[AdJ 2011] - Welches -gate nimmst du?

Heute blog­gen Kris­tin und ich zeit­gleich zum Kan­di­da­ten -gate. So ein Par­al­lel­post haben wir uns schon im letz­ten Jahr gegönnt: wir wis­sen also bis 22 Uhr nicht, wel­che Über­le­gun­gen die andere ange­stellt hat, wo sie gesucht hat und zu wel­chem Ergeb­nis sie kommt. Reizvoll.

(Hier geht’s zu Kris­tins Bei­trag. Sie hat auch die Nomi­nie­rungs­be­grün­dung von Patrick Schulz aus­ge­gra­ben - ich hatte gar nicht auf Kom­men­tar­seite 4 geguckt. Auch gut. Dann war ich wenigs­tens nicht in eine von bei­den Rich­tun­gen vor­ein­ge­nom­men, weil Patrick letz­tes Jahr das Sie­ger­wort lea­ken nomi­niert hatte.)

Nun denn: Zum ers­ten Mal in der tra­di­ti­ons­rei­chen Geschichte der Wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res ist ein Affix nomi­niert bzw. hat die erste Runde über­stan­den: -gate. Die Nomi­nie­rung, genauer gesagt eigent­lich die Ent­leh­nung eines gebun­de­nen Deri­va­ti­ons­mor­phems an sich, ist des­halb ein biss­chen erstaun­lich, weil in den aller­meis­ten Fäl­len unge­bun­dene, also freie lexi­ka­li­sche Ein­hei­ten ent­lehnt wer­den. Es sind also beso­ders Nomen und Ver­ben, die Spra­chen mit Vor­liebe auf­neh­men; mit ein klein biss­chen Abstand fol­gen Adjek­tive - und ganz sel­ten in der Ent­leh­nungs­hier­ar­chie ste­hen Ein­hei­ten, die sich eher am gram­ma­ti­schen Ende unse­res Wort­schat­zes befinden.

Jetzt haben wir mit -gate also ein Suf­fix, ein (augen­schein­lich) gebun­de­nes Mor­phem, ein Nominal- bzw. Derivationssuffix.

Aktua­li­tät?

In der Kürze der Zeit im aus­klin­gen­den Semes­ter war es mir unmög­lich, eine even­tu­elle Häu­fig­keit genau zu bemes­sen bzw. das Vor­kom­men des - nen­nen wir es vor­läu­fig - Wort­be­stand­teils genauer auf einen Zeit­raum ein­zu­gren­zen. Das liegt pri­mär daran, dass -gate in ober­fläch­li­chen Such­an­fra­gen alle mög­li­chen Wort­kom­bi­na­tio­nen aus­wirft, die auf -gate enden: eine flotte Auf­zäh­lung beinhal­tet bei­spiels­weise Sur­ro­gate, Aggre­gate, Agate, Spa­gate oder Col­gate. Ande­rer­seits wer­den all die »ech­ten« -gates über­se­hen, die sich bereits in der Schrei­bung der deut­schen Ortho­gra­fie ange­passt haben: also eben nicht Karatchi-Gate oder Battery-Gate, die mit einem Bin­de­strich die Suche ermög­li­chen und erleichtern.

Die schnelle Suche in Zei­tungs­kor­pora bei Cosmas II ergibt ein ebenso ver­wirr­tes Bild und hilft bei der Aktua­li­täts­über­prü­fung nur so viel wei­ter: -gate ist als Affix schon lange belegt, eigent­lich deut­lich zu alt und für die Wahl 2011 schon vor­weg nicht qualifiziert.

Also müs­sen wir uns der Nomi­nie­rung anders nähern. Ich werfe des­halb zwei Fra­gen in den Raum: 1.) Hat sich die Bedeu­tung in den letz­ten Jah­ren vor und spe­zi­ell in 2011 spür­bar vom Surrogat(e) Water­gate ent­fernt? Dann frage ich mich aller­dings auch 2.): worum han­delt es sich eigent­lich - um ein Deri­va­ti­ons­af­fix oder viel­leicht doch um den Kopf eines Kompositums?

Ursprung

Na, das über­rascht jetzt nie­man­den: Water­gate, 1972. Der OED (in der Aus­gabe von 1989, auf der die online ver­füg­bare Defi­ni­tion beruht) defi­niert es folgendermaßen:

A ter­mi­nal ele­ment denot­ing an actual or alle­ged scan­dal (and usually an attemp­ted cover-up), in some way com­pa­ra­ble with the Water­gate scan­dal of 1972.

Ein Skan­dal mit gro­ßer politisch-gesellschaftlicher Strahl­kraft, könnte man sagen. Damals.

