Blogspektrogramm #3

15. Juli 2011 von suz

In dieser Juni-Ausgabe widmen sich die Blogger/innen der Etymologie und der Verwendung von Anglizismen und anderer Lehnwörter: Wie sie sich im Sprachgebrauch durchgesetzt haben oder eben nicht, ob sie überhaupt existieren und welche wir noch brauchen. In zwei weiteren Beiträgen lesen wir von Zahlsystemen und Majuskeln.

Michael Mann vom lexikographieblog beschäftigt sich in einer dreiteiligen Serie “Meuchelpuffer: Meucheln und Puffen” mit dem Meuchelpuffer, der Pisole. Der Meuchelpuffer ist ein frühes Beispiel für die Eindeutschung eines Fremdworts, das sich aber nicht richtig durchsetzen konnte. Michael zeichnet im ersten Teil ausführlich die (historische) Produktivität des Verbes meucheln in Nominalkomposita nach, zeigt, dass Überreste dieser Eindeutschung noch zu finden sind und widmet sich der Frage, weshalb Meuchelpuffer für uns trotzdem seltsam klingt.

Im [ʃplɔk] setzt sich Kristin Kopf tagesaktuell mit der orthographischen Entwicklung Von EHEC zu Ehec auseinander. Während Politik und Medien jeden Tag einen anderen Lebensmittelerzeuger medial gemeuchelt haben, änderte sich die Schreibung innerhalb von Tagen von <EHEC> zu <Ehec> – eine nachvollziehbare Entwicklung, wie man sie auch bei <SARS> zu <Sars> beobachten konnte (wenn auch nicht ganz so flott). Empfehlenswert ist hier auch die Kommentardiskussion zur Unsicherheit in der Aussprache und möglichen linguistischen Erklärungen dieser Entwicklung.

Stephan Bopp von Fragen Sie Dr. Bopp beantwortet in Twenty-one, vingt-et-un, zwanzigundeins … eine Leserfrage, die sich jeder von uns schon mal gestellt haben dürfte: Wie unterschiedlich sind die Zählsysteme in den verschiedenen Sprachen? Und vielleicht: Warum? Komplexitität und  Unterschiede sind nicht immer zufriedenstellend erklärbar – Dr. Bopp diskutiert aber einige plausible und spannende Erklärungsansätze, die weit über Zahlsysteme hinausgehen.

Im Sprachlog sieht sich Anatol Stefanowitsch einem potentiellen Dilemma gegenüber, den Vorsitzenden des Rates der evangelischen Kirche Deutschlands, Nikolaus Schneider, verteidigen zu müssen. In diesem Fall allerdings gegen Angriffe aus der Sprachkritik: Der Verein Deutsche Sprache (VDS) nominierte Schneider unter anderem wegen angeblicher “LutherActivities” für seinen eigenen Negativpreis “Sprachpanscher des Jahres”. In Der wundersame und geheimnisvolle Fall des Sprachpanschers Nikolaus S. entblößt Anatol die Nominierung und deren Begründung als schräges Märchen und schlussfolgert, dass bei “Sprachnörglern nach unten immer noch Luft ist”.

Im Texttheater diskutiert Kilian Evang seine aktuellen Lieblingswörter. Darunter finden sich so nützliche Begriffe wie ani-placeholder, arguably, prestine oder die Präposition modulo und wie sie unsere Sprache bereichern könnten. Der Artikel erschien zwar schon Ende Mai – aber für die Bemühungen, klaffende lexikalische Lücken im Deutschen zu füllen, mache ich hier eine Ausnahme (und danke für den Mogelausdruck).

Ich selbst habe mich im Juni hier bei */ˈdɪːkæf/ der Frage gewidmet, warum die Ansage “Anglizismen gehen mir auf den Keks” eigentlich recht unfreiwillig komisch ist. In Jetzt mal Buttercakes bei die Fische (Teil I) wird der Frage nachgegangen, wie der Keks über die Cakes ins Deutsche kam – und warum Konrad Duden und seine Redaktion entgegen sich hartnäckig haltender Mythen über die Eindeutschung nicht wirklich böse gewesen sein können.

Bisher erschienene Ausgaben:
Blogspektrogramm #1 (beim Sprachlog)
Blogspektrogramm #2 (beim Sprachlog)


Bastian Sick und die Schirie-Pfeifin

3. Juli 2011 von suz

Die Sportschau fragte am Freitag in einem Interview den ausgewiesenen Sprachgebrauchsexperten Bastian Sick, welchen Herausforderungen die mediale Öffentlichkeit während der laufenden Fußball-WM im Bezug auf den Sprachgebrauch ausgesetzt ist. Ich bin keine Expertin für Feministische Linguistik und ich kann hier auch keine Empfehlung zu Alternativen für Mannschaft geben. Doch keine Sorge! Wo ein Sick auftaucht, bleibt noch jede Menge anderer Blödsinn im digitalen Raum stehen.

