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Wer A sagt, muss auch Ø sagen

Mittwoch, 20. Januar 2010

Eine weitere Schwächung der Substrattheorie sollte eigentlich sein, dass für das irische Englisch keine Unterverwendung des unbestimmten Artikels a/an belegt ist. Nach meiner Logik muss eine Nicht-Dokumentiertheit nicht automatisch bedeuten, dass es kein Vorkommen gibt – aber sie sind eben, naja, nicht belegt. Wir erinnern uns: Irisch hat keinen unbestimmten Artikel. Unbestimmtheit wird durch das nackte Substantiv markiert: fear ‘ein Mann’ aber an fear ‘der Mann’. Nicht verwirren lassen, ir. an entspricht nicht dem englischen ‘an’, sondern ‘the’.

Davon ausgehend, dass Artikel a) zu den grammatischen Kategorien gehören, die von Kindern am spätesten erlernt und dementsprechen spät korrekt im Sinne der muttersprachlichen Kompetenz beherrscht werden und b) viele verschiedene semantische und pragmatische Funktionen haben, ist der Artikelgebrauch im Allgemeinen starker Variation und Komplexität unterworfen, auch im Muttersprachenenglisch. Fremd- und Zweitsprachenlerner haben deshalb größte Probleme  ”with mastering (the) English articles” (IrE: “the mastering of English articles” [!!]). Dazu gibt es viele Studien – besonders große Probleme haben dabei Sprecher von Sprachen ohne Artikel, z.B. Russisch oder Chinesisch. Daraus lässt sich auch die große Variation des Artikelgebrauchs in asiatischen Englischs ableiten, besonders dort, wo Englisch die Fremd- oder Zweitsprache ist.

Die Abwesenheit von unbestimmten Artikeln im Irischen führt aber nicht zu einer “Problematik” der Iren in der Verwendung des unbestimmten englischen Artikel. In der Substratlogik müsste dies zumindest teilweise so sein. Was belegt ist, ist die gelegentliche Verwendung von the für a/an:

they think he is the most refined young man. [geography unknown, 1910]
Mark is the Bachelor as yet. [Fermanagh, Ulster, 1848]

Eine Unterverwendung des Artikels wäre jedoch lediglich Mark is bachelor as yet – und eine solche ist mir für irisches Englisch weder in unserem Korpus, noch in der relevanten Literatur begegnet. Mehr noch: die Nähe von irisch an (bestimmt) zu engl. an (unbestimmt) hat erst recht nicht dazu geführt, dass im irischen Englisch häufiger unbestimmte statt bestimmte Artikel verwendet werden (Transferlogik).

Das Muster wird klarer.

The Article War III

Montag, 18. Januar 2010

Jahrzehntelang wurde in der Literatur zu Englisch in Irland darüber gestritten, ob die Varietät irische oder alte und/oder archaische englische Wurzeln hat. Das eine sind die Anhänger der Substrattheorie (substratum), letztere sind die Verfechter der Superstrattheorie bzw. der retention (superstratum). In den wenigsten Fällen einzelner Phänomene ist aber überhaupt die eine Quelle auszumachen, weshalb es in den letzten zehn Jahren spürbar eine Verschiebung hin zum “dritten Weg” gegeben hat: Rolle des Sprachkontakts an sich, des language shift (Sprachwechsel), Zweisprachigkeit, Grad des linguistischen Transfers und die Rolle sozialer Faktoren. Ein Großteil der neueren Literatur ist damit auch in einer globaleren Varietäten- und Universalienforschung englischer (Umgangs-)Sprache anzusiedeln.

Mit dem Artikelgebrauch in Irland haben sich nur zwei Autoren bisher näher befasst (und weil ich schon im Schreibmodus denke, füge ich noch hinzu to the best of my knowledge). Zwar hat irgendwie jeder, der über Syntax des irischen Englischs publiziert hat, etwas dazu geschrieben, en passant. Okay, vielleicht sind’s auch drei (Raymond Hickey). (weiterlesen …)

Von Standards und Abweichungen

Freitag, 15. Januar 2010

Bevor ich den Krieg weiterführen kann, ein kleiner Exkurs.

Die Feststellung abweichenden Sprachgebrauchs hat fast ausschließlich eine – aus linguistischer Sicht – seltsame, zumindest aber problematische Bezugsgröße: die Standardsprache. Mit dem Standardenglisch ist es irgendwie wie mit “vernünftigem Deutsch” – keiner weiß, wo genau es angeblich gesprochen wird.* (weiterlesen …)

The Article War II

Donnerstag, 14. Januar 2010

Was die Sache zusätzlich verkompliziert, ist die Tatsache, dass der sogenannte abweichende Artikelgebrauch natürlich nicht einfach so vom Himmel gefallen ist. Denn zu Keltizismustheorie und Kontakttheorie kommt noch die Möglichkeit eines konservierten Überbleibsels aus Mittel- und/oder Frühneuenglisch. (weiterlesen …)

The Article War I

Sonntag, 10. Januar 2010

Jetzt auch mal hier ans Eingemachte.

