Archiv für die Kategorie „Morphologie“

Kandidat I: LEAKEN (Anglizismus des Jahres)

Freitag, 14. Januar 2011

Kris­tin hat nebenan im Schplock bereits einen ganz hei­ßen Kan­di­da­ten für den Titel „Angli­zis­mus des Jah­res 2010″ vor­ge­stellt, die/das App. Mit ihrem aus­führ­li­chen Arti­kel hat sie die Mess­latte für die blog­gende Jury hoch ange­setzt. Dann will ich mich heute dem zwei­ten Favou­ri­ten der Publi­kums­gunst wid­men: lea­ken.

[Kris­tin und ich haben unsere Gedan­ken zu lea­ken zeit­gleich ver­öf­fent­licht. Update 0 Uhr 21: Kris­tins Bei­trag fin­det sich hier.]

Die Gedan­ken zu lea­ken - auch für alle fol­gen­den Kan­di­da­ten - wer­den sich im Wesent­li­chen an den für die Wahl auf­ge­stell­ten Haupt­kri­te­rien ori­en­tie­ren: Aktua­li­tät für eine breite Öffent­lich­keit und dem Fül­len einer lexi­ka­li­schen Lücke in der deut­schen Spra­che. Dar­über hin­aus soll die Spra­che und weni­ger die Gesell­schafts­kri­tik im Vor­der­grund stehen.

Packen wir’s an.

(wei­ter­le­sen …)

Anglizismus des Jahres 2010: Publikumswahl

Donnerstag, 13. Januar 2011

Mor­gen werde ich ein paar Gedan­ken zu einem bzw. meh­re­ren der Vor­schläge zu Bild­schirm brin­gen. Fürs erste sind unsere Leser auf­ge­ru­fen, an der Publi­kums­wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res teil­zu­neh­men. Sozu­sa­gen ein Public Vote zusätz­lich zur - letzt­end­lich offi­zi­el­len - Jurywahl.

Was ist Ihr Angli­zis­mus des Jahres?
App
aus­rol­len
Bal­co­n­ing
Blur­many
Cab­le­gate
Cher­many
Cloud
clou­den
durch­fa­ven
ent­fri­en­den
lea­ken
lei­ken oder liken
Scrip­ted Reality
Shits­torm
Social Media
Whist­leb­lo­wer
pollcode.com free polls

Wei­tere Blog­bei­träge von Jury­kol­le­gen zur Wahl:
Kris­tin Kopf: [Angli­zis­mus des Jah­res] Die App?
Michael Mann: Die Qual der Angli­zis­men­wahl / Google als Daten­lie­fe­rant
Ana­tol Ste­fa­no­witsch: Angli­zis­mus des Jah­res: Zwischenmeldung

Wahlaufruf: Anglizismus des Jahres 2010

Dienstag, 28. Dezember 2010

Sprach­log­ger Ana­tol Ste­fa­no­witsch sucht nebenan im Sprach­log den Angli­zis­mus des Jah­res 2010. Unter Ana­tols Vor­sitz wird eine Jury aus blog­gen­den Ger­ma­nis­ten und Anglis­ten im Januar aus Vor­schlä­gen der Öffent­lich­keit das Gewin­ner­wort (und den Gewin­ner) wäh­len. In der Jury sit­zen neben Ana­tol die Blog­ge­rIn­nen Juliana Gosch­ler, Kris­tin Kopf, Michael Mann und meine Wenigkeit.

Die Moda­li­tä­ten wer­den hier und hier geson­dert auf­ge­führt, zusam­men­fas­send schreibt Ana­tol in sei­nem Wahlaufruf:

Nomi­nierte Wör­ter soll­ten (ganz oder in Tei­len) aus dem Eng­li­schen stam­men, sie soll­ten neu sein, d.h. im Jahr 2010 zum ers­ten Mal ver­wen­det wor­den oder wenigs­tens zum ers­ten Mal in das Bewusst­sein einer brei­ten Öffent­lich­keit gelangt sein. Sie soll­ten eine inter­es­sante Lücke im deut­schen Wort­schatz fül­len, ent­we­der, indem sie eine vor­han­dene Wort­be­deu­tung wei­ter aus­dif­fe­ren­zie­ren oder, indem sie ein Wort für etwas bereit­stel­len, was es vor­her nicht gab oder was vor­her nur müh­sam umschrie­ben wer­den konnte.

