Archiv für die Kategorie „Morphologie“

Das weibliche Airbus

Mittwoch, 25. Juli 2012

Am Diens­tag wäre Ame­lia Ear­hart 115 Jahre alt gewor­den. Zeit, sich mal damit zu beschäf­ti­gen, wel­ches Genus Flug­zeuge denn so haben. Denn ver­mut­lich ver­geht keine Ein­füh­rung in die Eng­li­sche Lin­gu­is­tik ohne den Zusatz, dass das auf bio­lo­gi­schem Geschlecht beru­hende Genus­sys­tem des Eng­li­schen Aus­nah­men zulässt: Schiffe, Autos und Flug­zeuge sind da angeb­lich gerne mal feminin.

Zum Eng­li­schen kom­men wir spä­ter - schauen wir mal kurz ins Deut­sche: (wei­ter­le­sen …)

Du, Sie, Müller’s Vieh

Sonntag, 6. Mai 2012

Nebenan im Sprach­log hat Ana­tol unter dem Ver­dacht der Inhalts­leere die Frage gestellt, was seine Lese­rIn­nen so in wel­chem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal sie­zen. Das hat mich drin­gendst daran erin­nert, dass ich seit Jahr und Tag mal was zum ›Sie­zen im Eng­li­schen‹ schrei­ben wollte.

Das kommt so: Mit zuneh­men­der Dauer ten­diert die Wahr­schein­lich­keit gegen 1, dass jemand in einer Dis­kus­sion zur Anrede im Eng­li­schen behaup­tet, dass im Eng­li­schen »streng genom­men« nur gesiezt wird: Das »You« ist kein »Du«, son­dern ein »Sie«, Die Du-Form … ist schon seit 200 Jah­ren aus dem Wort­schatz ver­schwun­den oder Das Eng­li­sche »you« bedeu­tet nicht »Du«, son­dern ent­spricht eher einer Anre­de­form, die der alt­deut­schen Form »Ihr« näher­kommt, einem Plu­ral, der Respekt bezeugt.

Obwohl sprach­his­to­risch nicht völ­lig dane­ben, ist die Begrün­dung um und bei immer die Glei­che: Zu grauer Vor­zeit gab es thou für die 2. Per­son Sin­gu­lar und you für die 2. Per­son Plu­ral. Ers­tere (thou.2SG) sei dabei ver­lo­ren gegan­gen und nur you.2PL ist übrig geblie­ben. Ergo: Im Eng­li­schen wird eigent­lich gesiezt.

Das ist aber gleich ein drei­fa­cher Trug­schluss. Der erste Trug­schluss, an des­sen hei­ßen Punk­ten ich mir gar nicht die Fin­ger ver­bren­nen will, ist der, dass die Anre­de­st­ra­te­gien in bei­den Spra­chen irgend­wie eins-zu-eins auf­ein­an­der über­trag­bar wären. Der Trug­schluss beschreibt die Vor­stel­lung, dem deut­schen Sie­zen im Eng­li­schen eine Ent­spre­chung gegen­über­stel­len zu kön­nen. Dass das Unsinn ist, kann jeder bestä­ti­gen, der beide Spra­chen auch prag­ma­tisch ganz gut beherrscht und einem Mono­lin­gua­len die Anre­de­kon­ven­tio­nen der jeweils ande­ren Spra­che erklä­ren möchte. Natür­lich könnte man argu­men­tie­ren, dass man an der Ver­wen­dung von Vor­na­men oder Nach­na­men eine gewisse Duzen-Siezen-Äquivalenz erken­nen kann. Das Pro­blem ist aber deut­lich zu viel­schich­tig und ich möchte mich hier nicht im Dickicht ver­hed­dern, das ver­sucht, ein zwei­di­men­sio­na­les mor­pho­syn­tak­ti­sches Para­digma ein­deu­tig auf ein min­des­tens vier­di­men­sio­na­les Sys­tem von Dis­tanz, Respekt, Kon­text und sozio­kul­tu­rel­len Nor­men anzu­wen­den. Darum soll’s mir hier nicht gehen.

Der zweite Trug­schluss ist mor­pho­syn­tak­ti­scher Natur. Rich­tig ist zunächst, dass for­mal nicht zwi­schen you.2SG+V und you.2PL+V unter­schie­den wer­den kann. Das ist jetzt natür­lich wenig erstaun­lich, denn die ein­zige Prä­sens­ver­bal­fle­xion des Eng­li­schen fin­det sich in der 3. Per­son Sin­gu­lar Indi­ka­tiv (zumin­dest in der Stan­dard­va­rie­tät und mit Aus­nahme von {BE}).

Die­ser Trug­schluss sug­ge­riert aber, dass im Eng­li­schen die Zeile ›2SG‹ leer ist, was natür­lich nicht stim­men kann (mehr dazu spä­ter). Wenn wir jetzt mal die sozio­lin­gu­is­ti­sche Siezen-Duzen-Unterscheidung weg­las­sen, gibt es auch im Eng­li­schen die seman­ti­sche Unter­schei­dung you ›du‹ und you ›ihr‹ - you ist da im Ver­gleich zum Deut­schen ambig; aber immerhin.

1SG I am ich bin
2SG you are du bist
3SG he/she/it is er/sie/es ist
1PL we are wir sind
2PL you are ihr seid
3PL they are sie sind

(Wenn wir’s also wirk­lich streng neh­men wür­den, ist Sie­zen schon allein des­halb Unfug, weil you.PL natür­lich ›ihr‹ ent­spricht. Aber sind wir mal nicht so.)

Was ver­lo­ren gegan­gen ist, ist die gram­ma­ti­sche Unter­schei­dung von 2SG und 2PL, nicht eine 2SG-Form an sich. Die fol­gende Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist stark ver­ein­facht, nicht­zu­letzt, weil nur die Nominativ-Formen ange­ge­ben sind und hier noch der Dual aus dem Alteng­li­schen aus­ge­klam­mert ist (Smith 1999: 77, 113, 146):

AE ME FNE ModE ModE (dialektal/
kontextuell)
2SG.NOM þu thou thou you you/thou (arch.)
2PL.NOM ge ye ye/you you yous(e)/yiz/yez

An die­ser kur­zen Über­sicht ist rela­tiv klar erkenn­bar, dass you [ju:] die ›Wei­ter­ent­wick­lung‹ des 2PL-Pronomens ist und der Bruch beim 2SG-Pronomen im Früh­neu­eng­li­schen (FNE) liegt. Die Erklä­rung geht so: <g> wurde im Alteng­li­schen (AE) prä­vo­ka­lisch [j] aus­ge­spro­chen und <þ> als [ð], wie im heu­ti­gen they. Aber es bedeu­tet eben nicht, dass die 2SG-Form an sich ver­schwun­den ist - die ältere Form thou wurde nach einer ziem­lich kom­ple­xen Varia­tion im thou/you-Kos­mos von you ver­drängt, wel­che dabei vom Plural-Kontext auf den Singular-Kontext aus­ge­wei­tet wurde und die Funk­tion you.2SG ›du‹ über­nahm. Die Gründe dafür fin­den sich vor allem im sti­lis­ti­schen und sozi­o­prag­ma­ti­schen Bereich (Busse 2002). Die ganze Geschichte ist in Wahr­heit z.B. in Ver­bin­dung mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Kasu­s­ab­bau sehr viel kom­ple­xer, aber für den Moment soll das reichen.

Hier kön­nen wir ein Kon­zept aus der Sozi­lin­gu­is­tik ins Spiel brin­gen, die soge­nannte T-/V-Unterscheidung (Brown & Gil­man 1960). Anders aus­ge­drückt: thou hat frü­her nicht nur eine Nume­rus­un­ter­schei­dung ermög­licht (2SG), son­dern auch als T-Pronomen fun­giert (von lat. tu ›du‹), you/ye dage­gen als V-Pronomen (von lat. vos ›ihr/Sie‹). So gab es ein Hono­ri­fi­kum, mit dem man auch nur eine Per­son anspre­chen konnte, also zusätz­lich zu du/ihr auch eine ent­spre­chende du/Sie-Unter­schei­dung tref­fen konnte - die soge­nannte T-/V-Unterscheidung. Diese Unter­schei­dung exis­tiert im heu­ti­gen Eng­lisch aber nicht mehr - und you erfüllt als you.2SG die Funk­tion ›eine mir gegen­über­ste­hende Per­son‹ und als you.2PLzwei oder meh­rere mir gegen­über­ste­hende Personen‹.