Im Eng­li­schen war -gate übri­gens ganz flott pro­duk­tiv zur Stelle (OED):

  1. Volga­gate (1973), Dal­las­gate (1975), Korea­gate (1976),
  2. Mot­or­gate (1975), Lan­ce­gate [is no Water­gate] (1977),
  3. Wine-gate (1973), Ice Cream Gate (1977)

Dabei sind die Grup­pie­run­gen hier seman­tisch moti­viert vor­ge­nom­men (die sich bis heute wenig ver­wun­der­lich gehal­ten haben): Gruppe 1 ist nach den Orten des Skan­dals, Gruppe 2 nach den Namen der invol­vier­ten Per­so­nen oder Pro­duk­ten und Gruppe 3 nach der Sub­stanz des Skan­dals ein­ge­ord­net. Außer­dem scheint mit zuneh­men­der Zeit die Wucht des Skan­dals und sei­ner Öffent­lich­keits­wir­kung doch recht deut­lich abzunehmen.

Inter­es­sant ist auch, dass der OED -gate nicht als pro­to­ty­pi­sches Affix kate­go­ri­siert, son­dern als com­bi­ning form. Dies sind For­men, die wie Affixe auf­tre­ten (als gebun­dene Mor­pheme), also wie etwa die form medico- (von medi­cal), dazu gehö­ren auch bei­spiels­weise gebun­dene Mor­pheme wie -ology, bio-, phy­sio- oder astro-, die man auch als Wort­bil­dungs­ele­mente der soge­nann­ten neo­klas­si­schen Kom­po­si­tion bezeich­net (Wort­bil­dung mit gebun­de­nen latei­ni­schen oder grie­chi­schen Ele­men­ten). Mit -gate schei­nen wir uns also in der Grau­zone zwi­schen Kom­po­si­tion und Deri­va­tion zu befin­den: Kom­po­si­tion wäre es nur dann eindeutig(er), wenn -gate ein freies Mor­phem wäre. (Ich suche aber noch die Rele­vanz der Erkennt­nis, dass es sich um ein Kom­po­si­ti­ons­ele­ment han­deln könnte.)

Kom­po­si­tum?

Die Frage ist für die Wahl aber drit­tran­gig und abschlie­ßend beant­wor­ten möchte ich sie nicht. Jaha, dann kam heute näm­lich Babette und tat uns und der Twit­ter­ge­meinde einen ganz wun­der­ba­ren Gefal­len! Das lus­tige Ket­ten­mail­gate aus dem Bun­des­tag för­derte heute unter ande­rem diese Ver­wen­dun­gen von Gate als freies Mor­phem zu Tage:

Ein Gate und die #Pira­ten sind nicht dabei? Ich pran­gere das an! #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@AlterPirat]

Mal ein Gate, ohne dass #Pira­ten scheisse gebaut hät­ten. #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@TeleGehirn]

wüsste er, was ihr hier alles als »gate« bezeich­net, würde richard nixon sich im grabe umdre­hen. (25. Januar 2012) [@dielilly]

Das ken­nen wir auch schon von Ismus (»Das ist doch bloß wie­der so ein komi­scher Ismus!«) - das gern­zi­tier­tes Bei­spiel von frei­ge­setz­ten Mor­phe­men (mit lexi­ka­li­scher Bedeu­tung). Das macht Kom­mu­nis­mus oder Femi­nis­mus natür­lich nicht zu Kom­po­sita. Aber bei Gate bestünde durch­aus das Poten­tial, dass es sich für den klei­nen, leicht amü­sant anmu­ten­den Skan­dal für die Früh­stücks­pause durch­aus ver­selbst­stän­digt. Abwar­ten. Aber Gemach, Gemach - immer­hin suchen wir hier den Angli­zis­mus des Jah­res 2011 und nicht das Freie Mor­phem 2012.

#kürch­ner­gate ist seit Stun­den Top­trend bei Twit­ter. Das ist nicht über­ra­schend - und illus­triert die Bedeu­tungs­ver­schie­bung von -gate in die Rich­tung, dass sich bei dem ent­spre­chen­den Ereig­nis eben noch nicht mal um einen Skan­dal han­deln muss, um ein Gate zu sein.

Pro­duk­ti­vi­tät?

Diese Ein­schät­zung wird von einem Bei­trag in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen (21.01.2012) gestützt:

Aber man kann Lauer, der einer von 15 Abge­ord­ne­ten der Pira­ten­par­tei im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus ist, auch sehr schnell zum Aus­ras­ten brin­gen. Man muss nur „Part­ner­gate“ sagen, „Salz­gate“ oder „Eso­gate“. Es sind die auf Twit­ter benutz­ten Code­wör­ter der Skan­däl­chen, mit denen die Ber­li­ner Pira­ten es in letz­ter Zeit regel­mä­ßig in die Haupt­stadt­bou­le­vard­presse geschafft haben.

