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	<title>*/ˈdɪːkæf/ - coffee &#38; linguistics &#187; Sprachen &amp; Dialekte</title>
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		<title>[AdJ 2011] Der Shitstorm ist zurück!</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 23:05:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Morphologie]]></category>
		<category><![CDATA[Semantik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Anglizismus des Jahres 2011]]></category>
		<category><![CDATA[Definition]]></category>
		<category><![CDATA[Shitstorm]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kandidaten für die Wahl zum Anglizismus des Jahres stehen fest &#8211; und werden von den Jurymitgliedern in den nächsten Wochen in Blogs und Foren diskutiert werden. Ich mache bei mir den kurzen Auftakt mit Shitstorm. Dieser Kandidat ist bereits zum zweiten Mal nach 2010 nominiert, wo er es in die Endrunde schaffte (war wenig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die <a href="http://www.anglizismusdesjahres.de/2012/01/die-kandidaten-fur-den-anglizismus-des-jahres-2011/" target="_blank">Kandidaten für die Wahl zum Anglizismus des Jahres </a>stehen fest &#8211; und werden von den Jurymitgliedern in den nächsten Wochen in Blogs und Foren diskutiert werden. Ich mache bei mir den kurzen Auftakt mit <em>Shitstorm</em>. Dieser Kandidat ist bereits zum zweiten Mal nach 2010 nominiert, wo er es in die Endrunde schaffte (war wenig aussichtsreich). Ich diskutierte <em>Shitstorm</em> bereits letztes Jahr in <a href="http://www.extraflach.de/blog/2011/01/17/kandidat-ii-shitstorm/">diesem Beitrag</a>.</p>
<p>In die engere Auswahl schaffte es der Begriff also auch 2011. <em>Shitstorm</em> ist in einer schnellen Googlesuche 2011 etwa doppelt so häufig wie 2010. Grund genug, mal zurück und voraus zu blicken. Außerdem wenden wir uns der Frage zu, ob <em>Shitstorm</em> ein sogenannter Scheinanglizismus ist &#8211; das gehört auf den ersten Blick nicht hierher, aber irgendwie halt doch.</p>
<p>2010 schrieb ich:</p>
<blockquote><p><em>Shitstorm</em> lässt sich für das Deutsche allgemein definieren als ‘Sturm öffentlicher, massenhaft auftretender Entrüstung (im Web)’. Dabei bezieht sich <em>Shitstorm</em> aber nicht nur auf konstruktive Kritik oder erwartbaren Gegenwind, was ja die naheliegende Übersetzung <em>Proteststurm </em>bezeichnen würde, sondern es beinhaltet – mit den Worten des Bloggers Sascha Lobo – auch: &#8220;eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen [...], <strong>von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und [die] stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend</strong> geführt [werden].&#8221; (Sascha Lobo, <a href="http://saschalobo.com/2010/04/22/how-to-survive-a-shitstorm/"><em>How to survive a shit storm</em></a>, Vortrag auf der re:publica 2010)</p></blockquote>
<p>Daran scheint sich im Grunde nichts wesentliches geändert zu haben. Es könnte sich aber eine Bedeutungsausweitung auf Kontexte eines handelsüblichen öffentlichen Protests bemerkbar machen. <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13755859/Christen-entfachen-Shitstorm-gegen-Media-Markt.html" target="_blank">Die Welt</a> schreibt im Dezember von öffentlichem Widerstand auch, aber nicht nur, auf Facebook gegen die Weihnachtswerbung einer Elektronikkette. (Die Überschrift muss ein Segen für den Journalisten gewesen sein!) Ganz ähnlich sieht es das Businessmagazin <a href="http://t3n.de/news/shitstorms-2011-grosten-aufreger-354013/" target="_blank">t3n</a>, und kommt zu dem Schluss, dass Definitionen und Verwendungen uneinheitlich sind:</p>
<blockquote><p>Aus der PR-Sicht sind viele der allgemein als Shitstorm bezeichneten PR-Krisen eigentlich gar keine. Erst wenn der Anteil der unsachlichen, persönlichen Kritik die argumentative Kritik übertönt, sprechen sie von einem Shitstorm. Berechtigte Kritik von Kunden an einem Unternehmen oder einer Marke fällt demnach nicht darunter.<br />
Allgemein betrachtet wird der Begriff aber sehr viel weiter gefasst. Alles was die Reputation eines Unternehmens, einer Marke oder einer Person schadet und über das Social Web eine Eigendynamik entwickelt und eine kritische Masse überschreitet, wird schnell als Shitstorm bezeichnet. Ob das immer gerechtfertigt ist, ist die andere Frage.</p></blockquote>
<p>Ich bin mir nicht sicher, ob die <em>Aktion</em> des Protests gegen den Elektronikkonzern unter die oben skizzierte Definition von Shitstorm fällt oder ob wir aufgrund dieser Verwendung und unterschiedlicher Auffassungen, wann ein Protest ein Shitstorm ist, von einer Bedeutungsausweitung des Begriffs sprechen dürfen. Bliebe abzuwarten &#8211; es spräche aber dafür, dass sich hier ein Begriff vom reinen Social-Media-Kontext in den öffentlichen, allgemeinen Sprachgebrauch verschiebt. Ein vorsichtiges Herzlichen Glückwunsch!</p>
<p>Die Herkunftsbedeutung im Englischen ist im Gegensatz zur Verwendung im Deutschen auf den ersten Blick sehr viel allgemeiner &#8211; also meist ganz ohne Web2.0, Social Media und gerne auch ohne die Öffentlichkeit. Nach wie vor findet sich kein Eintrag im OED oder im Merriam. Lediglich in Einträgen im Urban Dictionary (oft zweifelhafte Quellen/Erklärungen) für <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=shitstorm" target="_blank">shitstorm</a> und <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=shit+storm" target="_blank">shit storm</a> oder bei <a href="http://en.wiktionary.org/wiki/shitstorm" target="_blank">Wiktionary</a> finden sich Definitionen.</p>
<p>Setzen wir mal auf die Definition im Wiktionary:</p>
<blockquote><p><em>shitstorm</em>, n.,</p>
<ol>
<li>(vulgar) A violent situation.</li>
<li>(idiomatic, vulgar) Considerable backlash from the public.</li>
</ol>
</blockquote>
<p>Aber kommen wir kurz zum Deutschen zurück: Für <em>Shitstorm</em> gibt es seit dem 08. Juni 2011 <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Shitstorm" target="_blank">einen Eintrag in der deutschen Wikipedia</a>, der <em>Shitstorm</em> überraschenderweise zu den Scheinanglizismen zählt &#8211; vermutlich auch aufgrund des oberflächlich allgemeineren Verwendung/Definition. Scheinanglizismen sind Wörter, die sich zwar lautlich als Entlehnung aus dem Englischen tarnen, die aber entweder dort nicht existieren oder eine nicht-verwandte Bedeutung haben. (Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Scheinanglizismus" target="_blank">Wikipedia</a>-Definition zu Scheinanglizismus muss hier mal fix herhalten. Wer Tips für eine gute, interessante wissenschaftliche Studie parat hat, ab in den Kommentarbereich! Wobei ich &#8220;Scheinanglizismus&#8221; ohnehin eher für ein begriffliches Konstrukt der Sprachkritik halte, das uns sagt, dass wir Anglizismen auch noch &#8220;falsch&#8221; erfinden. Aber gut, ich schweife ab.)</p>
<p><em>Shitstorm</em> (dt.) und <em>shitstorm</em> (engl.) haben aber sehr klar miteinander verwandte Bedeutungen. Das, was wir bei Entlehnungen ja sehr oft sehen, nämlich dass wir nur <em>eine</em> von mehreren Bedeutungsschattierungen importieren, ist auch bei <em>Shitstorm</em> passiert (das ist nix neues gegenüber 2010). Also wenn wir davon ausgehen, dass <em>Shitstorm</em> nicht gleich <em>shitstorm</em> ist. Und selbst wenn wir <em>Shitstorm</em> in einem anderen Kontext verwenden, so sind die bildlichen Beziehungen zwischen beiden Konzepten so deutlich zu erkennen, dass ich <em>Shitstorm</em> nicht in einen Topf mit sonst üblicherweise als Scheinanglizismen beispielhaft aufgeführten <em>Handy</em> oder <em>Beamer</em> würde werfen wollen.</p>
<p>Aber <em>shitstorm</em> wird in der englischsprachigen Netzwelt eben <em>doch</em> auch so benutzt, wie bei uns: Das zeigen diese Twittermeldungen der letzten Stunden und Tage aus einem 500km-Radius um New York (Ort willkürlich gewählt, Ortsangabe beruht auf den Biografieangaben der Twitterer):</p>
<blockquote><p>Thank you Novartis for not recalling percocet and endocet&#8230;us pharmers would surely be facing a pharmageddon <strong>shitstorm</strong> [...] [<a href="https://twitter.com/#!/_RxLauren/status/156616056272723969" target="_blank">Link</a>,@_RxLauren]</p>
<p>Interesting article in immigration and economics on <a title="#CiF" href="https://twitter.com/#%21/search?q=%23CiF" rel="nofollow"><s>#</s><strong>CiF</strong></a>: [...] followed by the usual <strong>shitstorm</strong> of idiots, unfortunately&#8230; [<a href="https://twitter.com/#!/acatcalledfrank/status/157444113631940608" target="_blank">Link</a>, @acatcalledfrank]</p>
<p>People give Tebow crap because of his (well-marketed) Christian beliefs. Imagine the <strong>shitstorm</strong> if he was vocally agnostic! [<a href="https://twitter.com/#!/SeanTheBaptiste/status/158382686858264576" target="_blank">Link</a>, @SeanTheBaptiste]</p>
<p>[...] Once the public at large becomes aware of <a title="#NDAA" href="https://twitter.com/#%21/search?q=%23NDAA" rel="nofollow"><s>#</s><strong>NDAA</strong></a>, Obama is going to learn what &#8220;political <strong>shitstorm</strong>&#8221; means. [<a href="https://twitter.com/#!/Kaveros/status/158576064539533312" target="_blank">Link</a>, @Kaveros]</p>
<p>And it was written by a con! RT @techweenie Prepare for conservative <strong>shitstorm</strong>@Newsweek: Presenting this week&#8217;s cover://t.co/Xlm26rgX <s></s>#p2 [<a href="https://twitter.com/#!/thejoshuablog/status/158671041743433730" target="_blank">Link</a>, @thejoshuablog]</p></blockquote>
<p>Halten wir einfach fest: <em>Shitstorm</em> ist kein Scheinanglizismus. Wir haben eben im ersten Schritt nur die eine Bedeutung eingeführt. Diese scheint sich auszuweiten &#8211; Kriterium der Bereicherung für den Sprachgebrauch erfüllt. Die Feststellung der Bedeutung aufgrund der Belegsammlung aus dem Englischen &#8211; obgleich in letzter Instanz irrelevant für unseren Sprachgebrauch &#8211; zeigt, dass es ein genuiner Anglizsmus ist.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Was <em>Shitstorm</em> trotz meiner Skepsis aus dem letzten Jahr in diesem Jahr sogar zu einem recht guten Kandidaten macht: Wir sind offenbar dabei, den Begriff aus den Facebook- und Twitter-Universen rauszuholen und dem allgemeinen Sprachgebrauch zu übergeben &#8211; inklusive einer Bedeutungs<em>erweiterung</em>. Wie Falk Hedemann bei t3n schreibt, wird der Begriff &#8220;inflationär&#8221; verwendet &#8211; was früher <em>Kritik</em> war, sei heute ein <em>Shitstorm</em>.</p>
<p>Ich sehe das anders: <em>Kritik</em> und <em>Shitstorm</em> mögen gemeinsam auf einem Protestkontinuum liegen; die Ausprägungen, Ausführungsorgane und Übermittlungskanäle sind aber unterschiedlich. Das wird auch daran liegen, dass mit steigenden Nutzerzahlen der sonst stammtischliche (hier: eben nicht aus traditionellen Medien abgefeuerter) Protest in den öffentlichen Raum getragen wird. <em>Shitstorm</em> fügt dem Kontinuum also einen Haltebereich hinzu &#8211; und gibt dem bisher ungehörten, aber neuerdings vokalisierbaren Unmut einen Namen.</p>
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		<title>Flädlesupp V: The History of English</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jun 2011 08:39:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Flädlesupp]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Humor]]></category>
		<category><![CDATA[linguisten.de]]></category>
		<category><![CDATA[Open University]]></category>
		<category><![CDATA[The History of English in Ten Minutes]]></category>

