Frische Beulen im Denglisch-Wahn

30. November 2011 von suz

Die amerikanische Linguistin Gabe Doyle diskutiert in ihrem immer sehr lesenswerten Blog Motivated Grammar in einem Beitrag “Is speaking the language all it takes to be an expert?” die Frage, warum die Tatsache, dass man eine Sprache als Muttersprache spricht, nicht immer ausreichend ist, über den allgemeinen Gebrauch derselben zu sinnieren. Damit spricht sie – vereinfacht gesagt – einen der Gräben an, die zwischen Sprachwissenschaft und öffentlicher Meinung (über Sprache) liegen. Das geht so: A hat zwar muttersprachliche Kompetenz, aber keine Expertise von sprachlichen Prozessen und sagt, dass es Phänomen Y entweder nicht gibt oder falsch ist. Experte B präsentiert Belege für die systematische Verwendung von Phänomen Y.

Robert Tonks ist nach quasi-eigenen Angaben “der älteste Waliser zwischen Rhein und Ruhr”. Ein Brite also, mutmaßlich Muttersprachler des Englischen. Im September hat er ein Buch über Englisch in der deutschen Sprache veröffentlicht (It is not all English what shines). Dort analysiert er englische Werbesprüche im Deutschen, (rück)”übersetzt” diese und macht sich dementsprechend und in der Summe über Deutsche (Werber) lustig.

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Blogspektrogramm #7

18. November 2011 von suz

Blogspektrogramm Nebenan im lexikographieblog ist Michael Mann in diesem Monat der Gastgeber der aktuellen Ausgabe des Blogspektrogramm mit den guten alten bekannten Sprachbloggenden aus dem deutschsprachigen Raum: Lesen Sie im November über Frakturschrift, Sprachkritik, etymologische und fachsprachliche Fehlschlüsse, morphologische Ähnlichkeiten mit semantischen Gegensätzen, die Frage über am lachen oder am Lachen sowie über das deutsche Buchstabieralphabet und Namenshäufigkeiten.

An dieser Stelle auch ein Hinweis auf Michaels nette Ankündigung der Wahl zum Anglizismus des Jahres 2011: “Ein Herz für Denglisch”. Dort zeigt er auf der Grundlage einer GoogleInsights-Suche, dass Denglisch quasi das jahreszeitliche Gegenstück zu Sommerloch ist. Offenbar werden Internetschreiberlinge gegen Ende des Jahres besonders hibbelig, was englisches Lehngut in unserer Sprache angeht.


Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (im Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (im texttheater)
Blogspektrogramm #5 (im [ʃplɔk])
Blogspektrogramm #6 (im Sprachlog)


Anglizismus des Jahres 2011

18. November 2011 von suz
Anglizismus des Jahres 2011

Nach dem durchschlagenden Erfolg der letztjährigen Wahl gibt es auch 2011 wieder eine Wahl zum Anglizismus des Jahres. Über die Aktion dieser etwas anderen Jahresendwortwahl wurde sogar im fernen Kanada (CBC) und im noch ferneren Australien (The Age) berichtet. In Deutschland immerhin sehr öffentlichkeitswirksam in… Ach, lesen Sie’s selbst nach!

Und weil neben aller Ernsthaftigkeit, und einer sehr ehrenvollen Aufgabe der Spaß für die Jury natürlich auch ein Kriterium ist, bin ich der erneuten Einladung in die Jury gefolgt. Jetzt rufen wir unsere Leser auf, bis zum 7. Januar 2012 auf der eigens aufgebauten Webseite die Nominierungen für dieses Jahr einzureichen.

Nominierungskriterien wie im letzten Jahr:

  • stammt ganz oder in Teilen aus dem Englischen
  • ist einer breiten Sprachgemeinschaft 2011 ins Bewusstsein gerückt
  • füllt eine lexikalische Lücke im Deutschen.

Bis zum 7. Januar ist noch n büschen hin. Es bleibt zwar ein wenig länger Zeit, als für die Weihnachtsgeschenke, aber:

Auf geht’s!


Deutsch und das Grundgesetz

8. November 2011 von suz

Gestern war’s soweit: Die Petition gegen die Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz wurde vor dem Petitionsausschusses des Bundestages angehört – also genau genommen die Petition gegen die Petition für die Aufnahme von Deutsch ins Grundgesetz. Ergo: Beide Petenten für und wider durften ihre Anliegen vortragen.