Mein Untersuchungsgegenstand, der bestimmte Artikel the, wird im irischen Englisch in bestimmten Kontexten häufiger benutzt, als im Standardenglisch. Also besonders in Verbindung mit nichtspezifischer Referenz wie in He’s at the school, wenn nicht das Gebäude, sondern die Institution an sich gemeint ist; in Konstruktionen mit Jahreszeiten (in the spring), Krankheiten (He died of the cancer), Festtagen (the Christmas, the Easter); in Phrasen, in denen the die Präpositionen per oder at oder Personalpronomen ersetzt (three pounds in the week ‘three pounds per week’, in the night, he left the wife behind); vor den Quantifikatoren both, half und most in of-Phrasen (and the both of them hungry, the one half of what you hear). Dazu kommen erhöhte Gebrauchsfrequenzen des bestimmten Artikels in Phrasen mit unzählbaren Substantiven (non-count/mass nouns), die im Standardenglisch keinen Artikel haben (the gold is plenty, the bacon is high ‘bacon is expensive’). (weiterlesen …)

Stand der Dinge

Samstag, 12. Dezember 2009

“Wieviele Seiten haste denn jetzt schon geschrieben?” werde ich oft gefragt. Zeit also, mal Kassensturz zu machen. Antwort: drei. Also die Einleitung habe ich schon mal. Da man die aber bekanntlich erst zum Schluß schreibt, habe ich oberflächlich betrachtet noch nichts Zählbares. Aber der Reihe nach.

Bei Hausarbeiten habe ich immer erst Literatur gesammelt, queer gelesen, Texte aussortiert, dann intensiver gelesen, Notizen gemacht. Zeitlich gestrafft, zwei, drei Tage von morgens um acht bis abends elf am Schreibtisch. Bis eben irgendwann ein Berg von Notizen und Querverweisen da war, der dann vorstrukturiert wurde und schlußendlich in ein, maximal zwei Tagen zusammengetragen und verschriftlicht wurde. Das war relativ einfach. Aber das waren ja nie mehr als 20 Seiten, da kann man das schon mal machen. Persönlich empfundener Vorteil: man ist beim Schreiben so sehr drin, dass irgendwie alles logisch aufeinander aufbauen kann. Häppchenweise arbeiten, also über Wochen hinweg gleichzeitig lesen und schreiben war nie mein Ding. Drei, vier Tage, ratzfatz fertig.

Jetzt ist das natürlich was anderes. Und trotzdem kann ich meine Methode nicht ablegen, erst zu lesen und dann zu schreiben. Das führte in den vergangenen Wochen zu erhöhtem Frust, den Deckel nicht zu finden auf dieses auch leider sehr bodenlose Fass von Literatursuche und -sichtung. Aber der Großteil ist vermutlich gelesen, zumindest das fürs grobe Argumentationsgerüst. Die Details für die Theorieuntermauerung kommen nach der Analyse der Daten (Henne und Ei lassen aber grüßen: anhand welcher Parameter soll ich die Daten denn sortieren und analysieren? Welche Daten sind aufgrund meiner Parameter überhaupt verwertbar?). Fürs erste ist wohl mal Richtfest.

Also nach Weihnachten tipp ich mir die Finger wund!

Gliederung

Mittwoch, 26. August 2009

Jaha!

Nix mit Gliederung der Arbeit (dazu zu gegebener Zeit mehr), für alle, die jetzt Konkretes erwartet haben. Die steht eigentlich, da sind ja wissenschaftliche Schemata vorgegeben. Keine große Überraschung, oder?

Nein – versucht Ihr doch mal, in einer Verzeichnisstruktur aufm Rechner Ordnung reinzubekommen! Ordnet man nach Kapiteln? Oder nach bereits gelesenen und notizenversehenen Artikeln? Und wie ordnet und strukturiert man überhaupt Notizen, auch und besonders um das Risiko zu minimieren, dass sie vom Radar verschwinden? Und was, zum Teufel, mache ich mit den ganzen Überbleibseln, Notizen, wirren Gedanken und Dateien aus dem letzten Jahr? Fange ich neu an, muss ich etwa alles noch mal lesen? Okay, wenn ich’s mir hätte aussuchen können – das Jahr Pause war nicht das Beste, aber sei’s drum.

Und dann multipliziert das Ganze, ich hab ja zwei Rechner und ne externe Festplatte, und ohne fundiertere Computerkenntnisse weiß ich nicht mal, wie man das alles sinnvoll synchronisiert.

Ups.

Ask A Muttersprachler

Montag, 27. Juli 2009

In einer E-Mail, die ich diese Woche aus Süddeutschland bekam, stand dies:

Vielen Dank für Ihr Mail.*

Daran fallen zwei Dinge auf: Erstens hat der Verfasser relativ elegant die Klippe der Schreibweise für diese Art der elektronischen Post umschifft. Der Duden empfiehlt E-Mail, vermutlich da alternative Schreibweisen entweder zu Verwechslung führen (Email) oder sich nicht so recht in die Regeln der deutschen Groß- und Kleinschreibung in Wörtern einfügen wollen (eMail und EMail).