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		<description><![CDATA[So, heute ein Linktipp. Die Open University in Großbritannien hat in zehn Kapiteln à 1&#8217;20&#8221; in sehr humorvoller Weise die Geschichte des Englischen nachgezeichnet. Es wird mehr als 10 Minuten dauern, weil die kleinen Filmchen voll von Wortspielen und mit kleinen und großen Pointen gespickt sind &#8211; man kann es sich wirklich mehrfach mit höchstem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So, heute ein Linktipp. Die Open University in Großbritannien hat in zehn Kapiteln à 1&#8217;20&#8221; in sehr humorvoller Weise die Geschichte des Englischen nachgezeichnet. Es wird mehr als 10 Minuten dauern, weil die kleinen Filmchen voll von Wortspielen und mit kleinen und großen Pointen gespickt sind &#8211; man kann es sich wirklich mehrfach mit höchstem Amüsement ansehen. (Eine gröbere Kenntnis der Linguistik ist nicht notwendig.)</p>
<p>Viel Spaß!</p>
<p><iframe width="340" height="223" src="http://www.youtube.com/embed/r9Tfbeqyu2U" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>(via <a href="http://www.facebook.com/linguisten">linguisten.de@facebook</a>)</p>
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		<title>Now sitting in one boat are we?</title>
		<link>http://www.extraflach.de/blog/2011/05/30/now-sitting-in-one-boat-are-we/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 May 2011 07:55:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Englisch]]></category>
		<category><![CDATA[Günther Oettinger]]></category>
		<category><![CDATA[idiomatischer Sprachgebrauch]]></category>
		<category><![CDATA[Redewendung]]></category>
		<category><![CDATA[to be in the same boat]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>
		<category><![CDATA[We are all sitting in one boat]]></category>

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		<description><![CDATA[Zu den häufigsten Suchbegriffen in meiner Blogstatistik gehört &#8220;sitting in one/the same boat&#8221;. In meinem Beitrag zu Oettingers Englisch schrieb ich, die englische Redewendung zu &#8220;in einem Boot sitzen&#8221; ist &#8220;to be in the same boat&#8221;. Das ist richtig, die Argumentation war aber nicht komplett: Muttersprachler haben mir bereits damals gesagt, dass ihnen &#8220;We&#8217;re sitting [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zu den häufigsten Suchbegriffen in meiner Blogstatistik gehört &#8220;sitting in one/the same boat&#8221;. In meinem <a href="http://www.extraflach.de/blog/2010/01/28/we-are-all-sitting-in-one-boat/">Beitrag zu Oettingers Englisch</a> schrieb ich, die englische Redewendung zu &#8220;in einem Boot sitzen&#8221; ist &#8220;to be in the same boat&#8221;. Das ist richtig, die Argumentation war aber nicht komplett: Muttersprachler haben mir bereits damals gesagt, dass ihnen &#8220;We&#8217;re sitting in one boat&#8221; gar nicht auffallen würde.</p>
<p>Warum auch? Der Satz ist syntaktisch in Ordnung, die Metapher bleibt. Ganz ähnlich sehen das auch die Muttersprachler in einer <a href="http://dict.leo.org/forum/viewWrongentry.php?idThread=1024644&amp;idForum=3&amp;lp=ende&amp;lang=de">Diskussion</a> zur Oettinger&#8217;schen Rede im LEO.org-Forum: ungewöhnlich ja, falsch nein (und erst recht nicht schlimm oder gar peinlich).</p>
<p>Das wollte ich jetzt genauer wissen: Nutzen Muttersprachler des Englischen die Redewendung so, wie Oettinger es tat? Die Antwort vorweg: Nein, tun sie (fast) nicht. Aber Oettinger war auch nicht der erste Deutsche, der sie benutzte.</p>
<p><span id="more-2791"></span></p>
<p>Die Redewendung kommt im Englischen recht eindeutig mit <em>{BE} in the same boat</em> daher. <em>Sitting in one/the same boat</em> wird also nur dann verwendet, wenn die wörtliche Bedeutung gemeint ist, also einen Umstand bezeichnet, in dem man in einem physikalischen Boot sitzt. In den Megakorpora British National Corpus (BNC) und Corpus of Contemporary American English (COCA) findet sich kein einziger Beleg für <em>{SIT} in the same boat</em> oder <em>{SIT} in one boat</em> (bei 134 Treffern im COCA und 17 im BNC für <em>{BE} in the same boat</em>). Es geht also einerseits um das Verb <em>sit</em> &#8216;sitzen&#8217;, welches im Englischen hier nicht verwendet wird und andererseits um <em>one </em>&#8216;ein(em)&#8217;, was im Englischen durch <em>same </em>&#8216;selb(es/em)&#8217; ersetzt wird.</p>
<p>Aber ausgeschlossen ist eine Oettinger&#8217;sche Verwendung nicht. Man muss zwar lange suchen und die Trefferzahl für <em>sitting in the same boat </em>ist in der metaphorischen Verwendung sehr, sehr gering. Aber eine Handvoll Belege findet sich (wenn sie nicht Oettinger selbst zum Thema haben):</p>
<blockquote><p>Wow, how frustrating this is for us &#8216;curly heads&#8217;&#8230;.it seems like <strong>we  are all sitting in the same boat </strong>waiting to be steered to the right  port!!</p>
<p>(Forumsbeitrag, <a href="http://forums.vogue.com.au/showthread.php?t=293372">Vogue Australia</a>)</p></blockquote>
<blockquote><p>But when role reversal becomes full time, then the &#8220;men&#8221; of this world <strong> are sitting in the same boat </strong>as the dinosaurs and tassie tiger.</p>
<p>(Kommentar, <a href="http://blogs.smh.com.au/lifestyle/asksam/archives/2007/11/are_modern_women_too_masculine.html">Sydney Morning Herald</a>, Ask Sam!-Kolumne, 19. November 2007.)</p></blockquote>
<p>In beiden Kontexten geht es nicht nur um die Schicksalsgemeinschaft allein, sondern auch um eine gewisse Passivität, die durch <em>sitzen</em> unterstrichen wird. Im zweiten Fall habe zumindest ich sofort ein Bild im Kopf, dass da jemand mit den ausgestorbenen Tieren sprichwörtlich im Boot sitzt, dass also die Männer das gleiche Schicksal ereilen wird, wie Dinosaurier und Tasmanische Tiger. In beiden Beispielen ist mehr intendiert, als die Anspielung auf eine Schicksalsgemeinschaft; Passivität spielt eine Rolle.</p>
<p>Bei den obigen Belegen lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, welche Muttersprache die Schreiber haben. Denn interessant ist, dass eine ganze Reihe von Treffer für <em>sitting in one/the same boat </em>entweder Deutsche oder Schweizer zitieren oder von Deutschen geschrieben wurden:</p>
<blockquote><p>I   previously may have made  reference to you that I thought that Greece  was  “bankrupt” for the past  41 years and that Portugal, Italy and  Spain  have <strong>all be[en] sitting in the  same boat </strong>for the past 41 years.</p>
<p>(Dirk Werner, <a href="http://www.mpfs.com.au/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=48:a-german-perspective-on-the-greek-debt-crisis&amp;Itemid=180">Morning Peninsula Financial Solutions</a>, 6. Mai 2010.)</p></blockquote>
<blockquote><p><strong>We are all sitting in the same boat. </strong>At that point [of the crash] I was distracted, looking to the right.</p>
<p>(Sebastian Vettel, zitiert in <a href="http://www.telegraph.co.uk/sport/2322653/Lewis-Hamilton-investigated-for-Japan-crash.html">Telegraph.co.uk</a>, 4. Oktober 2007.)</p></blockquote>
<blockquote><p>To use an analogy from my own sport [rowing], <strong>we are sitting in the same boat </strong>and rowing in the same direction.</p>
<p>(Denis Oswald, zitiert in <a href="http://www.guardian.co.uk/sport/2005/nov/25/Olympics2012.politics">Guardian.co.uk</a>, 25. November 2005.)</p></blockquote>
<blockquote><p>Before <strong>they were all sitting in one boat</strong>, with emphasis placed on  community and solidarity. All of a sudden reunification has left them  with no boat at all.</p>
<p>(Eine Britin mit deutscher Mutter, seit der Jugend wohnhaft in Berlin, zitiert in <a href="http://www.telegraph.co.uk/expat/4191086/History-still-haunts-the-former-East-and-West.html">Telegraph.co.uk</a>, 29. Dezember 2003)</p></blockquote>
<blockquote><p>There is recognition that all countries, whether rich or poor or  emerging market countries <strong>are sitting in one boat </strong>and that this is an  inter-dependent world.</p>
<p>(Horst Köhler, zitiert in <a href="http://www.thehindubusinessline.in/bline/2003/09/25/stories/2003092501710400.htm">The Hindu Business Line</a>, 24. September 2003.)</p></blockquote>
<p>Vor Günther Oettinger haben also mit Horst Köhler und Sebastian Vettel schon andere prominente Deutsche die Konstruktion oder eine leichte Abwandlung davon verwendet. Es ist gerade bei diesen beiden &#8211; Köhler war damals noch Chef des IMF &#8211; vorstellbar, dass sie die Äußerungen auf Englisch getätigt haben und es sich dabei nicht um eine Übersetzung handelt.</p>
<p>Die &#8220;deutsche&#8221; Verwendung ist also unkonventionell genug, um vom Muttersprachler nicht benutzt zu werden, aber verständlich genug, um nicht rauseditiert zu werden. Nun ist es natürlich plausibel, dass auch in englischsprachigen Redaktionen <a href="http://www.extraflach.de/blog/2011/03/21/ein-apfel-am-tag-halt-den-doktor-weg/">keine Lektoren </a>mehr sitzen und/oder dass die Redewendung dort &#8211; wie im Falle von <em>was der Doktor verordnet hat </em>- als einwandfrei durchgewunken wurde, ohne idiomatisch dem Sprachgebrauch zu entsprechen. (Mit dem Unterschied natürlich, dass wir keine Entsprechung von <em>was der Doktor verordnet </em>haben, auch keine mit deutschen Bordmitteln.) Nun hatte Oettinger mit seinerm Spruch sicherlich nicht die Betonung einer etwaigen Passivität im Sinn &#8211; aber ein halbes Duzend Belege in diese Richtung machen ja auch keine Nebenbedeutung.</p>
<p>(Ich finde gerade keinen Beleg dafür, dass und von wem Oettinger seine Rede übersetzen ließ. Angesichts der Aussprachestrategie und der Tatsache, dass er seit der Schulzeit kein Englischunterricht mehr hatte, halte ich es aber für ausgeschlossen, dass er die Rede selbst geschrieben bzw. übersetzt hat.)</p>
<p>Der Erklärungsansatz einer Interferenz, also eines Einflusses der eigenen Muttersprache, wird durch einen Blick auf die Niederländer gestützt. Dort heißt die Redewendung <em>in <strong>hetzelfde </strong>bootje <strong>zitten </strong></em>&#8216;im selben Boot sitzen&#8217; und siehe da: Auf niederländischen Seiten finden sich fast <a href="http://www.google.de/search?q=%22sitting+in+the+same+boat%22+site%3Anl&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;aq=t&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a#sclient=psy&amp;hl=de&amp;client=firefox-a&amp;hs=2fI&amp;rls=org.mozilla:de%3Aofficial&amp;source=hp&amp;q=%22sitting+in+the+same+boat%22+-oettinger+site:nl&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=&amp;pbx=1&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&amp;fp=59d5526926b6058c&amp;biw=1440&amp;bih=800">1.800 Treffer</a> für <em>sitting in the same boat</em>, aber so gut wie keines für <em>sitting in <strong>one </strong>boat</em>. Dass es im Deutschen umgekehrt ist &#8211; <em>in <strong>einem </strong>Boot sitzen </em>ist häufiger, als <em>im <strong>gleichen </strong></em>oder <em><strong>selben </strong>Boot</em>, etwa jeweils im Verhältnis 3:1 &#8211; erklärt möglicherweise, warum Oettinger, sein Übersetzer oder die anderen Deutschen auch mal zur Formulierung <em>in <strong>one </strong>boat </em>greifen<em>.</em></p>
<p>Und bitte, bitte keine Diskussion, dass man im Sinne der Schicksalsgemeinschaft nicht im gleichen, sondern nur im selben Boot sitzen kann. Die <a href="http://www.google.de/url?sa=t&amp;source=web&amp;cd=1&amp;ved=0CBkQFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fkultur%2Fzwiebelfisch%2F0%2C1518%2C311593%2C00.html&amp;rct=j&amp;q=gleich%20und%20selbst%20zwiebelfisch&amp;ei=i73iTbnzLITusgb40-36BQ&amp;usg=AFQjCNF7H13SonwfM9kKvPyVmFK-elvaLg&amp;cad=rja">Zwiebelfisch-Regel</a>: &#8220;Dinge können sich gleichen, aber nicht selben&#8221;. Die Realität: Die Varianten <em><a href="http://www.google.de/search?q=sitzen+im+gleichen+boot&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;aq=t&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a#sclient=psy&amp;hl=de&amp;client=firefox-a&amp;hs=rXO&amp;rls=org.mozilla:de%3Aofficial&amp;source=hp&amp;q=%22sitzen+im+gleichen+boot%22&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=&amp;pbx=1&amp;fp=1&amp;biw=1440&amp;bih=773&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&amp;cad=b">sitzen im gleichen Boot </a></em>und <a href="http://www.google.de/search?q=sitzen+im+gleichen+boot&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;aq=t&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a#sclient=psy&amp;hl=de&amp;client=firefox-a&amp;hs=LDj&amp;rls=org.mozilla:de%3Aofficial&amp;source=hp&amp;q=%22sitzen+im+selben+boot%22&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=&amp;pbx=1&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&amp;fp=59d5526926b6058c&amp;biw=1440&amp;bih=773"><em>sitzen im selben Boot</em> </a>sind bei Google nahezu gleichauf. Nehmen wir das Indikator für den Sprachgebrauch, dann sind beide Varianten synonym, ohne die Aussagekraft der Metapher ernsthaft zu gefährden.</p>