Das Problem liegt ja schon darin – “unterhaltsame” Sprachkritik hin oder her -, dass man den Eindruck bekommen könnte, Sick möchte ernst genommen werden. Er beginnt aber gleich mit einem ziemlich dämlichen, wenn nicht sogar sehr abwertenden Wortspiel zu Birgit Prinz: “Selbstverständlich ist sie eine ‘Kapitänin’, auch wenn sie ‘Prinz’ heißt und nicht ‘Prinzessin’”.

Wenn jetzt alle Gehirnwindungen fürs Fremdschämen entspannt sind und sich die Fußnägel wieder geglättet haben, kann es weiter gehen:

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Flädlesupp V: The History of English

30. Juni 2011 von suz

So, heute ein Linktipp. Die Open University in Großbritannien hat in zehn Kapiteln à 1’20” in sehr humorvoller Weise die Geschichte des Englischen nachgezeichnet. Es wird mehr als 10 Minuten dauern, weil die kleinen Filmchen voll von Wortspielen und mit kleinen und großen Pointen gespickt sind – man kann es sich wirklich mehrfach mit höchstem Amüsement ansehen. (Eine gröbere Kenntnis der Linguistik ist nicht notwendig.)

Viel Spaß!

(via linguisten.de@facebook)


Ich koch mehr in diesem Fall

24. Juni 2011 von suz

Damit alle auf dem gleichen Stand sind: Silvana Koch-Mehrin, für die FDP im Europäischen Parlament und eine überführte Plagiatorin, hat in dieser Woche stolz verkündet, dass sie als Vollmitglied in den EU-Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie berufen worden ist. Kurz: Die Forschungsbetrügerin wird Forschungspolitikerin. Deshalb appellieren wir in einer Petition an das Europäische Parlament und die FDP, Frau Koch-Mehrin von diesem Posten zurückzuziehen und fordern Frau Koch-Mehrin auf, sich von diesem Posten und ihrem Mandat im Europäischen Parlament zurückzuziehen.

Man ist müde, die Karawane ist weitergezogen. Aber was sich Koch-Mehrin leistet, ist auf beängstigende Art grotesker, beschämender und verhöhnender. Dies ist keine nachträgliche relativierende Aussage zum Fall Guttenberg – denn eine für jede/n ehrliche/n Wissenschaftler/in entwürdigende Farce lässt sich immer nur mit sich selbst vergleichen.

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Blogspektrogramm #2

15. Juni 2011 von suz

Nebenan im Sprachlog ist gerade Folge 2 des Blogspektrogramms erschienen. Auch für den Monat Mai haben das [ʃplɔk], das Texttheater, Dr. Bopp und das Sprachlog wieder ihre besten Beiträge des vergangenen Monats nominiert. Mir gefällt dabei nicht nur die hohe Qualität der Beiträge, sondern wieder einmal die bunte Vielfalt. Die Auswahl ist (noch) klein, aber erlesen.

Mitte Juli wird das Blogspektrogramm weiterziehen und für Folge 3 dann hier bei */ˈdɪːkæf/zu Gast sein.

Bisher erschienen:
Blogspektrogramm #1 (beim Sprachlog)


Jetzt mal Buttercakes bei die Fische (I)

12. Juni 2011 von suz

Zuerst die unfreiwillige Komik: “Anglizismen gehen mir auf den Keks.”

Warum komisch? Weil Keks ein Anglizismus ist. Also nicht so offensichtlich vielleicht. Vielmehr ist es ein ehemaliger, mittlerweile so gut integrierter und so eingedeutschter Anglizismus, dass er gar nicht mehr als solcher erkennbar ist und seltenst in Anglizismenfiltern hängen bleibt (allerhöchstens um zu betonen, dass wir nicht ja alles ausbürgern müssen). Eigentlich wollte ich nur amüsiert einen Anglistenwitz zum Besten geben und es dabei belassen. Doch dann uferte eine kleine Recherche so unglaublich aus, dass sich jenseits der beinahe allbekannten Herkunft und Entwicklung von cakes (engl.) > Cakes (dt. pl.) > Keks (pl. & sg.) > Keks (sg.)/Kekse (pl.) plötzlich ein fantastisches Anschauungsbeispiel für eine ganze Menge sprachlicher Prozesse auftat.

Wenn wir hiermit also durch sind, haben wir Entlehnung, phonetische und orthographische Integration, Variation, Reanalyse und Sprachwandel abgehakt, Methoden der historischen Sprachwissenschaft angeschnitten und nebenbei eine urbane Legende entzaubert. Nur die Redewendungen, die müssen draußen bleiben. Freuen Sie sich nen Keks!

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Now sitting in one boat are we?

30. Mai 2011 von suz

Zu den häufigsten Suchbegriffen in meiner Blogstatistik gehört “sitting in one/the same boat”. In meinem Beitrag zu Oettingers Englisch schrieb ich, die englische Redewendung zu “in einem Boot sitzen” ist “to be in the same boat”. Das ist richtig, die Argumentation war aber nicht komplett: Muttersprachler haben mir bereits damals gesagt, dass ihnen “We’re sitting in one boat” gar nicht auffallen würde.