Hier gibt es die Diskussion (ca. 60 Minuten, ab 1:00:30) zum Angucken: Petitionsausschuss, 7. November 2011

Ich war live dabei – eine sehr interessante Erfahrung. Und ich glaube nicht, dass es zu hoch gegriffen ist zu sagen, dass das eine doch recht einseitige Angelegenheit war. Der Bundestag schreibt auf seiner Webseite: “Deutsch ins Grundgesetz”-Petition stößt auf Skepsis.

Aber sehen Sie selbst.

*Nein, ich bin nicht zu sehen. Ich sitze hinter dem Videowürfel auf dem Oberrang. Ich habe nicht gewusst, dass eine Stunde nicht ausreicht, mit der BVG von Moabit nach Tiergarten zu kommen (für Nicht-Berliner: Moabit ist ein Teil von Tiergarten; je nach Definition liegt es einfach nur direkt daneben.)


Blogspektrogramm #6

20. Oktober 2011 von suz

BlogspektrogrammAloha, es ist wieder soweit! Das Blogspektrogramm ist für die neue Ausgabe zu Gast im Sprachlog. In gewohnt informativer und vielfältiger Runde gibt’s viel Spannendes zu lesen (und sogar zu gucken!). Ein erlesener Streifzug durch die Welt der deutschen Sprachblogs.

#7 gibt es im November im lexikographieblog.


Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (beim texttheater)
Blogspektrogramm #5 (im [ʃplɔk])


Sprachkritik auf Ramschniveau

16. Oktober 2011 von suz

Am 10. September war “Tag der deutschen Sprache”. Keine Sorge – wer jetzt hektisch im Termin- und Gedenktagskalender nachsieht, ob er an diesem Tag einen Schrein angehimmelt hat, der sei beruhigt: Dieser Tag ist eine Aktion des Verein deutsche Sprache (VDS). Damit will der VDS seit 2001 “ein Sprachbewusstsein schaffen und festigen [...]”

Jedenfalls kriechen an und vor diesem Tagen die Medien, vorrangig die kleineren, vor dem Altar der Sprachkritik zu Kreuze und veröffentlichen im Zuge ihrer Praktikantenbeschäftigungsprogramme die entsprechenden VDS-Pressemeldungen. Einige Zeitungen versuchen sich gar in Kreativität. Die Badische Zeitung (BZ) ist so ein Beispiel.

Die BZ präsentierte ein kleines “Floskelalphabet” des “Fastfood der Sprache”. Von A bis Z hohle Floskeln. Darunter: Zukunftsperspektive (hä?), Dozierende & Studierende (gähn) oder nicht wirklich (schnarch). Aber mir soll’s heute um Ramschniveau gehen.

Die Redakteure wollen nach eigenen Worten der Wahl zum Unwort des Jahres 2011 nicht vorgreifen – halten sie Ramschniveau doch für einen ausrichtsreichen Kandidaten (mit dieser Einschätzen könnten sie sogar recht gut liegen) und schlagen das Wort denngleich zur Wahl vor.

Aber aus falschen Motiven. Denn der BZ geht es nicht um das Wort Ramschniveau an sich, sondern darum, was gerne mal vor Ramschniveau verwendet wird – und warum diese Konstruktion angeblich ins Floskelalphabet gehört. Die BZ schreibt:

Ramschniveau

Wir wollen der Jury, die das Unwort des Jahres 2011 ermittelt, nicht vorgreifen, aber ihr dieses Wort vorschlagen. “Irland auf Ramschniveau herabgestuft.” Ganz Irland? Natürlich nicht, bloß seine Staatsanleihen. Der Ire muss es unfair finden.

Hier drängt sich also die Frage auf: Werden sich die Iren beleidigt fühlen (müssen/dürfen)?

Na, vielleicht auf Regierungen und Finanzspekulateure, die ihnen die Suppe eingebrockt haben. Aber sprachlich ist hier eigentlich alles in Ordnung. Wenn die BZ sagt: “‘Irland auf Ramschniveau herabgestuft’ Ganz Irland? Natürlich nicht, bloß seine Staatsanleihen” – hat da jemand gröbere Verständnisprobleme, dass es eben nicht um die Bewohner geht? Die Floskelanalphabetisierungsbeauftragten der BZ übersehen bei ihrer Kritik nämlich einen alltäglichen und normalen sprachlich-kognitiven Prozess, den wir gar nicht bewusst wahrnehmen; also Laien noch weniger und die meisten Sprachkritiker schon mal gar nicht.