Nomi­nie­run­gen dür­fen bis zum 7. Januar in den Kom­men­ta­ren des ers­ten Wahl­auf­rufs (und nur da!) mit Quelle und Begrün­dung hin­ter­las­sen wer­den. Diese Wahl ist die erste sei­ner Art, der aber in Zukunft wei­tere fol­gen sollen.

Warum?

Bleibt eine Frage: Wie kann man erst auf Wör­ter­wah­len schimp­fen und dann selbst eine ver­an­stal­ten? Nun, ich will ver­su­chen, ob man nicht doch eine Wör­ter­wahl hin­be­kommt, bei der es tat­säch­lich um Spra­che geht, und nicht um Gesell­schafts­kri­tik. Es wird viel und unqua­li­fi­ziert auf die eng­li­sche Spra­che und ihren Ein­fluss auf das Deut­sche geschimpft, und dabei wird über­se­hen, dass die Ent­leh­nung von Wör­tern aus ande­ren Spra­chen ers­tens völ­lig nor­mal und zwei­tens ein Pro­zess der sprach­li­chen Berei­che­rung ist. [Her­vor­he­bung von mir.]

Oder: „Alle has­sen eng­li­sche Lehn­wör­ter. Wir nicht.“

Niveaulimbo bei Spiegel Online

Dienstag, 30. November 2010

Niveaulimbo ist „Jugend­wort des Jah­res 2010″. Spie­gel Online schreibt dazu:

Laut Jury­be­grün­dung steht es für ein „stän­di­ges Absin­ken des Niveaus, aus dem Ruder lau­fende Par­tys und sinn­lose Gesprä­che“ unter Jugend­li­chen. Zudem werde damit auch die „gegen­wär­tige Ent­wick­lung der TV-Landschaft“ von Jugend­li­chen kri­tisch beäugt und kom­men­tiert. Das fin­det jeden­falls die Jury.

Soso.

Im Ren­nen waren noch arg gepresst wir­kende Krea­tio­nen wie Arsch­fax ‚Tex­til­pfle­ge­hin­weis‘, Speck­bar­bie ‚dickes Mäd­chen in engen Kla­mot­ten‘ (wel­ches von den Jugend­li­chen in der Jury übri­gens als zu abwer­tend abge­lehnt wurde), und Klapp­ka­ri­bik ‚Münzmallorca‘.

Aber mir gefällt das. Also Niveaulimbo. Sehr tref­fend, fast schon unfrei­wil­lig komisch. Und weil ich mir jetzt nicht die Mühe machen will, alle Google­tref­fer für Niveaulimbo von vor dem letz­ten Wochen­ende zu ana­ly­sie­ren (nur so viel: ein Jugend­wort isses nicht), hier ein Hin­weis an SPON: Ein­fach mal im eige­nen Archiv nach­gu­cken, not­falls 2005, da wird die Bedeu­tung anhand einer sehr anschau­li­chen Meta­ver­wen­dung auch gleich mitgeliefert.

Haarige Derivate

Freitag, 22. Oktober 2010

Haben Sie auch schon mal gehört, dass Irisch keine Wör­ter für ja und nein hat? Oder keins für Sex? Ers­te­res ist wahr, zwei­tes nicht. Kön­nen die Iren des­halb zum Sex (nicht) nein sagen? Oder Taga­log, das angeb­lich kein Wort für Kapi­ta­lis­mus hat? Doch, kapi­ta­lismo. Oder die berühmte Scha­den­freude, die Anglo-Amerikaner angeb­lich nicht emp­fin­den, weil sie kein Wort dafür haben? Und die Deut­schen sind natür­lich geord­ne­ter, als die Eng­län­der, weil wir die über­sicht­li­che Über­sicht­lich­keit haben. Das ist natür­lich eine wahn­wit­zige Logik, aber darum soll’s hier jetzt nicht gehen.

Umge­kehrt geht’s natür­lich auch: Eski­mo­spra­chen haben ___ Wör­ter für Schnee, asia­ti­sche Spra­chen ___ Wör­ter für die Zube­rei­tung von Reis - und Alba­nisch hat eine beacht­li­che Zahl an Wör­tern für Schnurrbart.

Angeb­lich 27, um genau zu sein.

(wei­ter­le­sen …)

Parataktisches Länderspiel

Samstag, 11. September 2010

Ist Baden-Wuerttemberg ein Koordinativkompositum?

Bei die­sen Kom­po­sita, auch Dvand­vas genannt, befin­den sich die Bestand­teile nicht im „übli­chen“ Ver­hält­nis seman­ti­scher Unter- bzw. Ober­ord­nung, son­dern sind - obächtle - gleich­wer­tig. Baden-Wuerttemberg ist aber schlicht ein unmög­li­cher Aus­druck. Und nie­mals, lie­ber NDR, ist es ein Derby, auch nicht das Baden-Wuerttemberg-Derby.