<p><em>We are all sitting in one boat </em>ist ja auch deshalb zum geflügelten Wort geworden, weil die überwältigende Mehrheit der Meinung ist, es würde von Nicht-Deutschen nicht verstanden werden. Vielleicht hätte es aber auch so unglaublich dämlich ausgesehen, ihm &#8220;tsückolotschi&#8221; vorzuwerfen.</p>
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		<title>Ein Apfel am Tag hält den Doktor weg</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Mar 2011 17:24:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Semantik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[idiomatischer Sprachgebrauch]]></category>
		<category><![CDATA[just what the doctor ordered]]></category>
		<category><![CDATA[Redewendung]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal glaube ich, dass nicht wir als Gesellschaft andere Probleme hätten, sondern dass Nachrichtenredaktionen die Masse an Praktikanten irgendwie beschäftigen müssen. Und so schaffte es eine abkömmliche Meldung auf die Startseiten der Onlinemedien, die eigentlich mit Libyen, Fukushima und Knut in diesen Tagen genug zu tun haben dürften. In der letzten Woche besuchten Prinz William [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal glaube ich, dass nicht wir als Gesellschaft andere Probleme hätten, sondern dass Nachrichtenredaktionen die Masse an Praktikanten irgendwie beschäftigen müssen. Und so schaffte es eine abkömmliche Meldung auf die Startseiten der Onlinemedien, die eigentlich mit Libyen, Fukushima und Knut in diesen Tagen genug zu tun haben dürften.</p>
<p>In der letzten Woche besuchten Prinz William und Kate Middleton die Hochwassergebiete im australischen Queensland und die Erdbebenregion in Neuseeland. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Besuch des Prinzen und seiner Zukünftigen wird den dortigen Menschen viel bedeuten. Aufhänger für die Nachricht war in den allermeisten Medien allerdings die Frage, ob das Bald-Prinzenpaar seine Flitterwochen im Sonnenstaat Queensland verbringt. Damit ist die Meldung eigentlich doch recht überflüssig bis zynisch.</p>
<p>Aber zur sprachlichen Seite. Heute: Idiomatische Sprachverwendung.</p>
<p><span id="more-2520"></span>Die Premierministerin des Bundestaates Queensland, Anna Bligh, wird im britischen <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/royal-wedding/prince-william/8392565/Prince-William-Maybe-well-have-a-honeymoon-in-Australia.html">Sunday Telegraph</a> über die Wirkung des Besuch des Prinzen so zitiert:</p>
<blockquote><p>&#8220;I&#8217;ve been to Cardwell a number of times since the cyclone and floods and I&#8217;ve never seen so many smiles as today,&#8221; she said. &#8220;It&#8217;s been almost impossible for these people, but a little royal magic is just what the doctor ordered.&#8221;</p></blockquote>
<p>In der Agenturmeldung, die mittlerweile laut Google an etwa 400 Stellen im deutschsprachigen Raum wortwörtlich übernommen wurde, liest sich das dann so:</p>
<blockquote><p>Mit Blick auf die Freude der von der Naturkatastrophe geplagten Einwohner des Landes sagte sie: &#8220;Es ist fast unmöglich, aber ein bisschen royale Magie ist genau das, was der Doktor verordnet hat.&#8221; (<em><a href="http://www.google.de/search?hl=de&amp;client=opera&amp;rls=de&amp;channel=suggest&amp;tbs=cdr%3A1%2Ccd_max%3A19.3.2011&amp;q=%22Mit+Blick+auf+die+Freude+der+von+der+Naturkatastrophe+geplagten+Einwohner+des+Landes+sagte+sie%3A+%22Es+ist+fast+unm%C3%B6glich%2C+aber+ein+bisschen+royale+Magie+ist+genau+das%2C+was+der+Doktor+verordnet+hat.%22&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=">Googleergebnisse</a> für genau [!] diesen Abschnitt.</em>)*</p></blockquote>
<p>Nun ist es sicherlich für jeden ersichtlich, was gemeint ist: Immerhin assoziieren wir Ärzte, deren Ratschläge oder Medizin mit Genesung und Gesundheit. Das kennen wir auch von Redewendungen wie <em>Lachen ist die beste Medizin</em>. Wir verstehen also auch die wörtliche Übersetzung <em>was der Doktor verordnet hat</em>, da uns die metaphorische Erweiterung nicht vor unlösbare Probleme stellt.</p>
<p>Die Redewendung funktioniert also auch im Deutschen. Aber ungelenk ist der Ausdruck dennoch. Mit anderen Worten:<em> was der Doktor verordnet (hat)</em> ist im Deutschen kein idiomatischer Sprachgebrauch. Von nicht-idiomatischer Sprachverwendung spricht man, wenn ein Ausdruck zwar grammatisch in Ordnung ist, er von der Sprachgemeinschaft so aber nicht verwendet wird. Gerade Redewendungen einer Sprache sind sehr in ihrer jeweiligen (Sprach-)Kultur verankert. Für Übersetzer besteht die Kunst also darin, Texte oder Aussagen so zu übersetzen, dass sie trotz der geforderten Nähe zum Original klingen, als könnten sie von einem Muttersprachler geäußert worden sein. Gelingt das nicht, &#8220;stolpert&#8221; man als Leser über eine Konstruktion.</p>
<p>Kommen wir nun zu einer legitimen Form der Sprachkritik, wenn Sie so wollen. Die Agenturmeldung enthält keinen Übersetzungsfehler im eigentlichen Sinn. Es wurde ja genau das transportiert, was gesagt wurde. Aber Anna Bligh benutzte eine im englischen Sprachraum sehr gängige Redewendung, die wir im Deutschen nicht haben. Wir sagen je nach Kontext <em>genau das Richtige</em> oder <em>passend</em>. Wenn&#8217;s in dieser Situation eine Gesundheitsmetapher sein muss, könnte man natürlich auch über &#8230;<em>und das ist gerade die beste Medizin</em> diskutieren.</p>
<p>Natürlich ist nichts per se gegen kreativen Sprachgebrauch einzuwenden, je nach Textart oft auch nicht in Übersetzungen. Allerdings ist dieser sprachlich korrekte Satz nicht an den Sprachgebrauch der Zielgruppe angepasst worden. (Ich persönlich glaube, dass das deutlichste Zeichen, dass hier in der Nachrichtenagentur zumindest schludrig gearbeitet wurde, in der Übersetzung von <em>doctor</em> mit <em>Doktor</em> anstatt <em>Arzt</em> liegt, aber gut, das ist Gusto.)</p>
<p>Also &#8211; mit etwas mehr Zeit, Sprachgefühl oder Lektorat wäre dieser Ausdruck der Löschtaste zum Opfer gefallen. Möglich ist auch, dass demjenigen die Redewendung gar nicht bekannt war oder ihm/ihr die gängigen Verwendungskontexte im Englischen nicht geläufig waren. (Wäre es eine ad hoc-Bildung von Anna Bligh gewesen, dann wäre eine nahezu wörtliche Übersetzung vertretbar gewesen.) Aber es sagt doch einiges über die Arbeitsweisen in Onlineredaktionen aus, dass die Meldung von so vielen einfach in ihrer Gänze übernommen wurde. Irgendwem muss die unidiomatische Konstruktion aufgefallen sein, vor allem, wenn man davon ausgehen möchte, dass in den Redaktionen noch Menschen (und Lektoren) sitzen.**</p>
<p>Dass ich als Texterin die Formulierung ablehne, sie als Linguistin aber interessant finde, ist kein Widerspruch. Denn der gebotene Versuch, sich an den konventionellen Sprachgebrauch zu halten (Arbeitsanweisung vor allem an Journalisten), bedeutet nicht, dass wir die Redewendung nicht als passende Metapher schön und treffend finden und sie deshalb in unseren Sprachgebrauch übernehmen könnten. Bei Nachrichten und Agenturmeldungen haben wir es &#8211; naja, wir sollten zumindest! &#8211; mit lektorierter Sprache und nicht notwendigerweise mit natürlichem oder spontanem Sprachgebrauch zu tun. Wenn jetzt die Sprachgemeinschaft aber erkennen sollte, dass wir die Redewendung <em>was der Doktor verordnete</em> brauchen, dann könnte sie sich durchsetzen, egal, <em>wie</em> sie in unsere Sprache kam.</p>
<p>Da es den anderen Onlinepraktikanten nicht auffiel, ziehe ich zumindest in Betracht, dass <em>mein</em> Sprachgefühl hier eventuell fehlgeleitet ist. Google steht aber offenbar auf meiner Seite und liefert überwiegend wörtliche Verwendungen für <em>was der <a href="http://www.google.de/search?hl=de&amp;client=opera&amp;rls=de&amp;channel=suggest&amp;q=%22was+der+doktor+verordnet%22&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=">Doktor</a>/<a href="http://www.google.de/search?hl=de&amp;client=opera&amp;rls=de&amp;channel=suggest&amp;q=%22was+der+arzt+verordnet%22&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=">Arzt</a> verordnet</em>. <a href="http://www.linguee.de/deutsch-englisch/search?sourceoverride=none&amp;source=auto&amp;query=what+the+doctor+ordered">Linguee</a>, eine Webseite, die vergleicht, wo wie was übersetzt wurde, listet für die englische Redewendung einige wörtlichen Übersetzungen. Die Tendenz: Je eher eine Webseite bzw. deren Betreiber professionell (mit Sprache) arbeitet, wie das Goethe Institut, desto eher vermeiden sie die wörtliche Übersetzung. Bei anderen bin ich mir sogar sicher, dass eine maschinelle oder maschinengestützte Übersetzung vorliegt, wenn <em>der Doktor bestellte</em> oder <em>verordnet</em> <em>hat</em> (man beachte das Präteritum). Generell ist die Datenmenge hier aber zu klein, um eine vernünftige Aussage treffen zu können.</p>
<p>Und nun frage ich mich: Sitzen in Onlineredaktionen nur Agenturmeldungsverarbeitungsrechner? Ich habe ja tendenziell einen eher progressiven Sprachgebrauch und finde vieles akzeptabel, was bei anderen durchfällt. Aber hier tun mir die Heerscharen an gut ausgebildeten und arbeitslosen Übersetzern Leid, die es flüssiger hinbekommen hätten.</p>
<p>&#8211;</p>
<p><em>*Persönlich stutzig machte mich ja eigentlich die relative Sinn- und Kohärenzfreiheit des ganzen Absatzes und besonders die der Formulierung &#8220;<strong>Es ist fast unmöglich</strong>, aber ein bisschen royale Magie&#8230;&#8221;, die im deutschen Zitat noch weniger Sinn macht, als im mutmaßlichen Original. (Dort wird sie zumindest noch um &#8220;for these people&#8221; präzisiert und bezieht sich auf die Schwierigkeit der Menschen, in ihrer Situation zu lächeln). Aber das würde jetzt wirklich zu weit führen. Und da auch das Telegraph-Zitat nicht das Original sein wird und mir dieses nicht vorliegt, belassen wir es mal dabei.</em></p>
<p><em>**Nordbayern.de lieferte tatsächlich einen Treffer für die Formulierung &#8220;ist jetzt genau das richtige&#8221;. Der Link führte aber in den Raum 404 &#8211; der Googletreffer verschwand danach und ist nicht mehr zu rekonstruieren. Stattdessen findet man auf nordbayern.de an mehreren Stellen die gleiche Formulierung, wie anderswo auch. Hä?</em></p>
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		<title>Anglizismus des Jahres 2010: leaken</title>
		<link>http://www.extraflach.de/blog/2011/02/03/anglizismus-des-jahres-2010-leaken/</link>
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		<pubDate>Thu, 03 Feb 2011 20:45:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[In eigener Sache]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Anglizismus des Jahres]]></category>
		<category><![CDATA[Badische Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer die letzten Tage nicht in völliger medialer Dunkelheit verbracht hat, wird es bereits wissen: leaken ist der Anglizismus des Jahres 2010. Anatol Stefanowitsch hat es am Dienstag Nachmittag unter anderem auf seinem Blog bekannt gegeben. Das Presseecho: Immerhin fand die Wahl außer auf vielen Blogs und Twittermeldungen im Tagesspiegel und im britischen Guardian sowie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer die letzten Tage nicht in völliger medialer Dunkelheit verbracht hat, wird es bereits wissen: <em>leaken</em> ist der Anglizismus des Jahres 2010. Anatol Stefanowitsch hat es am Dienstag Nachmittag unter anderem auf <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachkritik/2011-02-01/anglizismus-des-jahres-das-ergebnis">seinem Blog bekannt gegeben</a>.</p>