Dieser Prozess nennt sich Metonymie*: Von einem metonymischer Ausdruck spricht man dort, wo ein Begriff nicht in seiner wörtlichen Bedeutung verwendet wird (was immer die sein könnte), sondern es sich in einer Bedeutungserweiterung um eine enge semantische Verwandtschaft zwischen dem Bezeichnenden und Bezeichneten handelt. Soll heißen: Durch Metonymie kann sowohl das “Ganze für einen Teil” stehen (WHOLE-FOR-PART; Ich lese Shakespeare, Shakespeare als Autor für sein(e) Werk(e)), als auch umgekehrt ein Teil der Bedeutungsschattierung für das Ganze (PART-FOR-WHOLE; Superhirn, Hirn als Teil des Menschen für den ganzen Menschen).

Wenn Neuseeland im Halbfinale der Rugby-Weltmeisterschaft Australien geschlagen hat, dann haben weder 20 Millionen Australier gegen vier Millionen Neuseeländer verloren, noch siebeneinhalb Millionen Quadratkilometer gegen eine Viertelmillion – dann haben die Spieler gegeneinander gespielt, die ihr jeweiliges Herkunftsland in einer Mannschaft repräsentieren. Wie unökonomisch wäre es denn, jedes Mal zu sagen: ‘Die Mannschaft mit Spielern australischer Staatsangehörigkeit verlor deutlich gegen die Mannschaft mit den Spielern neuseeländischer Staatsangehörigkeit’?

Als Nichtalkoholiker dürfen Sie zurecht pikiert sein, als Trinker bezeichnet zu werden, auch wenn Sie jeden Tag eine Zwei-Liter-Flasche trinken. Fahren Sie zur Tankstelle, um den Schlauch mit dem Tankstutzen an die Öffnung des Rohrs anzulegen, von wo aus das Benzin in den Tank geleitet wird – oder tanken sie einfach das Auto voll? Ich wünsche viel Spaß beim Entlüften.

Metonymien sind so alltäglich, dass sie uns nicht auffallen: Da ist Washington sauer auf Berlin, London macht Zusagen an Paris oder Deutschland verhandelt mit Peking. Dies sind sowohl Beispiele für das PART-FOR-WHOLE (Landeshauptstadt als Teil des Landes), als auch WHOLE-FOR-PART (Landeshauptstadt für die dort ansässige Regierung bzw. Landesbezeichnung für dessen politische Führung). Sollte sich der Berliner unfair behandelt fühlen, wenn die Griechen sauer auf Angela Merkel sind?

Mal sehen, wie es die Badische Zeitung mit ‘[LAND] auf Ramschniveau’ hält:

Irland rangiert damit nur noch eine Stufe über Ramschniveau.
Badische Zeitung, 16. April 2011.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hatte bereits am Montag Griechenland auf das Ramschniveau CCC herabgestuft.
Badische Zeitung, 15. Juni 2011.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass sich Ramschniveau bei der BZ tatsächlich in den meisten Fällen auf die Kreditwürdigkeit oder Staatsanleihen bezieht, in 17 von 19 Treffern. Immerhin. Aber trotzdem nutzen natürlich auch die Journalisten bei der BZ die Metonymie, um komplexere oder neue Umstände sprachökonomisch pointiert(er) darzustellen. Und im Kontext wissen wir auch, dass Connemara oder Dublin immer noch reizend und bestimmt nicht billig sind.

Nun ist Ramschniveau vielleicht nicht besonders hübsch. Oder ermunternd. Oder zutreffend. Oder gerecht. Oder psychologisch klug. Für eine Wahl zum Unwort des Jahres wäre es deshalb gar nicht so ungeeignet. Aber der BZ ging es ja um beleidigte Iren.

Bei aller Kritik am einzelnen Begriff – die Konstruktion Irland auf Ramschniveau ist sprachlich keine hohle Floskel, und ganz gedankenlos dahergesagt ist sie auch nicht. Sie ist erklärbar als eine Analogie zu einem gängigen Muster (z.B. Irland mit Defiziten im Staatshaushalt) auf Grundlage eines hundsgewöhnlichen, sprachökonomischen, kognitiven Prozesses.

