Archiv für die Kategorie „Phonologie“

Neues von den Humorterroristen

Mittwoch, 8. August 2012

Erleich­te­rung könnte sich breit machen: Es gibt der­zeit nicht nur Olym­pia. Halt, moment…

Die Humor­ter­ro­ris­ten vom Ver­ein Deut­sche Spra­che (VDS) mel­den sich im Fokus zu Wort, weil sie wie­der nen Preis erfun­den und unters Jour­na­lis­ten­volk geju­belt haben („Dschammeeka-Preis“). Damit kri­ti­sie­ren sie einen ARD-Reporter auf­grund des­sen angeb­li­cher und angeb­lich fal­scher Aus­spra­che von Jamaika*:

Ich habe nichts dage­gen, wenn Repor­ter Län­der in ihrer jewei­li­gen Lan­des­spra­che aus­spre­chen. Dann hieße die Insel aber ‚Dschö­meika‘“, belehrte Krä­mer den Repor­ter. „Dscham­meeka“ wür­den den Namen vor allem Ame­ri­ka­ner aussprechen.

Seufz. Was Krä­mer hier mut­maß­lich ver­sucht, ist die Aus­spra­che des ers­ten Vokal als [ɐ] bzw. [ə] zu kri­ti­sie­ren, wo es doch eigent­lich [ø:] hei­ßen soll. Und beim zwei­ten Vokal hauen wir mit [e:] dane­ben, obwohl es natür­lich [aɪ] hei­ßen soll (ver­mut­lich meint er aber [eɪ]). (Um den Zwei­fels­fall beim Anlaut­kon­so­nan­ten [tʃ], [dʒ] oder [j] geht’s ihm offen­bar nicht.) Dem­nach ent­sprä­che [dʒɐme:kɐ] bzw. [dʒəme:kə] nur der ame­ri­ka­ni­schen Aus­spra­che, nicht der »jewei­li­gen Lan­des­spra­che«, die angeb­lich also [dʒø:meɪkə] hei­ßen soll.

Abge­se­hen davon, dass der gerun­dete Vokal [ø:] in jamai­ka­ni­schen Varie­tä­ten des Eng­li­schen gar nicht vor­kommt und [e] hier kei­nen Diphthong [eɪ] bil­det (Devo­nish & Harry 2004), fra­gen wir doch ein­fach jeman­den, der sich mit der Lan­des­spra­che in Jamaika auskennt:

Wenn ich mich nicht mehr­fach ver­hört habe, ist da weder [ø:] noch [eɪ].

*Der ARD-Reporter zeigt sich über­rascht - und will es nicht gewe­sen sein. Ob Sie’s waren oder nicht, ist aber egal, lie­ber Herr Hark, natür­lich haben Sie den Preis nicht ver­dient. Aber sagen Sie das nicht zu laut, man könnte Ihnen vor­wer­fen, Sie wür­den Humor­ter­ro­ris­ten ernst nehmen.

Lite­ra­tur

Devo­nish, Hubert & Ote­le­mate G. Harry. 2004. Jamai­can Creole and Jamai­can English: pho­no­logy. In: Bernd Kort­mann & Edgar W. Schnei­der [Hrsg]. A Hand­book of Varie­ties of English. Volume 1: Pho­no­logy. De Gruy­ter: 450-480.

…und so hinten raus?

Freitag, 30. September 2011

Heute wie­der ein Betrag aus der Reihe: Was macht lin­gu­is­ti­sches Wis­sen eigent­lich für Otto Nor­mal­ver­brau­che­rin ganz nützlich?

Ich tran­skri­biere momen­tan wie­der Sprach­auf­zeich­nun­gen mit Gesprächs­part­nern aus der Wirt­schaft. Lin­gu­is­tisch und auch fürs Blog inter­es­sant wäre das als Grund­lage für eine Ana­lyse von Angli­zis­men­an­tei­len in der Varie­tät der deut­schen Wirt­schafts­spra­che. Aber um da einen Blog­bei­trag draus zu machen, brau­che ich erst das Ein­ver­ständ­nis der Ver­ant­wort­li­chen. Vor­weg viel­leicht: Es bleibt bei den fürs Deut­sche han­dels­üb­lich dia­gnos­ti­zier­ten zwei bis vier Prozent.

Also kom­men wir zu etwas Unver­fäng­li­che­rem, was einem viel­leicht auch aus jeder Unter­hal­tung bekannt sein könnte. Mir ist letz­tens näm­lich auf­ge­fal­len, dass ein Teil­neh­mer das Par­ti­zip Per­fekt von out­sour­cen mit out­ge­sour­ced wie­der­ge­ge­ben hat. Nun mag der eine oder die andere auf­heu­len, wie man es wagen kann, ein deut­sches Affix in einen Angli­zis­mus zu schmug­geln. Man kann natür­lich auch geout­sour­ced sagen (was das Pro­blem für den Sprach­äs­the­ten nicht lösen würde). Der Spre­cher inter­pre­tierte out­sour­cen hier als trenn­ba­res Verb und ähn­lich wie andere trenn­bare Ver­ben (anfan­gen > angefan­gen), fügt man das Par­ti­zip­prä­fix dann eben nach dem Halb-Präfix out ein. Ein ähn­li­cher Fall ist die Varia­tion bei gedown­loa­det und down­ge­loa­det, je nach­dem, ob man down­loa­den als trenn­bar ansieht oder eben nicht. (Die Pro­ble­ma­tik der angeb­li­chen Unver­träg­lich­keit deut­scher Fle­xi­ons­mor­pheme in Angli­zis­men lässt sich übri­gens ganz ein­fach aus der Welt schaf­fen, indem man aner­kennt, dass out­sour­cen und down­loa­den deut­sche Wör­ter sind und dem­ent­spre­chend nach unse­ren Regeln kon­ju­giert werden.)

