Archiv für die Kategorie „Sprachwandel“

Lebendige bedrohte Wörter

Sonntag, 9. September 2012

Ges­tern war mal wie­der »Tag der deut­schen Spra­che«. So genau war mir nie rich­tig klar, was die Initia­to­ren damit wirk­lich bezwe­cken wol­len. Naja, nut­zen Sie halt mal die deut­sche Spra­che! Brül­len Sie schnell zehn Mal »deutsch« in Groß­buch­sta­ben! Stop­pen Sie den sint­flut­ar­ti­gen Sprach­wan­del mit blo­ßen Hän­den und pas­sen Sie auf, dass Ihnen kein Angli­zis­mus durch die Fin­ger glitscht! Und ver­mei­den Sie bloß sone neu­mo­di­schen Indefinitdemonstrativartikel!

Die Badi­sche Zei­tung, die zu die­sem Anlass bereits im letz­ten Jahr mit einem »Floskel-Alphabet« was Volon­tie­ren­des beschäf­tigt hat, macht die­ses Jahr mit einem ABC der »Bedroh­ten Wör­ter« auf. These Ergeb­nis: »Immer mehr Begriffe, die wir lie­ben, gera­ten in Ver­ges­sen­heit.« Die­ser Spruch setzt sich zwar sofort dem Ver­dacht eines Oxy­mo­rons aus, weil ein Wort ja per Defi­ni­tion nur dann aus­ster­ben kann, wenn es nicht mehr genutzt wird. Die­ser Ein­wand wäre jetzt aber nur unnö­tig ver­kür­zend: mir kann ja ein Wort gefal­len und ich kann es nut­zen - aber wenn es sonst kei­ner tut, werde ich mein Lieb­lings­wort mit ins Grab neh­men. Umge­kehrt gilt natür­lich, dass nicht jedes Wort, was ich als sel­ten ansehe oder emp­finde, auch sel­ten ist.

In der Hoff­nung, dass alle mit der fol­gen­den Defi­ni­tion leben kön­nen, ver­knüp­fen wir an ›bedroht‹ die Erfül­lung fol­gen­der Bedingungen*:

  1. Es ist in der Ver­gan­ge­heit über­haupt genutzt worden.
  2. Es ist in der Ver­gan­gen­heit (dau­er­haft) deut­lich häu­fi­ger genutzt wor­den, als heute.

Auto­rIn »bwa« von der Badi­schen Zei­tung setzt fol­gende Begriffe auf die Liste der bedroh­ten Wörter:

aber­mals, blü­me­rant, Chose, dort**, ete­pe­tete, froh­lo­cken, gars­tig, hane­bü­chen, Ingrimm, Jubel­per­ser, knorke, Lab­sal, Meschugge, Nuckel­pinne, Ohren­schmaus, pous­sie­ren, Quas­sel­strippe, Rat­zefum­mel, Som­mer­fri­sche, Schu­ri­geln, töricht, unhold, Vet­ter, Wen­de­hals, Xan­thippe, Yup­pie, Zierrat

Auf wel­cher sub­jek­ti­ven Grund­lage die Liste erstellt wurde, bleibt das Geheim­nis von »bwa«. Sie basiert aber sicher nicht auf wirk­li­chem Sprach­ge­brauch. Dabei wär das sogar recht ein­fach gewe­sen: Der fol­gen­den Ein­grup­pie­rung liegt eine kurze Suche über Goog­leN­grams zugrunde (kon­ser­va­tiv bewer­tet, Zeit­raum 1800-2000, smoothing=3):

Die abso­lu­ten Stars der Liste, da ihre Fre­quenz zumin­dest bis 2000 kon­ti­nu­ier­lich ansteigt - mal mehr, mal weni­ger -, sind blü­me­rant, Chose, ete­pe­tete, hane­bü­chen, Jubel­per­ser, knorke, Meschugge, Quas­sel­strippe und Yup­pie. Bei eini­gen die­ser Wör­ter ist gegen Ende even­tu­ell ein klei­ner Abfall rein­in­ter­pre­tier­bar - aber es dürfte a) frag­lich sein, ob dies ein ein­deu­ti­ger Trend ist und b) trotz der Tat­sa­che, dass Goog­le­Books bei 2000 auf­hört, eher unwahr­schein­lich sein, dass sie des­halb als ›bedroht‹ emp­fun­den wer­den müssen.