Ganz nebenbei und weil es mir noch so auffällt: Die Formulierung “Das Fastfood der Sprache”, mit der die BZ ihr Floskelalphabet umschrieben hat, fällt unter den Prozess der Metapher – und ist von der Metonymie gar nicht besonders weit entfernt.

In einer ersten Version dieses Beitrags habe ich zwei Fragen aufgeworfen. Zur Frage, ob die Iren beleidigt sein dürfen/sollen/müssen kam noch: Was hat Ramschniveau in einem Floskelalphabet der Politikersprache zu suchen? Die Überlegungen dazu uferten etwas aus – aber ich möchte nicht die Arbeit und das Gedankenchaos von Stunden einfach der Entf-Taste übergeben. Wer sich für die zweite Frage interessiert, kann mit meinen unausgereiften Überlegungen zum Begriff Ramschniveau weiterlesen (als mögliche Herleitung des Begriffs, seiner Bedeutung und Erklärung der Verwendung, aber betonterweise nicht als Rechtfertigung derselben):

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Blogspektrogramm #5

2. Oktober 2011 von suz

Mit diesem Hinweis bin ich zwar eigentlich ziemlich genau zwei Wochen zu spät – aber der Vollständigkeit halber und für die hausinterne Linkfarm kommt er trotzdem noch: Das Blogspektrogramm für den Monat August erschien in der fünften Ausgabe bei Kristin drüben im [ʃplɔk]. Ich war dieses Mal leider nicht dabei.

Für die Septemberausgabe wird der Sprachblogkarneval Mitte Oktober wieder im Sprachlog zu Gast sein.


Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)
Blogspektrogramm #4 (beim texttheater)


…und so hinten raus?

30. September 2011 von suz

Heute wieder ein Betrag aus der Reihe: Was macht linguistisches Wissen eigentlich für Otto Normalverbraucherin ganz nützlich?

Ich transkribiere momentan wieder Sprachaufzeichnungen mit Gesprächspartnern aus der Wirtschaft. Linguistisch und auch fürs Blog interessant wäre das als Grundlage für eine Analyse von Anglizismenanteilen in der Varietät der deutschen Wirtschaftssprache. Aber um da einen Blogbeitrag draus zu machen, brauche ich erst das Einverständnis der Verantwortlichen. Vorweg vielleicht: Es bleibt bei den fürs Deutsche handelsüblich diagnostizierten zwei bis vier Prozent.

Also kommen wir zu etwas Unverfänglicherem, was einem vielleicht auch aus jeder Unterhaltung bekannt sein könnte. Mir ist letztens nämlich aufgefallen, dass ein Teilnehmer das Partizip Perfekt von outsourcen mit outgesourced wiedergegeben hat. Nun mag der eine oder die andere aufheulen, wie man es wagen kann, ein deutsches Affix in einen Anglizismus zu schmuggeln. Man kann natürlich auch geoutsourced sagen (was das Problem für den Sprachästheten nicht lösen würde). Der Sprecher interpretierte outsourcen hier als trennbares Verb und ähnlich wie andere trennbare Verben (anfangen > angefangen), fügt man das Partizippräfix dann eben nach dem Halb-Präfix out ein. Ein ähnlicher Fall ist die Variation bei gedownloadet und downgeloadet, je nachdem, ob man downloaden als trennbar ansieht oder eben nicht. (Die Problematik der angeblichen Unverträglichkeit deutscher Flexionsmorpheme in Anglizismen lässt sich übrigens ganz einfach aus der Welt schaffen, indem man anerkennt, dass outsourcen und downloaden deutsche Wörter sind und dementsprechend nach unseren Regeln konjugiert werden.)

Mir geht es aber um etwas ganz anderes.

Ich habe oben outgesourced bewusst mit <d> wiedergegeben. Wie ja nun jeder weiß, wird im Deutschen das Partizipaffix, in diesem Fall das Zirkumfix ge-V-t für die Partizipien regelmäßiger Verben mit [t] gesprochen und mit <t> geschrieben. Bei Anglizismen, vor allem bei solchen, die noch relativ neu eingewandert sind, ist größere Verwirrung vor allem in der Orthografie deshalb nicht ungewöhnlich: Und zugegeben, outgesourct und outgesourcet sehen auf den ersten Blick tatsächlich seltsam aus – oft behilft man sich bei der schriftlichen Wiedergabe also (noch) zusätzlich der Flexionsregeln der Gebersprache. Bei outsourcen hat <outgesourced> vermutlich auch deshalb noch doppelt so viele Googletreffer, wie <outgesourc(e)t>.*