Wenn jetzt also jemand sagt, im eng­lisch­spra­chi­gen Raum wird »eigent­lich« gesietzt, der sagt damit ja, dass die Kate­go­rie 2SG unge­nutzt dastünde (s.o.). Dass das nicht rich­tig ist, zeigt sich ers­tens in der Nume­rus­un­ter­schei­dung der Refle­xiv­pro­no­mina, wo your­self.2SG und your­sel­ves.2PL klar die Exis­tenz der Nume­rus­ka­te­go­rie bele­gen. Zwei­tens tritt you.2PL dia­lek­tal, kon­text­ab­hän­gig und umgangs­sprach­lich als yous(e)/yez/yiz.2PL auf und ermög­licht so eine Disam­bi­gu­ie­rung von you.SG und you.PL. Wenig über­ra­schend fin­den sich alle Belege für yous(e), youz(e), yiz, oder yez im BNC dem­ent­spre­chend in den Gen­res der gespro­che­nen Spra­che wie ›Fic­tion‹, ›Oral History‹, ›Inter­view‹ oder ›Conversation‹.

Iro­ni­scher­weise ist eine mög­li­che Erklä­rung für das Ver­schwin­den des thou.2SG aus dem Pro­no­mi­nal­pa­ra­digma der Stan­dard­spra­che, dass man zu Shake­speares Zei­ten you.2PL (damals V-Form) in einer Höf­lich­keits­spi­rale auch für Anre­den nutzte, für die man bis dahin die T-Form thou nutzte. Die Iro­nie dabei ist, dass thou jetzt archa­isch ist und abge­se­hen von weni­gen Dia­lekt­ver­wen­dun­gen heute auf reli­giöse und erz­kon­ser­va­tive Kon­texte beschränkt ist: Thou, my Lord! ›Du, mein Gott‹, also gewis­ser­ma­ßen jetzt eine höhere For­ma­li­tät auf­wei­sen. Der Pro­zess in der Stan­dard­spra­che war aber um 1700 abge­schlos­sen, you der unmar­kierte Fall für die all­ge­meine Anrede und die syn­tak­ti­sche V-/T-Unterscheidung somit weg­ge­fal­len (Busse 2002: 3, OED).

Der dritte Trug­schluss ist des­halb ety­mo­lo­gisch. Nur weil etwas irgend­wann (hier: so vor, hm, 300-400 Jah­ren) mal so und so war, heißt das nicht, dass es noch so ist bzw. dass es noch so sein sollte. Heute wird gibt es im Eng­li­schen keine gram­ma­ti­sche V-/T-Unterscheidung. Selbst die dia­lek­tale Ver­wen­dung von thou ist auf einen sehr intimen-familiären Kon­text beschränkt. Wenn, dann wer­den Dis­tanz, Respekt oder sons­tige Hier­ar­chie­un­gleich­hei­ten auf andere Weise aus­ge­drückt. Aber gesiezt wird hier bestimmt niemand.

(Genauso däm­lich ist es umge­kehrt zu behaup­ten, im Eng­li­schen gäbe es kein Sie. Soll­ten Sie das aus mei­nen Zei­len lesen oder gele­sen haben, gehen Sie zurück zu Trug­schluss 1 und 2.)

Ach so ja: Die Groß­schrei­bung der Anrede Sie im Deut­schen ist irgend­wie auch nur eine schrift­sprach­li­che Kon­ven­tion, die zum Bei­spiel das straf­recht­li­ches Bezie­hungs­ge­flecht bei ich wurde von Ihnen/ihnen kran­ken­haus­reif geschla­gen disam­bi­gu­iert. Hände hoch, wer beim sie­zen an eine abwe­sende dritte Per­son im Plu­ral denkt? Mor­pho­syn­tak­tisch nut­zen wir im Deut­schen für die Höf­lich­keits­an­rede die 3.PL, was sprach­ty­po­lo­gisch übri­gens sehr unge­wöhn­lich ist (Helm­brecht 2005, 2011). Den­kense mal drü­ber nach, bevor Sie behaup­ten, im Eng­li­schen wird gesiezt: What did They do yes­ter­day? und Ihren gegen­über mei­nen.

Wie würde das denn klin­gen, wenn Sie eine Duz­be­kannt­schaft auf Eng­lisch mal übel beschimp­fen möchten?

Fuck thou?

PS: Also, Ana­tol, wie du siehst, sieze ich im Blog. Es lässt sich im Zwei­fels­fall leich­ter beleidigen.

--
Brown, Roger & Albert Gil­man. 1960. The pro­no­uns of soli­da­rity and power. In: Sebeok, Tho­mas [ed]. Style in Lan­guage. MIT Press: 253-276.

Busse, Ulrich. 2002. Lin­gu­is­tic varia­tion in the Shake­speare cor­pus - morpho-syntactic varia­bi­lity of second per­son pro­no­uns. Ben­ja­mins.

Helm­brecht, Johan­nes. 2006. Typo­lo­gie und Dif­fu­sion von Höf­lich­keits­pro­no­mina in Europa. Folia Lin­gu­is­tica 39(3-4): 417-452. [Link zu einer frei ver­füg­ba­ren Ver­sion von 2005, Arbeits­pa­piere des Semi­nars für Sprach­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Erfurt (18).]

Helm­brecht, Johan­nes. 2011. Poli­ten­ess Dis­tinc­tions in Pro­no­uns. In: Dryer, Matthew S. & Mar­tin Has­pel­math [eds]. The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. Max Planck Digi­tal Library, chap­ter 45. [Link] (06. Mai 2012).

Smith, Jeremy J. 1999. Essen­ti­als of Early English. Rout­ledge.

[AdJ 2011] - Welches -gate nimmst du?

Mittwoch, 25. Januar 2012

Heute blog­gen Kris­tin und ich zeit­gleich zum Kan­di­da­ten -gate. So ein Par­al­lel­post haben wir uns schon im letz­ten Jahr gegönnt: wir wis­sen also bis 22 Uhr nicht, wel­che Über­le­gun­gen die andere ange­stellt hat, wo sie gesucht hat und zu wel­chem Ergeb­nis sie kommt. Reizvoll.

(Hier geht’s zu Kris­tins Bei­trag. Sie hat auch die Nomi­nie­rungs­be­grün­dung von Patrick Schulz aus­ge­gra­ben - ich hatte gar nicht auf Kom­men­tar­seite 4 geguckt. Auch gut. Dann war ich wenigs­tens nicht in eine von bei­den Rich­tun­gen vor­ein­ge­nom­men, weil Patrick letz­tes Jahr das Sie­ger­wort lea­ken nomi­niert hatte.)

Nun denn: Zum ers­ten Mal in der tra­di­ti­ons­rei­chen Geschichte der Wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res ist ein Affix nomi­niert bzw. hat die erste Runde über­stan­den: -gate. Die Nomi­nie­rung, genauer gesagt eigent­lich die Ent­leh­nung eines gebun­de­nen Deri­va­ti­ons­mor­phems an sich, ist des­halb ein biss­chen erstaun­lich, weil in den aller­meis­ten Fäl­len unge­bun­dene, also freie lexi­ka­li­sche Ein­hei­ten ent­lehnt wer­den. Es sind also beso­ders Nomen und Ver­ben, die Spra­chen mit Vor­liebe auf­neh­men; mit ein klein biss­chen Abstand fol­gen Adjek­tive - und ganz sel­ten in der Ent­leh­nungs­hier­ar­chie ste­hen Ein­hei­ten, die sich eher am gram­ma­ti­schen Ende unse­res Wort­schat­zes befinden.

Jetzt haben wir mit -gate also ein Suf­fix, ein (augen­schein­lich) gebun­de­nes Mor­phem, ein Nominal- bzw. Derivationssuffix.

Aktua­li­tät?

In der Kürze der Zeit im aus­klin­gen­den Semes­ter war es mir unmög­lich, eine even­tu­elle Häu­fig­keit genau zu bemes­sen bzw. das Vor­kom­men des - nen­nen wir es vor­läu­fig - Wort­be­stand­teils genauer auf einen Zeit­raum ein­zu­gren­zen. Das liegt pri­mär daran, dass -gate in ober­fläch­li­chen Such­an­fra­gen alle mög­li­chen Wort­kom­bi­na­tio­nen aus­wirft, die auf -gate enden: eine flotte Auf­zäh­lung beinhal­tet bei­spiels­weise Sur­ro­gate, Aggre­gate, Agate, Spa­gate oder Col­gate. Ande­rer­seits wer­den all die »ech­ten« -gates über­se­hen, die sich bereits in der Schrei­bung der deut­schen Ortho­gra­fie ange­passt haben: also eben nicht Karatchi-Gate oder Battery-Gate, die mit einem Bin­de­strich die Suche ermög­li­chen und erleichtern.

