Archiv für 22. Januar 2012

[AdJ 2011] Where’s my Masterand?

Sonntag, 22. Januar 2012

Nomi­niert wurde Mas­terand von Leser/in kww:

Ich möchte das Wort “Mas­terand” vor­schla­gen. Es ist natür­lich eine Ana­lo­gie­bil­dung zu Diplo­mand, d.h. es bezeich­net jeman­den, der an sei­ner Mas­ter­ar­beit arbeitet.

Mir ist die­ses Wort in die­sem Jahr zum ers­ten Mal und bis­her nur in münd­li­cher Form unter­ge­kom­men. Nach der Umstel­lung von den Diplom­stu­di­en­gän­gen zu Bachelor/Master-Studiengängen taucht diese Sorte Men­schen jetzt zum ers­ten Mal auf (zumin­dest in mei­ner Umge­bung). Google zeigt, dass es auch schrift­lich vor­kommt, vor allem in Stel­len­an­zei­gen und da meis­tens in der Kom­bi­na­tion “Diplomand/Masterand”.

Bege­ben wir uns auf Exkur­sion und begin­nen ein wenig früher.

Der Begriff Mas­ter, genau wie der unter augen­schein­li­cher Ver­drän­gung lei­dende Magis­ter, geht - wenig über­ra­schend - auf das Latei­ni­sche magis­ter zurück (Kluge 1889; Grimm­sches Wör­ter­buch [DWB]). In ver­kürz­ter Form wird magis­ter meist als ›Leh­rer, Gelehr­ter, Meis­ter‹ wie­der­ge­ge­ben. Es ist auch ver­wandt mit dem deut­schen Meis­ter und des­halb auch mit allen mög­li­chen Ämtern (Bür­ger­meis­ter, ursprüng­lich wohl antonymisch-analog gebil­det: Minis­ter); also irgend­wie im Wort­feld der Gelehr­ten und Mäch­ti­gen. Der Duden erwähnt gar die mor­pho­lo­gi­sche Ver­wandt­schaft zu Magnat [s. ›Her­kunft‹, da magis ›mehr‹, als adv. zu magnus, siehe auch magna cum laude, Magna Carta - alles irgend­wie Große halt].

Magis­ter (lat.) erfuhr im Deut­schen nach der schon in frü­he­ren Sprach­sta­dien geklau­ten latei­ni­schen Bedeu­tung und Ent­leh­nung Meis­ter im Mit­tel­al­ter eine wei­tere, zweite Ent­leh­nung unter Kon­ser­vie­rung des latei­ni­schen Begriffs, näm­lich eine »von den uni­ver­si­tä­ten seit dem 15. jahrh. aus­ge­hende, mit bei­be­hal­tung der gelehr­ten latei­ni­schen form: magis­ter libe­ra­lium artium wurde der in der artisten- (phi­lo­so­phi­schen) facul­tät zum range der leh­rer­schaft erho­bene genannt; auch doc­to­ren der theo­lo­gie hies­zen magis­tri« (DWB).

Immer noch ein Gelehr­ter (und streit­bar Mäch­ti­ger), aber eben mit der Bedeu­tungs­schat­tie­rung im aka­de­mi­schen Rahmen.

Warum das alles? Weil es im Eng­li­schen ähn­lich ablief. Also auch hier magis­ter > maystr (in diver­sen Schrei­bun­gen) > mas­ter. Schauen wir uns dazu mal eine Aus­wahl der reich­hal­ti­gen Beleg­samm­lung des OED unter dem Stich­wort mas­ter1 an, wo aller­dings die über­wäl­ti­gende Anzahl an Ein­trä­gen (Bedeu­tun­gen) meine Vor­stel­lungs­kraft von Wort­be­deu­tungs­ket­ten und -rela­tio­nen auf eine herbe Probe stellt - des­halb wirk­lich Aus­wahl:

In der Bedeu­tung als ers­ter Ein­trag: ›Herr­scher, Mäch­ti­ger, Führer‹

Ðonne he gemette ða scylde ðe he stieran scolde, hræd­lice he gecyðde ðæt he wæs magis­ter & eal­dor­monn.
(10. Jhd., King Ælfred, Pas­to­ral Care, Hat­ton xvii. 117; Über­set­zung: van Gelde­ren 2010: 46)

witod­lice he sette him weorca mæg­stras, þæt hy gehyn­don hi mid hefi­gum byrþenum.
(11. Jhd. Old Eng. Hexa­teuch: Exod. (Claud.) i. 11)