Damit kei­ner ohne bunte Bild­chen nach Hause gehen muss, eine kleine Aus­wahl aus der Kate­go­rie »hat Kar­riere vor sich«:

Größ­ten­teils unver­än­dert (lies: sta­bil) bzw. unter Umstän­den sehr stark schwan­kend, aber kei­nes­wegs im Unter­gang begrif­fen sind gars­tig, Ohren­schmaus, Som­mer­fri­sche, schu­ri­geln, Unhold, Vet­ter, Wen­de­hals (den stei­len Anstieg ab den 80ern igno­riere ich geflis­sent­lich) und Xan­thippe. Keine Aus­sa­gen erlaubt NGram zu Nuckel­pinne und Rat­zefum­mel. Und zumin­dest bei Nuckel­pinne ist in mei­ner sub­jek­ti­ven Ein­schät­zung weder (1) noch (2) erfüllt - es grenzt irgend­wie schon fast an einen Okkasionalismus.

Rat­zefum­mel klingt für mich nach Kin­der­spra­che. Eine nicht-repräsentative Umfrage unter mei­nem ein­zi­gen Facebook-Kontakt, der in der 10. Klasse der­zeit noch die Schul­bank drückt, hat das bestä­tigt: ›Nein, in der Grund­schule [viel­leicht,] aber jetzt nicht mehr‹ - immer­hin kannte er es. Um die Über­le­bens­chan­cen von Rat­zefum­mel muss man sich aber keine Sor­gen machen: die hand­voll Belege aus dem Wort­schatz­por­tal der Uni Leip­zig bezeich­nen mit Rat­zefum­mel sin­ni­ger­weise eine Art Papstgewand.

[ke hat meine Quelle kon­trol­liert und mich dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass mit Rat­zefum­mel in die­sen Bele­gen immer noch ein Radier­gummi gemeint ist, dies­mal mit dem Kon­ter­fei des Paps­tes. Jetzt weiß ich gar nicht, ob ich mich für ne Schlud­rig­keit ent­schul­di­gen muss oder mich für die Erfin­dung der Bedeu­tungs­er­wei­te­rung ›Papst­ge­wand‹ loben darf.]

Kri­te­rien (1) und (2) erfül­len ledig­lich aber­mals, froh­lo­cken, Ingrimm, Lab­sal, pous­sie­ren und töricht. Aber bevor wir bekla­gen, dass zum Bei­spiel aber­mals vom Aus­ster­ben bedroht ist: das Wort ist ein­fach noch viel zu häu­fig, um von nie­man­dem mehr ver­wen­det oder gar ver­stan­den zu werden.

Natür­lich sind die vor­ge­schla­ge­nen Wör­ter alle sehr unter­schied­lich fre­quent und damit schon poten­ti­ell unter­schied­lich ›bedroht‹. Und natür­lich bewe­gen wir uns bereits weit unterm Pro­mil­le­be­reich, wo nied­rig­fre­quente Lexeme auch mal schnell weg vom Fens­ter sind (womit aber die Wahr­schein­lich­keit steigt, dass wir sie gar nicht ver­mis­sen wer­den). Im Gro­ßen und Gan­zen: ganz so düs­ter ist es halt nicht mit die­sen Kan­di­da­ten - im Gegen­teil: der über­wie­gende Anteil die­ser Liste bedroh­ter Wör­ter erfreut sich inner­halb sei­nes Fre­quenz­be­reichs bes­ter Gesundheit.

Und falls doch nicht: Ohne Ingrimm lässt es sich leich­ter leben.