Die schnelle Suche in Zei­tungs­kor­pora bei Cosmas II ergibt ein ebenso ver­wirr­tes Bild und hilft bei der Aktua­li­täts­über­prü­fung nur so viel wei­ter: -gate ist als Affix schon lange belegt, eigent­lich deut­lich zu alt und für die Wahl 2011 schon vor­weg nicht qualifiziert.

Also müs­sen wir uns der Nomi­nie­rung anders nähern. Ich werfe des­halb zwei Fra­gen in den Raum: 1.) Hat sich die Bedeu­tung in den letz­ten Jah­ren vor und spe­zi­ell in 2011 spür­bar vom Surrogat(e) Water­gate ent­fernt? Dann frage ich mich aller­dings auch 2.): worum han­delt es sich eigent­lich - um ein Deri­va­ti­ons­af­fix oder viel­leicht doch um den Kopf eines Kompositums?

Ursprung

Na, das über­rascht jetzt nie­man­den: Water­gate, 1972. Der OED (in der Aus­gabe von 1989, auf der die online ver­füg­bare Defi­ni­tion beruht) defi­niert es folgendermaßen:

A ter­mi­nal ele­ment denot­ing an actual or alle­ged scan­dal (and usually an attemp­ted cover-up), in some way com­pa­ra­ble with the Water­gate scan­dal of 1972.

Ein Skan­dal mit gro­ßer politisch-gesellschaftlicher Strahl­kraft, könnte man sagen. Damals.

Im Eng­li­schen war -gate übri­gens ganz flott pro­duk­tiv zur Stelle (OED):

  1. Volga­gate (1973), Dal­las­gate (1975), Korea­gate (1976),
  2. Mot­or­gate (1975), Lan­ce­gate [is no Water­gate] (1977),
  3. Wine-gate (1973), Ice Cream Gate (1977)

Dabei sind die Grup­pie­run­gen hier seman­tisch moti­viert vor­ge­nom­men (die sich bis heute wenig ver­wun­der­lich gehal­ten haben): Gruppe 1 ist nach den Orten des Skan­dals, Gruppe 2 nach den Namen der invol­vier­ten Per­so­nen oder Pro­duk­ten und Gruppe 3 nach der Sub­stanz des Skan­dals ein­ge­ord­net. Außer­dem scheint mit zuneh­men­der Zeit die Wucht des Skan­dals und sei­ner Öffent­lich­keits­wir­kung doch recht deut­lich abzunehmen.

Inter­es­sant ist auch, dass der OED -gate nicht als pro­to­ty­pi­sches Affix kate­go­ri­siert, son­dern als com­bi­ning form. Dies sind For­men, die wie Affixe auf­tre­ten (als gebun­dene Mor­pheme), also wie etwa die form medico- (von medi­cal), dazu gehö­ren auch bei­spiels­weise gebun­dene Mor­pheme wie -ology, bio-, phy­sio- oder astro-, die man auch als Wort­bil­dungs­ele­mente der soge­nann­ten neo­klas­si­schen Kom­po­si­tion bezeich­net (Wort­bil­dung mit gebun­de­nen latei­ni­schen oder grie­chi­schen Ele­men­ten). Mit -gate schei­nen wir uns also in der Grau­zone zwi­schen Kom­po­si­tion und Deri­va­tion zu befin­den: Kom­po­si­tion wäre es nur dann eindeutig(er), wenn -gate ein freies Mor­phem wäre. (Ich suche aber noch die Rele­vanz der Erkennt­nis, dass es sich um ein Kom­po­si­ti­ons­ele­ment han­deln könnte.)

Kom­po­si­tum?

Die Frage ist für die Wahl aber drit­tran­gig und abschlie­ßend beant­wor­ten möchte ich sie nicht. Jaha, dann kam heute näm­lich Babette und tat uns und der Twit­ter­ge­meinde einen ganz wun­der­ba­ren Gefal­len! Das lus­tige Ket­ten­mail­gate aus dem Bun­des­tag för­derte heute unter ande­rem diese Ver­wen­dun­gen von Gate als freies Mor­phem zu Tage:

Ein Gate und die #Pira­ten sind nicht dabei? Ich pran­gere das an! #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@AlterPirat]

Mal ein Gate, ohne dass #Pira­ten scheisse gebaut hät­ten. #kürsch­ner­gate (25. Januar 2012) [@TeleGehirn]

wüsste er, was ihr hier alles als »gate« bezeich­net, würde richard nixon sich im grabe umdre­hen. (25. Januar 2012) [@dielilly]

Das ken­nen wir auch schon von Ismus (»Das ist doch bloß wie­der so ein komi­scher Ismus!«) - das gern­zi­tier­tes Bei­spiel von frei­ge­setz­ten Mor­phe­men (mit lexi­ka­li­scher Bedeu­tung). Das macht Kom­mu­nis­mus oder Femi­nis­mus natür­lich nicht zu Kom­po­sita. Aber bei Gate bestünde durch­aus das Poten­tial, dass es sich für den klei­nen, leicht amü­sant anmu­ten­den Skan­dal für die Früh­stücks­pause durch­aus ver­selbst­stän­digt. Abwar­ten. Aber Gemach, Gemach - immer­hin suchen wir hier den Angli­zis­mus des Jah­res 2011 und nicht das Freie Mor­phem 2012.

#kürch­ner­gate ist seit Stun­den Top­trend bei Twit­ter. Das ist nicht über­ra­schend - und illus­triert die Bedeu­tungs­ver­schie­bung von -gate in die Rich­tung, dass sich bei dem ent­spre­chen­den Ereig­nis eben noch nicht mal um einen Skan­dal han­deln muss, um ein Gate zu sein.

Pro­duk­ti­vi­tät?

Diese Ein­schät­zung wird von einem Bei­trag in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen (21.01.2012) gestützt:

Aber man kann Lauer, der einer von 15 Abge­ord­ne­ten der Pira­ten­par­tei im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus ist, auch sehr schnell zum Aus­ras­ten brin­gen. Man muss nur „Part­ner­gate“ sagen, „Salz­gate“ oder „Eso­gate“. Es sind die auf Twit­ter benutz­ten Code­wör­ter der Skan­däl­chen, mit denen die Ber­li­ner Pira­ten es in letz­ter Zeit regel­mä­ßig in die Haupt­stadt­bou­le­vard­presse geschafft haben.

Also davon abge­se­hen, dass wir ver­mut­lich Pro­bleme mit der Aktua­li­tät bekom­men, finde ich diese Bedeu­tungs­ver­schie­bung eigent­lich ziem­lich rele­vant für die Wahl. Die Suche im Cosmas II bleibt hier ober­fläch­lich, aber ein gewis­ses Mus­ter zeich­net sich ab:

Water­kant­gate« nen­nen spitze Zun­gen die kaum glaub­li­chen Wahl­kampf­vor­gänge, die bewirk­ten, daß laut und in allen Lagern von Poli­tik und Gesell­schaft die Frage nach der Moral der Macht gestellt wird.
1987, Mann­hei­mer Mor­gen, 3. Dezem­ber [H87/KM6.09413]

Wel­chen Song müßte er heute spie­len, um sein durch »Moni­ca­gate« ram­po­nier­tes Image auf­zu­po­lie­ren?
1998, Frank­fur­ter Rund­schau, 6. April [R98/APR.27953]

Die Lokal­presse fand einen grif­fi­gen Titel für den Abhör­skan­dal im CDU-Haus: »Weser­gate«.
2003, Rhein-Zeitung, 1. Juli [RHZ03/JUL.00398]

Der Skan­dal hatte als »Nipple­gate« für Schlag­zei­len gesorgt.
2004, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 24. April [NUN04/SEP.02343]

Die Medien spre­chen schon vom „Karatschi-Gate“ mit dem Poten­zial, Frank­reichs neue Staats­af­färe zu wer­den.
2010, Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 23. Novem­ber [NUN10/NOV.02267]

Auch ein Kabi­netts­mit­glied gestand, dass ein Kra­wat­ten­ver­zicht erheb­li­chen häus­li­chen Ärger aus­ge­löst hätte. Krawatten-Befürworter sehen in See­ho­fers Vor­stoß ein bedau­er­li­ches Krawatten-Gate: „Stil­los“ und eine „Miss­ach­tung des Par­la­ments“, schimpfte ein auf Tra­di­tion bedach­ter CSU-Abgeordneter.
NUZ11/JUL.01355 Nürn­ber­ger Zei­tung, 14.07.2011

Es ist nur eine Stich­probe - aber wir sind im Deut­schen offen­bar von der gro­ßen Staats­af­färe zum klei­nen Kan­ti­nen­witz gewan­dert. Von Water­gate zu baju­wa­ri­schen Empö­rung über Kra­wat­ten? Also da gehört schon eine gehö­rige Por­tion Dra­maqueen­ge­quen­gel, aus Letz­te­rem sowas wie Ernst­haf­tig­keit raus­zu­le­sen. Außer­dem fehlt der heu­ti­gen Ver­wen­dung der Aspekt der Ursprungs­be­deu­tung bzw. der, die noch in den 2000er Jah­ren vor­herr­schend war, näm­lich das des Staats­skan­dals und des die Öffent­lich­keit täu­schen­den Vertuschens.