Heore aȝene pine neure nere þe lesse þah heo meis­tres weren.
(13. Jhd., MS Lamb. in R. Mor­ris Old Eng. Homi­lies (1868) 1st Ser. 43)

A kin­gis prouost may haue na mare power na has his mais­ter.
(15. Jhd., G. Hay Bk. Law of Armys (2005) 103

(Ich bitte um Ent­schul­di­gung - meine Alteng­lisch­kennt­nisse rei­chen noch nicht aus, um mich in zeit­lich ver­tret­ba­rem Auf­wand durch Kasus­win­dun­gen und Satz­klam­mern zu friemeln.)

Es fol­gen 13 Haupt­ein­träge mit einer scroll­bal­ke­n­a­to­mi­sie­ren­den Zahl an unter Umstän­den obso­le­ten Unter­be­deu­tun­gen: Mana­ger, Auf­se­her, Haus­halts­vor­ste­her, Mili­tär­obe­rer, Arbeit­ge­ber, Jemanden-irgendwas-tuend-in-einer-Schule, irgendwas-technisches (mas­ter slave), Haus­tier­be­sit­zer (obächtle! Herr­chen!), Sie­ger einer Schlacht, Jemand-mit-Macht, Freier Mann, être maître, a woman’s huband, Schiffs­ka­pi­tän, Besit­zer von irgend­was - viel­leicht hätte ich mich auf Online Ety­mo­logy Dic­tio­nary beschrän­ken sol­len - Bridge­spiel­karte, Haupt­do­ku­ment, Gra­mo­phon­teil - oha, ab Bedeu­tung 11: Leh­rer, in Kom­po­sita auch als Schul­di­rek­tor, Lehr­meis­ter, Stil- und Kunst­i­kone -- und wenn ich lange genug suchen würde, bestimmt auch noch im Wort­feld des Spaßvogels.

Drei­ßig Kilo­me­ter (es fol­gen dann noch 10 wei­tere Ein­träge und eine Latte an offen­bar defi­ni­ti­ons­wür­di­gen Kom­po­sita) spä­ter sind wir also bei:

A hol­der of a senior degree from a uni­ver­sity or other aca­de­mic insti­tu­tion, the degree being ori­gi­nally of a sta­tus which con­veyed aut­ho­rity to teach at a uni­ver­sity. Now usually: the hol­der of a post­gra­duate degree below the level of a doctorate.

Per­son mit einem wei­ter­füh­ren­den Abschluss einer Uni­ver­si­tät oder einer ande­ren aka­de­mi­schen Ein­rich­tung; der Grad befä­higte ursprüng­lich zur Lehre an einer Uni­ver­si­tät. Jetzt bezeich­net mas­ter übli­cher­weise den/die Träger/in eines post­gra­du­ier­ten Abschlus­ses unter­halb eines Doktorgrades.‹

Bis ins 19. Jahr­hun­dert beschränkte sich mas­ter über­wie­gend auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (als Mas­ter of Arts oder magis­ter artium), das Dok­to­rat war das Pen­dant in den ande­ren Fächern. In die­ser Bedeu­tung ist mas­ter erst­mals 1380 belegt:

Heyr lyis Ingram of Ket­he­nys prist maystr in arit.
(1380, Proc. Soc. Anti­qua­ries Scotl. (1896) 30 42.)

Neh­men wir die Ortho­gra­fie als brauch­ba­ren Indi­ka­tor zur Aus­spra­che, lis­tet der OED eine beein­dru­ckende Liste an Ent­wick­lungs­sta­dien von magis­ter > mas­ter:

Alteng­lisch (bis ca. 11. Jdh.): mægs­ter, mages­ter, magis­ter, mæges­ter, mægis­ter
Im Über­gang zu Mit­tel­eng­lisch (11. Jdh.): mestre, mæs­tere
Mit­tel­eng­lisch (12.-14. Jdh.): maȝȝstre, mais­tere, maistr, mais­tur, mais­tyr, may­s­tere, maystir, maystur, may­styr, meis­ter, meistir, meistre, mesteir, meys­ter, maistir, mays­ter, maystre, mais­ter,
Spä­tes Mit­tel­eng­lisch (15-16 Jhd.): mass­ter, mas­tur, mas­tir, mas­tyr, mastre, mas­ter, mastar, mus­ter;
Schot­tisch (17. Jhd.): maies­ter, mais­tere, mais­ter­ris (plu­ral)
Eng. Regio­nal (18. Jhd.): maas­ter (north.), maas­ther (north.), maes­tur (west.), mais­ter,  mais­ther (north.), mars­ter (south-east.), mays­ter, meas­ter, mee­as­ter (north.), mes­ter (north.), mesther (north.), mestur (north.);