*[UPDATE: ke hat mich in einem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass ich in der Hektik völlig falsch gezählt habe: <outgesourced> und <outgesourct> haben grob etwa gleich viele Treffer bei Google. An der Annahme der Verwirrung bei der Orthografie ändert das (noch) nichts grundlegendes. Danke für den Hinweis, SF]

Neben einem seltsamen Aussehen von outgesourcet könnte das ein Grund sein, ober eben möglicherweise ein gesprochenes [d], also immer dann besonders, wenn die Integration eines Anglizismus in das deutsche Lautsystem noch nicht vollständig abgeschlossen ist.

Der Grund also, weshalb ich geoutsourced hier mit <d> schreibe, liegt an der Art, wie es der Interviewte aussprach, nämlich mit [d]. Die spannende Frage also: Woran hört man, dass outgesourced für diesen Sprecher noch nicht vollständig integriert ist, auch wenn er hier sogar für /r/ nicht die “englische”, sondern die “deutsche” Variante gewählt hat? Nun, bei diesem Sprecher ist es mir schlicht im Kontrast zu gesettelt (von setteln, engl. to settle) aufgefallen, das er deutlich hörbar mit [t] realisierte.

Und nun?

Da kommt ein phonologischer Prozess zum Tragen, den das Deutsche hat, nicht aber das Englische: Steht im Deutschen am Silben- oder Wortende ein stimmhafter Konsonant wie z.B. /b/, /d/ oder /g/, so wird dieser Konsonant stimmlos ausgesprochen, also als /p/, /t/ oder /k/. Genauer gesagt betrifft dieser Prozess nur die sogenannten Obstruenten, also die Konsonanten, bei denen der Luftstrom kurzfristig komplett untebrochen ist, und Frikative wie /z/ oder /ʒ/; bei den sonorantischen Konsonanten wie /m/ oder /n/ ist das nicht der Fall, die sind immer stimmhaft.

Mit anderen Worten und als Haus- und Hofbeispiel: Rad und Rat sind als [ra:t] in Isolation gesprochen nicht zu unterscheiden. Liegt der stimmhafte Konsonant dagegen nicht am Silbenende, bleibt’s beim stimmhaften Laut. Deshalb haben wir [li:bə] für Liebe, aber [li:p] für lieb oder [tsu:k] ‘Zug’ im Singular, aber [tsy:gə] ‘Züge’ im Plural.

Das ganze nennt sich Auslautverhärtung (oder allgemeiner Neutralisation) und ist neben dem Deutschen oder dem Niederländischen auch in einigen slavischen Sprachen oder dem Türkischen zu finden – aber eben zum Beispiel nicht im Englischen.

Es ist deshalb also spannend zu sehen, dass gesettelt und outgesourced in der Wiedergabe (jetzt dieses Sprechers) mal mehr, mal weniger eingebürgert zu sein scheint. Was an sich für mich überraschend war, da eigentlich meist erst die phonologische und dann die morphologische Einbürgerung erfolgt – und beide Lexeme waren ja schon mit einheimischem morphologischem Material bestückt, bei der Bildung des Partizips nämlich. Und ich stelle die These auf, dass man outgesourcet auch in der großen Mehrheit schreibt, wie man es, äh, spricht.

Auslautverhärtung betrifft natürlich auch alle Fremdwörter im Deutschen, die am Wort- oder Silbenende einen stimmhaften Obstruenten haben. Deshalb ist Blog lautlich von Block nicht zu unterscheiden (und für den Genuswandel von das Blog zu der Blog höchstwahrscheinlich mitverantwortlich), bloggen unterscheidet sich aber von blocken.

Die Auslautverhärtung ist übrigens ein Element eines typisch deutschen Akzents (beim Englisch sprechen). Muttersprachliche Interferenz führt dazu, dass Deutschsprachige die Auslautverhärtung quasi mit ins Englische importieren (z.B. Kortmann 2005: 182). Wer also in der Sprachvermittlung arbeitet oder einfach einen kleinen, einfachen Tipp haben möchte, wie man am eigenen Akzent im Englischen arbeiten kann: Lehre und lerne, I want a suite und I want a Swede auch phonologisch zu unterscheiden. Voilà.