Zweitens, und das ist viel interessanter, liegt hier eine süddeutsche Genusverwendung vor: während im Hochdeutschen ‘E-Mail’ weiblich ist (die E-Mail), bevorzugen die Süddeutschen, aber auch Österreicher und Schweizer das E-Mail. (Der Duden, interessanterweise, führt zwar ‘die/das E-Mail’, aber nur ‘die Mail’ auf – in diesem Fall wäre die Umschiffung wohl doch nicht so elegant gewesen, wie ich dachte, aber der Duden stammt aus dem Jahr 2007.)

Nun ist auch ein in Süddeutschland lebender Mensch, der mit Deutsch aufgewachsen ist, ein Muttersprachler. (Dies mag ein Hamburger zwar gerne mal abstreiten, aber das ist jetzt nicht das Thema.) Und die Genusunterschiede hören ja nicht bei elektronischer Post auf. Es zählen auch etablierte(re) Wörter des Alltags dazu, man denke an der Mikro (abgeleitet von und den Mikrowellenherd bezeichnend), das Cola oder der Butter. Und was den Butter betrifft, da bin ich alemannischer Muttersprachler genug, um zu sagen, dass diese Verwendung zwar altmodisch klingt, aber nicht unüblich ist. Wer’s genau wissen will, der fährt zur Feldforschung mal ins Münstertal bei Offenburg.

Wenn ich nun also sage, ich möchte den Artikelgebrauch im irischen Englisch beschreiben und erkläre meinen (muttersprachlichen) englischen Freunden, worum es geht, dann höre ich oft “Yes, but I think you can use ‘the’ in English in this context”. Mit anderen Worten, es ist ein sehr schmaler Grat (wenn auch genau umgekehrt als in meinem Beispiel der süd/nord/hochdeutschen Genusverwendung). Denn auch der Gebrauch des Artikels wie im irischen Englisch, der angeblich so charakteristisch für diese Varietät ist,  ist nicht “falsch”, und in vielen Dialekten des britischen Englisch durchaus nicht fremd.

Der Mythos des Normmuttersprachlers ist ohnehin überholt. Denn, wo die meisten bei “I’m here since Monday” den Rotstift ansetzen würden, ist das in Irland ein korrekte Umschreibung dafür, dass jemand, naja, seit Montag hier ist. Und an der muttersprachlichen Kompetenz eines Iren zweifelt niemand (obgleich mir da von einigen Engländern vehement widersprochen wird).

Ums humoristisch zu sehen, sag ich’s mit Volker Pispers (…bis neulich!):

Viele sagen ja, die bei uns lebenden Ausländer müssen wenigstens vernünftig Deutsch sprechen. Was isn das? Vernünftiges Deutsch? Wo wird das denn gesprochen? Warense da schon mal? Können Sie sich an einem schwäbischen Stammtisch artikulieren?

Ja, ich könnte.

(Für die Phonologen unter uns: Vielen Dank für Ihr Mail aus dem Mund eines Alemannen klänge für einen Norddeutschen übrigens auch nach dem Erhalt einer Mehllieferung; das (Weizen)Mehl klingt auf Badisch wie ‘Mähl’… to be continued!)

Bliain úr faoi shéan is faoi mhaise dhaoibh

Mittwoch, 7. Januar 2009

Frohes Neues! Positiv gesehen: neues Jahr, neues Glück. Good-bye 2008, hello 2009!

Und das bedeutet erst mal: Festplatte entrümpeln. Es gibt ja Analogien zwischen Mensch und Maschine – und die geistige Festplatte ist so vollgemüllt, wie es mir der Computer bildlich vor Augen führt. Wo und wann hab ich was abgelegt? Was ist schon gelesen, was brauche ich nicht mehr?

Ich setze momentan sehr große Hoffnung in meine Fähigkeit, innerhalb der nächsten Woche alles zumindest soweit zu ordnen, dass ich einigermaßen klarer sehe, welche Reichweite meine bisherige Arbeit erlangt hat.

Denn am 10. Februar geht’s in Urlaub.

Der Rotz

Mittwoch, 19. November 2008

Ich nenne es den Rotz. Das, was man so hinrotzen kann bei so einer Arbeit. Hintergrundinformation, Forschungsstand, vielleicht Geschichtliches, vielleicht Demographisches. Es ist einerseits der Rahmen, andererseits das dickere Ende des roten Fadens. Alles das, was sich unter “Grundlagen” zusammenfassen lässt. Alles das, was im Grunde reine Fleissarbeit darstellt.

Bei einer Hausarbeit war das Schwierigste daran, dem Rotz nicht zu viel Platz einzuräumen. Bei 15-20 Seiten waren das 3-4 Seiten, höchstens. Ein Fünftel. Bei 80 Seiten Magisterarbeit wären ein Fünftel immerhin 16 Seiten. Hilfe! Sechszehn Seiten über die Uneinigkeit in der Forschung über den linguistischen Flickenteppich Irlands? Denn bei aller Zerstrittenheit über den sprachlichen Status Quo im 19. Jahrhundert scheint nur eins sicher zu sein: man weiss es nicht genau.

Eigentlich wirft der Rotz mehr Fragen auf, als er beantwortet.