 

PS: Die BILD-Zeitung lis­tet »die zehn längs­ten deut­schen Wör­ter« (Link kön­nen Sie der­zeit ver­mut­lich noch googeln):

  1. Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung
  2. Rind­flei­sche­ti­ket­tie­rungs­über­wa­chungs­auf­ga­ben­über­tra­gungs­ge­setz
  3. Ver­kehrs­in­fra­struk­tur­fi­nan­zie­rungs­ge­sell­schaft
  4. Gleich­ge­wichts­dich­te­gra­di­en­ten­zen­tri­fu­ga­tion
  5. Elek­tri­zi­täts­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­ons­ge­setz
  6. Ver­kehrs­we­ge­pla­nungs­be­schleu­ni­gungs­ge­setz
  7. Hoch­leis­tungs­flüs­sig­keitsch­ro­ma­to­gra­phie
  8. Restrik­ti­ons­frag­ment­län­gen­po­ly­mor­phis­mus
  9. Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chungs­ver­ord­nung
  10. Unter­neh­mens­steu­er­fort­ent­wick­lungs­ge­setz

Diese sol­len »in min­des­tens vier Tex­ten belegt« sein. Ja, die meis­ten ver­mut­lich hier, hier, hier und hier.

--

*Danke an Dierk Haa­sis für die Lösung eines logi­schen Feh­lers in der Bedinungsbedingung.

**Was das hoch­fre­quente dort dort (oder hier?) zu suchen hat, ent­zieht sich mei­nem Inter­pre­ta­ti­ons­hori­zont. Begrün­det wird es der­weil mit einer Art Deixis-Problem:

»Vor­sicht auf der A5 zwi­schen Freiburg-Süd und Freiburg-Mitte. Hier kommt Ihnen einen Falsch­fah­rer ent­ge­gen«. »Hier?« Sätze wie die­sen sagt der Mann im Radio fast jeden Tag. Rich­tig sind sie den­noch nicht. Die Sache mit dem Falsch­fah­rer mag stim­men, die Sache mit dem »Hier« aber nicht. Dass auch durch­aus begna­dete Repor­ta­gen­schrei­ber das Wört­chen »hier« zuneh­mend falsch ein­set­zen, macht es nicht bes­ser. »Hier« ist stets da, wo sich Hörer oder Leser gerade auf­hal­ten. Am Früh­stücks­tisch, im Bett oder sonst wo. Aber nicht zwin­gend auf der A5 zwi­schen Freiburg-Mitte und Freiburg-Süd.

Ja, aber die Höre­rIn­nen, die vom Geis­ter­fah­rer poten­ti­ell betrof­fen sind, gehö­ren eben auch zu den Höre­rIn­nen. So ein­fach ist das. Und mög­li­cher­weise gibt es einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil, so eine Art Signal­wir­kung, dass hier gegen­über einem dort bes­ser vor der Gefahr warnt, weil man mit hier seine unmit­tel­bare Umge­bung asso­zi­iert. Wer weiß.

Du, Sie, Müller’s Vieh

Sonntag, 6. Mai 2012

Nebenan im Sprach­log hat Ana­tol unter dem Ver­dacht der Inhalts­leere die Frage gestellt, was seine Lese­rIn­nen so in wel­chem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal sie­zen. Das hat mich drin­gendst daran erin­nert, dass ich seit Jahr und Tag mal was zum ›Sie­zen im Eng­li­schen‹ schrei­ben wollte.

Das kommt so: Mit zuneh­men­der Dauer ten­diert die Wahr­schein­lich­keit gegen 1, dass jemand in einer Dis­kus­sion zur Anrede im Eng­li­schen behaup­tet, dass im Eng­li­schen »streng genom­men« nur gesiezt wird: Das »You« ist kein »Du«, son­dern ein »Sie«, Die Du-Form … ist schon seit 200 Jah­ren aus dem Wort­schatz ver­schwun­den oder Das Eng­li­sche »you« bedeu­tet nicht »Du«, son­dern ent­spricht eher einer Anre­de­form, die der alt­deut­schen Form »Ihr« näher­kommt, einem Plu­ral, der Respekt bezeugt.

Obwohl sprach­his­to­risch nicht völ­lig dane­ben, ist die Begrün­dung um und bei immer die Glei­che: Zu grauer Vor­zeit gab es thou für die 2. Per­son Sin­gu­lar und you für die 2. Per­son Plu­ral. Ers­tere (thou.2SG) sei dabei ver­lo­ren gegan­gen und nur you.2PL ist übrig geblie­ben. Ergo: Im Eng­li­schen wird eigent­lich gesiezt.