Fazit?

Ich bin mir nicht sicher, ob all diese Argu­mente -gate wirk­lich für einen der Topplätze qua­li­fi­zie­ren. Was aber inter­es­sant ist, in Erman­ge­lung der sonst eher dürf­ti­gen Erfül­lung der Nomi­nie­rungs­kri­te­rien: Wir haben eine Bedeu­tungs­ver­schie­bung zum klei­nen, amü­san­ten Skan­dal für zwi­schen­durch. Erneut ist für diese Ein­schät­zung natür­lich der Sog von Twit­ter mit­ver­ant­wort­lich. Und in der Kürze der Zeit dann trotz­dem eine span­nende und unter­halt­same Ent­de­ckung, auch für mich. So ist -gate dann doch irgend­wie ein put­zi­ger Kan­di­dat - viel­leicht mit Außen­sei­ter­chan­cen, weil wir jetzt ver­all­ge­mei­nert und unge­hemmt pro­duk­tiv auf alles anwend­bar die Gates belä­cheln dürfen.

[AdJ 2011] Where’s my Masterand?

Sonntag, 22. Januar 2012

Nomi­niert wurde Mas­terand von Leser/in kww:

Ich möchte das Wort “Mas­terand” vor­schla­gen. Es ist natür­lich eine Ana­lo­gie­bil­dung zu Diplo­mand, d.h. es bezeich­net jeman­den, der an sei­ner Mas­ter­ar­beit arbeitet.

Mir ist die­ses Wort in die­sem Jahr zum ers­ten Mal und bis­her nur in münd­li­cher Form unter­ge­kom­men. Nach der Umstel­lung von den Diplom­stu­di­en­gän­gen zu Bachelor/Master-Studiengängen taucht diese Sorte Men­schen jetzt zum ers­ten Mal auf (zumin­dest in mei­ner Umge­bung). Google zeigt, dass es auch schrift­lich vor­kommt, vor allem in Stel­len­an­zei­gen und da meis­tens in der Kom­bi­na­tion “Diplomand/Masterand”.

Bege­ben wir uns auf Exkur­sion und begin­nen ein wenig früher.

Der Begriff Mas­ter, genau wie der unter augen­schein­li­cher Ver­drän­gung lei­dende Magis­ter, geht - wenig über­ra­schend - auf das Latei­ni­sche magis­ter zurück (Kluge 1889; Grimm­sches Wör­ter­buch [DWB]). In ver­kürz­ter Form wird magis­ter meist als ›Leh­rer, Gelehr­ter, Meis­ter‹ wie­der­ge­ge­ben. Es ist auch ver­wandt mit dem deut­schen Meis­ter und des­halb auch mit allen mög­li­chen Ämtern (Bür­ger­meis­ter, ursprüng­lich wohl antonymisch-analog gebil­det: Minis­ter); also irgend­wie im Wort­feld der Gelehr­ten und Mäch­ti­gen. Der Duden erwähnt gar die mor­pho­lo­gi­sche Ver­wandt­schaft zu Magnat [s. ›Her­kunft‹, da magis ›mehr‹, als adv. zu magnus, siehe auch magna cum laude, Magna Carta - alles irgend­wie Große halt].

Magis­ter (lat.) erfuhr im Deut­schen nach der schon in frü­he­ren Sprach­sta­dien geklau­ten latei­ni­schen Bedeu­tung und Ent­leh­nung Meis­ter im Mit­tel­al­ter eine wei­tere, zweite Ent­leh­nung unter Kon­ser­vie­rung des latei­ni­schen Begriffs, näm­lich eine »von den uni­ver­si­tä­ten seit dem 15. jahrh. aus­ge­hende, mit bei­be­hal­tung der gelehr­ten latei­ni­schen form: magis­ter libe­ra­lium artium wurde der in der artisten- (phi­lo­so­phi­schen) facul­tät zum range der leh­rer­schaft erho­bene genannt; auch doc­to­ren der theo­lo­gie hies­zen magis­tri« (DWB).

Immer noch ein Gelehr­ter (und streit­bar Mäch­ti­ger), aber eben mit der Bedeu­tungs­schat­tie­rung im aka­de­mi­schen Rahmen.

Warum das alles? Weil es im Eng­li­schen ähn­lich ablief. Also auch hier magis­ter > maystr (in diver­sen Schrei­bun­gen) > mas­ter. Schauen wir uns dazu mal eine Aus­wahl der reich­hal­ti­gen Beleg­samm­lung des OED unter dem Stich­wort mas­ter1 an, wo aller­dings die über­wäl­ti­gende Anzahl an Ein­trä­gen (Bedeu­tun­gen) meine Vor­stel­lungs­kraft von Wort­be­deu­tungs­ket­ten und -rela­tio­nen auf eine herbe Probe stellt - des­halb wirk­lich Aus­wahl:

In der Bedeu­tung als ers­ter Ein­trag: ›Herr­scher, Mäch­ti­ger, Führer‹

Ðonne he gemette ða scylde ðe he stieran scolde, hræd­lice he gecyðde ðæt he wæs magis­ter & eal­dor­monn.
(10. Jhd., King Ælfred, Pas­to­ral Care, Hat­ton xvii. 117; Über­set­zung: van Gelde­ren 2010: 46)

witod­lice he sette him weorca mæg­stras, þæt hy gehyn­don hi mid hefi­gum byrþenum.
(11. Jhd. Old Eng. Hexa­teuch: Exod. (Claud.) i. 11)

Heore aȝene pine neure nere þe lesse þah heo meis­tres weren.
(13. Jhd., MS Lamb. in R. Mor­ris Old Eng. Homi­lies (1868) 1st Ser. 43)

A kin­gis prouost may haue na mare power na has his mais­ter.
(15. Jhd., G. Hay Bk. Law of Armys (2005) 103

(Ich bitte um Ent­schul­di­gung - meine Alteng­lisch­kennt­nisse rei­chen noch nicht aus, um mich in zeit­lich ver­tret­ba­rem Auf­wand durch Kasus­win­dun­gen und Satz­klam­mern zu friemeln.)

Es fol­gen 13 Haupt­ein­träge mit einer scroll­bal­ke­n­a­to­mi­sie­ren­den Zahl an unter Umstän­den obso­le­ten Unter­be­deu­tun­gen: Mana­ger, Auf­se­her, Haus­halts­vor­ste­her, Mili­tär­obe­rer, Arbeit­ge­ber, Jemanden-irgendwas-tuend-in-einer-Schule, irgendwas-technisches (mas­ter slave), Haus­tier­be­sit­zer (obächtle! Herr­chen!), Sie­ger einer Schlacht, Jemand-mit-Macht, Freier Mann, être maître, a woman’s huband, Schiffs­ka­pi­tän, Besit­zer von irgend­was - viel­leicht hätte ich mich auf Online Ety­mo­logy Dic­tio­nary beschrän­ken sol­len - Bridge­spiel­karte, Haupt­do­ku­ment, Gra­mo­phon­teil - oha, ab Bedeu­tung 11: Leh­rer, in Kom­po­sita auch als Schul­di­rek­tor, Lehr­meis­ter, Stil- und Kunst­i­kone -- und wenn ich lange genug suchen würde, bestimmt auch noch im Wort­feld des Spaßvogels.

