Archiv zur KategorieSprachen & Dialekte

Mehrsprachigkeit, Sprachpolitik, EU

Fragt man Menschen, welches eines der größten Probleme der EU ist, verwette ich meinen Arsch darauf, dass 80% der Leute sagen: “Die EU hat ein Sprachproblem”. Vermutlich dürfte die Antwort auf die Frage aber auch konjunkturellen Schwankungen unterliegen und derzeit mit “Griechenland”, “(T)Euro” oder “Hä? EU?” konkurrieren. Aber konzentrieren wir uns auf Europas “Sprachproblem”.

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Feiertag?

Ich bin normalerweise kein Anglizismenjäger. Im Gegenteil: meine Grundmeinung ist, dass die meisten der vielgescholtenen Lehnwörter unser Lexikon bereichern, weil sie in vielen Fällen eben keine direkten Synonyme ihrer deutschen “Entsprechungen” sind. So ist ein Loser nicht immer ein Verlierer und shoppen ist nicht gleich einkaufen. In anderen Fällen wirkt das “alte” deutsche Wort doch arg holprig oder antiquiert: Verabredung für Date (welche auch wiederum nicht komplett synonym sind, aber gut) oder E-Post für E-Mail. Das bedeutet nicht, dass mein Wortschatz mit “Fremd”wörtern durchsetzt ist – ich nutze überwiegend Rechner statt Computer, Lied statt Song oder Besprechung für Meeting. Das ist aber meine persönliche Wortwahl – und es muss schon viel passieren, bevor ich Anglizismen für unerträglich halte.

Gestern war’s dann doch mal soweit.

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Morphologie für Anfänger

Ich beschäftige mich momentan aus verschiedenen Gründen mit Morphologie. Morphologie ist die Beschreibung und Analyse von Wörtern, Wortstrukturen und Wortteilen, deren Bildung, Ableitung, Flektion und Bedeutung. Kurz gesagt. Aber beginnen wir mit einer kleinen Anekdote.

Im letzten Jahr machte ich ja eher zum Spaß ein Praktikum bei Studio Hamburg, was zumindest meinem Hinterkopf zu kurzer Berühmtheit verhalf (in der zweiten Folge war ich auch von vorne im Hintergrund zu sehen). Ich knechtete in einem sehr netten Team in der Set-Aufnahmeleitung, also als “Arsch für alle(s)”; das sind die, die immer sehr wichtig und mit Headset durch die Gegend laufen.

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18 Stunden im Leben eines Magistranden

(Für die Linguisten unter euch: ab 6 Uhr 25 wird’s richtig spannend.)

16.45 Ich wache auf, es ist kalt. Hab vergessen, die Heizung wieder anzustellen.

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Es woar dә Mutius

Wenn, in seiner wirklich einfachsten und stark verkürzten Form, der bestimmte Artikel einen Referenten (z.B. ein Objekt oder eine Person) als bestimmt oder definit markiert, dann ist der Artikel in vielen im vorigen Beitrag angeführten Kontexten eigentlich überflüssig. Ein Frühling, in welchem ich nach England fahre, ist immer noch der gleiche Frühling, ob mit oder ohne bestimmten Artikel.

Noch “unlogischer” wird es bei Artikeln in Verbindung mit Namen.

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"We are all sitting in one boat"

Derzeit macht sich die deutsche Internetgemeinde über Günther Oettinger lustig, weil er eine Rede auf Englisch hielt.

Mal davon abgesehen, dass er nicht mal Deutsch spricht, gibt es genug Gründe, diesen Mann zu hassen: Der Geschichtsrevisionist ist CDU-Politiker, Schwabe und Fan des VfB Stuttgart; jedes für sich schon hinreichende Gründe, sich über jedes Fass Häme zu freuen, das über ihm ausgekübelt wird. Und wer versucht, aus Hans Filbinger einen Widerstandskämpfer zu machen, hat im öffentlichen Leben nichts mehr verloren.

Die hämischen Reaktion in Blogs und Foren reichen von Belustigung über Fremdschämen bis zu Verärgerungen darüber, dass Politiker “richtig viel Asche vom Steuerzahler bekommen”. Und dass man für jedes kleinste Praktikum “außereuropäische Sprachkenntnisse vorweisen” müsse. Oettinger hat sich in der Vergangenheit als Verfechter für Englisch als Arbeitssprache etabliert, wofür er vom Verein Deutsche Sprache (jaja, unsere Freunde vom VDS) 2006 den “Sprachpanscher des Jahres” für “besondere Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache” verliehen bekam. (Der Mensch hat diesen Preis verdient, sobald er den Mund aufmacht.)