Das ist aber gleich ein drei­fa­cher Trug­schluss. Der erste Trug­schluss, an des­sen hei­ßen Punk­ten ich mir gar nicht die Fin­ger ver­bren­nen will, ist der, dass die Anre­de­st­ra­te­gien in bei­den Spra­chen irgend­wie eins-zu-eins auf­ein­an­der über­trag­bar wären. Der Trug­schluss beschreibt die Vor­stel­lung, dem deut­schen Sie­zen im Eng­li­schen eine Ent­spre­chung gegen­über­stel­len zu kön­nen. Dass das Unsinn ist, kann jeder bestä­ti­gen, der beide Spra­chen auch prag­ma­tisch ganz gut beherrscht und einem Mono­lin­gua­len die Anre­de­kon­ven­tio­nen der jeweils ande­ren Spra­che erklä­ren möchte. Natür­lich könnte man argu­men­tie­ren, dass man an der Ver­wen­dung von Vor­na­men oder Nach­na­men eine gewisse Duzen-Siezen-Äquivalenz erken­nen kann. Das Pro­blem ist aber deut­lich zu viel­schich­tig und ich möchte mich hier nicht im Dickicht ver­hed­dern, das ver­sucht, ein zwei­di­men­sio­na­les mor­pho­syn­tak­ti­sches Para­digma ein­deu­tig auf ein min­des­tens vier­di­men­sio­na­les Sys­tem von Dis­tanz, Respekt, Kon­text und sozio­kul­tu­rel­len Nor­men anzu­wen­den. Darum soll’s mir hier nicht gehen.

Der zweite Trug­schluss ist mor­pho­syn­tak­ti­scher Natur. Rich­tig ist zunächst, dass for­mal nicht zwi­schen you.2SG+V und you.2PL+V unter­schie­den wer­den kann. Das ist jetzt natür­lich wenig erstaun­lich, denn die ein­zige Prä­sens­ver­bal­fle­xion des Eng­li­schen fin­det sich in der 3. Per­son Sin­gu­lar Indi­ka­tiv (zumin­dest in der Stan­dard­va­rie­tät und mit Aus­nahme von {BE}).

Die­ser Trug­schluss sug­ge­riert aber, dass im Eng­li­schen die Zeile ›2SG‹ leer ist, was natür­lich nicht stim­men kann (mehr dazu spä­ter). Wenn wir jetzt mal die sozio­lin­gu­is­ti­sche Siezen-Duzen-Unterscheidung weg­las­sen, gibt es auch im Eng­li­schen die seman­ti­sche Unter­schei­dung you ›du‹ und you ›ihr‹ - you ist da im Ver­gleich zum Deut­schen ambig; aber immerhin.

1SG I am ich bin
2SG you are du bist
3SG he/she/it is er/sie/es ist
1PL we are wir sind
2PL you are ihr seid
3PL they are sie sind

(Wenn wir’s also wirk­lich streng neh­men wür­den, ist Sie­zen schon allein des­halb Unfug, weil you.PL natür­lich ›ihr‹ ent­spricht. Aber sind wir mal nicht so.)

Was ver­lo­ren gegan­gen ist, ist die gram­ma­ti­sche Unter­schei­dung von 2SG und 2PL, nicht eine 2SG-Form an sich. Die fol­gende Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist stark ver­ein­facht, nicht­zu­letzt, weil nur die Nominativ-Formen ange­ge­ben sind und hier noch der Dual aus dem Alteng­li­schen aus­ge­klam­mert ist (Smith 1999: 77, 113, 146):

AE ME FNE ModE ModE (dialektal/
kontextuell)
2SG.NOM þu thou thou you you/thou (arch.)
2PL.NOM ge ye ye/you you yous(e)/yiz/yez

