Gedanken zur Universitätsbürokratie
Einmal quer durchs Alphabet
Mit der Prüfungsmeldung beendet der Student der alten Generation ein skurriles Studentenleben, begleitet von bürokratischen Repressalien und aberwitzigen Auswüchsen deutscher Gründlichkeit. Ein Abgesang auf die scheinbasierte Zettelwirtschaft und die dezentrale Universitätsorganisation.
Im öffentlichen Diskurs entsteht der Eindruck, Magister und Diplomer sind die Altlasten eines längst vergessenen Systems. Spätestens seit diesem Semester, in dem an unserem Institut die ersten Masterstudenten ihr Studium aufgenommen haben und die neuen Bacherlorstudenten nur noch ihresgleichen in Seminaren sehen, ist im Zeitalter der computerisierten Erfassung von Leistungsnachweisen der Inbegriff des alten Systems vom Aussterben bedroht: der Schein.
Wer sie nicht selbst gesammelt hat, weiß nicht, wovon die Rede ist. Der Schein ist dabei nicht nur der Fetzen Papier. Dahinter verbirgt sich das komplette Konzept dezentraler Bildungsorganisation. In Jahrzehnten hat sich kein einheitliches Verfahren zur Scheinausgabe und Beschaffung herausgebildet. Vielmehr führte ein Netz von verzahnten Instituten, Lehrstühlen und Sekretariaten dazu, dass man selbst zum Ende des Studiums nicht genau weiß, wo wer welchen Schein ausgibt. Nur eins ist sicher: Es gibt aus gutem Grund kein Kilometergeld fürs administrative Scheinesammeln.
Es gibt Professoren, die ihre Studenten per Email oder Aushang informieren, wenn die Hausarbeiten korrigiert sind, meist mit einem Zusatz (”Scheine und Hausarbeiten können in meiner Sprechstunde abgeholt werden”). Man geht in die Sprechstunde, bespricht die Arbeit, nimmt den unterschriebenen und abgestempelten Schein mit nach Hause. Das ist der günstige Fall.
Am anderen Ende der Bürokratieskala haben einige Professoren ein unglaublich groteskes Verfahren entwickelt, systematische Verzahnung von Absurditäten auf die Spitze zu treiben. Nach einer anstandshalber zugebilligten Korrekturzeit trottet man ins Sekretariat A und fragt nach dem Stand der Dinge. Die Sekretärin sagt, die Hausarbeiten liegen vor und können beim Prof abgeholt werden. Man meldet sich also im Sekretariat B zwei Türen weiter für die Sprechstunde an. Beim Prof bespricht man kurz die Hausarbeit; den Schein, so sagt er, könne man in zwei Wochen im Sekretariat C abholen. Man geht also dort hin und erfährt, dass man dazu im Sekretariat A den Scheinvordruck abholen muss. Mit diesem geht man zurück zu Sekretariat C und lässt ihn ausfüllen. Dieser muss aber noch von Prof unterschrieben werden. Dazu geht man zurück ins Sekretariat B und gibt den Vordruck in die Unterschriftenmappe. Übers Sekretariat C muss man dann ins Sekretariat A zurück, um sich den Schein abstempeln zu lassen.
Verkompliziert wird das System durch Details, so etwa, dass die Ausgabe von Scheinvordrucken im Sekretariat A möglicherweise eingestellt wurde und nun im Institutssekretariat vorgenommen wird. Nur damit wir uns richtig verstehen: ein Scheinvordruck ist kein wasserzeichendurchzogenes Sonderpapier mit Hologrammen und Sicherheitsfaden. Es sind mehrfach kopierte Kopien von Handscheren halbierten und ausgefransten DIN-A4-Blättern. Bei zehn Scheinen hat man acht unterschiedliche Designs – und das aus einem Institut. Inklusive einer Bescheinigung über eine in Anspruch genommene Studienberatung und einer nicht geringen Menge an Äquivalenzbescheinigungen (vier Zettel für zwei Seminare) aus dem Auslandsstudium bringt’s meine Mappe immerhin auf sechszehn Zettelchen, wobei auf einem Schein gleich drei Seminare eingetragen sind. Es entbehrt also nicht einer gewissen Komik, dass man den Abschluss des scheinrelevanten Studiums, also den Höhepunkt des Umfangs seiner persönlichen Zettelwirtschaft gemeinhin als Scheinfreiheit bezeichnet.
Zur Bestätigung dieser Scheinfreiheit gibt es das optionale Laufburschensystem. Prof A sieht die Scheine durch, unterschreibt den Antrag auf Austellung der Bestätigung des ordungsgemäßen Studiums. Mit diesem geht man zu Prof B, der diesen Antrag bearbeiten wird. Der hat dafür aber den Dienstweg vorgesehen, also geht man zu Bs Sekretärin und reicht dort den Antrag ein, welcher zurück zu Prof B geht. Dieser reicht den bearbeiteten Antrag ins Sekretariat von Prof C, welcher das Zeugnis unterschreiben soll. Allerdings befindet sich Prof C im Forschungssemester und Prof D, der seine Verwaltungsaufgaben kommissarisch übernommen hat, weiß nichts von einem Dienstweg, sondern unterschreibt das Zeugnis in seiner Sprechstunde, wofür das Sekretariat A Termine vergibt.