<p>Das Presseecho: Immerhin fand die Wahl außer auf vielen Blogs und Twittermeldungen im <a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/leaken-fuehlt-sich-im-deutschen-wohl/3790172.html">Tagesspiegel</a> und im britischen <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2011/feb/01/german-language-english-words-leaken">Guardian</a> sowie als Guardian-Nachdruck in <a href="http://www.theage.com.au/world/english-leakens-into-german-20110202-1adqb.html">The Age</a> aus Melbourne Erwähnung. Außerdem &#8211; obächtle! &#8211; erschein ein Kommentar in der <a href="http://www.badische-zeitung.de/kolumnen-sonstige/angerissen-heute-schon-geleakt--40783998.html">Badischen Zeitung</a>.</p>
<p>Die Reaktion eines Freundes, als er mir das zweite Tannenzäpfle auf den Tisch stellte: „Ja, woran das wohl liegt?“</p>
<p>Ich stelle fest: damit habe ich nichts zu tun.</p>
<p>Zum Wochenende bringe ich eine kleine Presse(rück)schau.<em></em></p>
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		<title>Warum Deutsch nicht ins Grundgesetz gehört</title>
		<link>http://www.extraflach.de/blog/2011/01/24/warum-deutsch-nicht-ins-grundgesetz-gehort/</link>
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		<pubDate>Mon, 24 Jan 2011 21:18:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch ins Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Petition]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[VDS]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist schwer, aus dem Wirrwarr der Diskussionen und Streitgespräche über die &#8220;(Kein) Deutsch ins Grundgesetz&#8221;-Petitionen einigermaßen diskussionfähige Argumente für oder wider herauszulesen. Mir war irgendwie danach, mal meine Highlights an Argumenten der Befürworter zusammenzutragen. Der Einfachheit halber nenne ich die Befürworter der Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz &#8220;Befürworter&#8221; und die Gegner &#8220;Gegner&#8221;. Das klingt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist schwer, aus dem Wirrwarr der Diskussionen und Streitgespräche über die &#8220;(Kein) Deutsch ins Grundgesetz&#8221;-Petitionen einigermaßen diskussionfähige Argumente für oder wider herauszulesen. Mir war irgendwie danach, mal meine Highlights an Argumenten der Befürworter zusammenzutragen.</p>
<p>Der Einfachheit halber nenne ich die Befürworter der Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz &#8220;Befürworter&#8221; und die Gegner &#8220;Gegner&#8221;. Das klingt auf den ersten Blick paradox. Es ist aber übersichtlicher, als &#8211; von einer der beiden Petitionen aus betrachtet &#8211; die Menschen, die dafür sind, als &#8220;Gegner&#8221; (der Petition von Anatol Stefanowitsch) zu nennen und die, die dagegen sind als &#8220;Befürworter&#8221; zu bezeichnen oder andersrum. Wenn also alle Klarheiten beseitigt sind, kann es losgehen.</p>
<p><strong>Argument 1: &#8220;19 Länder in Europa haben ihre Sprache in ihrer Verfassung verankert &#8211; und haben damit kein Problem.&#8221;</strong></p>
<p><strong><span id="more-2393"></span></strong></p>
<p><a href="http://www.vds-hh.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=82&amp;Itemid=78&amp;limitstart=1">Nehmen wir die Liste vom VDS</a>: <em>Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Kroatien, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Zypern und Türkei.</em></p>
<p>Die Relevanz dieser Liste für die deutsche Situation müsste mir noch mal jemand genauer erläutern. Die meisten dieser Länder sind in ihrer linguistischen Aufteilung und Geschichte nämlich überhaupt nicht mit Deutschland vergleichbar.</p>
<p>Da wären beispielsweise die mehrsprachigen Nationen Schweiz oder Belgien, die mehrere Amtsprachen in ihren Verfassungen haben, wenn nicht sogar haben <em>müssen</em>. In diesen Ländern gibt es keine bzw. soll es formal keine übergeordnete Sprache geben. Spanien, das Spanisch als Amtsprache festgeschrieben hat, gewährt im fraglichen Paragraphen den Minderheitensprachen der jeweiligen Regionen den Status einer Amtssprache. Finnland (zwei Amtssprachen, Finnisch und Schwedisch) könnte man an dieser Stelle auch anführen: Ich kenne die Hintergründe nicht, aber es scheint, dass der Festschreibung in der Verfassung nicht allein die Festlegung auf Finnisch vorausging, sondern aufgrund der Geschichte und der linguistischen Situation <em>auch</em> die Gleichstellung von Schwedisch ein Faktor war, <em>beide</em> Sprachen festzuschreiben.</p>
<p>Einer zweiten Gruppe sind die Nachfolgestaaten der UdSSR und Jugoslawien zuzurechnen, deren Verfassungen noch sehr jung sind. In diesen Staaten sind die Verfassungen vor allem vor dem Hintergrund der schwierigen nahen Vergangenheit zu sehen. Das erklärt auch, weshalb beispielsweise in Estland, trotz des Viertels der Bevölkerung mit Muttersprache Russisch dieser Sprache kein Verfassungsrang eingeräumt wurde. Auch wenn die Spaltung von Tschechien vergleichsweise friedlich ablief, gehört die Slowakei ebenfalls in diese Gruppe. Dass die Vergangenheit und die Stärkung der nationalen Identität eine Rolle spielt, der Sprache Verfassungsrang einzuräumen, zeigt sich auch im Fall von Polen oder Malta (Kolonialvergangenheit). Zypern gehört ebenfalls dazu: eine gespaltene Insel, auch linguistisch.</p>
<p>Zu sagen, dass diese Länder keine Probleme hätten, ihre Sprachen in die Verfassung aufzunehmen, wir dagegen schon, ist sehr kurzsichtig. Für viele dieser Länder war es schlicht eine <em>Notwendigkeit</em>, es zu tun. Entweder aus einer geschichtlichen und oft traumatischen Erfahrung heraus (&#8220;Jetzt dürfen wir, also machen wir!&#8221;) oder von der Warte eines nativen ethnischen und linguistischen Flickenteppichs. Dann sind oft sogar mehrere und nicht nur die dominante Sprache in der Verfassung festgelegt.</p>
<p>Mir müsste an dieser Stelle also noch mal jemand einen guten Grund nennen, wo genau er/sie sieht, wir in Deutschland stellten uns &#8220;so zickig&#8221; an. (Das scheint ja fast ein Synonym für demokratische Streitkultur geworden zu sein.) Gleichzeitig fordere ich eine vernünftige Begründung ein, was der Vergleich mit anderen europäischen Staaten hier rechtfertigt bzw. welchen Nutzen er hat.</p>
<p>(Bei uns reichte ja noch nicht mal der reale PISA-Schock für einen ernsthaften Vergleich mit anderen Ländern und einem daraus abgeleiteten Versuch, es mal mit anderen Mitteln als dem Grundschulcasting zu probieren.)</p>
<p><strong>Argument 2: &#8220;Die Sprache soll als Zusatz zu Artikel 22 im Grundgesetz genannt werden. Dort finden sich Hauptstadt und Flagge, die Sprache gehört dazu.&#8221;</strong></p>
<p>In <a href="http://dejure.org/gesetze/GG/22.html">Artikel 22</a> steht derzeit &#8220;Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin&#8221; (Absatz 1) und &#8220;Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold&#8221; (Absatz 2).</p>
<p>Die <a href="http://lexetius.com/GG/22">Nennung von Berlin in Artikel 22</a> gibt es erst seit der Föderalismusreform 2006. Diese Hauptstadtklausel war während der Verhandlungen nicht unumstritten. Seine Notwendigkeit wurde unter anderem damit begründet, dass die gesetzlich verankerte Verteilung der Bundesaufgaben zwischen Bonn und Berlin aufgehoben und der Umzug nach Berlin beschleunigt werden sollte. Außerdem muss man die Entstehung dieses Passus unter dem Eindruck der finanziellen Schieflage im Berliner Haushalt betrachten, inklusive möglicher finanziell ableitbarer Ansprüche des Landes Berlin.</p>
<p>Da Abschnitt II (Artikel 20-37) Staatsform, Staatsziele sowie die Beziehungen zwischen Bund und Ländern regelt, findet sich die Hauptstadtklausel hier. Seit 2006 gilt: &#8220;die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes&#8221;. Der Absatz hat also weniger Symbolcharakter, als vielmehr eine konkrete Notwendigkeit im föderalen System. Das Bundesgesetz, das bis 2006 die Aufgaben zwischen Berlin und Bonn regelte (Berlin-Bonn-Gesetz) ist mit der Föderalismusreform in Artikel 22 aufgegangen.</p>
<p>Bis 2006 war in Artikel 22 also lediglich die Bundesflagge festgelegt. Dass die Gründerväter des Grundgesetzes diese Farben festschreiben ließen, ist wenig verwunderlich. Schwarz-rot-gold war nach dem Nationalsozialismus nicht offensichtlich, sondern sollte <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=04458755399528056519452289227846">die Betonung der Staatsziele Deutschlands verkörpern und eine Rückbesinnung auf die Werte der Einigkeits- und Freiheitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts symbolisieren</a>. Betrachtete man die Bedeutung der Sprache Deutsch für die Einheitsbestrebungen und die Funktion als Staatssymbol, wäre hier wohl ein Platz dafür.</p>
<p>Allerdings ist die Notwendigkeit und der praktische Nutzen einer Nennung der Sprache &#8211; im Gegensatz zum geschichtlich motivierten Bekenntnis zur Flagge und der Festschreibung des Sonderstatus der Hauptstadt &#8211; höchst fraglich. Denn zu Staatssymbolen gehören zum Beispiel auch Nationalhymne, Siegel und Wappen wie der Bundesadler, Feiertage oder Ehrenzeichen wie das Bundesverdienstkreuz. Wo hören wir auf? Vor oder nach Karl-Theodor zu Guttenberg? Wie gesagt, Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit.</p>
<p><strong>Argument 3: &#8220;Die Gegner sagen, dass die Aufnahme nur symbolischer Natur wäre und keine Auswirkungen hätte. Gleichzeitig sagt der Petent, dass aus dem Verfassungsrang eine unerwünschte und gefährliche &#8216;restriktive Sprachpolitik&#8217; resultieren könnte. Das ist ein Widerspruch.&#8221;</strong></p>
<p>Diese Argumentation wirkt zunächst tatsächlich widersprüchlich. Wenn man die allgemeine Motivation der Befürworter betrachtet, nämlich die Sprache schützen zu wollen und ihr die &#8220;notwendige Anerkennung&#8221; zukommen zu lassen, hätte der Akt schlicht nur symbolischen Charakter. Die Sprache &#8220;schützen&#8221; zu wollen ist zwar auf den ersten Blick ein hehres Ziel &#8211; aber auch ein recht abstraktes, wenn nicht sogar besonders unsinniges Ansinnen. Deutsch ist nicht bedroht. Deutsch ist lebendig wie eh und jeh. Deutsch erfährt tagtäglich millionenfach Anerkennung, indem die Sprecher Deutsch nutzen. Sie ist nicht durch Englisch, nicht durch Türkisch und nicht durch Vegetarisch bedroht. Möchte jemand wirklich ernsthaft behaupten, Deutsch sei nicht die Sprache des öffentlichen Raumes?</p>
<p>Deutsch verfällt auch nicht. Autor <a href="http://matthias-schumacher.com/">Matthias Schumacher</a> fügte den vielen Metaphern für Sprachwandel eine weitere schöne hinzu und schrieb in einem <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wider-die-sprachliche-kleingaertnerei/#comment-155755">Kommentar</a> bei Stefan Niggemeier: &#8220;Sprache ist wie Wasser. Sie bahnt sich ihren Weg&#8221;. Anders gesagt, würde man Deutsch ernsthaft (vor Veränderung) &#8220;schützen&#8221; wollen, müsste man in der Logik der Befürworter eigentlich aufhören, sie zu sprechen.</p>
<p>Die zweite Motivation offenbaren die Initiatoren der <a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=15500">Für-Petition</a> ganz konkret: Der neue Satz im Grundgesetz bilde &#8220;(1) einen bindenden Auslegungsmaßstab für die gesamte Rechtssprechung und (2) einen möglichen Ausgangspunkt für künftige Gesetzgebung&#8221;. Allerdings ist die Amtsprache in Deutschland für die Rechtsordnung und -sprechung längst widerspruchsfrei geregelt (z.B. <a href="http://dejure.org/gesetze/BVwVfG/23.html">§23 BVwVfG</a> und in den entsprechenden Verwaltungsrechtsgesetzen der Länder).</p>