An die­ser kur­zen Über­sicht ist rela­tiv klar erkenn­bar, dass you [ju:] die ›Wei­ter­ent­wick­lung‹ des 2PL-Pronomens ist und der Bruch beim 2SG-Pronomen im Früh­neu­eng­li­schen (FNE) liegt. Die Erklä­rung geht so: <g> wurde im Alteng­li­schen (AE) prä­vo­ka­lisch [j] aus­ge­spro­chen und <þ> als [ð], wie im heu­ti­gen they. Aber es bedeu­tet eben nicht, dass die 2SG-Form an sich ver­schwun­den ist - die ältere Form thou wurde nach einer ziem­lich kom­ple­xen Varia­tion im thou/you-Kos­mos von you ver­drängt, wel­che dabei vom Plural-Kontext auf den Singular-Kontext aus­ge­wei­tet wurde und die Funk­tion you.2SG ›du‹ über­nahm. Die Gründe dafür fin­den sich vor allem im sti­lis­ti­schen und sozi­o­prag­ma­ti­schen Bereich (Busse 2002). Die ganze Geschichte ist in Wahr­heit z.B. in Ver­bin­dung mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Kasu­s­ab­bau sehr viel kom­ple­xer, aber für den Moment soll das reichen.

Hier kön­nen wir ein Kon­zept aus der Sozi­lin­gu­is­tik ins Spiel brin­gen, die soge­nannte T-/V-Unterscheidung (Brown & Gil­man 1960). Anders aus­ge­drückt: thou hat frü­her nicht nur eine Nume­rus­un­ter­schei­dung ermög­licht (2SG), son­dern auch als T-Pronomen fun­giert (von lat. tu ›du‹), you/ye dage­gen als V-Pronomen (von lat. vos ›ihr/Sie‹). So gab es ein Hono­ri­fi­kum, mit dem man auch nur eine Per­son anspre­chen konnte, also zusätz­lich zu du/ihr auch eine ent­spre­chende du/Sie-Unter­schei­dung tref­fen konnte - die soge­nannte T-/V-Unterscheidung. Diese Unter­schei­dung exis­tiert im heu­ti­gen Eng­lisch aber nicht mehr - und you erfüllt als you.2SG die Funk­tion ›eine mir gegen­über­ste­hende Per­son‹ und als you.2PLzwei oder meh­rere mir gegen­über­ste­hende Personen‹.

Wenn jetzt also jemand sagt, im eng­lisch­spra­chi­gen Raum wird »eigent­lich« gesietzt, der sagt damit ja, dass die Kate­go­rie 2SG unge­nutzt dastünde (s.o.). Dass das nicht rich­tig ist, zeigt sich ers­tens in der Nume­rus­un­ter­schei­dung der Refle­xiv­pro­no­mina, wo your­self.2SG und your­sel­ves.2PL klar die Exis­tenz der Nume­rus­ka­te­go­rie bele­gen. Zwei­tens tritt you.2PL dia­lek­tal, kon­text­ab­hän­gig und umgangs­sprach­lich als yous(e)/yez/yiz.2PL auf und ermög­licht so eine Disam­bi­gu­ie­rung von you.SG und you.PL. Wenig über­ra­schend fin­den sich alle Belege für yous(e), youz(e), yiz, oder yez im BNC dem­ent­spre­chend in den Gen­res der gespro­che­nen Spra­che wie ›Fic­tion‹, ›Oral History‹, ›Inter­view‹ oder ›Conversation‹.

Iro­ni­scher­weise ist eine mög­li­che Erklä­rung für das Ver­schwin­den des thou.2SG aus dem Pro­no­mi­nal­pa­ra­digma der Stan­dard­spra­che, dass man zu Shake­speares Zei­ten you.2PL (damals V-Form) in einer Höf­lich­keits­spi­rale auch für Anre­den nutzte, für die man bis dahin die T-Form thou nutzte. Die Iro­nie dabei ist, dass thou jetzt archa­isch ist und abge­se­hen von weni­gen Dia­lekt­ver­wen­dun­gen heute auf reli­giöse und erz­kon­ser­va­tive Kon­texte beschränkt ist: Thou, my Lord! ›Du, mein Gott‹, also gewis­ser­ma­ßen jetzt eine höhere For­ma­li­tät auf­wei­sen. Der Pro­zess in der Stan­dard­spra­che war aber um 1700 abge­schlos­sen, you der unmar­kierte Fall für die all­ge­meine Anrede und die syn­tak­ti­sche V-/T-Unterscheidung somit weg­ge­fal­len (Busse 2002: 3, OED).

