Archiv zur KategorieUmgebungstemperatur

Die Poesie der chaotischen Kreativität

Angelehnt an Kristins ‘Ein kleiner Gruß vom Schlachtfeld‘ (auf deren interessantes Sprachblog ich hiermit ausdrücklich hinweisen möchte; wir sehen uns in Mainz!), auch von mir einen kleinen Eindruck vom Schreibtisch. Der hat sich nämlich vor ein paar Wochen vom Arbeits- und Schlafzimmer in die Wohnküche verschoben, und der Küchentisch ist ins Schlafzimmer verbannt – das hält die Wege zu Kühlschrank, Kaffeemaschine und Radio effizient kurz.

schlachtfeld

Hier sei auch angemerkt, dass ich NUR so chaotisch arbeiten kann (wobei der S/W-Modus hier die gröbsten Zettelberge schlicht verschleiert). Wenn ich anfangen würde, aufzuräumen oder ‘Ordnung’ rein zu bringen, würde ich a) nichts mehr finden und b) sähe spätestens zwei Stunden später alles so aus wie vorher. So finde ich aber relativ fix alle Stellen wieder – die Gnade des grafischen Gedächtnisses! Und für alle anderen Fälle gibt’s Google Desktop.

Kristin, mein Schlachtfeld gewinnt!

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Dabei sein ist nicht alles, dabei bleiben schon

Du weißt, dass der Tag echt für die Katz war, wenn sich der word count nur vergrößert hat, weil du dein Literaturverzeichnis auf den neusten Stand gebracht hast.

Du weißt, dass du frustriert bist, weil die Fallhöhe nach Tagen absoluter Genialität unglaublich weh tut.

Du weißt, dass irgendwas schief läuft, weil der Grund, dass du dich unglaublich aufregst, ein unauffindbarer Kugelschreiber ist.

Du weißt, dass die Nerven blank liegen, weil du so unter Strom stehst, dass es zum Heulen nicht reicht.

Und Viren brauchst du wie n Pickel am Arsch.

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Olympischer Geist

Man sagt ja, dass man seinen Körper am Besten kennenlernt, wenn und indem man zur Höchstform aufläuft und alles aus seinem Körper rausholen muss (Der Leser merkt, für suz ist Olympia!). Ich merke es gerade im, äh, mentalen Bereich. Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist, naja, schmal halt.

Tja, und dann gibt es so Tage, da weißt du schon vorm Aufstehen, dat wird nix. Dann ist es wie die Fernbedienung in den Kühlschrank legen oder die Unterhose über den Kopf ziehen. Oder, um im Duktus zu bleiben, Tage, an denen du nur Fahrkarten* schießt. Papierkorbtage eben.

Es ist ein unglaublich ekliges Gefühl, nicht das zu Papier bringen zu können, wovon man weiß, dass es wirklich genial wäre, wenn’s so aufm Bildschirm erscheinen würde, wie’s seit Wochen im Kopfkino abläuft. Anspruch und Wirklichkeit klaffen dann manchmal so frustrierend auseinander.

Fuß auf Vollgas, Fuß auf Bremse. Gleichzeitig.

*Fahrkarten bezeichnen im Biathlonjargon Fehlschüsse.

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Mein Tag hat 28 Stunden

Andere träumen davon – ich lebe es. Mein Tag hat 28 Stunden.

Ich bin aus gesundheitlichen Gründen seit fast zwei Jahren auf Medikamente angewiesen, die mein Schlafbedürfnis erheblich erhöhen. Das führt aber leider (oder glücklicherweise) nicht dazu, dass sich meine Wachphasen porportional verkürzen. Soll heißen: auf benötigte Schlafphasen von 10 Stunden folgen 18 Stunden, in denen ich teilweise quietschfidel bin. Die Wachphasen einfach auf 14 Stunden zu kürzen funktioniert nicht.

Die Schlaf-Wach-Rhythmus-Experimente der letzten Monate, also die Versuche, meinen Tagesablauf in einen 24-Stunden-Modus zu pressen, sind gescheitert. In den letzten drei Monaten habe ich mich jeden Morgen um halb acht per Telefonanruf wecken lassen müssen (”quatschen bis die Kaffeemaschine läuft”), um überhaupt wach zu werden. Wie gesagt, nicht weil ich faul bin – ich wache einfach nicht von selbst auf.

Angefangen hat es letzte Woche. Ich war vor 16 Uhr zu gar nichts zu gebrauchen, aber um 20 Uhr schon wieder so erschöpft, vor allem mental von wochenlangen unnatürlichen Wachphasen irgendwie zermürbt, dass die Frustration über das gar-nicht-Vorankommen überhand genommen hat. Also: was anderes ausprobieren! Derzeit gebe ich mich der Natürlichkeit meines Körpers hin. Schlafen wenn ich müde bin – und Aufstehen, wenn ich wach werde. Und zwar von selbst.

Und morgen werde ich vermutlich kein Tageslicht sehen.

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Schneewirklichkeiten der Flachlandtiroler

Welche Sprache hat die meisten Wörter für Schnee?