<p>Punkt 2 ist der gefährlichere Knackpunkt: <em>Ausgangspunkt für künftige Gesetzgebung</em> &#8211; lassen Sie es sich auf der Zunge zergehen &#8211; <em>kann</em> nur als Aufforderung für eine &#8216;restriktive Sprachpolitik&#8217; gemeint sein oder als Ausgangspunkt für unnötige, verfehlte oder überzogene Verfassungsklagewellen dienen. Der VDS ging schon mal mit gutem Beispiel voran und <a href="http://www.vds-ev.de/images/stories/startseite/meldungen/2010/anzeige_polizei.pdf">stellte Strafanzeige gegen die Autobahnpolizei Nordrhein-Westfalen</a>, weil sie Autobahnen mit einem Banner mit der Aufschrift &#8220;check your distance&#8221; verzierte. Begründung: &#8220;Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr.&#8221; Es wäre sogar eine ganz nette Satire. Aber die meinen das ernst.</p>
<p>Von Widerspruch in der Gegen-Petition kann bei näherem Hinsehen keine Rede sein.</p>
<p><strong>Argument 4: &#8220;Ich will kein Grundgesetz auf Türkisch.&#8221;</strong></p>
<p>Das wird für einige jetzt sehr, sehr schmerzhaft: Das Grundgesetz auf Türkisch gibt es <a href="https://www.btg-bestellservice.de/pdf/80207000.pdf">längst</a>.</p>
<p>(Oh weh, und direkt beim Bundestag gibt es unsere Verfassung sogar auf <a href="https://www.btg-bestellservice.de/pdf/80201000.pdf">Englisch</a>, <a href="https://www.btg-bestellservice.de/pdf/80202000.pdf">Französisch</a>, <a href="https://www.btg-bestellservice.de/pdf/80206000.pdf">Spanisch</a>, <a href="https://www.btg-bestellservice.de/pdf/80205000.pdf">Polnisch</a> und, wenn ich mich recht entsinne, auf Russisch [derzeit keine Bereitstellung beim Bundestag].)</p>
<p>Viel entlarvender ist aber der Hintergrund dieser Aussage: Sie offenbart, worum es in der Diskussion eigentlich geht. Und worum es besonders immer dann geht, wenn auf leere Argumente noch hohlere Phrasen folgen. Dass Migranten ermutigt und meinetwegen auch aufgefordert werden sollen, zur Teilhabe am Gesellschaftsleben die deutsche Sprache zu lernen, steht doch völlig außer Frage. Erschreckend ist aber, wie schnell die Argumente ganz nahe an einen ekligen &#8211; oder darf ich sagen &#8220;braunen&#8221;? &#8211; Sumpf geraten. Die sprachlichen Nachteile für Migranten sind ein gesellschaftliches Problem &#8211; aber keines fürs Grundgesetz und erst recht keines der deutschen <em>Sprache</em>, die deshalb besonderer Aufmerksamkeit oder verfassungsrechtlicher Anerkennung bedürfte.</p>
<p><strong>Argument 5: &#8220;Die Aufnahme hätte eine Symbolwirkung für Integration.&#8221;</strong></p>
<p>Jetzt weiß ich wirklich nicht, wo ich anfangen soll. <em>Symbol</em>. <em>Integration</em>.</p>
<p>Also lasse ich es bleiben und frage anders: Wäre es nicht auch langsam mal angebracht zu fragen, was <em>wir</em>, also was die &#8220;richtigen oder schon-immer-richtigen Deutschen&#8221; für die Integration tun? Wäre es nicht sinnvoll, Integration endlich als wechselseitige Aufgabe zu begreifen? Wir rufen immer nach Integration, beklagen die mangelnde Integrationsfähigkeit und glauben Multi-Kulti sei ein Wunschkonzept, nicht aber Realität.</p>
<p>Wir sind gleichzeitig völlig unfähig, alles und jeden ohne teutonischen Stammbaum in <em>unseren</em> Wahrnehmungsbereich zu integrieren. Wahlweise trifft das auch Menschen mit Namen, die auf -<em>itsch, -ic </em>oder -<em>türk</em> enden oder deren Hautfarbe nicht einem bestimmten Hexcode entspricht.</p>
<p><strong>Vorwurf I: &#8220;Die Gegen-Petition ist unsinnig.&#8221;</strong></p>
<p>Mir wurde von einem mittlerweile als Troll enttarnten und von besonders schwerer Schizophrenie geplagten Kommentator im Sprachlog unterstellt, ich würde &#8220;jeder Aussage eines Höhergestellten blind folgen&#8221;. (Der Vorwurf ist eigentlich zu lächerlich, um ihm hier Platz einzuräumen, aber ich fand die Formulierung so schön.) Ums blinde Folgen geht es aber auch nicht. Die Petition ist eine Antwort auf eine Petition des VDS und VDA, die ohne diese nicht eingereicht worden wäre. Ich halte sie deshalb für notwendig und richtig. Und sie ist vor allem Ausdruck einer demokratischen Teilhabe. Das kann ich sogar ganz alleine entscheiden.</p>
<p>Von beiden Seiten wurde dem Petenten übrigens vorgeworfen, er wolle nur mediale Aufmerksamkeit oder VDS und/oder Bild mit deren Waffen schlagen. Das ist eine eigenartige Auffassung von Demokratie. Eine Petition ist eine Möglichkeit zur politischen Einflussnahme &#8211; für jeden. Nicht nur für Bild oder Sprachvereine oder Populisten oder sonstige Querdenker, aber eben auch für diese.</p>
<p>Mir persönlich fällt es schwer, die Befürworter <em>per se</em> als &#8216;<a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2010-11-07/die-vielstimmige-gesellschaft-und-ihre-feinde">Feinde der vielstimmigen Gesellschaft</a>&#8216; zu betiteln. (Umgekehrt wehre ich mich dagegen, als &#8220;Feind der deutschen Sprache&#8221; bezeichnet zu werden.) Aber, und das zeigen Forumsbeiträge beider Petitionen, Blogkommentare, VDS-Forendiskussionen, viele Aussagen von Politikern und sonstigen Befürwortern: Es geht eigentlich gar nicht um Deutsch, vermutlich nicht mal um Anglizismen oder Sprachwandel. Es geht schlicht um die Frage, wieviel Realität wir anzuerkennen im Stande sind. Und der erschreckende Verdacht ist leider: sehr, sehr wenig.</p>
<p>Soll heißen: Die Diskussion dreht sich doch längst nicht mehr um die Sprache im Grundgesetz. Zumindest nicht auf Seiten vieler, obgleich nicht aller Befürworter. Sie driften sehr oft und sobald ihnen die Argumente ausgehen in einen dumpfen Populismus ab, der sich ohne Begriffe wie &#8220;latenter Rassismus&#8221; und &#8220;Deutschtümmelei&#8221; leider gar nicht mehr adäquat beschreiben lässt.</p>
<p><strong>Vorwurf II: &#8220;Befürworter als &#8216;Kleingärtner&#8217; oder &#8216;Sprachnörgler&#8217; zu bezeichnen ist arrogant und herablassend.&#8221;</strong></p>
<p>Mag sein. Und möglicherweise ist diese Wortwahl sogar zu Recht zu kritisieren &#8211; aber auch ich benutze bewusst &#8216;Nörgler&#8217; oder &#8216;<a href="http://www.extraflach.de/blog/2010/09/04/the-german-blitz-macht-endlich-sinn/">geistige Tiefflieger</a>&#8216;. (Hinweis: Es sind <em>Bilder</em>.) Denn erstens hat die Auseinandersetzung zwischen Sprachkritikern und Sprachwissenschaftlern eine recht lange Tradition und eine sachliche Diskussion steht selten auf der Tagesordnung. (Nur fürs Protokoll, nicht als Entschuldigung oder gar Rechtfertigung: im VDS-Forum ist wiederholt vom &#8220;Blockwart (aus Bremen)&#8221; die Rede, gemeint ist Anatol Stefanowitsch.)</p>
<p>Das Vokabular wäre vielleicht neutraler, wenn sich beide Lager mehr zu sagen hätten &#8211; ein Vorwurf, dem sich die Sprachwissenschaft durchaus bewusst ist. Förderlich wäre sicherlich auch, wenn sich die Riege der Nörgler in Sprachfragen den Argumenten der Sprachwissenschaft(ler) zumindest zugänglich zeigten. Und zweitens &#8211; hier bin ich natürlich befangen &#8211; wird unsere Disziplin im besten Fall belächelt, im schlimmsten Fall wird ihr die Daseinsberechtigung abgesprochen. Warum? Weil wir nach Meinung der selbsternannten Sprachpfleger von Steuergeldern finanziert die Sprache beobachten und trotzdem nichts tun, um die Sprache zu schützen, geschweigedenn nützliche Ergebnisse produzieren. Diese Haltung <em>ist</em> kleingeistig &#8211; ignorant und herablassend ist sie noch dazu.</p>
<p><strong>Argument 6: &#8220;Wem würde Deutsch im Grundgesetz denn weh tun?&#8221;</strong></p>
<p>Tja. Wenn das beste Argument, die Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen, die Tatsache sein soll, dass es aus Sicht der Befürworter keins dagegen gibt&#8230; (Herzlichen Dank an einen Kommentator im Petitionsforum für diese Beobachtung.)</p>
<p>Sie sehen die Hilflosigkeit?</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Wenn Ihnen in diesem Beitrag ein triftiges Argument <em>gegen</em> die Aufnahme fehlt, dann fehlt es Ihnen vermutlich aus einem bestimmten Grund.</p>
<p>Ich meine mich zu entsinnen, dass unsere Bundeskanzlerin einmal sagte, das Grundgesetz sei kein Wunschzettel. Deutsch bedarf keiner gesonderten Stellung (Kriterium Notwendigkeit), weder um sie zu schützen, noch um die &#8220;Integration&#8221; zu fördern &#8211; im Gegenteil (Kriterium der Gefahr für Integration). Förderung der sprachlichen Verständigung in diesem Land geht nicht über sechs Wörter im Verfassungstext.</p>
<p>Ich sage es nicht oft, aber in dieser Hinsicht ist der Status Quo ausreichend. Und wer die Sprache als &#8220;Identifikationsmerkmal&#8221; noch nicht für sich entdeckt hat, muss ein bemitleidenswert stilles Leben führen.</p>
<p><em><br />
</em></p>
<p><em>[Edit, 25. Januar, 10:45. Zur Erinnerung: Die Petition zur Mitzeichnung findet sich unter </em><a href="http://goo.gl/guB7e"><em>http://goo.gl/guB7e</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Weitere Informationen finden sich mit Links nach wie vor bei Anatol Stefanowitsch (u.a. </em><a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2011-01-20/f-r-eine-vielstimmige-gesellschaft"><em>hier</em></a><em>) und auch </em><a href="http://www.facebook.com/keindeutschinsgrundgesetz"><em>bei Facebook</em></a><em>.]</em></p>
<p><em>[Edit, 25. Januar, 22:00. Ich musste den Beitrag nach seiner Veröffentlichung sprachlich korrigieren; jetzt ist eine inhaltliche Korrektur hinzugekommen. In der früheren Version sprach ich davon, dass der VDS die Polizei in NRW </em>verklagte<em>. Das ist falsch. Natürlich stellten sie eine </em>Strafanzeige <em>(gegen die Autobahnpolizei in NRW). Ich bitte diesen Schnitzer zu entschuldigen.]</em></p>
]]></content:encoded>
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		<title>Art. 22, Abs. 3 GG</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Jan 2011 14:58:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Was ist Deutsch?]]></category>

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		<description><![CDATA[Art. 22, Abs. 3 GG gibt es nicht. Der VDS möchte, dass Deutsch besser geschützt und deshalb als Zusatz zu Artikel 22 ins Grundgesetz aufgenommen wird. Dafür hat der Verein Ende des vergangenen Jahres die BILD-Zeitung gewinnen können. Mit der Sache beschäftigten sich im November das BILDblog (hier und hier), sowie Sprachlogger Anatol Stefanowitsch. Im Dezember dann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Art. 22, Abs. 3 GG gibt es nicht.</p>
<p>Der VDS möchte, dass Deutsch besser geschützt und <a href="http://www.vds-ev.de/presse/pressemitteilungen/846-mehr-als-46000-fuer-deutsch-ins-grundgesetz">deshalb als Zusatz zu Artikel 22 ins Grundgesetz aufgenommen wird</a>. Dafür hat der Verein Ende des vergangenen Jahres die BILD-Zeitung gewinnen können. Mit der Sache beschäftigten sich im November das BILDblog (<a href="http://www.bildblog.de/24174/den-job-zum-gaertner-gemacht/">hier</a> und <a href="http://www.bildblog.de/24202/bullshit/">hier</a>), sowie Sprachlogger <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2010-11-07/die-vielstimmige-gesellschaft-und-ihre-feinde">Anatol Stefanowitsch</a>. Im Dezember dann startete der VDS eine E-Petition, in der der Bundestag aufgefordert wird, Deutsch im Grundgesetz festzuschreiben. Diese Petition ist bei Ablauf in dieser Woche von etwa 5000 Menschen gezeichnet worden.</p>
<p>Stefanowitsch kündigte bereits im November an, eine entsprechende Gegenaktion zu starten. Es ist soweit. Die Petition findet sich <a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=15840">hier</a>.<strong> </strong>Zum Willensbildungsprozess gehört natürlich auch die Information über ein Thema und wer sich die Hintergründe dazu aneignen möchte und wissen möchte, <em>warum</em>, der sei auf die <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2011-01-20/f-r-eine-vielstimmige-gesellschaft">Bekanntmachung</a> (inklusive der Links zu früheren Beiträgen) im Sprachlog hingewiesen. Heute hat auch <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wider-die-sprachliche-kleingaertnerei/?utm_source=feedburner&amp;utm_medium=feed&amp;utm_campaign=Feed%3A+StefanNiggemeier+%28Stefan+Niggemeier%29">Stefan Niggemeier</a> auf die Aktion aufmerksam gemacht.</p>