Der dritte Trug­schluss ist des­halb ety­mo­lo­gisch. Nur weil etwas irgend­wann (hier: so vor, hm, 300-400 Jah­ren) mal so und so war, heißt das nicht, dass es noch so ist bzw. dass es noch so sein sollte. Heute wird gibt es im Eng­li­schen keine gram­ma­ti­sche V-/T-Unterscheidung. Selbst die dia­lek­tale Ver­wen­dung von thou ist auf einen sehr intimen-familiären Kon­text beschränkt. Wenn, dann wer­den Dis­tanz, Respekt oder sons­tige Hier­ar­chie­un­gleich­hei­ten auf andere Weise aus­ge­drückt. Aber gesiezt wird hier bestimmt niemand.

(Genauso däm­lich ist es umge­kehrt zu behaup­ten, im Eng­li­schen gäbe es kein Sie. Soll­ten Sie das aus mei­nen Zei­len lesen oder gele­sen haben, gehen Sie zurück zu Trug­schluss 1 und 2.)

Ach so ja: Die Groß­schrei­bung der Anrede Sie im Deut­schen ist irgend­wie auch nur eine schrift­sprach­li­che Kon­ven­tion, die zum Bei­spiel das straf­recht­li­ches Bezie­hungs­ge­flecht bei ich wurde von Ihnen/ihnen kran­ken­haus­reif geschla­gen disam­bi­gu­iert. Hände hoch, wer beim sie­zen an eine abwe­sende dritte Per­son im Plu­ral denkt? Mor­pho­syn­tak­tisch nut­zen wir im Deut­schen für die Höf­lich­keits­an­rede die 3.PL, was sprach­ty­po­lo­gisch übri­gens sehr unge­wöhn­lich ist (Helm­brecht 2005, 2011). Den­kense mal drü­ber nach, bevor Sie behaup­ten, im Eng­li­schen wird gesiezt: What did They do yes­ter­day? und Ihren gegen­über mei­nen.

Wie würde das denn klin­gen, wenn Sie eine Duz­be­kannt­schaft auf Eng­lisch mal übel beschimp­fen möchten?

Fuck thou?

PS: Also, Ana­tol, wie du siehst, sieze ich im Blog. Es lässt sich im Zwei­fels­fall leich­ter beleidigen.

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Brown, Roger & Albert Gil­man. 1960. The pro­no­uns of soli­da­rity and power. In: Sebeok, Tho­mas [ed]. Style in Lan­guage. MIT Press: 253-276.

Busse, Ulrich. 2002. Lin­gu­is­tic varia­tion in the Shake­speare cor­pus - morpho-syntactic varia­bi­lity of second per­son pro­no­uns. Ben­ja­mins.

Helm­brecht, Johan­nes. 2006. Typo­lo­gie und Dif­fu­sion von Höf­lich­keits­pro­no­mina in Europa. Folia Lin­gu­is­tica 39(3-4): 417-452. [Link zu einer frei ver­füg­ba­ren Ver­sion von 2005, Arbeits­pa­piere des Semi­nars für Sprach­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Erfurt (18).]

Helm­brecht, Johan­nes. 2011. Poli­ten­ess Dis­tinc­tions in Pro­no­uns. In: Dryer, Matthew S. & Mar­tin Has­pel­math [eds]. The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. Max Planck Digi­tal Library, chap­ter 45. [Link] (06. Mai 2012).

Smith, Jeremy J. 1999. Essen­ti­als of Early English. Rout­ledge.