Na?

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Geschenke für Linguisten

Wenn diese Tasche an sich nicht so hässlich (und vermutlich übermäßig unpraktisch) wäre, würde ich die mir direkt zum Geburtstag wünschen. Noch geiler sind solche Geschenke, wenn sie unerwähnt und unerwartet verschenkt werden. Da ich aber wenige Linguisten in meinem Freundeskreis habe, muss ich sie mir entweder selbst schenken oder mich an der Freude des von mir Beschenkten ergötzen.

Wer dies hier so lustig findet wie ich, ist aber schon auf dem richtigen Weg.

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“We are all sitting in one boat”

Derzeit macht sich die deutsche Internetgemeinde über Günther Oettinger lustig, weil er eine Rede auf Englisch hielt.

Mal davon abgesehen, dass er nicht mal Deutsch spricht, gibt es genug Gründe, diesen Mann zu hassen: Der Geschichtsrevisionist ist CDU-Politiker, Schwabe und Fan des VfB Stuttgart; jedes für sich schon hinreichende Gründe, sich über jedes Fass Häme zu freuen, das über ihm ausgekübelt wird. Und wer versucht, aus Hans Filbinger einen Widerstandskämpfer zu machen, hat im öffentlichen Leben nichts mehr verloren.

Die hämischen Reaktion in Blogs und Foren reichen von Belustigung über Fremdschämen bis zu Verärgerungen darüber, dass Politiker “richtig viel Asche vom Steuerzahler bekommen”. Und dass man für jedes kleinste Praktikum “außereuropäische Sprachkenntnisse vorweisen” müsse. Oettinger hat sich in der Vergangenheit als Verfechter für Englisch als Arbeitssprache etabliert, wofür er vom Verein Deutsche Sprache (jaja, unsere Freunde vom VDS) 2006 den “Sprachpanscher des Jahres” für “besondere Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache” verliehen bekam. (Der Mensch hat diesen Preis verdient, sobald er den Mund aufmacht.)

Und so spiegelt sich das in Internetreaktionen wider: Wer Fremdsprachenkenntnisse fordere, müsse auch selbst mit gutem Beispiel voran gehen, schließlich sei das in der freien Wirtschaft auch so. Dort würde man mit Oettingers Sprachkenntnissen keinen Job bekommen.

Ja und nein. Oettinger ist Politiker, und als solcher maßgeblich an Gesetzen und Politiken beteiligt. Politik sendet Signalwirkungen, und untermauert Forderungen nach Fremdsprachenkenntnissen mit der Umsetzung entsprechender Richtlinien. Sie lenkt mit öffentlichen Geldern, beispielsweise im europäischen Mobilitätsprogramm ERASMUS, welche primär dazu da sind, Fremdsprachenkenntnisse und kulturelles Verständnis zu fördern. Manager tun das nicht. Manager profitieren von entsprechenden Maßnahmen der Regierungen.

Viel wird jetzt auch darauf rumgeritten, dass ja eigentlich auch niemand nach Oettingers Englischkenntnissen gefragt hätte, wäre er in Stuttgart geblieben. Aber in Brüssel sei die Amtssprache ja Englisch, da müsse er, weil auf einem internationalen Parkett, auch vernünftig Englisch sprechen können. Die, die das fordern, haben die EU nicht verstanden.

Nein, Amtssprache in Brüssel ist nicht Englisch, Amtssprachen sind in der EU nicht weniger als 23 Sprachen. Arbeitssprachen hingegen sind die Sprachen, die im täglichen Beamtenapparat die meistgenutzten sind. Und das sind Deutsch, Französisch und Englisch. Anmerkungen von Kommentatoren, Oettinger käme in der informellen Politikmache in Brüssel ohne entsprechende Englischkenntnisse zu kurz, sind von einer reflexartigen Angst geprägt, “wir Deutschen” kämen zu kurz. Die EU-Realität zeigt doch: Deutschland und Frankreich regieren das Orchester.

Darüber hinaus definiert sich die EU über “Einheit in Vielfalt” – und ganz besonders über ihre Sprachenvielfalt. Die EU leistet sich einen bulligen Übersetzungsapparat, der immerhin mehr als 2% ihres Budgets ausmacht. Ob nun in der Hinterzimmerpolitik immer ein Dolmetscher dabei ist, sei mal ernsthaft in Frage gestellt, aber daraus eine Forderung abzuleiten, ein deutscher EU-Kommissar müsse “vernünftig Englisch” beherrschen können, ist falsch und irreführend. Wir können gerne über Oettingers Qualifikationen diskutieren – seine Sprachkenntnisse zählen nicht dazu. Sein Arbeitgeber – die Europäische Union, und damit “wir alle” – legt großen Wert auf Gleichberechtigung. Dies äußert sich eben in ihrem Statut, dass sich jeder Bürger in seiner Muttersprache an sie wenden darf, gleich, wie gut und flüssig er Englisch spricht. Das ist für die Demokratie in dieser Riesenorganisation überlebenswichtig. Die EU definiert sich vielsprachig, nicht englischsprachig.