Es ist Länderspiel.

Zur Feier des Tages spen­diere ich den Schwa­ben zwei Punkte.

Wenn ein Wort entzweit

Sonntag, 29. August 2010

Wann ist ein ‚Wort‘ ein Wort und wann ist ein Wort zwei Wörter?

Diese Frage spal­tete auf der StuTS beim abend­li­chen Gril­len die Gruppe. Wir spielte das StuTS-Traditionsspiel, bei dem sich die Mit­spie­ler eine Per­son aus­den­ken und anonym auf einen Zet­tel schrei­ben. Diese Zet­tel kom­men in einen Topf. Zwei Grup­pen wer­den gebil­det; dann soll im Wech­sel jeweils ein Mit­glied einen Zet­tel zie­hen und die Per­son auf dem gezo­ge­nen Zet­tel sei­ner eige­nen Gruppe in maxi­mal drei Wör­tern erklä­ren. Bei­spiel: Ich hatte Heinz Erhardt gezo­gen und beschrieb ihn mit ‚Schau­spie­ler‘, ‚Nach­kriegs­zeit‘, ‚wit­zig‘ (kam kei­ner drauf). Wird die Per­son von der Gruppe erra­ten, bekommt die Gruppe einen Punkt; wenn nicht, wan­dert der Zet­tel in den Topf zurück.

Für Runde Zwei kom­men die Zet­tel wie­der in den Topf, das Spiel wie­der­holt sich mit den glei­chen zu erra­ten­den Per­so­nen - in der zwei­ten Runde dür­fen aber nur noch zwei Wör­ter zur Umschrei­bung ver­wen­det wer­den, da die Per­so­nen ja bekannt sind und Wör­ter aus der ers­ten Runde wie­der­holt wer­den dür­fen. In der drit­ten Runde das glei­che Spiel, die­ses Mal darf nur noch ein Wort benutzt wer­den. Alles klar? Wich­tig für den wei­te­ren Ver­lauf ist ledig­lich, dass es um die Regel ging, ein Wort zur Umschrei­bung einer Per­son zu ver­wen­den, um den Punkt zu erhalten.

Die zu erra­tende Per­son war ‚Robin Hood‘. Und der Begriff, um den es in der drit­ten Runde ging, war Sher­wood Forest. (wei­ter­le­sen …)

Neulich im Fast-Food-Tempel

Montag, 23. August 2010

Beim aktu­el­len Besuch von McDonald’s war ich ja ob der Neu­krea­tion des Nürn­bur­gers nicht unwe­sent­lich ver­wirrt. Was mir dar­über hin­aus auf­ge­fal­len ist, als ich auf meine Frit­ten war­tete: wie spricht der Deut­sche sie eigent­lich aus, die Ham­bur­ger, Cheese­bur­ger, Fisch­bur­ger oder Nürn­bur­ger?

An meh­re­ren beson­ders schö­nen Exem­pla­ren mut­ter­sprach­li­cher Eims­bütt­ler fiel mir auf, dass zumin­dest in Ham­burg fol­gende Aus­spra­che­mus­ter vor­lie­gen (pho­no­lo­gisch bes­ser geschulte Lin­gu­is­ten und tech­nisch ver­sier­tere Men­schen mögen mir die Abwe­sen­t­heit einer Tran­skrip­tion auf pro­fes­sio­nel­le­rem Niveau verzeihen):

  • Cheesebörger
  • Fischbörger

ABER:

  • Hamburger

(Wer Cheese­bör­ger sagte, sagte auch Hamburger.)

Ich würde es übri­gens nicht anders aus­spre­chen - die Frage ist, ob die­ses Mus­ter auch für andere Teile des deut­schen Sprach­raums gilt (ver­mut­lich). Die viel span­nen­dere Frage dürfte natür­lich sein, wel­che mor­p­ho­pho­no­lo­gi­schen Pro­zesse im Gang sind (d.h. -bör­ger/-bur­ger sind hier lexi­ka­lisch bedingte Allo­mor­phe). Unge­klärt bleibt des­halb, wie man sei­nen Nürn­bur­ger bestellt: Nürn­bur­ger, Nürn­ber­ger, Nürnbörger?

Ich gehe nicht zu McDonald’s, sie nen­nen es Feldforschung.