Dieses ist aber momentan nicht besetzt, weil Sekretärin A und ihre Vertretung A² derzeit dauerkrank und/oder im Urlaub sind, also wird man ins Sekretariat von Prof B geschickt. Die Sekretärin B hat aber die Anmeldeliste für die Sprechstunde von Prof D nicht vorliegen. Währenddessen trifft man Prof D auf dem Flur und spricht ihn an. Er sagt, man solle zur Anmeldung für seine Sprechstunde eine Email an das Institutssekretariat schicken, weil das die Anmeldung zweitweise übernommen hat. In einer Emailantwort wird man zurück an das Sekretariat A verwiesen, weil Sekretärin A³ aus ihrem Mutterschaftsurlaub zurück ist. Weil die Mittagspause von Sekretärin A³ aber blöderweise in die Öffnungszeiten des Sekretariats zwischen 12 und 13 Uhr fällt, ist sie mit der Institutssekretärin in der Mensa und Sekretärin B, die vermutlich den Zweitschlüssel für Sekretariat A und C hat, ist “irgendwo auf dem Campus unterwegs”. Also holt man sich den Sprechstundentermin beim Doktoranden von Prof A, mit dem man auf der Semesterabschlussparty von Prof D schon mal ein Bierchen getrunken hat. Er weiß von einer alternative Liste, die bei der Bibliotheksaufsicht liegt, wo sich aber niemand erklären kann, wie diese dahin gekommen ist.
In der Sprechstunde dann unterschreibt Prof D das Zeugnis, mit dem man zurück ins Institutssekretariat geht, um es abstempeln zu lassen. Die wiederum verfügen aber nicht über den notwendigen Stempel und verweisen auf das Prüfungsamt. Dort hat die Sekretärin für die Studentengruppe A-K gerade heute frei und die Sekretärin L-Z keine Zeit, weil sie schon seit 6.30 morgens telefonische Studentenfragen beantwortet. Sie vermutet aber, dass für die Abzeichnung des Zeugnisses sowieso das Verwaltungssekretariat E des Geschäftsführenden Direktors des Fachbereichs X zuständig ist. Der GD, der für Lehre Sekretariat F, für Forschungsangelegenheiten Sekretariat G und für spassrelevante Freizeitaktivitäten Sekretariat H unterhält, stemptelt nur an ungeraden Wochentagen. Termine dafür holt man sich bei Sonnenschein im Sekretariat G, an geraden Tagen bei H und für die Definition, was in welchem Monat ein ungerader Wochentag und ob ein gerader Tag für Unterschriften zulässig ist, ist Sekretariat J zuständig. Mittlerweile hat man den Überblick verloren, und man weiß nicht mehr in welchem Sekretariat man die Schubkarre mit den Scheinen vergessen hat.
Das macht aber nichts, denn in der Studienberatung des Fachbereichs Y deutet Sekretärin I an, dass man die ganze Zettelwirtschaft sowieso nirgendwo nachreichen muss, weil da keiner mehr nach fragt (ob sie nachfragt meint, lässt sie dezent offen), wenn man durch eine geschickte Strategie ein paar neuralgische Sekretariate umgeht. Was ihre Zwischentöne anklingen lassen: wer aufmerksam die intitutionäre Kakophonie studiert hat, kennt die Profs, die an guten Tagen praktisch alles unterschreiben. Das einsetzende Gefühl, alles zu überstehen, wenn man dieses Chaos überstanden hat, zeigt an, dass man sich endlich getrost zum Examen melden kann.
Und nun hat mir das Prüfungsamt die ganze Bürokratie abgenommen. Mit allen Scheinen, allen Anträgen (der Hauptantrag und vier Antragszusätze und Sonderanträge), allen Zeugnissen, allen notwendigen Unterschriften saß ich gestern vormittag in ihrem Büro. Die Akte ist angelegt, auf Anhieb vollständig und ohne Grund zur Beanstandung. Jetzt gehen die Anträge in die verborgenen Mühlen der Bürokratie, die Prüfer in Haupt- und Nebenfächern werden angeschrieben. Die Sonderanträge gehen Anfang 2010 in den Prüfungsausschusses des Fachbereichs. Es sieht aber gut aus, sagt meine ganz persönliche Bürokratiesekretärin.
Ein seltsames Gefühl, plötzlich alles abgenommen zu bekommen.
Disclaimer: Hier werden weder einzelne Professoren, Institutsmitglieder oder Sekretärinnen verunglimpft oder persönlich an den Pranger gestellt, noch wird suggeriert, einige Profs nämen es manchmal nicht so genau oder bei der Festellung des “ordnungsgemäßen Studiums” sei getrickst worden. Ich war und bin in der Lage, das ordnungsgemäße Studium nachzuweisen. Dies hat auch der liebenswürdige Bürokratiedino (Prüfungsamt) zweifelsfrei festgestellt. Die hier geschilderten Ereignisse sind anektdotenhaft komprimierte Erfahrungswerte meinerseits oder aus bekannten Studentenkreisen aus siebzehn Hochschulsemestern und beziehen sich nicht notwendigerweise auf meine derzeit offiziell studierten Fächer und deren Fachbereiche (ich habe insgesamt an vier Fachbereichen studiert). Wir sind alle nur Opfer des Systems und dabei verhalten sich fast ausschließlich alle angemessen und mit einer notwendigen ironischen Distanz zum Verwaltungsapparat. Sollte sich hier jemand ertappt fühlt tut es dies vermutlich aus einem guten Grund.