Schlau gedacht?

Einerseits habe ich derzeit eine mittlere Krise, weil ich nicht wirklich spürbar voran komme – in Relation gesetzt muss man wohl einbeziehen, dass ich seit Anfang Januar meine Arbeitshypothese so radikal geändert (ändern musste!) und vor zwei Wochen auch noch meinen Theorierahmen verworfen habe.

So gesehen ist alles gar nicht so schlimm. Momentan lese ich täglich Dinge, die mir aber so schon mal durch den Kopf gegeistert sind. Irgendwie so etwas in der Art “Hey, das müsste eigentlich doch ganz anders erklärbar sein, etwa so und so.” oder “Die sind doch alle total auf dem Holzweg, da muss man ganz anders rangehen”. Und Bamm – schon steht das irgendwo, zwar meist auf andere Dinge (=Phänomene) bezogen, aber nicht unübertragbar auf meinen Fall.

Aber irgendwie ist es ein Scheißgefühl, wenn man so gar nicht sichtbar weiter kommt. Ich weiß ja, dass die Arbeit wirklich ganz groß ist – weil einerseits die Ergebnisse meiner Daten etwas völlig anderes suggerieren, als bisher angenommen wurde und andererseits meine Herangehensweise von ganz anderen Grundannahmen ausgeht, die den Untersuchungsgegenstand in einem neuen Licht erscheinen lässt (und nach meiner Meinung die bisherigen Sichtweisen auch, äh, naja, mehr oder weniger disqualifizieren). Man könnte sagen: das ist thinking outside the box.

Natürlich helfen die Kommentare der Betreuer (”Ich freue mich auf Ihre Arbeit!” – “Das wird ne richtig tolle Arbeit, wenn du das so umsetzen kannst.”), die beide unabhängig voneinander ähnliche Vorschläge gemacht haben – und meinen Ehrgeiz wirklich angestachelt haben. Was im Oktober für mich noch undenkbar und viel zu kompliziert war, ist jetzt der Kern der Argumentation.

Wenn ich mir heute Ergebnisse und Argumentation von vor anderthalb Jahren angucke… ich hätte mich selbst durchfallen lassen.

Jetzt bin ich Teil von was Großem.

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Schneewirklichkeiten der Flachlandtiroler

Welche Sprache hat die meisten Wörter für Schnee?

Na?

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Es woar dә Mutius

Wenn, in seiner wirklich einfachsten und stark verkürzten Form, der bestimmte Artikel einen Referenten (z.B. ein Objekt oder eine Person) als bestimmt oder definit markiert, dann ist der Artikel in vielen im vorigen Beitrag angeführten Kontexten eigentlich überflüssig. Ein Frühling, in welchem ich nach England fahre, ist immer noch der gleiche Frühling, ob mit oder ohne bestimmten Artikel.

Noch “unlogischer” wird es bei Artikeln in Verbindung mit Namen.

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Kommentar

Jetzt wird’s typoLOGISCH

Die Vermutung, dass Standardenglisch mit seiner Artikellosigkeit meist allein auf weiter Flur steht, hat mich veranlasst, eine kleine Umfrage unter Muttersprachlern europäischer Sprachen mit bestimmten Artikeln (oder deren Äquivalenten) durchzuführen. Dazu bat ich um Übersetzungen von acht Beispielsätzen, in denen das irische Englisch angeblich so signifikant vom Standardenglisch abweicht. Darunter habe ich derzeit Beispiele aus dem Französischen, Italienischen, Ungarischen, Schwedischen und Bulgarischen. Und aus meinem eigenen Dialekt, dem Hochrheinalemannischen.*

Zwar verwenden nur Französich und Italienisch in allen Kontexten der Beispielsätze Definitheitsmarker, aber die Akzeptanzrate – mehr noch, die Notwendigkeit – von bestimmten Artikeln in einigen Kontexten ist für alle Sprachen verblüffend.

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Geschenke für Linguisten

Wenn diese Tasche an sich nicht so hässlich (und vermutlich übermäßig unpraktisch) wäre, würde ich die mir direkt zum Geburtstag wünschen. Noch geiler sind solche Geschenke, wenn sie unerwähnt und unerwartet verschenkt werden. Da ich aber wenige Linguisten in meinem Freundeskreis habe, muss ich sie mir entweder selbst schenken oder mich an der Freude des von mir Beschenkten ergötzen.

Wer dies hier so lustig findet wie ich, ist aber schon auf dem richtigen Weg.

Komentare (2)

“We are all sitting in one boat”

Derzeit macht sich die deutsche Internetgemeinde über Günther Oettinger lustig, weil er eine Rede auf Englisch hielt.

Mal davon abgesehen, dass er nicht mal Deutsch spricht, gibt es genug Gründe, diesen Mann zu hassen: Der Geschichtsrevisionist ist CDU-Politiker, Schwabe und Fan des VfB Stuttgart; jedes für sich schon hinreichende Gründe, sich über jedes Fass Häme zu freuen, das über ihm ausgekübelt wird. Und wer versucht, aus Hans Filbinger einen Widerstandskämpfer zu machen, hat im öffentlichen Leben nichts mehr verloren.