Von Hamburgern und Nürnburgern

Mittwoch, 11. August 2010

Sie haben’s geschafft. Ich stand letzte Woche im Restau­rant zum gol­de­nen M und war kurz­fris­tig sehr ver­wirrt. Aber der Reihe nach.

McDonald’s wirbt auf Bus­sen im Ham­bur­ger Nah­ver­kehr mit „Mehr Ham­bur­ger gibt’s bei uns“. Das Wort­spiel funk­tio­niert natür­lich, weil Ham­bur­ger sowohl die Bedeu­tung ‚Per­son aus Ham­burg‘ als auch ‚gegrill­tes Rind­fleisch im Bröt­chen‘ hat. Und auch wenn die Her­kunft der zwei­ten Bedeu­tung nicht zwei­fels­frei auf die Han­se­stadt zurück zu füh­ren ist, bzw. zu Ham­burg keine abschlie­ßende Bezie­hung her­zu­stel­len ist, ist - unter der Annahme, dass der Bur­ger doch iiiiir­gend­wie mit der Hafen­stadt zu tun hat - Ham­bur­ger eines der Haus- und Hof­bei­spiele für einige wich­tige mor­pho­syn­tak­ti­sche Prozesse.

Zum Anek­do­ten­re­per­toire eines Anglis­ten oder Lin­gu­is­ten sollte auch die Dis­kus­sion mit nicht-deutschsprachigen Glo­be­trot­tern dar­über gehö­ren, dass Ham­bur­ger ver­mut­lich keine urame­ri­ka­ni­sche Erfin­dung ist und dass Bur­ger ety­mo­lo­gisch nicht nur mit Fleisch zwi­schen Bröt­chen zu tun hat, son­dern auch mit dem (der?) deut­schen Burg ver­wandt ist. Eine sol­che Dis­kus­sion endet meist dann, wenn man dem lin­gu­is­tisch nicht geschul­ten Gesprächs­part­ner die zuge­ge­be­ner­ma­ßen fiese Frage stellt, wo im Ham­bur­ger denn der Schin­ken (engl. ham) sei. Von einem befreun­de­ten Lin­gu­is­ten­kol­le­gen ist über­lie­fert, dass er in Aus­tra­lien meist für meh­rere Minu­ten glaub­haft auf­recht­er­hal­ten konnte, dass die Schwes­ter­stadt von Ham­burg das über die Elbe lie­gende weni­ger bekannte Cheese­burg sei.

Was pas­siert hier mor­pho­lo­gisch? (wei­ter­le­sen …)

(Un)mögliche Sätze

Montag, 3. Mai 2010

Ich mag ja den sub­ti­len Humor der Lin­gu­is­tik. Im Prin­zip geht es im fol­gen­den Zitat um den Unter­schied zwi­schen mög­li­chen und wahr­schein­li­chen bzw. attes­tier­ten Konstruktionen.

Syn­ta­c­tici­ans dis­cuss sen­ten­ces which are pos­si­ble but not neces­sa­rily occur­rent. Only in rare cases do they limit them­sel­ves to actually attes­ted sen­ten­ces. Most syn­ta­c­tici­ans would find the fol­lo­wing example to be a per­fectly well-formed sen­tence, even though it has, I take it, never occur­red in lan­guage use and is unli­kely to. […] The Minis­ter of Edu­ca­tion announ­ced that a sum of forty mil­lion dol­lars per year was being set aside to boost rese­arch in Lin­gu­is­tics, par­ti­cu­larly Mor­pho­logy, over the next ten-year period. (meine Her­vor­he­bung) (Bauer 2003: 77)

Übri­gens rechne ich mich der hier quasi unter­schla­ge­nen Frak­tion zu. Ich halte viel von Kor­pus­lin­gu­is­tik, also der Dis­kus­sion von Wör­tern oder Sät­zen, die auch tat­säch­lich doku­men­tiert sind. Der Beschrei­bung und Ana­lyse der gespro­che­nen oder geschrie­be­nen Spra­che geht natür­lich immer auch erst eine Betrach­tung der Mög­lich­keit bzw. Gram­ma­ti­ka­li­tät vor­aus: so gese­hen ist der her­vor­ge­ho­bene Satz voll­kom­men kor­rekt, er wird nur ver­mut­lich nie gefal­len sein (oder fallen).

Aber schön wär’s. Also das mit den 40 Millionen.

Bauer, Lau­rie. 2003. Intro­du­cing Lin­gu­is­tic Mor­pho­logy. 2nd Edi­tion. Edin­burgh Uni­ver­sity Press.