Drei­ßig Kilo­me­ter (es fol­gen dann noch 10 wei­tere Ein­träge und eine Latte an offen­bar defi­ni­ti­ons­wür­di­gen Kom­po­sita) spä­ter sind wir also bei:

A hol­der of a senior degree from a uni­ver­sity or other aca­de­mic insti­tu­tion, the degree being ori­gi­nally of a sta­tus which con­veyed aut­ho­rity to teach at a uni­ver­sity. Now usually: the hol­der of a post­gra­duate degree below the level of a doctorate.

Per­son mit einem wei­ter­füh­ren­den Abschluss einer Uni­ver­si­tät oder einer ande­ren aka­de­mi­schen Ein­rich­tung; der Grad befä­higte ursprüng­lich zur Lehre an einer Uni­ver­si­tät. Jetzt bezeich­net mas­ter übli­cher­weise den/die Träger/in eines post­gra­du­ier­ten Abschlus­ses unter­halb eines Doktorgrades.‹

Bis ins 19. Jahr­hun­dert beschränkte sich mas­ter über­wie­gend auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (als Mas­ter of Arts oder magis­ter artium), das Dok­to­rat war das Pen­dant in den ande­ren Fächern. In die­ser Bedeu­tung ist mas­ter erst­mals 1380 belegt:

Heyr lyis Ingram of Ket­he­nys prist maystr in arit.
(1380, Proc. Soc. Anti­qua­ries Scotl. (1896) 30 42.)

Neh­men wir die Ortho­gra­fie als brauch­ba­ren Indi­ka­tor zur Aus­spra­che, lis­tet der OED eine beein­dru­ckende Liste an Ent­wick­lungs­sta­dien von magis­ter > mas­ter:

Alteng­lisch (bis ca. 11. Jdh.): mægs­ter, mages­ter, magis­ter, mæges­ter, mægis­ter
Im Über­gang zu Mit­tel­eng­lisch (11. Jdh.): mestre, mæs­tere
Mit­tel­eng­lisch (12.-14. Jdh.): maȝȝstre, mais­tere, maistr, mais­tur, mais­tyr, may­s­tere, maystir, maystur, may­styr, meis­ter, meistir, meistre, mesteir, meys­ter, maistir, mays­ter, maystre, mais­ter,
Spä­tes Mit­tel­eng­lisch (15-16 Jhd.): mass­ter, mas­tur, mas­tir, mas­tyr, mastre, mas­ter, mastar, mus­ter;
Schot­tisch (17. Jhd.): maies­ter, mais­tere, mais­ter­ris (plu­ral)
Eng. Regio­nal (18. Jhd.): maas­ter (north.), maas­ther (north.), maes­tur (west.), mais­ter,  mais­ther (north.), mars­ter (south-east.), mays­ter, meas­ter, mee­as­ter (north.), mes­ter (north.), mesther (north.), mestur (north.);

Was auf­fällt: Bereits im Mit­tel­eng­li­schen war das <g> und ver­mut­lich lange davor auch das [ɡ] ver­schwun­den. Außer­dem war Mit­tel­eng­lisch recht nahe am heu­ti­gen Meis­ter. Durch Laut­ver­schie­bun­gen und einem inten­si­ven Sprach­kon­takt mit dem Alt­nor­di­schen und Fran­zö­si­schen (OED), lan­den wir im Früh­neu­eng­li­schen (etwa ab 1500) beim mas­ter. Man könnte fast sagen: Eine laut­li­che Ent­wick­lung, die im Deut­schen beim Meis­ter und aka­de­misch beim Magis­ter ste­hen­ge­blie­ben zu sein schein - die dann vom Bologna-Prozess aber hopplahopp vor­an­ge­trie­ben wurde.*

Kom­men wir zum Wesent­li­chen, sonst steht nach­her im Kom­men­tar­be­reich: »Thema ver­fehlt!«. Immer­hin ist Mas­terand nomi­niert und die Fest­stel­lung, dass die Eng­li­sche Spra­che im Sprach­wan­del mal wie­der n Zacken flot­ter war, ist ja auch nicht so neu. Wie der/die Nomi­nie­rende ver­mu­tete, ist Mas­terand eine ana­loge Bil­dung zu Diplo­mand und Magistrand - also als Bezeich­nung für jeman­den, der/die gerade kurz vor Erlan­gung des aka­de­mi­schen Gra­des steht, also hier dem des Mas­ters. Mit Ein­füh­rung der Bachelor- und Mas­ter­ab­schlüsse und dem Aus­lau­fen der tra­di­tio­nel­len Diplom- und Magis­ter­ab­schlüsse feh­len uns offen­bar auch die Gegen­stü­cke zu diplo­mie­ren und magis­trie­ren. Man könnte  ein­wen­den, dass magis­trie­ren gar nicht exis­tiert - zuge­ge­ben, 255 Tref­fer sind im Ver­gleich zu über einer hal­ben Mil­lion für diplo­mie­ren nicht gerade üppig.

Wozu magis­trie­ren und diplo­mie­ren? Das Nomi­nalsuf­fix -and ist ein Deri­va­ti­ons­suf­fix, das aus Ver­ben auf -ieren die ent­spre­chen­den Nomen macht: neben den Diplo­man­den, Dok­to­ran­den und Habi­litan­den gibt es auch die Pro­ban­den, Kon­fir­man­den und Reha­bi­litan­den, in der Mathe­ma­tik (also unbe­lebte Enti­tä­ten) die Sum­man­den, Mul­ti­pli­kan­den, Ope­ran­den oder Inte­gran­den. Die­ses Deri­va­ti­ons­suf­fix gibt es auch in der sel­te­ne­ren Alter­na­tive -end: Sub­tra­hend oder Divi­dend - und aus dem Reich der Aka­de­mie natür­lich der Pro­mo­vend.

Die deut­lich pro­duk­ti­vere Vari­ante ist das Suf­fix­paar -ant/-ent: auch hier wer­den Nomen aus -ieren-Ver­ben abge­lei­tet, aller­dings mit einem sub­ti­len seman­ti­schen Unter­schied: Absol­vent, Minis­trant, Diri­gent, Emi­grant, Emi­t­ent, Fabri­kant, Kor­re­spon­dent, Demons­trant, Kon­tra­hent oder Que­ru­lant bezeich­nen Per­so­nen, die die Ver­bhand­lung selbst ausführen.

Die -and/-end-Nomen hin­ge­gen bezeich­nen Per­so­nen, die von der Ver­bhand­lung betrof­fen sind (Canoo.net, Duden.de). Man­che qua­li­fi­zie­ren sich also über den Minis­tran­ten zum Kon­fir­man­den. Darin liegt viel­leicht auch eine der Gründe der Kon­fu­sion, ob man (selbst) eigent­lich pro­mo­vie­ren kann oder ob man pro­mo­viert wird. (Dies ist mir bis­her vor allem von Sprach­pfle­gern vor­ge­hal­ten wor­den, weil ich sage: man kann auch *hüs­tel* selbst pro­mo­vie­ren; also sprach­lich.) Ergo­ex­kurs: Müsste man nicht sogar eine Unter­schei­dung zwi­schen Pro­mo­vent und Pro­mo­vend ziehen?

In einem Forums­ar­ti­kel bei leo.org berich­ten einige Foris­ten von ihren Bauch­schmer­zen beim Wort Mas­terand (was ana­log aber auch für Bache­l­o­rand gilt): Warum nicht Master-Student? Weil es nicht aus­rei­chend genau ist: Ein Master-Student bezeich­net all­ge­mei­ner jeman­den, der in einem Mas­ter­stu­di­en­gang ein­ge­schrie­ben ist. Der Mas­terand hin­ge­gen spe­zi­fi­ziert den Zeit­punkt des Stu­di­ums - kurz vor dem Abschluss.

So suchen bereits viele Unter­neh­men in Stel­len­bör­sen und -anzei­gen Mas­teran­den, oft wer­den der­zeit noch Diplo­man­den ange­spro­chen. Die gesuch­ten Mit­ar­bei­ter wer­den meist aus tech­ni­schen Stu­di­en­gän­gen rekru­tiert, weil sie ihre Abschluss­ar­bei­ten häu­fig als Werk­stu­die­rende in den Unter­neh­men schrei­ben kön­nen. Das dürfte auch der Grund sein, wes­halb Mas­terand eine recht statt­li­che Anzahl von Google­tref­fern erzielt, aber in Trend­lis­ten (z.B GoogleIn­sights) oder Kor­pora so gut wie gar nicht auf­taucht (wes­halb die Nomi­nie­rung in der Jury sehr skep­tisch gese­hen wurde) und wohl im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch noch nicht ange­kom­men zu sein scheint.