Warum auch? Der Satz ist syntaktisch in Ordnung, die Metapher bleibt. Ganz ähnlich sehen das auch die Muttersprachler in einer Diskussion zur Oettinger’schen Rede im LEO.org-Forum: ungewöhnlich ja, falsch nein (und erst recht nicht schlimm oder gar peinlich).

Das wollte ich jetzt genauer wissen: Nutzen Muttersprachler des Englischen die Redewendung so, wie Oettinger es tat? Die Antwort vorweg: Nein, tun sie (fast) nicht. Aber Oettinger war auch nicht der erste Deutsche, der sie benutzte.

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Blogspektrogramm #1

16. Mai 2011 von suz

Herzlichen Willkommen zum Blogspektrogramm, dem ersten Blogkarneval für deutschsprachige Sprachblogs! Anatol Stefanowitsch vom Sprachlog hat diesen für den Monat Mai ins Leben gerufen. Die Idee: Pro Monat ist ein Sprachblogger Gastgeber und stellt interessante und von den jeweiligen Bloggern selbst nominierte Beiträge der Karnevalgemeinde vor. Das Ziel ist, die Leserschaft der jeweiligen Blogs auch über das Tun und Wirken der anderen Sprachblogs zu informieren.

Für die erste Ausgabe sind die BloggerInnen Kristin Kopf mit dem [ʃplɔk], Michael Mann und sein lexikographieblog, Stephan Bopp von Fragen Sie Dr. Bopp und Kilian Evang vom Texttheater. Auch ich habe in der Beitragsflaute der letzten Wochen einen nominierungsfähigen Post gefunden. Es werden schöne Beiträge zu sprachlichen und sprachwissenschaftlichen Themen aus einem sehr breit gefächerten Themenkanon präsentiert.

Kristin setzt sich übrigens auch gleich schon mal mit dem Begriff Karneval auseinander. Und ich freue mich über und auf spannende Beiträge. Das zweite Blogspektrogramm erscheint dann voraussichtlich Mitte Juni.


Flädlesupp IV: Integration in Neukölln

12. Mai 2011 von suz

Ich arbeite gerade an einem Beitrag, der auch eine Aufarbeitung der Kommentardiskussion zu meinem Beitrag “Warum Deutsch nicht ins Grundgesetz gehört” beinhalten soll. Das ist als Post irgendwo zwischen Rundumschlag und Kommentar angedacht und hat eine dementsprechend lange Inkubationszeit. Bevor ich also an einige der aufgeworfenen Diskussionspunkte anknüpfen kann, kam mir ein Besuch in Berlin dazwischen.

In der Nähe des Rathaus Neukölln entdeckte ich an einem Mobilfunkshop folgende Werbeschrift:

Karl-Marx-Straße, Berlin-Neukölln

Die Diakritika über dem ‘a’ sind wahrscheinlich nachträglich angebracht worden (sie sind rund und nicht eckig wie die Punkte, außerdem sind sie schief), aber sie sind doch so professionell aufgeklebt, dass sie vom Ladenbesitzer stammen könnten und nicht als spontane Kritzelei durchgehen. Es handelte sich auch nicht um einen Kiosk, sondern um einen Shop, der professionell aufgemacht war. Kurz: Es ist ein Beispiel für eine Nativisierung eines (Schein)Anglizismus auf gehobenem Niveau. Ein niedrigeres Niveau würde ich beispielsweise meinen E-Mails beimessen, auch ich nutze in informeller Kommunikation mitunter ‘Händy’.

Händy ist nicht besonders neu oder überraschend. Nun ist natürlich nicht überliefert, ob die Person, die aus Handys Händys machte, dies tat, weil sie aufgrund der Aussprache genuin davon ausging, dass Handys ein ‘Fehler’ ist oder ob sie schlicht die orthographische Eindeutschung befeuern wollte. Wenn der Delikatessenhändler auf dem Wochenmarkt keine Creme sondern Krem verkauft, unterstellt man ihm bestenfalls mangelnde Deutschkenntnisse oder fehlende Bildung. Für diese Art der sprachlichen Integration ist es aber irrelevant. Viele Sprachwandelprozesse nehmen in Bevölkerungsschichten mit niedrigerem Bildungsniveau ihren Anfang, da ein höheres Bildungsniveau meist mit einer stärkeren Anpassung an einen konservativen Standard einher geht.

Viele Kritiker von Anglizismen schreiben diese nur in einer übertriebenen und nicht selten schwer zu entziffernden lautgetreuen “Umschrift”, auch um ihre ablehnende Einstellung kundzutun. Für eine schrittweise und erfolgreiche Integration von Fremdwörtern (oder was danach aussieht) braucht es das nicht, wie man sieht.


Twitter: “Baden-Württemberg” kein Wort

28. März 2011 von suz

An dieser Stelle schrieb ich kurz über Koordinativkomposita am Beispiel von Baden-Württemberg und stellte die Frage, ob Baden-Württemberg ein solches ist. Die patriotische Antwort: Es ist ein unmöglicher Ausdruck. Nun beweist Twitter, dass Baden-Württemberg noch nicht mal ein Wort ist.

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