In der Diskussion offenbart sich auch eine eigenartige Schizophrenie unserer Gesellschaft: wir wollen international sein und haben Angst vor dem Verfall unserer Sprache. Guido Westerwelle bashte man dafür, dass er sich weigerte, auf einer deutschen Pressekonferenz die Frage eines britischen Journalisten auf Englisch zu beantworten, Günther Oettinger amüsiert die Internetgemeinde, in dem er vor einem internationalen Publikum der Columbia University in Berlin Englisch spricht. Dass die Rede an sich scheiße war und inhaltsleer dazu, liegt daran, dass der Mensch Politiker ist.

Im Übrigen: Oettingers Englisch (und auch das von Guido Westerwelle) ist lediglich von einem starken deutschen Akzent geprägt. Er liest die Rede ab und tappt damit in jede Falle, die die unlogische englische Orthographie für ihn aufgestellt hat. Das ist bemitleidenswert, peinlich ist es nicht. Ich bleibe bei meiner These: die Mehrheit derjenigen, die das so unglaublich amüsant finden, hätten mit den fraglichen Fremdwörtern auch ihre Probleme und erfahren vermutlich eine unterbewusste Befreiung, genau dabei nicht selbst ertappt worden zu sein. Deutsche tendieren dazu, ihre eigenen Sprachkenntnisse zu überschätzen.

Einige Kommentatoren belustigen sich unter anderem über seine Schlussbemerkung (zumindest suggeriert uns das das YouTube-Video): “We are all sitting in one boat”. Die englische Entsprechung heißt zwar “we are all in the same boat” – an der Metapher ändert es nichts. Man sollte die Sprache selbst beherrschen, bevor man sich über die Kenntnisse derselben anderer lustig macht.

Um Oettinger zu verstehen, muss man ihm auch zuhören wollen.

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Academia 2.0

Das Internet treibt seltsame Blüten. Auch die etwas irritierende Tendenz, dass Studenten glauben, ihren meist sehr blumigen Dünnpfiff aus Hausarbeiten veröffentlichen zu können.

Einer der schönen Nebeneffekte von Google Scholar ist die Möglichkeit, unter dem Suchergebnis für einen Text (Fachzeitschriftenartikel, Bücher etc.) auf den Link “zitiert durch” zu klicken. Dann macht Google Scholar eine neue Suche auf, die Titel zeigt, die den fraglichen Text zitiert haben. Für die Schneeballsuche ein hilfreiches, wenn auch nicht erschöpfendes Mittel:

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Motivationsbooster

Bereits hier schrieb ich davon, dass zwischen dem Gefühl von der Produktion langweiliger Blafaselei und gefühlter Weltrettung manchmal emotional nur Stunden liegen.

Dass mit dem langweiligen Blafasel habe ich bereits vor drei, vier Wochen ad acta gelegt. Auf das damalige Hochgefühl empfundener Brillianz folgte am nächsten Tag zwar der Seelenkater. Am allgemeinen Gefühl, dass ich was ordentliches abgeben werde, hat sich allerdings nichts geändert. Nur: die Überwindung, einfach weiter zu machen – immer weiter zu machen, gleich, was sich einem in den Weg stellt – steht auf einem anderen Blatt.

Eine mögliche Abhilfe für innere Unruhe kann die Einnahme einer Überdosis Baldrian sein. Auch extrem effektiv, aus dem Selbstversuch: Kleine Gewohnheiten ändern. Den Wecker mal woanders hinstellen, mal verkehrt herum im Bett schlafen (und sich beim Aufwachen wundern, was anders ist, anstatt sich einfach noch mal umzudrehen). Zur Uni laufen, statt die U-Bahn zu nehmen (hier: Barmbek-Süd nach Rotherbaum). Eine längst aussortierte Jacke tragen. Sich auch für einen Tatort aus den 90ern begeistern lassen (hier: Stöver/Brockmöller).

Oder sich von einem lieben Menschen eine unerwartete Freude machen lassen.

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Früher und Heute III

Vermutlich – so meine feste Überzeugung – kommt die berühmte Angst vor dem leeren Blatt aus längst vergangener Zeit, als die Schreibenden keine Möglichkeit hatten, mit dem Ablenkungspotential des Internets in Kontakt zu kommen.

Wenn ich jetzt vor einer leeren Wordseite sitze, steuert mein juckender Finger die Maus, äh den Trackpoint, mal fix in die Schnellstartleiste und klickt ganz von selbst auf das kleine Browsericon. Bei Safari muss man noch nicht mal umständlich Favouritenordner und Linkregister über die Menüleiste ausklappen. Dort liegen die gängigen Applikationen und Lesezeichen benutzerdefiniert schon auf der Broweseroberfläche. Ein Klick genügt und man ist bei [Soziales Netzwerk], [Onlineenzyklopädie] oder im Newsfeed von [Onlinenachrichtenportal].

Es fällt zwar nicht auf, dass man Angst vor dem leeren Blatt – oder dem leeren Bildschirm – hat,

das Ergebnis ist aber dasselbe.

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