Einer der Leo-Foristen merkt an, dass Mas­terand unsin­nig sei, weil - wenn sich Dok­to­rand und Diplo­mand von Ver­ben auf -ieren ablei­ten - es gar kein mas­te­rie­ren gäbe. Nun ja, das ist aber auch nicht das Ent­schei­dende: Ers­tens kann man ana­log zu diplo­mie­ren oder pro­mo­vie­ren natür­lich mas­te­rie­ren ver­wen­den, um die stres­sige Phase kurz vor dem aka­de­mi­schen Abschluss zu umschrei­ben. Zwei­tens ist auch diplo­mie­ren nicht ein­fach vom Him­mel gefal­len, son­dern eben­falls eine Deri­va­tion, näm­lich von Diplom, dem Abschluss­grad also. So ist der Deri­va­ti­ons­pro­zess Mas­ter > mas­te­rie­ren > Mas­terand quasi impli­zit. Außer­dem finde ich diplo­mie­ren per­sön­lich auch nicht so nahe dran am Diplo­mand, wie bei­spiels­weise pro­mo­vie­ren am Doktoranden/Promovenden dran ist - weil bei der Dok­tor­ar­beit jeder nor­ma­ler­weise bereits mit dem Auf­schla­gen des ers­ten Buches pro­mo­viert, also wäh­rend des gesam­ten Pro­mo­ti­ons­stu­di­ums - und nicht erst in der hei­ßen Endphase.

Drit­tens, und das ist ent­schei­dend, ist die Betrach­tung der Bil­dung von Mas­terand auf rein morphologisch-formalen Aspek­ten über die Ablei­tung mas­te­rie­ren eigent­lich eher unspan­nend. Plau­si­bler ist die Annahme, dass die Bil­dung auf der Ana­lo­gie in einem fast iden­ti­schen, seman­ti­schen und kon­zep­tu­el­len Rah­men beruht, also auf dem Abschluss­grad an sich.

Fazit

Wer es bis hier­hin geschafft hat: Herz­li­chen Glück­wunsch! Denn eigent­lich ist die vor­weg­ge­nom­mene Schluss­fol­ge­rung: Kein beson­ders hei­ßer Kan­di­dat für den Angli­zis­mus des Jahres.

Warum?

Ers­tens, und viel­leicht etwas wider­sprüch­lich für die Kri­te­rien der Wahl, weil die Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit von Mas­terand nahezu exor­bi­tant hoch ist - zumin­dest bis wir Mas­ter nament­lich durch einen ande­ren Abschluss ersetzt haben. Mas­terand wird Diplo­mand und Magistrand in weni­gen Jah­ren kom­plett ver­drängt haben und der Kon­ven­tio­na­li­sie­rungs­ef­fekt wird auch die Bauch­schmer­zen hei­len. (Die Berufs­be­zeich­nun­gen Dipl-Ing oder Magis­ter wer­den mit ihren Trägern/-innen noch etwas überdauern.)

Zwei­tens, und das finde ich im End­ef­fekt für einen Kan­di­da­ten für den Angli­zis­mus des Jah­res zu wenig: Mas­terand bezieht sich in der Bil­dung auf einen Abschluss, der jeden Namen tra­gen könnte (es hat fast Eigen­na­men­cha­rak­ter). Ergo: Es würde genauso schnell wie­der ver­schwin­den. Was noch dazu kommt: Es fin­det keine wirk­li­che seman­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rung statt. Also abge­se­hen von der Tat­sa­che, dass Diplom­stu­di­en­gänge jetzt Mas­ter­stu­di­en­gänge sind - und es wirk­lich eine reine Ana­lo­gie zu den beste­hen­den Begrif­fen ist (durch Aus­tausch). Auch, dass dem Mas­ter ein Bachel­or­grad vor­ge­schal­tet wurde, ändert nichts an der Tat­sa­che, dass die Qua­len, Pus­teln und Stress­si­tua­tio­nen die glei­chen bleiben.

Drit­tens: Die ein­zige wirk­li­che Bedeu­tungs­dif­fe­ren­zie­rung (siehe Nomi­nie­rungs­kri­te­rien) befin­det sich eigent­lich im Wort Mas­ter, nicht not­wen­di­ger­weise im Mas­terand. Mas­ter ist aber ent­schie­den zu alt, um 2011 noch irgend­je­man­den angli­zis­men­tech­nisch vom Hocker zu hauen. Des­halb war mein ers­ter Reflex auch eher: Und wo ist der Angli­zis­mus? Mas­ter dif­fe­ren­ziert aber nicht gegen­über Diplom, son­dern gegen­über sei­nem ety­mo­lo­gi­schen Ver­wand­ten Meis­ter, also als Grau-Wieder-Re-Übersprungs-Import. Man hätte für Mas­ter den Meis­ter im Bil­dungs­we­sen aus nahe­lie­gen­den Grün­den aber nicht vor­schla­gen kön­nen. Wir ver­tra­gen jede Menge Poly­se­mie - aber bei qua­li­fi­zie­ren­den Bildungs- und Berufs­gra­den hört die Poly­se­mie­ver­träg­lich­keit auf fach­li­cher Grund­lage auf. Gut, die Nomi­nie­rungs­kri­te­rien las­sen auch zu, wenn etwas bis dato umständ­lich umschrie­ben wer­den musste: so ersetzt Mas­terand die Mas­ter­ar­beitschrei­ben­den oder gar ganze Phra­sen wie die Stu­die­ren­den, die ihre Mas­ter­ar­beit schrei­ben.

Ich finde aber: Das reicht nicht.

Eine letzte Bemer­kung, der ich wirk­lich nicht wider­ste­hen kann: Die Meis­tern­örg­ler hin­ter dem Angli­zis­mus­in­dex des VDS fin­den, dass Mas­ter in den Natur­wis­sen­schaf­ten ergän­zend, für die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten aber ver­drän­gend ist - das ver­stehe im Ungleich­schritt der Lexi­konent­wick­lung im Deut­schen und Eng­li­schen wer will: Gerade in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wäre der Mas­ter doch eine semantisch-verwandte Wei­ter­ent­wick­lung zu Magis­ter. Na, was soll’s.

Oder aber ich hab trotz­dem das Thema ver­fehlt und hätte eigent­lich über die Ent­wick­lung von -and/-end aus dem latei­ni­schen Gerun­divsuf­fix -andus sin­nie­ren sol­len. Ich setze es mal auf meine lange »irgen­wann noch zu bloggen«-Liste.

Spaß gemacht hat’s trotzdem.

--

DWB: Grimm, Jakob und Wil­helm Grimm. 1854-1961. Deut­sches Wör­ter­buch [DWB]. Leip­zig 1971. [Online]

Kluge, Fried­rich. 1889. Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che. Straß­burg: Trüb­ner. [Online].

  1. »mas­ter, n.1 and adj.«. OED Online. Decem­ber 2011. Oxford Uni­ver­sity Press. 20 Janu­ary 2012 <http://www.oed.com/viewdictionaryentry/Entry/114751>.

Noch mehr Beulen für Athen

Montag, 5. Dezember 2011

Letzte Woche ging’s um Zähne und Beu­len - und um die Schluss­fol­ge­rung, dass nicht alles, was der Mut­ter­sprach­ler für nicht-existent hält, in sei­ner Spra­che auch tat­säch­lich nicht-existent ist.

Teil II: LIVE COOKING

In eine ganz ähn­li­che Kate­go­rie fällt live coo­king. Illus­triert ist das (von Tonks?) durch einen Car­toon mit einem Koch­topf, aus dem Hände ragen - was angeb­lich zei­gen soll, woran »Eng­län­der […] bei ›Live Coo­king‹ den­ken«. Mit der Ver­wen­dung und der Anwen­dung von Live Coo­king machen wir uns in den Ohren eines Mut­ter­sprach­lers des Eng­li­schen also des Kan­ni­ba­lis­mus schuldig.

(wei­ter­le­sen …)

Anglizismus des Jahres 2011

Freitag, 18. November 2011
Anglizismus des Jahres 2011

Nach dem durch­schla­gen­den Erfolg der letzt­jäh­ri­gen Wahl gibt es auch 2011 wie­der eine Wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res. Über die Aktion die­ser etwas ande­ren Jah­res­end­wort­wahl wurde sogar im fer­nen Kanada (CBC) und im noch fer­ne­ren Aus­tra­lien (The Age) berich­tet. In Deutsch­land immer­hin sehr öffent­lich­keits­wirk­sam in… Ach, lesen Sie’s selbst nach!