<p>Da frage ich mich natürlich, was die Reichweite meiner Wenigkeit noch ausrichten kann. Aber mir ist im Laufe der Diskussionen klar geworden (ähnlich wie <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/21/linktipp-grundgesetz/#comment-2144">Kristin</a>), dass ich auch als kleines Licht den geistigen Dünnpfiffterror nicht unkommentiert stehen lassen will. Wenn man als Feind der deutschen Sprache diffamiert wird, weil man sich der Petition anschließt oder der Doppelmoral bezichtigt wird, weil man dann <em>trotzdem</em> in Deutschland lebt &#8211; dann ist jede erdenkliche Motivation legitim, mit der diese Petition gezeichnet wird. Bisher hielt ich billigen Populismus für den schlechtesten aller Gründe &#8211; (zumindest) für heute sehe ich das anders. Ich lebe gerne hier, ich liebe Deutsch &#8211; und das trotz der unreflektierten Pöbelei, die uns entgegen weht.</p>
<p>Mein Demokratieverständnis hält <em>das</em> aber aus.</p>
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		<title>Kandidat II: SHITSTORM</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Jan 2011 21:06:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Semantik]]></category>
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		<category><![CDATA[Amerikanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Anglizismus des Jahres 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Sascha Lobo]]></category>
		<category><![CDATA[Shitstorm]]></category>
		<category><![CDATA[Social Media]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Jury bloggt ja ganz fleißig zu den Begriffen und so langsam erscheinen auch Beiträge über Außenseiterkandidaten. Das Stimmungsbild mag sich zwar auf ein paar wenige Begriffe konzentrieren &#8211; aber das Schöne an unserer Wahl ist ja, dass die Entscheidungsfindung so transparent ist. Deshalb möchte ich mich heute einem weniger aussichtsreichen Kandidaten widmen. Die Diskussion [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/13/anglizismus-des-jahres-die-app/">Die</a> <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2011/01/14/kandidat-zum-anglizismus-des-jahres-balconing/">Jury</a> <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2011/01/14/kandidat-zum-anglizismus-des-jahres-cablegate/">bloggt</a> <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2011/01/16/kandidat-zum-anglizismus-des-jahres-cloud/">ja</a> <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2011/01/14/kandidat-zum-anglizismus-des-jahres-durchfaven/">ganz</a> <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/16/when-you-friend-someone/">fleißig</a> <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/17/anglizismus-des-jahres-entfriendenentfreunden/">zu</a> <a href="http://www.extraflach.de/blog/2011/01/14/kandidat-i-leaken-anglizismus-des-jahres/">den</a> <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/14/anglizismus-des-jahres-leaken/">Begriffen</a> <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachgebrauch/2011-01-15/whistleblower">und</a> so langsam erscheinen auch Beiträge über Außenseiterkandidaten. Das Stimmungsbild mag sich zwar auf ein paar wenige Begriffe konzentrieren &#8211; aber das Schöne an unserer Wahl ist ja, dass die Entscheidungsfindung so transparent ist. Deshalb möchte ich mich heute einem weniger aussichtsreichen Kandidaten widmen. Die Diskussion um solche Außenseiter sollte ja auch zeigen, <em>warum</em> diese vermutlich nur Außenseiter bleiben.</p>
<p>Nun denn, heute: <em>Shitstorm</em>.  <span id="more-2292"></span></p>
<p>Ich sage es vorweg: <em>Nice, but not quite</em>. Aber immerhin erfüllte Shitstorm die wichtigen Nominierungskriterien. Noch ein Wort der Warnung: Die Diskussion ist potentiell unübersichtlich und irgendwie scheint es mir, als legte Google mit jeder Suchanfrage neue Daten, Ergebnisse und Treffergenauigkeit an den Tag. Gut, dieses Schicksal teile ich mit meinen Jurykollegen und Shitstorm mit seinen Konkurrenten.</p>
<p><strong>Was bedeutet <em>Shitstorm</em>?</strong></p>
<p><strong></strong><em><span style="font-style: normal;">Rein formal ganz einfach erklärt: aus </span>shit<span style="font-style: normal;"> &#8216;Scheiße, seltener: Dreck&#8217; + </span>storm<span style="font-style: normal;"> &#8216;Sturm&#8217;. Mit einem Anteil von unter 0,01% der Googletreffer auch mit einem deutschen Element, <em>der Shit<strong>sturm</strong>.</em> Ein Maskulinum, </span><span style="font-style: normal;">der Shitstorm. <span style="font-style: normal;">M</span></span><span style="font-style: normal;">eist im Singular, als Plural <em>die Shitstorm<strong>s</strong></em>.</span></em></p>
<p><em></em><em>Shitstorm</em> lässt sich für das Deutsche allgemein definieren als &#8216;Sturm öffentlicher, massenhaft auftretender Entrüstung (im Web)&#8217;. Dabei bezieht sich <em>Shitstorm</em> aber nicht nur auf konstruktive Kritik oder erwartbaren Gegenwind, was ja die naheliegende Übersetzung <em>Proteststurm</em> bezeichnen würde, sondern es beinhaltet &#8211; mit den Worten des Bloggers Sascha Lobo &#8211; auch</p>
<blockquote>
<div id="_mcePaste">eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen [...], <strong>von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und [die] stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend</strong> geführt [werden]. (Sascha Lobo, <a href="http://saschalobo.com/2010/04/22/how-to-survive-a-shitstorm/"><em>How to survive a shit storm</em></a>, Vortrag auf der re:publica 2010)</div>
</blockquote>
<blockquote>
<div>Ein <a href="http://www.ruhrbarone.de/tauss-der-kinderschandergucker-der-piraten-ist-verurteilt-zu-recht/">Kommentar</a> zum Kinderpornografie-Urteil gegen den ehemaligen SPD-MdB Jörg Tauss brachte uns viel Kritik ein. Danach wussten wir auch, was ein <strong>Shitstorm</strong> ist. (<a href="http://www.ruhrbarone.de/jahresruckblick-2010-mai/">Ruhrbarone.de</a>, 24.12.2010)</div>
</blockquote>
<p>Es ist also eine plötzlich auftretende, sachfremde, häufig beleidigende und unkontrollierbare Reaktion einer breiteren (Netz-)Öffentlichkeit jenseits einer üblichen oder erwartbaren Diskussion. Oft beinhalten Shitstorms eine Reihe von <em>ad hominem</em>-Angriffen. Ganz wie es unsere Medienwelt will, finden Shitstorms meist als Blogbeiträge oder -kommentare, Twitternachrichten oder Facebook-Meldungen Ausdruck. <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,699935,00.html">Spiegel Online</a> beispielsweise sah Kristina Schröder im Juni 2010 dem &#8220;Zwitscher-Sturm (in der Szene &#8220;Shitstorm&#8221; genannt)&#8221; ihrer mikrobloggenden Twitterkollegen ausgeliefert. Nicht nur die Täter kommen demnach aus dem Social Media-Bereich, sondern &#8211; der Natur der Social Media-Sache geschuldet &#8211; häufig auch ihre Opfer.</p>
<p>Shitstorms sind vom einfachen Trollen abzugrenzen. Der Troll tritt als Einzeltäter auf und seine primäre Funktion ist die Provokation einer ansonsten um Anständigkeit und Sachlichkeit bemühten Diskussion (also um der reinen Provokation Willen). Shitstorm ist dagegen der Prozess, also die Gesamtheit der Angriffe zu einem Thema oder auf eine Person. Als Beispiel für einen Shitstorm nennt <a href="http://saschalobo.com/2010/01/27/was-oettinger-jetzt-tun-konnte/">Lobo</a> auch die hämischen Reaktionen auf Günther Oettingers &#8220;We are all sitting in one boat&#8221;-Rede.</p>
<p>So erklärt, verwundert es auch nicht, dass sich die große Mehrheit der Treffer nicht in etablierten Medien findet, sondern überwiegend in Journalistisch-Bloggersdorf und im Social Media-Kontext. Eine Ausnahme wäre etwa ein Zitat in einer <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,432304,00.html">Feuillton-Rückschau bei Spiegel Online</a>, was gleichzeitig einer der frühesten Belege im deutschsprachigen Raum ist (2006, ursprünglich online erschienen bei der Frankfurter Rundschau, der Link bei SPON führt aber nur zu einer Fotogalerie):</p>
<blockquote><p>Mein Freund und früherer Mentor Kurt Vonnegut würde das nationalistische Geplapper in den deutschen Medien wohl als &#8216;shit storm&#8217; bezeichnen.</p></blockquote>
<p>Das Originalzitat stammt aus einem Kommentar von John Irving im <a href="http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2006/aug/19/comment.germany">britischen Guardian</a> zur Diskussion um Günter Grass&#8217; SS-Vergangenheit. Möglich also, dass Shitstorm so in die deutsche Sprache kam. (Google zeigt für <a href="http://www.google.de/search?q=shitstorm+site:de&amp;hl=de&amp;client=safari&amp;tbo=1&amp;rls=en&amp;tbas=0&amp;prmd=ivns&amp;source=lnt&amp;tbs=tl:1&amp;sa=X&amp;ei=kE80TcnANofKswbFh-mlCg&amp;ved=0CBUQpwUoAjgK">2004-5</a> zwar deutsche Treffer an, die sich aber auf <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Shitstorm">diverse Songs oder eine Band</a> beziehen.) Aufschlussreich ist im 2006er Zitat nicht nur die Benutzung von Anführungszeichen, sondern auch die Orthographie: hier wurde wie bei Anglizismen in der Eingliederungsphase üblich die englische Schreibung verwendet (klein und auseinander). Mittlerweile hat sich die &#8220;deutsche&#8221; Schreibung Shitstorm etabliert.</p>
<p>Einzug in etabliertere Medien findet der Begriff besonders ab Dezember 2010 &#8211; als Bezeichnung der recht stürmischen Reaktion auf die Ankündigung, auch für private Internetangebote Jugendschutzsperren einzuführen (z.B. TAZ vom 2.12.2010, &#8220;<a href="http://www.taz.de/1/netz/netzpolitik/artikel/1/shitstorm-ueber-nrw/">Shitstorm über NRW</a>&#8220; ) und im Zusammenhang mit WikiLeaks.</p>
<p><strong>Woher kommt </strong><em><strong>Shitstorm</strong></em><strong>?</strong></p>
<p><strong></strong>Keine der Standardreferenzwerke wie OED bieten eine Definition für <em>Shitstorm</em> (&#8220;Did you mean <em>shit-load</em>?&#8221;). Sprachlogleserin Ariane, die <em>Shitstorm</em> nominiert hatte, verweist auf das Urban Dictionary, also eine usergenerierte Definitionssammlung für viel Umgangssprachliches und oftmals noch viel Schmutzigeres. <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=shitstorm">Shitstorm</a> und <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=shit%20storm">shit storm</a> werden dort so definiert (Auszüge):</p>
<ol>
<li>When all the shit hits you at once.</li>
<li>Figuratively, a huge downpour of shit.</li>
<li>A course of action that would appear to lead to a good outcome, but when undertaken, leads to a situation that is utterly out of control beyond human comprehension.</li>
<li>A huge fuck-up of epic proportions of some sort or another and its ensuing calamity.</li>
<li>An extremely bad situation.</li>
</ol>
<p>Was auffällt: ein Medienfokus wird hier nicht aufgeführt. Wir haben statt dessen andere, obgleich ähnliche Bedeutungen, etwa (a) Öffentliche Aufruhr oder (b) unkontrollierbare Reaktionen und Angriffe (auf Äußerungen und Handlungen), aber auch (c) Pattsituationen und Destruktion in einem militärischen Kontext und (d) generell sehr unangehme Situationen. Die User führen noch weitere Definitionen an, die aber in der Bewertung der Webseitenbesucher regelrecht durchfallen, was auf subjektive oder sehr spezielle Erklärungen schließen lässt. Darüber hinaus sind solche Definitionen und besonders ihre Beispiele oft fragwürdig, weil nicht klar ist, ob sie wirklich belegten Sprachgebrauch reflektieren oder ob die Definitionsformulierer sie sich für den Moment ausgedacht haben.</p>
<p>Eine ähnliche, aber allgemeinere Definition liefert Wiktionary:</p>
<ol>
<li>n. (vulgär)<strong> A violent situation</strong> - <em>In Baltimore, the general rule is that if something looks like a shitstorm, smells like a shitstorm and tastes like a shitstorm, it goes to homicide</em> (David Simon, <em>Homicide: A Year on the Killing Streets</em>, 2006)</li>
