Archiv zur KategorieSprachen & Dialekte

Frohes Neues Jahr(zehnt)

…oder heißt es ab sofort Jahrzwanzig?  Immerhin streiten sich unsere anglophonen Freunde seit Tagen in unterschiedlicher Intensität um die korrekte Aussprache von “2010″ – zusammengetragen wurde die Diskussion beispielsweise von Mark Liberman im Language Log. Auf die Frage, wie das in anderen Sprachen aussieht, schreibt eine Kommentatorin, dass sich “Zwanzigtausendzehn” auf Deutsch irgendwie “falsch” anhört; womit sie vermutlich sehr Recht hat, was aber eher daran liegen mag, dass sie sich im falschen Jahrzehntausend befindet. Aber gut.

Bei DeltaRadio war der Moderator der Meinung, 20-10 (ZwanzigZehn) sei ja viel cooler. Mit Verlaub – das klingt für meine Ohren nach extrem peinlichen Posergetöse. Eine Meinung, die glücklicherweise auch fast alle zugeschalteten Hörer vertraten. Und wenn das schon die Hörer eines ultracoolen Senders (Selbstdarstellung) sagen, besteht Hoffnung. Aber gut.

Wurscht isses ja. Die Sprechergemeinschaft wird’s schon richt(ig)en.

Kommentar

Fremdwort des Jahres 2009

Das Bremer Sprachblog sucht das Fremdwort des Jahres 2009. Weil momentan ja jeder nach Wie-auch-immer-gearteten-Worten des Jahres sucht.

Egal, ob es sich um ein ästhetisch bemerkenswert befriedigendes, ein kommunikativ einzigartig effektives oder zwischenmenschlich außergewöhlich ansprechendes Wort handelt — jede Begründung zählt.

Ich habe Moin ins Rennen geworfen. Begründung: weil’s kommunikativ einzigartig effektiv ist. Das wurde mir besonders beim Türken meines Vertrauens bewußt, als ich in seinen Laden trat und ihn mit “Moin” begrüßte.

Er: Hey, das heißt “Guten Tag oder Hallo, wie geht’s Dir?”!

Ich: Hä, wieso? Hab ich doch gesagt! “Guten Tach, Hallo, wie geht’s?”… Moin halt!

Und ein Fremdwort ist Moin deshalb, weil alles südlich der nativen Sprachräume von Moin (Friesisch, Platt, Süddänisch, Niederländisch (Friesland) etc.) Probleme mit seiner korrekten Verwendung haben, den Norddeutschen aber glauben machen wollen, dass man nach der frühmorgendlichen Kaffeepause doch nicht mehr “Guten Morgen” wünschen kann.

Tz.

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Der Artikel im Niederländischen

Ihr seht, ich bin voll dabei!

Niederländisch ist für Deutsche relativ gesehen sehr einfach. Wir rennen ja nur so durch die Lektionen; Nichtmuttersprachler des Deutschen haben den Kurs nach zwei Tagen auch schon sehr gefrustet aufgegeben. Vokabeln sind oft einmal gesehen und abgespeichert, flektierte Formen dauern etwas länger und die Funktionswörter – naja gut, die schaut man eben einmal mehr nach. Allerdings ist es nicht ganz so ein Pippifax, wie man glauben könnte: Ohne Nachbearbeitung und zugegeben auch stumpfes Auswendiglernen geht’s auch hier nicht. Das hat gut die Hälfte des Kurses nicht richtig verstanden.

Nun ist das Niederländische sogar ein wenig hinterlistig. Das Genussystem unterscheidet zwischen Maskulinum/Femininum (das sogenannte Utrum) und dem Neutrum. So, als hätten wir im Deutschen einen gemeinsamen Artikel für der und die und eben das. Das sind de (Utrum) und het (Neutrum). So weit, zo goed. Jetzt haben aber die Wörter im Utrum auch noch ein männliches oder weibliches Geschlecht:

De trein is te laat. Nu rijdt hij het station binnen.
‘Der Zug ist zu spät. Nun fährt er in die Station ein.’

Das ist fies. Auf die Frage an unsere belgische Dozentin, wie man das als Lerner denn wissen kann, antwortet sie süffisant:

Gar nicht. Aber macht’s am Besten wie die Niederländer – bei denen ist einfach alles maskulin. Auch die Kuh.

Na dann, will ich mal den Freizeit genießen gehen.

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Verschachtelt eure Sätze!

Schon Mark Twain hat sich über die üblen Launen der deutschen Sprache mockiert. Darüber, dass wir soviele Artikel und Fälle haben (ich persönlich würde ich ihn gerne mal zu Finnisch befragen) und über die Eigenart des Deutschen, das Verb zu zerreißen und die eigentliche Aussage ans Ende des Satzes zu stellen. Kurzum, der Leser eines deutschen Textes muss sich durch kilometerlange, verschachtelte Sätze, die schwadronierende und sinnentleerte Absätze und nicht selten mehrere Seiten umfassend daherkommende komplexe Sachverhalte enthalten, die wiederum in wilden und komplett abartigen Konstruktionen versteckt sind, und denen auch jedwede denkbare grammatische Eigenart innewohnt und die womöglich jar keen Sinn machen, wühlen, ehe ihm die Intention des Autors klar wird. (Quod erat demonstrandum.)

Aber ich hab nach zwei Lektionen Niederländisch für Anfänger das beruhigende Gefühl, dass wir nicht die einzigen sind:

Vul de passende uitdrukkingen uit de dialogen in.
Setzen Sie die passenden Ausdrücke aus den Dialogen ein.’