Umgekehrt liegt in der Auslautverhärtung möglicherweise ein Grund (von mehreren), weshalb Sprecher von Sprachen ohne Auslautverhärtung Deutsch unter Umständen als “hart” wahrnehmen: Bei der Produktion von stimmlosen Lauten wird mehr Luft nach außen gepresst, weshalb diese Konsonanten auch “lauter” klingen. Genau genommen ist die Sache etwas komplizierter: die Artikulation der Phoneme /p, t, k/ ist eher eine Fall von Fortis ‘stark’, die der Phoneme /b, d, g/ von Lenis ‘schwach’ (Kortmann 2005:  64, Roach 2009: 28f). Aber nunja, für die Illustration reicht’s. Wen das nicht überzeugt: Fühlen wir von Quatschern im Kino gestört, werden wir zur Untermauerung etwaiger Genervtheit eher ein härter zischendes, stimmloses [ʃ] anstimmen, als ein stimmhaftes und unaufgeregtes [ʒ].

Im Deutschen bin ich deshalb ja auch meist [su:s], im Englischen hingegen [su:z]. Das noch dazu. Und wer hier einen Bezug zum Anfang dieses Beitrags erwartet: Natürlich steht in der Transkription outgesourcet, weil es sich um ein inhaltliches, also um ein an die deutsche Orthografie angepasstes Transkript handelt – und leider nicht um ein phonetisches zu linguistischen Forschungszecken.

Statt Postscript: Wer noch einwenden möchte, dass man statt outsourcen auch auslagern sagen könnte: in vielen Fällen und je nach Kontext ist das eventuell möglich. Aber der Interviewte nutzte beide Lexeme. Und, wenig überraschend, sie waren sehr deutlich nicht synonym austauschbar: 1) outsourcen, ‘Unternehmensabläufe von einer Fremdfirma ausführen lassen’; 2) auslagern, ‘mit Teilen der Firma anderswo hingehen oder Unternehmensprozesse aus dem Stammlager ausgliedern’. Also auch wenn man es wieder mal der Yukkapalme erzählen könnte: Klassische Bedeutungsdifferenzierung.

Literatur:
Kortmann, Bernd. 2005. Linguistics: Essentials. Berlin.
Roach, Peter. 2009. English Phonetics and Phonology. Cambridge.


Flädlesupp VI: Stephen Fry, language lover

26. September 2011 von suz

Auch wenn hier jetzt der Eindruck entsteht, das Blog sei über die Sommerpause zu einer Linkfarm verkommen: Diesen Hinweis darf ich niemandem vorenthalten, der der englischen Sprache mächtig ist, Stephen Fry ganz wunderbar findet und sich für Sprache interessiert: Die BBC-Dokumentation “Stephen Fry’s Planet Word” (BBC 2011). Michael hatte zwar schon bei 2’36” ein ARRRGH!-Erlebnis, aber wenn wir über die kleinen Detailfragen hinwegsehen, die in der Wissenschaft etwas fizzelig sind – viel Spaß!

Um dem ganzen aber blogseitig etwas Neues hinzuzufügen: Warum sind, subjektiv-objektiv gesprochen, solche Dokumentationen bei uns nicht möglich? Eine fünfstündige Dokumentationen in fünf Teilen, und das zur besten Sendezeit? Wo ist der Intendant bei uns, der Mut dazu hat? (Bitte – das waren rhetorische Fragen!) Mal abgesehen davon, dass sie natürlich, wenn überhaupt, dann im Nachtprogramm bei EinsFestival laufen würden.

Vielleicht fehlt uns aber auch ein Stephen Fry.


Blogspektrogramm #4

17. August 2011 von suz

Die neue Ausgabe des Blogspektrogramms ist dieses Mal im Texttheater zu Gast. Im vergangenen Monat hat natürlich vor allem die Fußball-WM in Deutschland sprachliche Spuren hinterlassen (und noch einige mehr aufgeworfen), genauso wie die Titelhuberei; Spannendes gibt es außerdem zu Orthografie, dem und den Euro/s und Genus und Sexus.

Aber lesen Sie doch einfach selbst.

Ausgabe 4 gibt es dann Mitte September im [ʃplɔk].

(Ein Hinweis in eigener Sache: Der anstrengenste und aufregenste Umzug aller Umzüge die jemals waren und die es je geben wird wurde gestern erfolgreich abgeschlossen. Es geht weiter, versprochen!)


Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #3 (bei */ˈdɪːkæf/)