Die hämischen Reaktion in Blogs und Foren reichen von Belustigung über Fremdschämen bis zu Verärgerungen darüber, dass Politiker “richtig viel Asche vom Steuerzahler bekommen”. Und dass man für jedes kleinste Praktikum “außereuropäische Sprachkenntnisse vorweisen” müsse. Oettinger hat sich in der Vergangenheit als Verfechter für Englisch als Arbeitssprache etabliert, wofür er vom Verein Deutsche Sprache (jaja, unsere Freunde vom VDS) 2006 den “Sprachpanscher des Jahres” für “besondere Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache” verliehen bekam. (Der Mensch hat diesen Preis verdient, sobald er den Mund aufmacht.)

Und so spiegelt sich das in Internetreaktionen wider: Wer Fremdsprachenkenntnisse fordere, müsse auch selbst mit gutem Beispiel voran gehen, schließlich sei das in der freien Wirtschaft auch so. Dort würde man mit Oettingers Sprachkenntnissen keinen Job bekommen.

Ja und nein. Oettinger ist Politiker, und als solcher maßgeblich an Gesetzen und Politiken beteiligt. Politik sendet Signalwirkungen, und untermauert Forderungen nach Fremdsprachenkenntnissen mit der Umsetzung entsprechender Richtlinien. Sie lenkt mit öffentlichen Geldern, beispielsweise im europäischen Mobilitätsprogramm ERASMUS, welche primär dazu da sind, Fremdsprachenkenntnisse und kulturelles Verständnis zu fördern. Manager tun das nicht. Manager profitieren von entsprechenden Maßnahmen der Regierungen.

Viel wird jetzt auch darauf rumgeritten, dass ja eigentlich auch niemand nach Oettingers Englischkenntnissen gefragt hätte, wäre er in Stuttgart geblieben. Aber in Brüssel sei die Amtssprache ja Englisch, da müsse er, weil auf einem internationalen Parkett, auch vernünftig Englisch sprechen können. Die, die das fordern, haben die EU nicht verstanden.

Nein, Amtssprache in Brüssel ist nicht Englisch, Amtssprachen sind in der EU nicht weniger als 23 Sprachen. Arbeitssprachen hingegen sind die Sprachen, die im täglichen Beamtenapparat die meistgenutzten sind. Und das sind Deutsch, Französisch und Englisch. Anmerkungen von Kommentatoren, Oettinger käme in der informellen Politikmache in Brüssel ohne entsprechende Englischkenntnisse zu kurz, sind von einer reflexartigen Angst geprägt, “wir Deutschen” kämen zu kurz. Die EU-Realität zeigt doch: Deutschland und Frankreich regieren das Orchester.

Darüber hinaus definiert sich die EU über “Einheit in Vielfalt” – und ganz besonders über ihre Sprachenvielfalt. Die EU leistet sich einen bulligen Übersetzungsapparat, der immerhin mehr als 2% ihres Budgets ausmacht. Ob nun in der Hinterzimmerpolitik immer ein Dolmetscher dabei ist, sei mal ernsthaft in Frage gestellt, aber daraus eine Forderung abzuleiten, ein deutscher EU-Kommissar müsse “vernünftig Englisch” beherrschen können, ist falsch und irreführend. Wir können gerne über Oettingers Qualifikationen diskutieren – seine Sprachkenntnisse zählen nicht dazu. Sein Arbeitgeber – die Europäische Union, und damit “wir alle” – legt großen Wert auf Gleichberechtigung. Dies äußert sich eben in ihrem Statut, dass sich jeder Bürger in seiner Muttersprache an sie wenden darf, gleich, wie gut und flüssig er Englisch spricht. Das ist für die Demokratie in dieser Riesenorganisation überlebenswichtig. Die EU definiert sich vielsprachig, nicht englischsprachig.

In der Diskussion offenbart sich auch eine eigenartige Schizophrenie unserer Gesellschaft: wir wollen international sein und haben Angst vor dem Verfall unserer Sprache. Guido Westerwelle bashte man dafür, dass er sich weigerte, auf einer deutschen Pressekonferenz die Frage eines britischen Journalisten auf Englisch zu beantworten, Günther Oettinger amüsiert die Internetgemeinde, in dem er vor einem internationalen Publikum der Columbia University in Berlin Englisch spricht. Dass die Rede an sich scheiße war und inhaltsleer dazu, liegt daran, dass der Mensch Politiker ist.

Im Übrigen: Oettingers Englisch (und auch das von Guido Westerwelle) ist lediglich von einem starken deutschen Akzent geprägt. Er liest die Rede ab und tappt damit in jede Falle, die die unlogische englische Orthographie für ihn aufgestellt hat. Das ist bemitleidenswert, peinlich ist es nicht. Ich bleibe bei meiner These: die Mehrheit derjenigen, die das so unglaublich amüsant finden, hätten mit den fraglichen Fremdwörtern auch ihre Probleme und erfahren vermutlich eine unterbewusste Befreiung, genau dabei nicht selbst ertappt worden zu sein. Deutsche tendieren dazu, ihre eigenen Sprachkenntnisse zu überschätzen.