Mir geht es aber um etwas ganz anderes.

Ich habe oben out­ge­sour­ced bewusst mit <d> wie­der­ge­ge­ben. Wie ja nun jeder weiß, wird im Deut­schen das Par­ti­zi­paf­fix, in die­sem Fall das Zir­kum­fix ge-V-t für die Par­ti­zi­pien regel­mä­ßi­ger Ver­ben mit [t] gespro­chen und mit <t> geschrie­ben. Bei Angli­zis­men, vor allem bei sol­chen, die noch rela­tiv neu ein­ge­wan­dert sind, ist grö­ßere Ver­wir­rung vor allem in der Ortho­gra­fie des­halb nicht unge­wöhn­lich: Und zuge­ge­ben, out­ge­sourct und out­ge­sour­cet sehen auf den ers­ten Blick tat­säch­lich selt­sam aus - oft behilft man sich bei der schrift­li­chen Wie­der­gabe also (noch) zusätz­lich der Fle­xi­ons­re­geln der Geber­spra­che. Bei out­sour­cen hat <out­ge­sour­ced> ver­mut­lich auch des­halb noch dop­pelt so viele Google­tref­fer, wie <outgesourc(e)t>.*

*[UPDATE: ke hat mich in einem Kom­men­tar dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass ich in der Hek­tik völ­lig falsch gezählt habe: <out­ge­sour­ced> und <out­ge­sourct> haben grob etwa gleich viele Tref­fer bei Google. An der Annahme der Ver­wir­rung bei der Ortho­gra­fie ändert das (noch) nichts grund­le­gen­des. Danke für den Hin­weis, SF]

Neben einem selt­sa­men Aus­se­hen von out­ge­sour­cet könnte das ein Grund sein, ober eben mög­li­cher­weise ein gespro­che­nes [d], also immer dann beson­ders, wenn die Inte­gra­tion eines Angli­zis­mus in das deut­sche Laut­sys­tem noch nicht voll­stän­dig abge­schlos­sen ist.

Der Grund also, wes­halb ich geout­sour­ced hier mit <d> schreibe, liegt an der Art, wie es der Inter­viewte aus­sprach, näm­lich mit [d]. Die span­nende Frage also: Woran hört man, dass out­ge­sour­ced für die­sen Spre­cher noch nicht voll­stän­dig inte­griert ist, auch wenn er hier sogar für /r/ nicht die »eng­li­sche«, son­dern die »deut­sche« Vari­ante gewählt hat? Nun, bei die­sem Spre­cher ist es mir schlicht im Kon­trast zu geset­telt (von set­teln, engl. to settle) auf­ge­fal­len, das er deut­lich hör­bar mit [t] realisierte.

Und nun?

Da kommt ein pho­no­lo­gi­scher Pro­zess zum Tra­gen, den das Deut­sche hat, nicht aber das Eng­li­sche: Steht im Deut­schen am Silben- oder Wort­ende ein stimm­haf­ter Kon­so­nant wie z.B. /b/, /d/ oder /g/, so wird die­ser Kon­so­nant stimm­los aus­ge­spro­chen, also als /p/, /t/ oder /k/. Genauer gesagt betrifft die­ser Pro­zess nur die soge­nann­ten Obstru­en­ten, also die Kon­so­nan­ten, bei denen der Luft­strom kurz­fris­tig kom­plett untebro­chen ist, und Fri­ka­tive wie /z/ oder /ʒ/; bei den sono­ran­ti­schen Kon­so­nan­ten wie /m/ oder /n/ ist das nicht der Fall, die sind immer stimmhaft.

Mit ande­ren Wor­ten und als Haus- und Hof­bei­spiel: Rad und Rat sind als [ra:t] in Iso­la­tion gespro­chen nicht zu unter­schei­den. Liegt der stimm­hafte Kon­so­nant dage­gen nicht am Sil­be­nende, bleibt’s beim stimm­haf­ten Laut. Des­halb haben wir [li:bə] für Liebe, aber [li:p] für lieb oder [tsu:k] ›Zug‹ im Sin­gu­lar, aber [tsy:gə] ›Züge‹ im Plural.