Und weil neben aller Ernst­haf­tig­keit, und einer sehr ehren­vol­len Auf­gabe der Spaß für die Jury natür­lich auch ein Kri­te­rium ist, bin ich der erneu­ten Ein­la­dung in die Jury gefolgt. Jetzt rufen wir unsere Leser auf, bis zum 7. Januar 2012 auf der eigens auf­ge­bau­ten Web­seite die Nomi­nie­run­gen für die­ses Jahr einzureichen.

Nomi­nie­rungs­kri­te­rien wie im letz­ten Jahr:

  • stammt ganz oder in Tei­len aus dem Englischen
  • ist einer brei­ten Sprach­ge­mein­schaft 2011 ins Bewusst­sein gerückt
  • füllt eine lexi­ka­li­sche Lücke im Deutschen.

Bis zum 7. Januar ist noch n büschen hin. Es bleibt zwar ein wenig län­ger Zeit, als für die Weih­nachts­ge­schenke, aber:

Auf geht’s!

…und so hinten raus?

Freitag, 30. September 2011

Heute wie­der ein Betrag aus der Reihe: Was macht lin­gu­is­ti­sches Wis­sen eigent­lich für Otto Nor­mal­ver­brau­che­rin ganz nützlich?

Ich tran­skri­biere momen­tan wie­der Sprach­auf­zeich­nun­gen mit Gesprächs­part­nern aus der Wirt­schaft. Lin­gu­is­tisch und auch fürs Blog inter­es­sant wäre das als Grund­lage für eine Ana­lyse von Angli­zis­men­an­tei­len in der Varie­tät der deut­schen Wirt­schafts­spra­che. Aber um da einen Blog­bei­trag draus zu machen, brau­che ich erst das Ein­ver­ständ­nis der Ver­ant­wort­li­chen. Vor­weg viel­leicht: Es bleibt bei den fürs Deut­sche han­dels­üb­lich dia­gnos­ti­zier­ten zwei bis vier Prozent.

Also kom­men wir zu etwas Unver­fäng­li­che­rem, was einem viel­leicht auch aus jeder Unter­hal­tung bekannt sein könnte. Mir ist letz­tens näm­lich auf­ge­fal­len, dass ein Teil­neh­mer das Par­ti­zip Per­fekt von out­sour­cen mit out­ge­sour­ced wie­der­ge­ge­ben hat. Nun mag der eine oder die andere auf­heu­len, wie man es wagen kann, ein deut­sches Affix in einen Angli­zis­mus zu schmug­geln. Man kann natür­lich auch geout­sour­ced sagen (was das Pro­blem für den Sprach­äs­the­ten nicht lösen würde). Der Spre­cher inter­pre­tierte out­sour­cen hier als trenn­ba­res Verb und ähn­lich wie andere trenn­bare Ver­ben (anfan­gen > angefan­gen), fügt man das Par­ti­zip­prä­fix dann eben nach dem Halb-Präfix out ein. Ein ähn­li­cher Fall ist die Varia­tion bei gedown­loa­det und down­ge­loa­det, je nach­dem, ob man down­loa­den als trenn­bar ansieht oder eben nicht. (Die Pro­ble­ma­tik der angeb­li­chen Unver­träg­lich­keit deut­scher Fle­xi­ons­mor­pheme in Angli­zis­men lässt sich übri­gens ganz ein­fach aus der Welt schaf­fen, indem man aner­kennt, dass out­sour­cen und down­loa­den deut­sche Wör­ter sind und dem­ent­spre­chend nach unse­ren Regeln kon­ju­giert werden.)

Mir geht es aber um etwas ganz anderes.

Ich habe oben out­ge­sour­ced bewusst mit <d> wie­der­ge­ge­ben. Wie ja nun jeder weiß, wird im Deut­schen das Par­ti­zi­paf­fix, in die­sem Fall das Zir­kum­fix ge-V-t für die Par­ti­zi­pien regel­mä­ßi­ger Ver­ben mit [t] gespro­chen und mit <t> geschrie­ben. Bei Angli­zis­men, vor allem bei sol­chen, die noch rela­tiv neu ein­ge­wan­dert sind, ist grö­ßere Ver­wir­rung vor allem in der Ortho­gra­fie des­halb nicht unge­wöhn­lich: Und zuge­ge­ben, out­ge­sourct und out­ge­sour­cet sehen auf den ers­ten Blick tat­säch­lich selt­sam aus - oft behilft man sich bei der schrift­li­chen Wie­der­gabe also (noch) zusätz­lich der Fle­xi­ons­re­geln der Geber­spra­che. Bei out­sour­cen hat <out­ge­sour­ced> ver­mut­lich auch des­halb noch dop­pelt so viele Google­tref­fer, wie <outgesourc(e)t>.*

*[UPDATE: ke hat mich in einem Kom­men­tar dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass ich in der Hek­tik völ­lig falsch gezählt habe: <out­ge­sour­ced> und <out­ge­sourct> haben grob etwa gleich viele Tref­fer bei Google. An der Annahme der Ver­wir­rung bei der Ortho­gra­fie ändert das (noch) nichts grund­le­gen­des. Danke für den Hin­weis, SF]

Neben einem selt­sa­men Aus­se­hen von out­ge­sour­cet könnte das ein Grund sein, ober eben mög­li­cher­weise ein gespro­che­nes [d], also immer dann beson­ders, wenn die Inte­gra­tion eines Angli­zis­mus in das deut­sche Laut­sys­tem noch nicht voll­stän­dig abge­schlos­sen ist.

Der Grund also, wes­halb ich geout­sour­ced hier mit <d> schreibe, liegt an der Art, wie es der Inter­viewte aus­sprach, näm­lich mit [d]. Die span­nende Frage also: Woran hört man, dass out­ge­sour­ced für die­sen Spre­cher noch nicht voll­stän­dig inte­griert ist, auch wenn er hier sogar für /r/ nicht die »eng­li­sche«, son­dern die »deut­sche« Vari­ante gewählt hat? Nun, bei die­sem Spre­cher ist es mir schlicht im Kon­trast zu geset­telt (von set­teln, engl. to settle) auf­ge­fal­len, das er deut­lich hör­bar mit [t] realisierte.

Und nun?

Da kommt ein pho­no­lo­gi­scher Pro­zess zum Tra­gen, den das Deut­sche hat, nicht aber das Eng­li­sche: Steht im Deut­schen am Silben- oder Wort­ende ein stimm­haf­ter Kon­so­nant wie z.B. /b/, /d/ oder /g/, so wird die­ser Kon­so­nant stimm­los aus­ge­spro­chen, also als /p/, /t/ oder /k/. Genauer gesagt betrifft die­ser Pro­zess nur die soge­nann­ten Obstru­en­ten, also die Kon­so­nan­ten, bei denen der Luft­strom kurz­fris­tig kom­plett untebro­chen ist, und Fri­ka­tive wie /z/ oder /ʒ/; bei den sono­ran­ti­schen Kon­so­nan­ten wie /m/ oder /n/ ist das nicht der Fall, die sind immer stimmhaft.

Mit ande­ren Wor­ten und als Haus- und Hof­bei­spiel: Rad und Rat sind als [ra:t] in Iso­la­tion gespro­chen nicht zu unter­schei­den. Liegt der stimm­hafte Kon­so­nant dage­gen nicht am Sil­be­nende, bleibt’s beim stimm­haf­ten Laut. Des­halb haben wir [li:bə] für Liebe, aber [li:p] für lieb oder [tsu:k] ›Zug‹ im Sin­gu­lar, aber [tsy:gə] ›Züge‹ im Plural.

Das ganze nennt sich Aus­laut­ver­här­tung (oder all­ge­mei­ner Neu­tra­li­sa­tion) und ist neben dem Deut­schen oder dem Nie­der­län­di­schen auch in eini­gen sla­vi­schen Spra­chen oder dem Tür­ki­schen zu fin­den - aber eben zum Bei­spiel nicht im Englischen.