Was auf­fällt: Bereits im Mit­tel­eng­li­schen war das <g> und ver­mut­lich lange davor auch das [ɡ] ver­schwun­den. Außer­dem war Mit­tel­eng­lisch recht nahe am heu­ti­gen Meis­ter. Durch Laut­ver­schie­bun­gen und einem inten­si­ven Sprach­kon­takt mit dem Alt­nor­di­schen und Fran­zö­si­schen (OED), lan­den wir im Früh­neu­eng­li­schen (etwa ab 1500) beim mas­ter. Man könnte fast sagen: Eine laut­li­che Ent­wick­lung, die im Deut­schen beim Meis­ter und aka­de­misch beim Magis­ter ste­hen­ge­blie­ben zu sein schein - die dann vom Bologna-Prozess aber hopplahopp vor­an­ge­trie­ben wurde.*

Kom­men wir zum Wesent­li­chen, sonst steht nach­her im Kom­men­tar­be­reich: »Thema ver­fehlt!«. Immer­hin ist Mas­terand nomi­niert und die Fest­stel­lung, dass die Eng­li­sche Spra­che im Sprach­wan­del mal wie­der n Zacken flot­ter war, ist ja auch nicht so neu. Wie der/die Nomi­nie­rende ver­mu­tete, ist Mas­terand eine ana­loge Bil­dung zu Diplo­mand und Magistrand - also als Bezeich­nung für jeman­den, der/die gerade kurz vor Erlan­gung des aka­de­mi­schen Gra­des steht, also hier dem des Mas­ters. Mit Ein­füh­rung der Bachelor- und Mas­ter­ab­schlüsse und dem Aus­lau­fen der tra­di­tio­nel­len Diplom- und Magis­ter­ab­schlüsse feh­len uns offen­bar auch die Gegen­stü­cke zu diplo­mie­ren und magis­trie­ren. Man könnte  ein­wen­den, dass magis­trie­ren gar nicht exis­tiert - zuge­ge­ben, 255 Tref­fer sind im Ver­gleich zu über einer hal­ben Mil­lion für diplo­mie­ren nicht gerade üppig.

Wozu magis­trie­ren und diplo­mie­ren? Das Nomi­nalsuf­fix -and ist ein Deri­va­ti­ons­suf­fix, das aus Ver­ben auf -ieren die ent­spre­chen­den Nomen macht: neben den Diplo­man­den, Dok­to­ran­den und Habi­litan­den gibt es auch die Pro­ban­den, Kon­fir­man­den und Reha­bi­litan­den, in der Mathe­ma­tik (also unbe­lebte Enti­tä­ten) die Sum­man­den, Mul­ti­pli­kan­den, Ope­ran­den oder Inte­gran­den. Die­ses Deri­va­ti­ons­suf­fix gibt es auch in der sel­te­ne­ren Alter­na­tive -end: Sub­tra­hend oder Divi­dend - und aus dem Reich der Aka­de­mie natür­lich der Pro­mo­vend.

Die deut­lich pro­duk­ti­vere Vari­ante ist das Suf­fix­paar -ant/-ent: auch hier wer­den Nomen aus -ieren-Ver­ben abge­lei­tet, aller­dings mit einem sub­ti­len seman­ti­schen Unter­schied: Absol­vent, Minis­trant, Diri­gent, Emi­grant, Emi­t­ent, Fabri­kant, Kor­re­spon­dent, Demons­trant, Kon­tra­hent oder Que­ru­lant bezeich­nen Per­so­nen, die die Ver­bhand­lung selbst ausführen.

Die -and/-end-Nomen hin­ge­gen bezeich­nen Per­so­nen, die von der Ver­bhand­lung betrof­fen sind (Canoo.net, Duden.de). Man­che qua­li­fi­zie­ren sich also über den Minis­tran­ten zum Kon­fir­man­den. Darin liegt viel­leicht auch eine der Gründe der Kon­fu­sion, ob man (selbst) eigent­lich pro­mo­vie­ren kann oder ob man pro­mo­viert wird. (Dies ist mir bis­her vor allem von Sprach­pfle­gern vor­ge­hal­ten wor­den, weil ich sage: man kann auch *hüs­tel* selbst pro­mo­vie­ren; also sprach­lich.) Ergo­ex­kurs: Müsste man nicht sogar eine Unter­schei­dung zwi­schen Pro­mo­vent und Pro­mo­vend ziehen?