Also davon abge­se­hen, dass wir ver­mut­lich Pro­bleme mit der Aktua­li­tät bekom­men, finde ich diese Bedeu­tungs­ver­schie­bung eigent­lich ziem­lich rele­vant für die Wahl. Die Suche im Cosmas II bleibt hier ober­fläch­lich, aber ein gewis­ses Mus­ter zeich­net sich ab:

Water­kant­gate« nen­nen spitze Zun­gen die kaum glaub­li­chen Wahl­kampf­vor­gänge, die bewirk­ten, daß laut und in allen Lagern von Poli­tik und Gesell­schaft die Frage nach der Moral der Macht gestellt wird.
1987, Mann­hei­mer Mor­gen, 3. Dezem­ber [H87/KM6.09413]

Wel­chen Song müßte er heute spie­len, um sein durch »Moni­ca­gate« ram­po­nier­tes Image auf­zu­po­lie­ren?
1998, Frank­fur­ter Rund­schau, 6. April [R98/APR.27953]

Die Lokal­presse fand einen grif­fi­gen Titel für den Abhör­skan­dal im CDU-Haus: »Weser­gate«.
2003, Rhein-Zeitung, 1. Juli [RHZ03/JUL.00398]

Der Skan­dal hatte als »Nipple­gate« für Schlag­zei­len gesorgt.
2004, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 24. April [NUN04/SEP.02343]

Die Medien spre­chen schon vom „Karatschi-Gate“ mit dem Poten­zial, Frank­reichs neue Staats­af­färe zu wer­den.
2010, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 23. Novem­ber [NUN10/NOV.02267]

Auch ein Kabi­netts­mit­glied gestand, dass ein Kra­wat­ten­ver­zicht erheb­li­chen häus­li­chen Ärger aus­ge­löst hätte. Krawatten-Befürworter sehen in See­ho­fers Vor­stoß ein bedau­er­li­ches Krawatten-Gate: „Stil­los“ und eine „Miss­ach­tung des Par­la­ments“, schimpfte ein auf Tra­di­tion bedach­ter CSU-Abgeordneter.
NUZ11/JUL.01355 Nürn­ber­ger Zei­tung, 14.07.2011

Es ist nur eine Stich­probe - aber wir sind im Deut­schen offen­bar von der gro­ßen Staats­af­färe zum klei­nen Kan­ti­nen­witz gewan­dert. Von Water­gate zu baju­wa­ri­schen Empö­rung über Kra­wat­ten? Also da gehört schon eine gehö­rige Por­tion Dra­maqueen­ge­quen­gel, aus Letz­te­rem sowas wie Ernst­haf­tig­keit raus­zu­le­sen. Außer­dem fehlt der heu­ti­gen Ver­wen­dung der Aspekt der Ursprungs­be­deu­tung bzw. der, die noch in den 2000er Jah­ren vor­herr­schend war, näm­lich das des Staats­skan­dals und des die Öffent­lich­keit täu­schen­den Vertuschens.

Fazit?

Ich bin mir nicht sicher, ob all diese Argu­mente -gate wirk­lich für einen der Topplätze qua­li­fi­zie­ren. Was aber inter­es­sant ist, in Erman­ge­lung der sonst eher dürf­ti­gen Erfül­lung der Nomi­nie­rungs­kri­te­rien: Wir haben eine Bedeu­tungs­ver­schie­bung zum klei­nen, amü­san­ten Skan­dal für zwi­schen­durch. Erneut ist für diese Ein­schät­zung natür­lich der Sog von Twit­ter mit­ver­ant­wort­lich. Und in der Kürze der Zeit dann trotz­dem eine span­nende und unter­halt­same Ent­de­ckung, auch für mich. So ist -gate dann doch irgend­wie ein put­zi­ger Kan­di­dat - viel­leicht mit Außen­sei­ter­chan­cen, weil wir jetzt ver­all­ge­mei­nert und unge­hemmt pro­duk­tiv auf alles anwend­bar die Gates belä­cheln dürfen.


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5 Kommentare zu „[AdJ 2011] - Welches -gate nimmst du?“

  1. [Anglizismus des Jahres] Greift -gate um sich? « [ʃplɔk] sagt:

    […] -gate. Das will ich mir heute genauer anschauen – par­al­lel zu suz, die zeit­gleich mit mir ihre Beob­ach­tun­gen zum Thema […]

  2. Michael sagt:

    Zum Mor­phem­sta­tus: Ich würde -gate als Kon­fix anse­hen, aber Du hast recht, darum geht’s hier eigent­lich wirk­lich nur nachrangig …

  3. -gate | Anglizismus des Jahres sagt:

    […] für eine Dis­qua­li­fi­ka­tion wegen eines man­geln­den Pro­duk­ti­vi­täts­an­stiegs im letz­ten Jahr, wäh­rend Susanne auf  */ˈdɪːkæf/ das Suf­fix klar im Kom­men sieht (nicht zuletzt wegen der vie­len „-gates“ der Ber­li­ner Pira­ten) und vor allem den […]

  4. Lupino.org » Warum -gate? sagt:

    […] wir da Kris­tin Kopfs Bei­trag in ihrem Blog [ʃplɔk] (im Wei­te­ren „Kris­tin“) und zum ande­ren Susanne „Suz“ Flach’s1 Bei­trag in ihrem Sprach­blog */ˈdɪːkæf/ (im Folgenden […]

  5. suz sagt:

    Sorry, dein Kom­men­tar war in Qua­ran­täne. Seltsam.

    Danke fürs Kon­fix :)

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