Und so spiegelt sich das in Internetreaktionen wider: Wer Fremdsprachenkenntnisse fordere, müsse auch selbst mit gutem Beispiel voran gehen, schließlich sei das in der freien Wirtschaft auch so. Dort würde man mit Oettingers Sprachkenntnissen keinen Job bekommen.

Ja und nein. Oettinger ist Politiker, und als solcher maßgeblich an Gesetzen und Politiken beteiligt. Politik sendet Signalwirkungen, und untermauert Forderungen nach Fremdsprachenkenntnissen mit der Umsetzung entsprechender Richtlinien. Sie lenkt mit öffentlichen Geldern, beispielsweise im europäischen Mobilitätsprogramm ERASMUS, welche primär dazu da sind, Fremdsprachenkenntnisse und kulturelles Verständnis zu fördern. Manager tun das nicht. Manager profitieren von entsprechenden Maßnahmen der Regierungen.

Viel wird jetzt auch darauf rumgeritten, dass ja eigentlich auch niemand nach Oettingers Englischkenntnissen gefragt hätte, wäre er in Stuttgart geblieben. Aber in Brüssel sei die Amtssprache ja Englisch, da müsse er, weil auf einem internationalen Parkett, auch vernünftig Englisch sprechen können. Die, die das fordern, haben die EU nicht verstanden.

Nein, Amtssprache in Brüssel ist nicht Englisch, Amtssprachen sind in der EU nicht weniger als 23 Sprachen. Arbeitssprachen hingegen sind die Sprachen, die im täglichen Beamtenapparat die meistgenutzten sind. Und das sind Deutsch, Französisch und Englisch. Anmerkungen von Kommentatoren, Oettinger käme in der informellen Politikmache in Brüssel ohne entsprechende Englischkenntnisse zu kurz, sind von einer reflexartigen Angst geprägt, “wir Deutschen” kämen zu kurz. Die EU-Realität zeigt doch: Deutschland und Frankreich regieren das Orchester.

Darüber hinaus definiert sich die EU über “Einheit in Vielfalt” – und ganz besonders über ihre Sprachenvielfalt. Die EU leistet sich einen bulligen Übersetzungsapparat, der immerhin mehr als 2% ihres Budgets ausmacht. Ob nun in der Hinterzimmerpolitik immer ein Dolmetscher dabei ist, sei mal ernsthaft in Frage gestellt, aber daraus eine Forderung abzuleiten, ein deutscher EU-Kommissar müsse “vernünftig Englisch” beherrschen können, ist falsch und irreführend. Wir können gerne über Oettingers Qualifikationen diskutieren – seine Sprachkenntnisse zählen nicht dazu. Sein Arbeitgeber – die Europäische Union, und damit “wir alle” – legt großen Wert auf Gleichberechtigung. Dies äußert sich eben in ihrem Statut, dass sich jeder Bürger in seiner Muttersprache an sie wenden darf, gleich, wie gut und flüssig er Englisch spricht. Das ist für die Demokratie in dieser Riesenorganisation überlebenswichtig. Die EU definiert sich vielsprachig, nicht englischsprachig.

In der Diskussion offenbart sich auch eine eigenartige Schizophrenie unserer Gesellschaft: wir wollen international sein und haben Angst vor dem Verfall unserer Sprache. Guido Westerwelle bashte man dafür, dass er sich weigerte, auf einer deutschen Pressekonferenz die Frage eines britischen Journalisten auf Englisch zu beantworten, Günther Oettinger amüsiert die Internetgemeinde, in dem er vor einem internationalen Publikum der Columbia University in Berlin Englisch spricht. Dass die Rede an sich scheiße war und inhaltsleer dazu, liegt daran, dass der Mensch Politiker ist.

Im Übrigen: Oettingers Englisch (und auch das von Guido Westerwelle) ist lediglich von einem starken deutschen Akzent geprägt. Er liest die Rede ab und tappt damit in jede Falle, die die unlogische englische Orthographie für ihn aufgestellt hat. Das ist bemitleidenswert, peinlich ist es nicht. Ich bleibe bei meiner These: die Mehrheit derjenigen, die das so unglaublich amüsant finden, hätten mit den fraglichen Fremdwörtern auch ihre Probleme und erfahren vermutlich eine unterbewusste Befreiung, genau dabei nicht selbst ertappt worden zu sein. Deutsche tendieren dazu, ihre eigenen Sprachkenntnisse zu überschätzen.

Einige Kommentatoren belustigen sich unter anderem über seine Schlussbemerkung (zumindest suggeriert uns das das YouTube-Video): “We are all sitting in one boat”. Die englische Entsprechung heißt zwar “we are all in the same boat” – an der Metapher ändert es nichts. Man sollte die Sprache selbst beherrschen, bevor man sich über die Kenntnisse derselben anderer lustig macht.

Um Oettinger zu verstehen, muss man ihm auch zuhören wollen.