<li>n. (idiomatisch, vulgär) <strong>Considerable backlash from the public</strong>. - <em>When Abbott stated openly that his plan involved a new tax of 1.7% on large companies with big profit margins &#8211; those, in fact, most able to pay &#8211; he provoked a near universal shitstorm.</em> (Mungo MacCallum, <em>The Monthly</em>, April 2010, Issue 55, The Monthly Ptd Ltd, page 32.)</li>
</ol>
<p>Eine GoogleNgram-Suche legt übrigens den Verdacht nahe, dass es sich bei Shitstorm um einen Amerikanismus handelt. Dort nimmt die Frequenz des Worts beginnend mit den 1980er Jahren stark zu. Für das britische Englisch finden sich keine Belege bzw. sind die Zahlen eventuell zu klein, sodass Google sie nicht anzeigt. Ein Blick in die entsprechende Korpora erhärtet den Verdacht: das Corpus of Contemporary American English (COCA) findet zwischen 1990 und 2009 immerhin 14 Belege. Im British National Corpus (BNC) findet man dagegen keinen Beleg. Die Treffer für amerikanisches Englisch im COCA sind mit 10 Belegen überwiegend aus dem Genre Fiktion – und dabei häufig in Zitaten bzw. wörtlicher Rede.</p>
<p>Die Bedeutung? Neben der Bedeutung ‘Sturm der Entrüstung’ ist auch die Bedeutung einer ‘brutalen und/oder unübersichtlichen Situation’ vorherrschend:</p>
<blockquote><p>We walked into a <strong>shitstorm</strong>. Roads mined. Gooks behind every blade of grass. Ambush. Mortars. You name it. (Martyn Burke, <a href="http://books.google.com/books?id=u4lJ4WLiYC4C&amp;pg=PA264&amp;dq=%22shitstorm%22&amp;hl=de&amp;ei=_g00TYHZJ8PO4AaRreyjCg&amp;sa=X&amp;oi=book_result&amp;ct=result&amp;resnum=1&amp;ved=0CCkQ6AEwADgK#v=onepage&amp;q=%22shitstorm%22&amp;f=false"><em>Laughing War</em></a>, 1980)</p></blockquote>
<blockquote><p>The racial killing of Yusuf Hawkins in Bensonhurst is mentioned, as is the slaying of Huey Newton and PE&#8217;s own recent media <strong>shitstorm</strong> [...]. <a href="http://books.google.com/books?id=DyfQMSWSrIcC&amp;pg=PA79&amp;dq=%22shitstorm%22&amp;hl=de&amp;ei=hAk0Tcm5NcXGswbY1ZCrCg&amp;sa=X&amp;oi=book_result&amp;ct=result&amp;resnum=7&amp;ved=0CEMQ6AEwBg#v=onepage&amp;q=%22shitstorm%22&amp;f=false"><em>SPIN</em></a>, Februar 1990.</p></blockquote>
<blockquote><p>What about Griff? It seems to me that he deserved the whole media <strong>shitstorm</strong> about his anti-Semitic remarks. (<a href="http://books.google.com/books?id=CuD_QHQ-2KEC&amp;pg=PA60&amp;dq=%22shitstorm%22&amp;hl=de&amp;ei=hAk0Tcm5NcXGswbY1ZCrCg&amp;sa=X&amp;oi=book_result&amp;ct=result&amp;resnum=8&amp;ved=0CEcQ6AEwBw#v=onepage&amp;q=%22shitstorm%22&amp;f=false"><em>SPIN</em></a>, März 1990)</p></blockquote>
<p><strong>Entlehnung</strong></p>
<p><strong></strong>Also lässt sich bei der Bedeutung zweierlei festhalten: Erstens wurde &#8211; wie bei Entlehnungen regelmäßig beobachtbar &#8211; nur <em>eine</em> der vielen Bedeutungen übernommen. Zweitens scheinen die Sprecher diese Bedeutung dahingehend eingegrenzt zu haben, dass es zwar wie im Englischen öffentliche Entrüstung bezeichnet, <strong>aber </strong>doch stark auf den Übertragungskanal fokussiert wird, und besonders auf das Web 2.0 und die allgemeine Netzöffentlichkeit. Darüber hinaus scheint Shitstorm dann benutzt zu werden, wenn das Augenmerk des Proteststurms auch auf Dynamik, Emotionen, persönlichen Angriffen und unsachlicher Kritik liegt (siehe Lobo in seiner bewusst subjektiven Definition).</p>
<p>Im Englischen spricht man in diesem Zusammenhang häufig von <em>social media shitstorm </em>oder wie die Belege aus SPIN oben zeigen, von<em> media shitstorm. </em>Die mutmaßliche deutsche Grundbedeutung wird im Englischen also durch Komposita ausgedrückt &#8211; das Web 2.0 und die Medien allgemein scheinen in der Gebersprache nicht zwingend Teil der Kernbedeutung zu sein. Die Unterschiede sind zugegebenermaßen minimal und (<em>social</em>)<em> media shitstorm</em> liefert <em>auch</em> deutsche Treffer &#8211; die Schattierungen zeigen aber, wie fein Bedeutungsunterschiede bei Entlehnungen ausgeprägt sein können.</p>
<p>Dennoch hat Shitstorm auch im Deutschen vermutlich recht schnell eine Bedeutungserweiterung erfahren, wenn man &#8211; vorsichtig interpretiert &#8211; die Hackerangriffe und Boykottaufrufe auf Paypal und Amazon im Zuge der WikiLeaks-Diskussion mit einbezieht:</p>
<blockquote><p>Der Online-Bezahldienst Paypal<strong> </strong>und Amazons Cloud-Service bekommen nun den Zorn der Digital Natives zu spüren, nachdem die Unternehmen die Zusammenarbeit mit der Enthüllungs-Plattform Wikileaks gekündigt haben. Es hagelt Boykott-Aufrufe unter dem Motto &#8220;Byepal&#8221;. Auch auf den Fanpages bei Facebook erlebte vor allem Paypal am Wochenende einen regelrechten &#8220;<strong>Shitstorm&#8221;</strong>. (<a href="http://www.horizont.net/aktuell/digital/pages/protected/Wikileaks-Shitstorm-ueber-Paypal-und-Amazon_96736.html">horizont.net</a>, 6.12.2010)</p></blockquote>
<p>(Ich möchte allerdings zu Protokoll geben, dass dieser Schluss meinerseits sehr frei und subjektiv gezogen ist &#8211; dennoch würde sich hier zumindest eine Möglichkeit für eine Bedeutungserweiterungen ergeben.)</p>
<p>Wie Sascha Lobo in seinem Vortrag sagt, spielt die subjektive Einschätzung, was ein <em>Shitstorm</em> ist, eine tragende Rolle &#8211; entweder weil man selbst betroffen ist oder weil man die Reaktionen auf eine Sache so interpretiert und sie unter Shitstorm zusammenfasst:</p>
<blockquote><p>Es war der erste Shitstorm meines Lebens. (MDR-Intendant und Twitterer <a href="http://www.dwdl.de/story/28197/mdrintendant_reiter_wirbel_um_twitterwitz/">Udo Reiter</a> über die Reaktionen auf seinen <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,721321,00.html">zweifelhaften Bundespräsidentenwitz</a>)</p></blockquote>
<p>Möglicherweise ist die Zunahme des Begriffs im Deutschen auch ein wenig Lobo selbst und der Reichweite seines Blogs zuzuschreiben. Ohne mich jetzt zu sehr aus dem Fenster lehnen zu wollen: Lobos Definition auf der re:publica2010 entspricht recht gut der Verwendung im Jahr 2010 und weicht in genau den Punkten von der Bedeutung in der Gebersprache ab. (Obgleich Lobo zu Beginn seines Vortrages zugibt, dass seine Interpretation des Begriffs deutlich von der Definition im Englischen abweiche, als Grundlage nutzt er Urban Dictionary. Hier liegt aber nicht eine abweichende Definition vor, sondern lediglich eine sehr spezialisierte.) Zuguterletzt scheint die Zunahme von <em>Shitstorm</em> zeitlich erst nach Lobos Diskussion erfolgt zu sein (ab Mitte April 2010). Lobos Verwendung könnte also für die Blogosphäre wegweisend gewesen sein.</p>
<p><strong>Fazit: <em>Shitstorm</em></strong><strong> als expressiver Neuzugang (Aber reicht das?)</strong></p>
<p><strong></strong>Also ohne jetzt fragen zu wollen, welches Ei man beschreibt: Unter der plausiblen Annahme, dass die Teilnahme der Jedermänner im öffentlichen Diskurs einerseits und die Verfestigung unser Mediendemokratie andererseits die Etablierung des Begriffs begünstigt bzw. beschleunigt haben, halte ich <em>Shitstorm</em> durchaus für einen expressiven Neuzugang im Deutschen.</p>
<p>Expressiv ist <em>Shitstorm</em> natürlich allein schon deshalb, weil &#8220;Ihr schlug ein Sturm öffentlicher Entrüstung entgegen&#8221; nicht annähernd die Kraft, Dramatik und Dynamik wiedergeben kann, die &#8220;Ihren Äußerungen folgte ein universaler Shitstorm&#8221; transportiert. Dies &#8211; und die Einbindung der Übertragungskanäle &#8211; kann auch der der vermeintlich naheliegende <em>Proteststurm</em> nicht abbilden. Möglicherweise schwingt bei <em>Shitstorm</em> noch das Vulgäre mit &#8211; der Begriff ist deshalb derzeit auf einen kleineren Personenkreis von (frei bloggenden) Journalisten beschränkt, was sich aber ändern dürfte.</p>
<p>Darüber hinaus &#8211; und das ist viel wichtiger &#8211; haben wir mit <em>Shitstorm</em> im Deutschen nun auch einen Begriff für die durch das Web-2.0 generierte Teilhabe am öffentlichen Diskurs und ihrem oft unsachlichen Verlauf. Natürlich gab es unverständliche Reaktionen in der breiten Bevölkerung schon immer, ohne Frage &#8211; nur können sie jetzt mit der technischen Revolution auch mitgeteilt werden. Shitstorm füllt eine lexikalische Lücke, die Mediendemokratie, Social Media und das Web 2.0 geschaffen haben &#8211; zumindest haben sie eine Lücke sichtbar gemacht. Shitstorm deckt also prägnant nicht nur den einfachen, erwartbaren und bisher einzig sichtbaren Gegenwind ab, sondern es bezeichnet vor allen Dingen die unkontrollierbare Eigendynamik einer Reaktion, die Äußerungen und Handlungen hervorrufen können.</p>
<p>Vielleicht fällt die Nominierung damit dann doch ein wenig zu sehr in die Gesellschaftskritik, und das stärker als ich anfänglich gedacht habe. Vor allem scheint mir der Begriff jetzt irgendwie nicht mehr ganz so elegant wie noch am Wochenende, als ich Shitstorm recht intuitiv als Kandidaten auf meine persönliche Nominierungsliste setzte.</p>
<p>Aber nun denn &#8211; wir stehen ja für Transparenz im Entscheidungsprozess und eine gewisse Relevanz will ich weder dem Shitstorm und schon gar nicht seiner erfolgten Versprachlichung absprechen.</p>
<p>[edit: Ich bitte um Entschuldigung, sollte das Format im RRS-Feed einigermaßen unübersichtlich geworden sein - WordPress und Server wollten wohl nicht so wie ich.]</p>
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		<title>Kandidat I: LEAKEN (Anglizismus des Jahres)</title>
		<link>http://www.extraflach.de/blog/2011/01/14/kandidat-i-leaken-anglizismus-des-jahres/</link>
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		<pubDate>Thu, 13 Jan 2011 23:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Morphologie]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen & Dialekte]]></category>
		<category><![CDATA[Anglizismus des Jahres 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdwort]]></category>
		<category><![CDATA[Kandidat]]></category>
		<category><![CDATA[leak]]></category>
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		<category><![CDATA[Wikileaks]]></category>

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		<description><![CDATA[Kristin hat nebenan im Schplock bereits einen ganz heißen Kandidaten für den Titel &#8220;Anglizismus des Jahres 2010&#8243; vorgestellt, die/das App. Mit ihrem ausführlichen Artikel hat sie die Messlatte für die bloggende Jury hoch angesetzt. Dann will ich mich heute dem zweiten Favouriten der Publikumsgunst widmen: leaken. [Kristin und ich haben unsere Gedanken zu leaken zeitgleich veröffentlicht. Update [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kristin hat nebenan im Schplock bereits einen ganz heißen Kandidaten für den Titel &#8220;Anglizismus des Jahres 2010&#8243; vorgestellt, <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/13/anglizismus-des-jahres-die-app/">die/das App</a>. Mit ihrem ausführlichen Artikel hat sie die Messlatte für die bloggende Jury hoch angesetzt. Dann will ich mich heute dem zweiten Favouriten der Publikumsgunst widmen: <em>leaken</em>.</p>
<p>[Kristin und ich haben unsere Gedanken zu <em>leaken</em> zeitgleich veröffentlicht. <em>Update 0 Uhr 21: Kristins Beitrag findet sich </em><a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/14/anglizismus-des-jahres-leaken/"><em>hier</em></a>.]</p>
<p>Die Gedanken zu <em>leaken</em> &#8211; auch für alle folgenden Kandidaten &#8211; werden sich im Wesentlichen an den für die Wahl aufgestellten Hauptkriterien orientieren: Aktualität für eine breite Öffentlichkeit und dem Füllen einer lexikalischen Lücke in der deutschen Sprache. Darüber hinaus soll die Sprache und weniger die Gesellschaftskritik im Vordergrund stehen.</p>
<p>Packen wir&#8217;s an.</p>
<p><span id="more-2271"></span></p>