Das ganze nennt sich Aus­laut­ver­här­tung (oder all­ge­mei­ner Neu­tra­li­sa­tion) und ist neben dem Deut­schen oder dem Nie­der­län­di­schen auch in eini­gen sla­vi­schen Spra­chen oder dem Tür­ki­schen zu fin­den - aber eben zum Bei­spiel nicht im Englischen.

Es ist des­halb also span­nend zu sehen, dass geset­telt und out­ge­sour­ced in der Wie­der­gabe (jetzt die­ses Spre­chers) mal mehr, mal weni­ger ein­ge­bür­gert zu sein scheint. Was an sich für mich über­ra­schend war, da eigent­lich meist erst die pho­no­lo­gi­sche und dann die mor­pho­lo­gi­sche Ein­bür­ge­rung erfolgt - und beide Lexeme waren ja schon mit ein­hei­mi­schem mor­pho­lo­gi­schem Mate­rial bestückt, bei der Bil­dung des Par­ti­zips näm­lich. Und ich stelle die These auf, dass man out­ge­sour­cet auch in der gro­ßen Mehr­heit schreibt, wie man es, äh, spricht.

Aus­laut­ver­här­tung betrifft natür­lich auch alle Fremd­wör­ter im Deut­schen, die am Wort- oder Sil­be­nende einen stimm­haf­ten Obstru­en­ten haben. Des­halb ist Blog laut­lich von Block nicht zu unter­schei­den (und für den Genus­wan­del von das Blog zu der Blog höchst­wahr­schein­lich mit­ver­ant­wort­lich), bloggen unter­schei­det sich aber von blocken.

Die Aus­laut­ver­här­tung ist übri­gens ein Ele­ment eines typisch deut­schen Akzents (beim Eng­lisch spre­chen). Mut­ter­sprach­li­che Inter­fe­renz führt dazu, dass Deutsch­spra­chige die Aus­laut­ver­här­tung quasi mit ins Eng­li­sche impor­tie­ren (z.B. Kort­mann 2005: 182). Wer also in der Sprach­ver­mitt­lung arbei­tet oder ein­fach einen klei­nen, ein­fa­chen Tipp haben möchte, wie man am eige­nen Akzent im Eng­li­schen arbei­ten kann: Lehre und lerne, I want a suite und I want a Swede auch pho­no­lo­gisch zu unter­schei­den. Voilà.

Umge­kehrt liegt in der Aus­laut­ver­här­tung mög­li­cher­weise ein Grund (von meh­re­ren), wes­halb Spre­cher von Spra­chen ohne Aus­laut­ver­här­tung Deutsch unter Umstän­den als »hart« wahr­neh­men: Bei der Pro­duk­tion von stimm­lo­sen Lau­ten wird mehr Luft nach außen gepresst, wes­halb diese Kon­so­nan­ten auch »lau­ter« klin­gen. Genau genom­men ist die Sache etwas kom­pli­zier­ter: die Arti­ku­la­tion der Pho­neme /p, t, k/ ist eher eine Fall von For­tis ›stark‹, die der Pho­neme /b, d, g/ von Lenis ›schwach‹ (Kort­mann 2005:  64, Roach 2009: 28f). Aber nunja, für die Illus­tra­tion reicht’s. Wen das nicht über­zeugt: Füh­len wir von Quat­schern im Kino gestört, wer­den wir zur Unter­maue­rung etwai­ger Genervt­heit eher ein här­ter zischen­des, stimm­lo­ses [ʃ] anstim­men, als ein stimm­haf­tes und unauf­ge­reg­tes [ʒ].

Im Deut­schen bin ich des­halb ja auch meist [su:s], im Eng­li­schen hin­ge­gen [su:z]. Das noch dazu. Und wer hier einen Bezug zum Anfang die­ses Bei­trags erwar­tet: Natür­lich steht in der Tran­skrip­tion out­ge­sour­cet, weil es sich um ein inhalt­li­ches, also um ein an die deut­sche Ortho­gra­fie ange­pass­tes Tran­skript han­delt - und lei­der nicht um ein pho­ne­ti­sches zu lin­gu­is­ti­schen Forschungszecken.

Statt Post­script: Wer noch ein­wen­den möchte, dass man statt out­sour­cen auch aus­la­gern sagen könnte: in vie­len Fäl­len und je nach Kon­text ist das even­tu­ell mög­lich. Aber der Inter­viewte nutzte beide Lexeme. Und, wenig über­ra­schend, sie waren sehr deut­lich nicht syn­onym aus­tausch­bar: 1) out­sour­cen, ›Unter­neh­mens­ab­läufe von einer Fremd­firma aus­füh­ren las­sen‹; 2) aus­la­gern, ›mit Tei­len der Firma anderswo hin­ge­hen oder Unter­neh­mens­pro­zesse aus dem Stamm­la­ger aus­glie­dern‹. Also auch wenn man es wie­der mal der Yuk­ka­palme erzäh­len könnte: Klas­si­sche Bedeutungsdifferenzierung.

Lite­ra­tur:
Kort­mann, Bernd. 2005. Lin­gu­is­tics: Essen­ti­als. Ber­lin.
Roach, Peter. 2009. English Pho­ne­tics and Pho­no­logy. Cam­bridge.