Frische Beulen im Denglisch-Wahn

Mittwoch, 30. November 2011

Die ame­ri­ka­ni­sche Lin­gu­is­tin Gabe Doyle dis­ku­tiert in ihrem immer sehr lesens­wer­ten Blog Moti­va­ted Gram­mar in einem Bei­trag »Is speaking the lan­guage all it takes to be an expert?« die Frage, warum die Tat­sa­che, dass man eine Spra­che als Mut­ter­spra­che spricht, nicht immer aus­rei­chend ist, über den all­ge­mei­nen Gebrauch der­sel­ben zu sin­nie­ren. Damit spricht sie - ver­ein­facht gesagt - einen der Grä­ben an, die zwi­schen Sprach­wis­sen­schaft und öffent­li­cher Mei­nung (über Spra­che) lie­gen. Das geht so: A hat zwar mut­ter­sprach­li­che Kom­pe­tenz, aber keine Exper­tise von sprach­li­chen Pro­zes­sen und sagt, dass es Phä­no­men Y ent­we­der nicht gibt oder falsch ist. Experte B prä­sen­tiert Belege für die sys­te­ma­ti­sche Ver­wen­dung von Phä­no­men Y.

Robert Tonks ist nach quasi-eigenen Anga­ben »der älteste Wali­ser zwi­schen Rhein und Ruhr«. Ein Brite also, mut­maß­lich Mut­ter­sprach­ler des Eng­li­schen. Im Sep­tem­ber hat er ein Buch über Eng­lisch in der deut­schen Spra­che ver­öf­fent­licht (It is not all English what shi­nes). Dort ana­ly­siert er eng­li­sche Wer­be­sprü­che im Deut­schen, (rück)»übersetzt« diese und macht sich dem­ent­spre­chend und in der Summe über Deut­sche (Wer­ber) lustig.

(wei­ter­le­sen …)

Anglizismus des Jahres 2011

Freitag, 18. November 2011
Anglizismus des Jahres 2011

Nach dem durch­schla­gen­den Erfolg der letzt­jäh­ri­gen Wahl gibt es auch 2011 wie­der eine Wahl zum Angli­zis­mus des Jah­res. Über die Aktion die­ser etwas ande­ren Jah­res­end­wort­wahl wurde sogar im fer­nen Kanada (CBC) und im noch fer­ne­ren Aus­tra­lien (The Age) berich­tet. In Deutsch­land immer­hin sehr öffent­lich­keits­wirk­sam in… Ach, lesen Sie’s selbst nach!

Und weil neben aller Ernst­haf­tig­keit, und einer sehr ehren­vol­len Auf­gabe der Spaß für die Jury natür­lich auch ein Kri­te­rium ist, bin ich der erneu­ten Ein­la­dung in die Jury gefolgt. Jetzt rufen wir unsere Leser auf, bis zum 7. Januar 2012 auf der eigens auf­ge­bau­ten Web­seite die Nomi­nie­run­gen für die­ses Jahr einzureichen.

Nomi­nie­rungs­kri­te­rien wie im letz­ten Jahr:

  • stammt ganz oder in Tei­len aus dem Englischen
  • ist einer brei­ten Sprach­ge­mein­schaft 2011 ins Bewusst­sein gerückt
  • füllt eine lexi­ka­li­sche Lücke im Deutschen.

Bis zum 7. Januar ist noch n büschen hin. Es bleibt zwar ein wenig län­ger Zeit, als für die Weih­nachts­ge­schenke, aber:

Auf geht’s!

Jetzt mal Buttercakes bei die Fische (I)

Sonntag, 12. Juni 2011

Zuerst die unfrei­wil­lige Komik: »Angli­zis­men gehen mir auf den Keks.«

Warum komisch? Weil Keks ein Angli­zis­mus ist. Also nicht so offen­sicht­lich viel­leicht. Viel­mehr ist es ein ehe­ma­li­ger, mitt­ler­weile so gut inte­grier­ter und so ein­ge­deutsch­ter Angli­zis­mus, dass er gar nicht mehr als sol­cher erkenn­bar ist und sel­tenst in Angli­zis­men­fil­tern hän­gen bleibt (aller­höchs­tens um zu beto­nen, dass wir nicht ja alles aus­bür­gern müs­sen). Eigent­lich wollte ich nur amü­siert einen Anglis­ten­witz zum Bes­ten geben und es dabei belas­sen. Doch dann uferte eine kleine Recher­che so unglaub­lich aus, dass sich jen­seits der bei­nahe all­be­kann­ten Her­kunft und Ent­wick­lung von cakes (engl.) > Cakes (dt. pl.) > Keks (pl. & sg.) > Keks (sg.)/Kekse (pl.) plötz­lich ein fan­tas­ti­sches Anschau­ungs­bei­spiel für eine ganze Menge sprach­li­cher Pro­zesse auftat.