In einem Forums­ar­ti­kel bei leo.org berich­ten einige Foris­ten von ihren Bauch­schmer­zen beim Wort Mas­terand (was ana­log aber auch für Bache­l­o­rand gilt): Warum nicht Master-Student? Weil es nicht aus­rei­chend genau ist: Ein Master-Student bezeich­net all­ge­mei­ner jeman­den, der in einem Mas­ter­stu­di­en­gang ein­ge­schrie­ben ist. Der Mas­terand hin­ge­gen spe­zi­fi­ziert den Zeit­punkt des Stu­di­ums - kurz vor dem Abschluss.

So suchen bereits viele Unter­neh­men in Stel­len­bör­sen und -anzei­gen Mas­teran­den, oft wer­den der­zeit noch Diplo­man­den ange­spro­chen. Die gesuch­ten Mit­ar­bei­ter wer­den meist aus tech­ni­schen Stu­di­en­gän­gen rekru­tiert, weil sie ihre Abschluss­ar­bei­ten häu­fig als Werk­stu­die­rende in den Unter­neh­men schrei­ben kön­nen. Das dürfte auch der Grund sein, wes­halb Mas­terand eine recht statt­li­che Anzahl von Google­tref­fern erzielt, aber in Trend­lis­ten (z.B GoogleIn­sights) oder Kor­pora so gut wie gar nicht auf­taucht (wes­halb die Nomi­nie­rung in der Jury sehr skep­tisch gese­hen wurde) und wohl im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch noch nicht ange­kom­men zu sein scheint.

Einer der Leo-Foristen merkt an, dass Mas­terand unsin­nig sei, weil - wenn sich Dok­to­rand und Diplo­mand von Ver­ben auf -ieren ablei­ten - es gar kein mas­te­rie­ren gäbe. Nun ja, das ist aber auch nicht das Ent­schei­dende: Ers­tens kann man ana­log zu diplo­mie­ren oder pro­mo­vie­ren natür­lich mas­te­rie­ren ver­wen­den, um die stres­sige Phase kurz vor dem aka­de­mi­schen Abschluss zu umschrei­ben. Zwei­tens ist auch diplo­mie­ren nicht ein­fach vom Him­mel gefal­len, son­dern eben­falls eine Deri­va­tion, näm­lich von Diplom, dem Abschluss­grad also. So ist der Deri­va­ti­ons­pro­zess Mas­ter > mas­te­rie­ren > Mas­terand quasi impli­zit. Außer­dem finde ich diplo­mie­ren per­sön­lich auch nicht so nahe dran am Diplo­mand, wie bei­spiels­weise pro­mo­vie­ren am Doktoranden/Promovenden dran ist - weil bei der Dok­tor­ar­beit jeder nor­ma­ler­weise bereits mit dem Auf­schla­gen des ers­ten Buches pro­mo­viert, also wäh­rend des gesam­ten Pro­mo­ti­ons­stu­di­ums - und nicht erst in der hei­ßen Endphase.

Drit­tens, und das ist ent­schei­dend, ist die Betrach­tung der Bil­dung von Mas­terand auf rein morphologisch-formalen Aspek­ten über die Ablei­tung mas­te­rie­ren eigent­lich eher unspan­nend. Plau­si­bler ist die Annahme, dass die Bil­dung auf der Ana­lo­gie in einem fast iden­ti­schen, seman­ti­schen und kon­zep­tu­el­len Rah­men beruht, also auf dem Abschluss­grad an sich.

Fazit

Wer es bis hier­hin geschafft hat: Herz­li­chen Glück­wunsch! Denn eigent­lich ist die vor­weg­ge­nom­mene Schluss­fol­ge­rung: Kein beson­ders hei­ßer Kan­di­dat für den Angli­zis­mus des Jahres.

Warum?

Ers­tens, und viel­leicht etwas wider­sprüch­lich für die Kri­te­rien der Wahl, weil die Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit von Mas­terand nahezu exor­bi­tant hoch ist - zumin­dest bis wir Mas­ter nament­lich durch einen ande­ren Abschluss ersetzt haben. Mas­terand wird Diplo­mand und Magistrand in weni­gen Jah­ren kom­plett ver­drängt haben und der Kon­ven­tio­na­li­sie­rungs­ef­fekt wird auch die Bauch­schmer­zen hei­len. (Die Berufs­be­zeich­nun­gen Dipl-Ing oder Magis­ter wer­den mit ihren Trägern/-innen noch etwas überdauern.)