Einige Kommentatoren belustigen sich unter anderem über seine Schlussbemerkung (zumindest suggeriert uns das das YouTube-Video): “We are all sitting in one boat”. Die englische Entsprechung heißt zwar “we are all in the same boat” – an der Metapher ändert es nichts. Man sollte die Sprache selbst beherrschen, bevor man sich über die Kenntnisse derselben anderer lustig macht.

Um Oettinger zu verstehen, muss man ihm auch zuhören wollen.

Komentare (2)

Sag niemals nie

Ich habe sie gefunden, die Unterverwendung des unbestimmten Artikels:

  1. we did not have Ø very cold winter here [Leinster, 1894, Catholic]
  2. we did have Ø very hot summer here [Leinster, 1892, Catholic]

Aber – und ich liebe dieses wissenschaftliche aber – diese Konstellation tritt nur bei einer einzigen Schreiberin auf und nur in Verbindung mit Jahreszeiten und Temperaturangaben, fast so, als wollte sie sagen we did not have very cold winter weather.

Ich habe es eher durch Zufall als durch aufmerksame Suche gefunden; es ist eine Erwähnung wert. Aber eine systematische Unterverwendung ist nicht festzustellen. Und eine Schwalbe macht bekanntlich keinen Sommer.

Auch nicht einen besonders heißen.

Kommentar

Materialverschleiß

Ich dachte ja, als erstes würde der Druckertoner seinen Geist aufgeben. Aber es ist die Kappe des Trackpoints. Ich hab mal vorsichtshalber im Duzend bestellt.

Sapperlott.

Kommentar

Datenärger I

Natürlich! Natürlich weiß ich das – und natürlich habe ich Sicherungskopien an vier verschiedenen Orten. Aber das nützt alles nichts, wenn man (Forschungs-)Daten überschreibt, und die Datensicherung so aktuell ist, dass natürlich auch alle gesicherten Dateien längst überschrieben sind. Weil man die Überschreibung seiner Datenexceltabelle erst ein paar Tage später merkt.

Nur eine der vier Sicherungskopie ist älter als vier Tage – aber das hilft auch nicht so wahnsinnig viel, weil ich natürlich in der Zwischenzeit auch einen nicht unerheblichen Anteil an den bestehenden Daten verändert bzw. verbessert habe, der in der alten Sicherung noch nicht enthalten ist. So oder so, es ist ne Menge Mehrarbeit angefallen.

Und leider auch hier: Fortsetzung folgt.

Komentare (5)

Wer A sagt, muss auch Ø sagen

Eine weitere Schwächung der Substrattheorie sollte eigentlich sein, dass für das irische Englisch keine Unterverwendung des unbestimmten Artikels a/an belegt ist. Nach meiner Logik muss eine Nicht-Dokumentiertheit nicht automatisch bedeuten, dass es kein Vorkommen gibt – aber sie sind eben, naja, nicht belegt. Wir erinnern uns: Irisch hat keinen unbestimmten Artikel. Unbestimmtheit wird durch das nackte Substantiv markiert: fear ‘ein Mann’ aber an fear ‘der Mann’. Nicht verwirren lassen, ir. an entspricht nicht dem englischen ‘an’, sondern ‘the’.

Davon ausgehend, dass Artikel a) zu den grammatischen Kategorien gehören, die von Kindern am spätesten erlernt und dementsprechen spät korrekt im Sinne der muttersprachlichen Kompetenz beherrscht werden und b) viele verschiedene semantische und pragmatische Funktionen haben, ist der Artikelgebrauch im Allgemeinen starker Variation und Komplexität unterworfen, auch im Muttersprachenenglisch. Fremd- und Zweitsprachenlerner haben deshalb größte Probleme  ”with mastering (the) English articles” (IrE: “the mastering of English articles” [!!]). Dazu gibt es viele Studien – besonders große Probleme haben dabei Sprecher von Sprachen ohne Artikel, z.B. Russisch oder Chinesisch. Daraus lässt sich auch die große Variation des Artikelgebrauchs in asiatischen Englischs ableiten, besonders dort, wo Englisch die Fremd- oder Zweitsprache ist.

Die Abwesenheit von unbestimmten Artikeln im Irischen führt aber nicht zu einer “Problematik” der Iren in der Verwendung des unbestimmten englischen Artikel. In der Substratlogik müsste dies zumindest teilweise so sein. Was belegt ist, ist die gelegentliche Verwendung von the für a/an:

they think he is the most refined young man. [geography unknown, 1910]
Mark is the Bachelor as yet. [Fermanagh, Ulster, 1848]

Eine Unterverwendung des Artikels wäre jedoch lediglich Mark is bachelor as yet – und eine solche ist mir für irisches Englisch weder in unserem Korpus, noch in der relevanten Literatur begegnet. Mehr noch: die Nähe von irisch an (bestimmt) zu engl. an (unbestimmt) hat erst recht nicht dazu geführt, dass im irischen Englisch häufiger unbestimmte statt bestimmte Artikel verwendet werden (Transferlogik).

Das Muster wird klarer.

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