Es ist des­halb also span­nend zu sehen, dass geset­telt und out­ge­sour­ced in der Wie­der­gabe (jetzt die­ses Spre­chers) mal mehr, mal weni­ger ein­ge­bür­gert zu sein scheint. Was an sich für mich über­ra­schend war, da eigent­lich meist erst die pho­no­lo­gi­sche und dann die mor­pho­lo­gi­sche Ein­bür­ge­rung erfolgt - und beide Lexeme waren ja schon mit ein­hei­mi­schem mor­pho­lo­gi­schem Mate­rial bestückt, bei der Bil­dung des Par­ti­zips näm­lich. Und ich stelle die These auf, dass man out­ge­sour­cet auch in der gro­ßen Mehr­heit schreibt, wie man es, äh, spricht.

Aus­laut­ver­här­tung betrifft natür­lich auch alle Fremd­wör­ter im Deut­schen, die am Wort- oder Sil­be­nende einen stimm­haf­ten Obstru­en­ten haben. Des­halb ist Blog laut­lich von Block nicht zu unter­schei­den (und für den Genus­wan­del von das Blog zu der Blog höchst­wahr­schein­lich mit­ver­ant­wort­lich), bloggen unter­schei­det sich aber von blocken.

Die Aus­laut­ver­här­tung ist übri­gens ein Ele­ment eines typisch deut­schen Akzents (beim Eng­lisch spre­chen). Mut­ter­sprach­li­che Inter­fe­renz führt dazu, dass Deutsch­spra­chige die Aus­laut­ver­här­tung quasi mit ins Eng­li­sche impor­tie­ren (z.B. Kort­mann 2005: 182). Wer also in der Sprach­ver­mitt­lung arbei­tet oder ein­fach einen klei­nen, ein­fa­chen Tipp haben möchte, wie man am eige­nen Akzent im Eng­li­schen arbei­ten kann: Lehre und lerne, I want a suite und I want a Swede auch pho­no­lo­gisch zu unter­schei­den. Voilà.

Umge­kehrt liegt in der Aus­laut­ver­här­tung mög­li­cher­weise ein Grund (von meh­re­ren), wes­halb Spre­cher von Spra­chen ohne Aus­laut­ver­här­tung Deutsch unter Umstän­den als »hart« wahr­neh­men: Bei der Pro­duk­tion von stimm­lo­sen Lau­ten wird mehr Luft nach außen gepresst, wes­halb diese Kon­so­nan­ten auch »lau­ter« klin­gen. Genau genom­men ist die Sache etwas kom­pli­zier­ter: die Arti­ku­la­tion der Pho­neme /p, t, k/ ist eher eine Fall von For­tis ›stark‹, die der Pho­neme /b, d, g/ von Lenis ›schwach‹ (Kort­mann 2005:  64, Roach 2009: 28f). Aber nunja, für die Illus­tra­tion reicht’s. Wen das nicht über­zeugt: Füh­len wir von Quat­schern im Kino gestört, wer­den wir zur Unter­maue­rung etwai­ger Genervt­heit eher ein här­ter zischen­des, stimm­lo­ses [ʃ] anstim­men, als ein stimm­haf­tes und unauf­ge­reg­tes [ʒ].

Im Deut­schen bin ich des­halb ja auch meist [su:s], im Eng­li­schen hin­ge­gen [su:z]. Das noch dazu. Und wer hier einen Bezug zum Anfang die­ses Bei­trags erwar­tet: Natür­lich steht in der Tran­skrip­tion out­ge­sour­cet, weil es sich um ein inhalt­li­ches, also um ein an die deut­sche Ortho­gra­fie ange­pass­tes Tran­skript han­delt - und lei­der nicht um ein pho­ne­ti­sches zu lin­gu­is­ti­schen Forschungszecken.

Statt Post­script: Wer noch ein­wen­den möchte, dass man statt out­sour­cen auch aus­la­gern sagen könnte: in vie­len Fäl­len und je nach Kon­text ist das even­tu­ell mög­lich. Aber der Inter­viewte nutzte beide Lexeme. Und, wenig über­ra­schend, sie waren sehr deut­lich nicht syn­onym aus­tausch­bar: 1) out­sour­cen, ›Unter­neh­mens­ab­läufe von einer Fremd­firma aus­füh­ren las­sen‹; 2) aus­la­gern, ›mit Tei­len der Firma anderswo hin­ge­hen oder Unter­neh­mens­pro­zesse aus dem Stamm­la­ger aus­glie­dern‹. Also auch wenn man es wie­der mal der Yuk­ka­palme erzäh­len könnte: Klas­si­sche Bedeutungsdifferenzierung.

Lite­ra­tur:
Kort­mann, Bernd. 2005. Lin­gu­is­tics: Essen­ti­als. Ber­lin.
Roach, Peter. 2009. English Pho­ne­tics and Pho­no­logy. Cam­bridge.

Bastian Sick und die Schirie-Pfeifin

Sonntag, 3. Juli 2011

Die Sport­schau fragte am Frei­tag in einem Inter­view den aus­ge­wie­se­nen Sprach­ge­brauchs­ex­per­ten Bas­tian Sick, wel­chen Her­aus­for­de­run­gen die mediale Öffent­lich­keit wäh­rend der lau­fen­den Fußball-WM im Bezug auf den Sprach­ge­brauch aus­ge­setzt ist. Ich bin keine Exper­tin für Femi­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik und ich kann hier auch keine Emp­feh­lung zu Alter­na­ti­ven für Mann­schaft geben. Doch keine Sorge! Wo ein Sick auf­taucht, bleibt noch jede Menge ande­rer Blöd­sinn im digi­ta­len Raum stehen.

Das Pro­blem liegt ja schon darin - »unter­halt­same« Sprach­kri­tik hin oder her -, dass man den Ein­druck bekom­men könnte, Sick möchte ernst genom­men wer­den. Er beginnt aber gleich mit einem ziem­lich däm­li­chen, wenn nicht sogar sehr abwer­ten­den Wort­spiel zu Bir­git Prinz: »Selbst­ver­ständ­lich ist sie eine ›Kapi­tä­nin‹, auch wenn sie ›Prinz‹ heißt und nicht ›Prinzessin‹«.

Wenn jetzt alle Gehirn­win­dun­gen fürs Fremd­schä­men ent­spannt sind und sich die Fuß­nä­gel wie­der geglät­tet haben, kann es wei­ter gehen:

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Jetzt mal Buttercakes bei die Fische (I)

Sonntag, 12. Juni 2011

Zuerst die unfrei­wil­lige Komik: »Angli­zis­men gehen mir auf den Keks.«

Warum komisch? Weil Keks ein Angli­zis­mus ist. Also nicht so offen­sicht­lich viel­leicht. Viel­mehr ist es ein ehe­ma­li­ger, mitt­ler­weile so gut inte­grier­ter und so ein­ge­deutsch­ter Angli­zis­mus, dass er gar nicht mehr als sol­cher erkenn­bar ist und sel­tenst in Angli­zis­men­fil­tern hän­gen bleibt (aller­höchs­tens um zu beto­nen, dass wir nicht ja alles aus­bür­gern müs­sen). Eigent­lich wollte ich nur amü­siert einen Anglis­ten­witz zum Bes­ten geben und es dabei belas­sen. Doch dann uferte eine kleine Recher­che so unglaub­lich aus, dass sich jen­seits der bei­nahe all­be­kann­ten Her­kunft und Ent­wick­lung von cakes (engl.) > Cakes (dt. pl.) > Keks (pl. & sg.) > Keks (sg.)/Kekse (pl.) plötz­lich ein fan­tas­ti­sches Anschau­ungs­bei­spiel für eine ganze Menge sprach­li­cher Pro­zesse auftat.

Wenn wir hier­mit also durch sind, haben wir Ent­leh­nung, pho­ne­ti­sche und ortho­gra­phi­sche Inte­gra­tion, Varia­tion, Reana­lyse und Sprach­wan­del abge­hakt, Metho­den der his­to­ri­schen Sprach­wis­sen­schaft ange­schnit­ten und neben­bei eine urbane Legende ent­zau­bert. Nur die Rede­wen­dun­gen, die müs­sen drau­ßen blei­ben. Freuen Sie sich nen Keks!

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Twitter: »Baden-Württemberg« kein Wort

Montag, 28. März 2011

An die­ser Stelle schrieb ich kurz über Koor­di­na­tiv­kom­po­sita am Bei­spiel von Baden-Württemberg und stellte die Frage, ob Baden-Württemberg ein sol­ches ist. Die patrio­ti­sche Ant­wort: Es ist ein unmög­li­cher Aus­druck. Nun beweist Twit­ter, dass Baden-Württemberg noch nicht mal ein Wort ist.

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