Zwei­tens, und das finde ich im End­ef­fekt für einen Kan­di­da­ten für den Angli­zis­mus des Jah­res zu wenig: Mas­terand bezieht sich in der Bil­dung auf einen Abschluss, der jeden Namen tra­gen könnte (es hat fast Eigen­na­men­cha­rak­ter). Ergo: Es würde genauso schnell wie­der ver­schwin­den. Was noch dazu kommt: Es fin­det keine wirk­li­che seman­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rung statt. Also abge­se­hen von der Tat­sa­che, dass Diplom­stu­di­en­gänge jetzt Mas­ter­stu­di­en­gänge sind - und es wirk­lich eine reine Ana­lo­gie zu den beste­hen­den Begrif­fen ist (durch Aus­tausch). Auch, dass dem Mas­ter ein Bachel­or­grad vor­ge­schal­tet wurde, ändert nichts an der Tat­sa­che, dass die Qua­len, Pus­teln und Stress­si­tua­tio­nen die glei­chen bleiben.

Drit­tens: Die ein­zige wirk­li­che Bedeu­tungs­dif­fe­ren­zie­rung (siehe Nomi­nie­rungs­kri­te­rien) befin­det sich eigent­lich im Wort Mas­ter, nicht not­wen­di­ger­weise im Mas­terand. Mas­ter ist aber ent­schie­den zu alt, um 2011 noch irgend­je­man­den angli­zis­men­tech­nisch vom Hocker zu hauen. Des­halb war mein ers­ter Reflex auch eher: Und wo ist der Angli­zis­mus? Mas­ter dif­fe­ren­ziert aber nicht gegen­über Diplom, son­dern gegen­über sei­nem ety­mo­lo­gi­schen Ver­wand­ten Meis­ter, also als Grau-Wieder-Re-Übersprungs-Import. Man hätte für Mas­ter den Meis­ter im Bil­dungs­we­sen aus nahe­lie­gen­den Grün­den aber nicht vor­schla­gen kön­nen. Wir ver­tra­gen jede Menge Poly­se­mie - aber bei qua­li­fi­zie­ren­den Bildungs- und Berufs­gra­den hört die Poly­se­mie­ver­träg­lich­keit auf fach­li­cher Grund­lage auf. Gut, die Nomi­nie­rungs­kri­te­rien las­sen auch zu, wenn etwas bis dato umständ­lich umschrie­ben wer­den musste: so ersetzt Mas­terand die Mas­ter­ar­beitschrei­ben­den oder gar ganze Phra­sen wie die Stu­die­ren­den, die ihre Mas­ter­ar­beit schrei­ben.

Ich finde aber: Das reicht nicht.

Eine letzte Bemer­kung, der ich wirk­lich nicht wider­ste­hen kann: Die Meis­tern­örg­ler hin­ter dem Angli­zis­mus­in­dex des VDS fin­den, dass Mas­ter in den Natur­wis­sen­schaf­ten ergän­zend, für die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten aber ver­drän­gend ist - das ver­stehe im Ungleich­schritt der Lexi­konent­wick­lung im Deut­schen und Eng­li­schen wer will: Gerade in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wäre der Mas­ter doch eine semantisch-verwandte Wei­ter­ent­wick­lung zu Magis­ter. Na, was soll’s.

Oder aber ich hab trotz­dem das Thema ver­fehlt und hätte eigent­lich über die Ent­wick­lung von -and/-end aus dem latei­ni­schen Gerun­divsuf­fix -andus sin­nie­ren sol­len. Ich setze es mal auf meine lange »irgen­wann noch zu bloggen«-Liste.

Spaß gemacht hat’s trotzdem.

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DWB: Grimm, Jakob und Wil­helm Grimm. 1854-1961. Deut­sches Wör­ter­buch [DWB]. Leip­zig 1971. [Online]

Kluge, Fried­rich. 1889. Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che. Straß­burg: Trüb­ner. [Online].

  1. »mas­ter, n.1 and adj.«. OED Online. Decem­ber 2011. Oxford Uni­ver­sity Press. 20 Janu­ary 2012 <http://www.oed.com/viewdictionaryentry/Entry/114751>.