<p><strong><img title="Weiterlesen..." src="http://www.extraflach.de/blog/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" />Was bedeutet <em>leaken</em> und woher kommt es?</strong></p>
<p>Es wird niemanden überraschen: <em>leaken</em> ist im Jahr 2010 recht eindeutig mit dem Wirbel um die Veröffentlichungen geheimer Dokumenten der US-Diplomaten verbunden. So ist <em>leaken</em> im Deutschen in der Bedeutung &#8216;die Veröffentlichung geheimer Dokumente, die nicht zur Veröffentlichung freigegeben sind&#8217; vom Namen des Enthüllungsportals WikiLeaks abgeleitet und tauchte letztes Jahr besonders in Verbindung mit Nachrichten über WikiLeaks auf. Aber ganz so neu ist es im Prinzip auch im Deutschen nicht unbedingt (dazu später mehr).</p>
<p><em>leaken</em> kommt vom Englischen <em>to leak</em>, das anders als im Deutschen recht viele Bedeutungen hat: So kann Flüssigkeit auslaufen (<em>water leaks through the whole of the container</em>), Gas entweichen (<em>the gas is leaking from the system</em>), ein Gefäß (<em>this bottle leaks</em>) oder ein Dach können undicht sein (<em>the roof is leaking</em>). Durch metaphorische Erweiterung können auch Informationen durchsickern (<em>information leaks to the public</em>): hierbei kann der Fokus sowohl auf der ungewollten, als auch auf der bewussten Forcierung liegen. Um diese letzte Bedeutung soll es hier gehen, die wir ins Deutsche übernommen haben. Der <em>Oxford English Dictionary</em> gibt sie wie folgt wieder: <em>to transpire or become known in spite of efforts at concealment</em>, also als &#8216;bekannt werden werden trotz Bemühungen um Geheimhaltung&#8217;.</p>
<p>Der <em>OED</em> hält fest, dass es erstmals um 1420 belegt, aber vermutlich wesentlich älter ist. Verwandtschaft besteht etymologisch mit dem Altnordischen <em>leka</em> &#8216;lecken, durchsickern&#8217;, dem Mittelhochdeutschen <em>lëchen</em> &#8216;austrocknen, tröpfeln&#8217; und dem Mittelniederländischen <em>leken</em> &#8216;Wasser durchlassen&#8217;. Keine Browniepoints bekommt an dieser Stelle also, wer eine Verwandtschaft mit dem Hochdeutschen <em>lecken</em> wie in <em>Der Kanister leckt</em> ausmachen kann.</p>
<p><strong>Wie aktuell ist <em>leaken</em>?</strong></p>
<p>Eines der wichtigsten Kriterien für die Anglizismenwahl ist die Aktualität, die so definiert ist, dass Kandidaten &#8220;2010 zum ersten Mal verwendet worden oder wenigstens zum ersten Mal in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt&#8221; sind (<a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachmythen/2010-12-21/wahlaufruf-zum-anglizismus-des-jahres-2010">hier</a>). Das ist bei der Bedeutung <em>leaken</em> im Zusammenhang mit WikiLeaks zweifelsohne der Fall. Eine weitere Bedeutung, die <em>leaken</em> im Deutschen hat, nämlich das bewusste, aber inoffizielle Veröffentlichen, bezieht sich auf Musikstücke, Software und besonders Computerspiele, die ohne Zustimmung der jeweiligen Rechteinhaber vor ihrer eigentlichen Publikation im Netz bereitgestellt werden. Diese Bedeutung hat <em>leaken,</em> und vor allem sein Substantiv <em>Leak,</em> im Deutschen schon vergleichsweise lange, mindestens seit <a href="http://www.onlinewelten.com/games/far-cry/news/naechster-leak-kandidat-3223/">2004</a>.</p>
<p>In Ordnung, das mit der Aktualität ist so eine Sache. Gehen wir die Sache also anders an: Im Jahr 1998 spricht <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Netscape-essen-Speicher-auf-13988.html">Heise Online</a> von einem <em>Memory Leak</em>, also dem ungewollten oder unerklärlichen Verlust an Arbeitsspeicher durch den Browser Netscape. Ein recht frühes Verwendungsbeispiel von <em>leaken</em> in der Bedeutung von (durchsickernder) Veröffentlichung liefert die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) im <a href="http://www.nzz.ch/2006/04/08/al/articleDQN7L.html">April 2006</a>, versehen mit den Fremdheitstags &#8220;&#8221;. In der Überschrift zum dortigen Artikel ist von einem Informationsleck die Rede (&#8220;Bush soll Informationsleck bewilligt haben&#8221;). Also zwar in einer durchsickernden Bedeutung, nicht aber die gänzlich unfreiwillige, und auch noch recht weit weg von der 2010er Neubewertung.</p>
<p>Machen wir einen Sprung ins Jahr 2010. WikiLeaks, 2006 gegründet, betritt die größere Weltbühne. Da die Nachrichtenlage für 2010 recht unübersichtlich ist, gehen wir mal zu Wikipedia. Aufschlussreich ist nämlich der Versionsverlauf des Wikipediaeintrags zu <em>Leak</em> (zu <em>leaken</em> gibt es noch keinen Wiktionaryeintrag, spannend!). Die Urversion aus dem April 2006 dreht sich um Computerspiele und Software, deren inoffizielle Veröffentlichungen (Leaks) häufig instabil und voller Bugs sind. Im November 2008 werden auch &#8220;geheime Dokumente von Organisationen&#8221; mit in die Definition aufgenommen, der Fokus liegt aber weiterhin auf technischen Programmen. Im März 2010 erweitern die Wikipedianer den Eintrag um Musik, die oft ungewollt geleakt wird.</p>
<p>Und am 7. April 2010 wird&#8217;s spannend: Ein Leak kann jetzt laut Wikipedia auch &#8220;interne Dokumente von Firmen, geheime Verträge, vertrauliche Verhandlungspapiere oder ähnliches&#8221; betreffen. Das ist nicht erstaunlich, denn am 5. April 2010 hatte WikiLeaks das berühmt gewordene <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_in_Bagdad_vom_12._Juli_2007#WikiLeaks">Video</a> eines Luftangriffs auf Bagdad im Jahr 2007 veröffentlicht und sich damit mit einem Schlag in den Fokus der Weltöffentlichkeit katapultiert.</p>
<p>Wenn also <em>leaken</em> (bzw. <em>Leak</em>) so neu nicht ist, so ist es in der Bedeutung, die wir für das Jahr 2010 diskutieren. Und was vorher ein Wort aus dem Vokabular von Geeks oder Internetfreaks war, wurde mit einer neuen Bedeutungsschattierung und fast über Nacht Teil des Vokabulars einer ganzen Sprachgemeinschaft.</p>
<p><strong>Füllt <em>leaken</em></strong><strong> eine lexikalische Lücke?</strong></p>
<p>Natürlich. Die deutschen Entsprechungen, mit denen <em>leaken</em> vermutlich am ehesten synonym wäre (oder was Anglizismenjäger als synonym erachten würden), etwa <em>durchsickern</em>, <em>durchsickern lassen</em> oder <em>verraten</em>, haben nicht den gleichen Fokus auf einer intentionalen, forcierten, aber letztlich von wichtigen Menschen oder Organisationen ungewollten Veröffentlichung (besonders nicht bei <em>durchsickern, <span style="font-style: normal;"><span style="font-style: normal;">welches eher passive und zufällige Veröffentlichungen bezeichnet)</span></span></em>. <em>Verraten</em> hat darüber hinaus noch weiterreichende Bedeutungsnuancen von neckischer Plauderei (<em>Soll ich dir mal was verraten?</em>) bis zu böswilliger Wirtschaftskiminalität (<em>Er verriet Betriebsinterna an die Konkurrenz</em>.). <em>Durchsickern lassen</em> hat eventuell noch eher den Aspekt der Absichtlichkeit, wie in <em>Er ließ durchsickern, dass die Partei sich uneins sei</em>. Dennoch: <em>(durch)sickern</em> ist in der Reichweite von anderer Qualität als <em>leaken</em>. Wenn ich etwas durchsickern lasse oder eine Information durchsickert, nehme ich in Kauf, dass die Welt davon erfährt. Wenn etwas geleakt wird, dann mit der <strong>Absicht</strong>, es der Welt mitzuteilen.</p>
<p>So erfüllt <em>leaken</em> sogar gleich zwei Ausprägungen des zweiten Kriteriums: denn einerseits erweitert es die recht spezielle Bedeutung, die <em>Leak</em>/<em>leaken</em> bisher hatte (und macht sie für eine breite Öffentlichkeit &#8220;nutzbar&#8221;) und liefert ein Lexem für einen Zustand, der bisher nur umständlich umschrieben werden konnte. Die Definition für <em>leaken</em> ist wohl das offensichtlichste Beispiel.</p>
<p><strong>Lehnwortrelevante morphologische Überlegungen?</strong></p>
<p>An <em>leaken</em> zeigt sich sehr schön, wie wohl sich Fremdwörter und insbesondere Anglizismen in der deutschen Sprache fühlen dürfen. Wir haben den Infinitiv <em>leaken</em> und gaben ihm sogar vergleichsweise flott das Partizip <em>geleakt</em>, das Adjektiv <em>geleakt(e/r/s)</em>, die Präteritumform <em>leakte/n</em>, ein Substantiv <em>Leak</em> und dessen Plural <em>Leaks</em>. Nicht nur grammatisch und syntaktisch ist die Einbürgerung erfolgreich verlaufen: Auch die Aussprache stellt niemanden vor ein größeres Hindernis, <em>leaken</em> passt hervorragend zum phonologischen Inventar der deutschen Sprache, auch wenn einige einwenden würden, dass es graphemisch erst mal nicht ganz nach Deutsch aussehen will.</p>
<p>Das Verständnis wird auch niemanden überfordern, auch diejenigen nicht, die kein Englisch können. Wir erinnern uns: das letzte Argument ist einer der Lieblingsirrtümer der Sprachpfleger und Anglizismenjäger. Die semantische und zeitliche Nähe zu WikiLeaks haben es <em>leaken</em> natürlich denkbar einfach gemacht &#8211; verstehen wird es jeder, der im letzten Jahr nicht gerade in einem Schneehügel gelebt hat.</p>
<p><strong>Potential und Überlebenschance?</strong></p>
<p>Hoch. Das morphologische Potential haben <em>Leak</em> und <em>leaken</em> mit einer ganzen Reihe an Derivaten bewiesen. Und weil sie in unserer Mediengesellschaft offensichtlich eine besonders klaffende Lücke gefüllt haben, ist das Überleben des Lexems wohl höchstwahrscheinlich, auch wenn WikiLeaks oder Julian Assange hinter Gittern und Internetschranken verschwinden. <em>Leak</em> und <em>leaken</em> werden sich etablieren, jenseits von Plattformen und US-Depeschen oder Kriegsvideos.</p>
<p><strong>Fazit: ganz heißer Anwärter auf den Titel.</strong></p>
<p>Und wenn mir die Bemerkung erlaubt sei &#8211; sollte <em>leaken</em> gewinnen, ehrten wir nicht Julian Assange, WikiLeaks oder eine besonders auffällige Nachrichtenlage des Jahres. Die Wahl bliebe dem ursprünglichen Motto treu: weniger Gesellschaftskritik, mehr Sprache. Wir würden eine wirkliche Bereicherung der deutschen Sprache feiern, die &#8211; fantastisch! &#8211; auch noch recht gut auf den gewollten Zeitraum eingrenzt werden kann.</p>
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		<title>Anglizismus des Jahres 2010: Publikumswahl</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Jan 2011 19:08:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>suz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Morgen werde ich ein paar Gedanken zu einem bzw. mehreren der Vorschläge zu Bildschirm bringen. Fürs erste sind unsere Leser aufgerufen, an der Publikumswahl zum Anglizismus des Jahres teilzunehmen. Sozusagen ein Public Vote zusätzlich zur &#8211; letztendlich offiziellen &#8211; Jurywahl. Was ist Ihr Anglizismus des Jahres? App ausrollen Balconing Blurmany Cablegate Chermany Cloud clouden durchfaven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Morgen werde ich ein paar Gedanken zu einem bzw. mehreren der Vorschläge zu Bildschirm bringen. Fürs erste sind unsere Leser aufgerufen, an der Publikumswahl zum Anglizismus des Jahres teilzunehmen. Sozusagen ein Public Vote zusätzlich zur &#8211; letztendlich offiziellen &#8211; Jurywahl.</p>
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<td colspan="2"><span style="font-family: Verdana; color: #5f81a4;"><strong>Was ist Ihr Anglizismus des Jahres?</strong></span></td>
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</tr>
</tbody>
</table>
</form>
<p><strong>Weitere Blogbeiträge von Jurykollegen zur Wahl:</strong><br />
Kristin Kopf: <a href="http://schplock.wordpress.com/2011/01/13/anglizismus-des-jahres-die-app/">[Anglizismus des Jahres] Die App?</a><br />
Michael Mann: <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2011/01/13/die-qual-der-anglizismenwahl-google-als-datenlieferant/">Die Qual der Anglizismenwahl / Google als Datenlieferant<br />
</a>Anatol Stefanowitsch: <a href="http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachgebrauch/2011-01-12/anglizismus-des-jahres-zwischenmeldung">Anglizismus des Jahres: Zwischenmeldung</a></p>
]]></content:encoded>
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