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Wer A sagt, muss auch Ø sagen

Eine weitere Schwächung der Substrattheorie sollte eigentlich sein, dass für das irische Englisch keine Unterverwendung des unbestimmten Artikels a/an belegt ist. Nach meiner Logik muss eine Nicht-Dokumentiertheit nicht automatisch bedeuten, dass es kein Vorkommen gibt – aber sie sind eben, naja, nicht belegt. Wir erinnern uns: Irisch hat keinen unbestimmten Artikel. Unbestimmtheit wird durch das nackte Substantiv markiert: fear ‘ein Mann’ aber an fear ‘der Mann’. Nicht verwirren lassen, ir. an entspricht nicht dem englischen ‘an’, sondern ‘the’.

Davon ausgehend, dass Artikel a) zu den grammatischen Kategorien gehören, die von Kindern am spätesten erlernt und dementsprechen spät korrekt im Sinne der muttersprachlichen Kompetenz beherrscht werden und b) viele verschiedene semantische und pragmatische Funktionen haben, ist der Artikelgebrauch im Allgemeinen starker Variation und Komplexität unterworfen, auch im Muttersprachenenglisch. Fremd- und Zweitsprachenlerner haben deshalb größte Probleme  ”with mastering (the) English articles” (IrE: “the mastering of English articles” [!!]). Dazu gibt es viele Studien – besonders große Probleme haben dabei Sprecher von Sprachen ohne Artikel, z.B. Russisch oder Chinesisch. Daraus lässt sich auch die große Variation des Artikelgebrauchs in asiatischen Englischs ableiten, besonders dort, wo Englisch die Fremd- oder Zweitsprache ist.

Die Abwesenheit von unbestimmten Artikeln im Irischen führt aber nicht zu einer “Problematik” der Iren in der Verwendung des unbestimmten englischen Artikel. In der Substratlogik müsste dies zumindest teilweise so sein. Was belegt ist, ist die gelegentliche Verwendung von the für a/an:

they think he is the most refined young man. [geography unknown, 1910]
Mark is the Bachelor as yet. [Fermanagh, Ulster, 1848]

Eine Unterverwendung des Artikels wäre jedoch lediglich Mark is bachelor as yet – und eine solche ist mir für irisches Englisch weder in unserem Korpus, noch in der relevanten Literatur begegnet. Mehr noch: die Nähe von irisch an (bestimmt) zu engl. an (unbestimmt) hat erst recht nicht dazu geführt, dass im irischen Englisch häufiger unbestimmte statt bestimmte Artikel verwendet werden (Transferlogik).

Das Muster wird klarer.

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The Article War III

Jahrzehntelang wurde in der Literatur zu Englisch in Irland darüber gestritten, ob die Varietät irische oder alte und/oder archaische englische Wurzeln hat. Das eine sind die Anhänger der Substrattheorie (substratum), letztere sind die Verfechter der Superstrattheorie bzw. der retention (superstratum). In den wenigsten Fällen einzelner Phänomene ist aber überhaupt die eine Quelle auszumachen, weshalb es in den letzten zehn Jahren spürbar eine Verschiebung hin zum “dritten Weg” gegeben hat: Rolle des Sprachkontakts an sich, des language shift (Sprachwechsel), Zweisprachigkeit, Grad des linguistischen Transfers und die Rolle sozialer Faktoren. Ein Großteil der neueren Literatur ist damit auch in einer globaleren Varietäten- und Universalienforschung englischer (Umgangs-)Sprache anzusiedeln.

Mit dem Artikelgebrauch in Irland haben sich nur zwei Autoren bisher näher befasst (und weil ich schon im Schreibmodus denke, füge ich noch hinzu to the best of my knowledge). Zwar hat irgendwie jeder, der über Syntax des irischen Englischs publiziert hat, etwas dazu geschrieben, en passant. Okay, vielleicht sind’s auch drei (Raymond Hickey).

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Von Standards und Abweichungen

Bevor ich den Krieg weiterführen kann, ein kleiner Exkurs.

Die Feststellung abweichenden Sprachgebrauchs hat fast ausschließlich eine – aus linguistischer Sicht – seltsame, zumindest aber problematische Bezugsgröße: die Standardsprache. Mit dem Standardenglisch ist es irgendwie wie mit “vernünftigem Deutsch” – keiner weiß, wo genau es angeblich gesprochen wird.*

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The Article War II

Was die Sache zusätzlich verkompliziert, ist die Tatsache, dass der sogenannte abweichende Artikelgebrauch natürlich nicht einfach so vom Himmel gefallen ist. Denn zu Keltizismustheorie und Kontakttheorie kommt noch die Möglichkeit eines konservierten Überbleibsels aus Mittel- und/oder Frühneuenglisch.

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