­rer­seits die Eta­blie­rung des Begriffs begüns­tigt bzw. beschleu­nigt haben, halte ich Shits­torm durch­aus für einen expres­si­ven Neu­zu­gang im Deutschen.

Expres­siv ist Shits­torm natür­lich allein schon des­halb, weil »Ihr schlug ein Sturm öffent­li­cher Ent­rüs­tung ent­ge­gen« nicht annä­hernd die Kraft, Dra­ma­tik und Dyna­mik wie­der­ge­ben kann, die »Ihren Äuße­run­gen folgte ein uni­ver­sa­ler Shits­torm« trans­por­tiert. Dies - und die Ein­bin­dung der Über­tra­gungs­ka­näle - kann auch der der ver­meint­lich nahe­lie­gende Pro­test­sturm nicht abbil­den. Mög­li­cher­weise schwingt bei Shits­torm noch das Vul­gäre mit - der Begriff ist des­halb der­zeit auf einen klei­ne­ren Per­so­nen­kreis von (frei blog­gen­den) Jour­na­lis­ten beschränkt, was sich aber ändern dürfte.

Dar­über hin­aus - und das ist viel wich­ti­ger - haben wir mit Shits­torm im Deut­schen nun auch einen Begriff für die durch das Web-2.0 gene­rierte Teil­habe am öffent­li­chen Dis­kurs und ihrem oft unsach­li­chen Ver­lauf. Natür­lich gab es unver­ständ­li­che Reak­tio­nen in der brei­ten Bevöl­ke­rung schon immer, ohne Frage - nur kön­nen sie jetzt mit der tech­ni­schen Revo­lu­tion auch mit­ge­teilt wer­den. Shits­torm füllt eine lexi­ka­li­sche Lücke, die Medi­en­de­mo­kra­tie, Social Media und das Web 2.0 geschaf­fen haben - zumin­dest haben sie eine Lücke sicht­bar gemacht. Shits­torm deckt also prä­gnant nicht nur den ein­fa­chen, erwart­ba­ren und bis­her ein­zig sicht­ba­ren Gegen­wind ab, son­dern es bezeich­net vor allen Din­gen die unkon­trol­lier­bare Eigen­dy­na­mik einer Reak­tion, die Äuße­run­gen und Hand­lun­gen her­vor­ru­fen können.

Viel­leicht fällt die Nomi­nie­rung damit dann doch ein wenig zu sehr in die Gesell­schafts­kri­tik, und das stär­ker als ich anfäng­lich gedacht habe. Vor allem scheint mir der Begriff jetzt irgend­wie nicht mehr ganz so ele­gant wie noch am Wochen­ende, als ich Shits­torm recht intui­tiv als Kan­di­da­ten auf meine per­sön­li­che Nomi­nie­rungs­liste setzte.

Aber nun denn - wir ste­hen ja für Trans­pa­renz im Ent­schei­dungs­pro­zess und eine gewisse Rele­vanz will ich weder dem Shits­torm und schon gar nicht sei­ner erfolg­ten Ver­sprach­li­chung absprechen.

[edit: Ich bitte um Ent­schul­di­gung, sollte das For­mat im RRS-Feed eini­ger­ma­ßen unüber­sicht­lich gewor­den sein - Word­Press und Ser­ver woll­ten wohl nicht so wie ich.]


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8 Kommentare zu „Kandidat II: SHITSTORM

  1. Kristin sagt:

    Vie­len Dank für die Nach­for­schun­gen! : )
    Einen Aspekt finde ich noch span­nend, und zwar der, dass Shits­torm noch eini­ger­ma­ßen trans­pa­rent als Sturm wahr­ge­nom­men wird. Das hängt sicher mit der lautlichen/graphematischen Nähe und der ver­hält­nis­mä­ßig hohen Eng­lisch­kom­pe­tenz im Web-2.0-Verwenderkreis zusam­men, mal schauen, ob es sich hält, wenn der Begriff sich aus­deh­nen sollte. Bis­her gibt es auf jeden Fall krea­tive For­mu­lie­run­gen, die die Sturm­se­man­tik im Ver­bal­be­reich (und auch sonst) aufgreifen:

    Jemand muss die gan­zen Jobs der Amazon-Mitarbeiter ja ret­ten, wenn momen­tan drau­ßen so ein Shits­torm weht (Quelle)

    Bei so vie­len dum­men Vor­schlä­gen der Regie­rung müsste es kei­nen Shits­torm son­dern einen Shi­thur­ri­cane geben, den­noch weht der Kanz­le­rin nur ein laues Lüft­chen ent­ge­gen, wel­ches sogar aus der eige­nen Par­tei kommt. (Quelle)

    Da kann man dem shit­face nur wün­schen, dass ihm der Gegen­wind in Form eines shits­torms nicht allzu hef­tig ins Gesicht bläst. (Quelle)

    Oder ist das eher banal? Haben wir die Ver­ben, die das Ver­hal­ten des Shits­torms beschrei­ben kön­nen, mitentlehnt?