Wenn wir hier­mit also durch sind, haben wir Ent­leh­nung, pho­ne­ti­sche und ortho­gra­phi­sche Inte­gra­tion, Varia­tion, Reana­lyse und Sprach­wan­del abge­hakt, Metho­den der his­to­ri­schen Sprach­wis­sen­schaft ange­schnit­ten und neben­bei eine urbane Legende ent­zau­bert. Nur die Rede­wen­dun­gen, die müs­sen drau­ßen blei­ben. Freuen Sie sich nen Keks!

(wei­ter­le­sen …)

Die Birne ist hinfällig

Montag, 5. April 2010

Alt­bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl fei­erte ges­tern sei­nen 80. Geburts­tag. Der ein­zige Grund, ihn dafür nicht an sei­nem Geburts­tag zu wür­di­gen, liegt im gest­ri­gen Arti­kel, den ich per­sön­lich zu schön fand, ihm auch gleich eine eben­bür­tige Kon­kur­renz aufzuhalsen.

Aber wid­men wir uns einem Bei­trag auf NDR2, der ges­tern einen Nach­ruf, par­don, einen Bei­trag über die Geburts­tags­nicht­fei­er­lich­kei­ten Hel­mut Kohls sendete:

[Hel­mut Kohl] ist ein biß­chen hin­fäl­lig gewor­den, aber er ist voll prä­sent. Ihm kann kei­ner was vor­ma­chen; er nimmt am poli­ti­schen Leben inso­fern teil, als dass er sich über alles noch infor­mie­ren lässt. Hel­mut Kohl ist geis­tig voll da, aber er ist kör­per­lich eben hin­fäl­lig.
(Diet­mar Rie­mer, ARD-Hauptstadtstudio Ber­linKurier um 12″, NDR2, 3. April 2010)

Ich stutzte sofort beim Adjek­tiv hin­fäl­lig. (wei­ter­le­sen …)

Sprachverfall

Samstag, 28. November 2009

Die typi­sche Form, den Wan­del der Spra­che wahr­zu­neh­men, scheint darin zu beste­hen, ihn als Ver­fall zu erle­ben. Ist es nicht merk­wür­dig, daß unter­scheid­li­che Ver­falls­theo­re­ti­ker seit mehr als 2000 Jah­ren immer wie­der den zuneh­men­den Ver­fall ihrer jewei­li­gen Mut­ter­spra­che bekla­gen, ohne je ein Bei­spiel für eine tat­säch­li­che ver­fall­lene Spra­che vor­wei­sen kön­nen? Es scheint auch nie­man­den zu geben, der bereit wäre, den Ver­fall sei­ner e i g e n e n indi­vi­du­el­len Spra­che zu bedau­ern: »Ach, was schreibe ich für ein ver­kom­me­nes Deutsch im Ver­gleich zu mei­nen Groß­el­tern!« Sprach­ver­fall ist immer Ver­fall der Spra­che der ande­ren. Das sollte stut­zig machen.

Rudi Kel­ler. 2003. Sprach­wan­del. Tübin­gen: UTB. S. 23

Spra­che dient mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion. Das scheint auf den ers­ten Blick tri­vial, ist aber ungleich wich­ti­ger, wenn es um die Sprach­ver­falls­de­bat­ten geht. Jeder Sprach­pfle­ger, der ja den Ver­fall unse­rer Spra­che her­auf­be­schwö­ren will, brächte sich in höchste Erklä­rungs­not, wenn er mit der Spra­che Walt­her von der Vogel­wei­des, um’s mal auf die Spitze zu trei­ben, in die nächste Kneipe zöge.

Gut, mögen jetzt einige sagen, was ist dann mit Irish, einer gestor­be­nen Spra­che? (wei­ter­le­sen …)