Na, da freue ich mich erst auf Perfekt, Passiv und Relativsätze!

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Vom Minderwertigkeitskomplex des Linguisten

Wenn ich mir meine Linguistenkollegen, vor allen Dingen die, mit denen ich vier Jahre im Forschungsprojekt gearbeitet habe, so ansehe, dann überkommt mich regelmäßig das Gefühl, dass ich mit Deutsch und Englisch brauchbare Sprachkenntnisse nur in zwei Sprachen besitze. Natürlich bedeutet sich mit Sprachen zu beschäftigen nicht automatisch die Beherrschung möglichst vieler Sprachen, sondern sich mit ihren Eigenheiten bei Gelegenheit auseinandersetzen zu können. Und trotzdem bin ich sooo klein mit Hut, wenn ich vor mir selbst zugeben muss, dass die sträfliche Vernachlässigung meines Französisch aus der Schulzeit einer Verschwendung gleichkommt. Und fehlende Lateinkenntnisse sind mit “humanistischer Bildungslücke” sehr euphemistisch umschrieben.

Natürlich spreche ich Alemannisch. Es würde vielleicht nicht reichen, einen Beitrag auf der alemannischen Wikipedia zu verfassen, aber von mir aus könnte 3Sat darauf verzichten, die Beiträge des schweizer Fernsehen zu untertiteln. Flughafenangehörige in Zürich müssten mit mir auch nicht Englisch sprechen, wenn sie meinen deutschen Pass durch den Scanner ziehen (obgleich sie das aus politischen Gründen tun, vgl. Fluglärmstreit am Flughafen Zürich – man achte zur besonderen Belustigung besonders auf Absatz 4).

Aber wie peinlich ist das bitte, auf dem Lebenslauf unter Sprachkenntnisse “Badisch” aufzuführen? Letztens sprach ich davon, dass man – sodenn man will – Sprachen aufgrund der Existenz von Armee und Marine von einem Dialekt unterscheiden kann. Auch wenn ich gerne behaupten würde, dass die Separatismusbewegung in Baden eine Armee aufstellt und eine Rhein- und Bodenseemarine aufbietet, gilt Badisch gemeinhein als Dialekt des Deutschen. Also lassen wir das mit dem Badischen halt.

Dafür lerne ich seit heute Niederländisch. Warum? Wollte ich schon seit… äh, 2003.

Ich erinnere mich an eine Zugfahrt von Amsterdam nach Münster, als ich eine herrenlose Zeitung fand. Zugegeben, ich war nach einem Kurztrip in die Stadt der Grachten noch reichlich bekifft. Es reichte aber immerhin (oder gerade deshalb) eine Zeitung in einer Sprache zu lesen, in der ich noch nie Unterricht genommen hatte. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es an meinem benebelten Geisteszustand lag, oder am für Deutsche demunitiv anmutenden Wortschatz der niederländischen Sprache – es war ob meiner hysterischen Lachkrämpfe eine lustige Möglichkeit, die Zeit im niederländischen Bahnverkehr tot zu schlagen (eventuell weniger unterhaltsam für meine Mitreisenden). Und ein Wort ist mir im Gedächtnis geblieben: luchthavenbelasting (‘Flughafensteuer’). Das macht es erstens schwer, auch in nüchternem Zustand die Contenance zu wahren und zweitens hat man damit die Lacher bei jeder flüchtigen Bekanntschaft mit Niederländern auf seiner Seite.

Und somit arbeite ich an meinem ganz persönlichen Beitrag zur von der EU ausgelobten Mehrsprachigkeit. Die Sprachpolitik der EU arbeitet nämlich darauf hin, dass jeder EU-Bürger mindestens zwei Fremdsprachen sprechen kann.

Tot ziens!

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Vom Dialekt einer Sprache

A language is a dialect with an army and a navy.
Max Weinreich

Das Zitat erklärt – obwohl für jeden halbwegs ehrgeizigen Sprachwissenschaftler längst (und weit) überholt – mehr oder minder kurz und prägnant den Unterschied zwischen Sprache und Dialekt, wenn, ja wenn man überhaupt eine Grenze ziehen kann und/oder möchte. Aber auch das würde uns vom eigentlichen Thema ablenken.

Nun wird vermutlich niemand bezweifeln, dass Niederländisch eine eigene Sprache ist. Die Schweizer hingegen sprechen Deutsch. Zumindest in der landläufigen Meinung. (Wobei Linguisten da eine andere Meinung haben, aber nun gut). Aber das Königreich der Niederlande hat eine Armee. Und eine Marine. Die Schweizer haben zwar eine nicht zu vernachlässigende Küstenlinie am Schwäbischen Meer und auch Schiffe in der Weißen Flotte, aber die MF Romanshorn ist ein ziviles Fährschiff nach Friedrichshafen. Arme(e) Schweizer.

Zwar emanzipieren sich die Schweizer neuerdingstens mit einer eigenen Wikipedia, mit Schwyzerdütsch als Unterrichtssprache in Schulen und Kindergärten und wer mal über den Flughafen Zürich geflogen ist, der weiß auch, dass der Dialekt, der dort Züritüütsch genannt wird, für jeden unbedarften Deutschen mindestens genauso fremd klingt, wie Niederländisch.

Aber es ist wohl noch ein weiter Weg – denn noch wird bei der Volkshochschule Niederländisch als Sprachkurs angeboten, während Plattdeutsch, Alemannisch und Jiddish etwas steifmütterlich unter “Literatur und Kultur” laufen.

Ich lerne ab morgen Niederländisch.

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