  2. liljan98 sagt:

    Schöne aus­führ­li­che Vor­stel­lung die­ses Kan­di­da­ten und ich find gerade der Zusam­men­hang zum Web 2.0 und Social Media ist gut deut­lich gewor­den. Daher ist der Kan­di­dat für mich aber auch eher einer ein Aus­sen­sei­ter unter den Kan­di­da­ten weil er mei­ner Mei­nung nach in der brei­ten Öffent­lich­keit noch gar nicht wirk­lich ange­kom­men ist.

    Mit dem RSS Fee­dre­a­der v3.14. sah der Bei­trag übri­gens sehr über­sicht­lich aus :-)

  3. suz sagt:

    @Kristin: Ver­mut­lich weni­ger banal, als wir erst mal glau­ben: soviele Ver­ben gibt es näm­lich gar nicht, die man mit­ent­leh­nen könnte. Ich habe mal die 25 zeit­lich ein­ge­ord­ne­ten Google-Treffer für .au-Seiten über­flo­gen. Da fin­den sich z.B.:

    It is a tenure that will be fore­ver defined by the Glo­bal Finan­cial Cri­sis, or-to use the Prime Minster’s term - the shits­torm« that engul­fed the nation and the world. (The Book Abyss Online)

    She wan­ted to avoid run­ning into a «shits­torm«, but here goes: «There wasn’t enough, in cine­ma­tic terms, explai­ning of what was going on, and way too many moons over bridges …« (Syd­ney Morning Herald)

    We all know that it would have unleas­hed an unpre­ce­den­ted shits­torm of swea­ring and tipped-over fur­ni­ture at Seven head­quar­ters […]. (Syd­ney Morning Herald)

    Aber ansons­ten eher mit BE. (Mir fällt auch auf, dass es auch hier (noch) häu­fig mit Anfüh­rungs­stri­chen geschrie­ben wird.) Mir war ja die Erklä­rung dafür, dass Shits­torm in der über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit mas­ku­lin ist, in der Nähe zu der Sturm zu fin­den ist, recht banal (und wie so oft nur ober­fläch­lich plau­si­bel). Aber die seman­ti­sche und kon­zep­tu­elle Nähe ist mit Sicher­heit ein guter Grund - neben dei­ner viel bes­se­ren Erklä­rung des Eng­lisch­ni­veaus, ver­mut­lich. Eine Kombination?

    @liljan98: Dass Begriffe aus dem Social Media-Bereich so gut ver­tre­ten sind, liegt mit Sicher­heit daran, dass wir 1) sie meist zeit­lich gut ein­gren­zen kön­nen (ein ganz wich­ti­ges Kri­te­rium), 2.) das Web2.0/Social Media momen­tan noch exor­bi­tant wächst und an Bedeu­tung gewinnt und sich 3.) natür­lich sol­che Begriffe wie ein Virus ver­brei­ten kön­nen (beson­ders dann, wenn sie eine klaf­fende Lücke fül­len). Aber des­halb sehe ich es momen­tan noch ähn­lich wie du - als Kan­di­da­ten für die Wahl eher Außen­sei­ter. Beson­ders auf­ge­fal­len ist mir das bei durch­fa­ven, des­sen Konzept/Bedeutung/Inhalt ich trotz Mar­tins Erklä­rung nur so ansatz­weise ver­stan­den habe. Muss man wohl für drin ste­cken.
    For­mat im Feed habe ich ja auch eini­ger­ma­ßen wie­der hin­be­kom­men, aber glück­lich bin ich nicht damit…

  4. Shitstorm | Anglizismus des Jahres sagt:

    […] sollte ja auch zei­gen, warum diese ver­mut­lich nur Außen­sei­ter blei­ben. Nun denn, heute: Shits­torm. Auf */ˈdɪːkæf/ wei­ter­le­sen… Die­ser Bei­trag wurde unter Wort­kan­di­da­ten ver­öf­fent­licht. Ein Lese­zei­chen auf die dauerhafte […]

  5. Shitstorms – Die Negativ-Kampagnen der Netzgemeinde « campaignwatchers.de sagt:

    […] „Sopa“ und „Pipa“  ist alles anders. Denn seit­dem ist ein sog. „Shits­torm“ über Heve­ling hin­weg­ge­zo­gen, der seinesgleichen […]

  6. Anglizismus des Jahres 2011: Shitstorm « [ʃplɔk] sagt:

    […] ers­ten Platz hat es Shits­torm geschafft, zu dem anderswo schon viel geschrie­ben wurde (Lau­da­tio, AdJ 2010, AdJ 2011) und das auch der Favo­rit des Publikums […]

  7. Grant sagt:

    »There’s a shit storm a’coming I feel its com­ing soon« - die erste Zeile im Lied »Pow­der­works« (1978) by aus­tra­li­sches Band Mid­night Oil. Dann gibt es kein Internet.

    http://www.midnightoil.com/releases/78midnightoil.do;jsessionid=4910934BC7FAB9777691800E73D50394.tomcat3#Powderworks

  8. dnx sagt:

    Ich frage mich, ob’s viel­leicht auch einen Bezug zum Aus­druck »when the shit hits the fan« sein könnte - eine Stei­ge­rung gewissermaßen.

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