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Du, Sie, Müller’s Vieh

Sonntag, 6. Mai 2012

Nebenan im Sprach­log hat Ana­tol unter dem Ver­dacht der Inhalts­leere die Frage gestellt, was seine Lese­rIn­nen so in wel­chem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal sie­zen. Das hat mich drin­gendst daran erin­nert, dass ich seit Jahr und Tag mal was zum ›Sie­zen im Eng­li­schen‹ schrei­ben wollte.

Das kommt so: Mit zuneh­men­der Dauer ten­diert die Wahr­schein­lich­keit gegen 1, dass jemand in einer Dis­kus­sion zur Anrede im Eng­li­schen behaup­tet, dass im Eng­li­schen »streng genom­men« nur gesiezt wird: Das »You« ist kein »Du«, son­dern ein »Sie«, Die Du-Form … ist schon seit 200 Jah­ren aus dem Wort­schatz ver­schwun­den oder Das Eng­li­sche »you« bedeu­tet nicht »Du«, son­dern ent­spricht eher einer Anre­de­form, die der alt­deut­schen Form »Ihr« näher­kommt, einem Plu­ral, der Respekt bezeugt.

Obwohl sprach­his­to­risch nicht völ­lig dane­ben, ist die Begrün­dung um und bei immer die Glei­che: Zu grauer Vor­zeit gab es thou für die 2. Per­son Sin­gu­lar und you für die 2. Per­son Plu­ral. Ers­tere (thou.2SG) sei dabei ver­lo­ren gegan­gen und nur you.2PL ist übrig geblie­ben. Ergo: Im Eng­li­schen wird eigent­lich gesiezt.

Das ist aber gleich ein drei­fa­cher Trug­schluss. Der erste Trug­schluss, an des­sen hei­ßen Punk­ten ich mir gar nicht die Fin­ger ver­bren­nen will, ist der, dass die Anre­de­st­ra­te­gien in bei­den Spra­chen irgend­wie eins-zu-eins auf­ein­an­der über­trag­bar wären. Der Trug­schluss beschreibt die Vor­stel­lung, dem deut­schen Sie­zen im Eng­li­schen eine Ent­spre­chung gegen­über­stel­len zu kön­nen. Dass das Unsinn ist, kann jeder bestä­ti­gen, der beide Spra­chen auch prag­ma­tisch ganz gut beherrscht und einem Mono­lin­gua­len die Anre­de­kon­ven­tio­nen der jeweils ande­ren Spra­che erklä­ren möchte. Natür­lich könnte man argu­men­tie­ren, dass man an der Ver­wen­dung von Vor­na­men oder Nach­na­men eine gewisse Duzen-Siezen-Äquivalenz erken­nen kann. Das Pro­blem ist aber deut­lich zu viel­schich­tig und ich möchte mich hier nicht im Dickicht ver­hed­dern, das ver­sucht, ein zwei­di­men­sio­na­les mor­pho­syn­tak­ti­sches Para­digma ein­deu­tig auf ein min­des­tens vier­di­men­sio­na­les Sys­tem von Dis­tanz, Respekt, Kon­text und sozio­kul­tu­rel­len Nor­men anzu­wen­den. Darum soll’s mir hier nicht gehen.

Der zweite Trug­schluss ist mor­pho­syn­tak­ti­scher Natur. Rich­tig ist zunächst, dass for­mal nicht zwi­schen you.2SG+V und you.2PL+V unter­schie­den wer­den kann. Das ist jetzt natür­lich wenig erstaun­lich, denn die ein­zige Prä­sens­ver­bal­fle­xion des Eng­li­schen fin­det sich in der 3. Per­son Sin­gu­lar Indi­ka­tiv (zumin­dest in der Stan­dard­va­rie­tät und mit Aus­nahme von {BE}).

Die­ser Trug­schluss sug­ge­riert aber, dass im Eng­li­schen die Zeile ›2SG‹ leer ist, was natür­lich nicht stim­men kann (mehr dazu spä­ter). Wenn wir jetzt mal die sozio­lin­gu­is­ti­sche Siezen-Duzen-Unterscheidung weg­las­sen, gibt es auch im Eng­li­schen die seman­ti­sche Unter­schei­dung you ›du‹ und you ›ihr‹ - you ist da im Ver­gleich zum Deut­schen ambig; aber immerhin.

1SG I am ich bin
2SG you are du bist
3SG he/she/it is er/sie/es ist
1PL we are wir sind
2PL you are ihr seid
3PL they are sie sind

(Wenn wir’s also wirk­lich streng neh­men wür­den, ist Sie­zen schon allein des­halb Unfug, weil you.PL natür­lich ›ihr‹ ent­spricht. Aber sind wir mal nicht so.)

Was ver­lo­ren gegan­gen ist, ist die gram­ma­ti­sche Unter­schei­dung von 2SG und 2PL, nicht eine 2SG-Form an sich. Die fol­gende Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist stark ver­ein­facht, nicht­zu­letzt, weil nur die Nominativ-Formen ange­ge­ben sind und hier noch der Dual aus dem Alteng­li­schen aus­ge­klam­mert ist (Smith 1999: 77, 113, 146):

AE ME FNE ModE ModE (dialektal/
kontextuell)
2SG.NOM þu thou thou you you/thou (arch.)
2PL.NOM ge ye ye/you you yous(e)/yiz/yez

An die­ser kur­zen Über­sicht ist rela­tiv klar erkenn­bar, dass you [ju:] die ›Wei­ter­ent­wick­lung‹ des 2PL-Pronomens ist und der Bruch beim 2SG-Pronomen im Früh­neu­eng­li­schen (FNE) liegt. Die Erklä­rung geht so: <g> wurde im Alteng­li­schen (AE) prä­vo­ka­lisch [j] aus­ge­spro­chen und <þ> als [ð], wie im heu­ti­gen they. Aber es bedeu­tet eben nicht, dass die 2SG-Form an sich ver­schwun­den ist - die ältere Form thou wurde nach einer ziem­lich kom­ple­xen Varia­tion im thou/you-Kos­mos von you ver­drängt, wel­che dabei vom Plural-Kontext auf den Singular-Kontext aus­ge­wei­tet wurde und die Funk­tion you.2SG ›du‹ über­nahm. Die Gründe dafür fin­den sich vor allem im sti­lis­ti­schen und sozi­o­prag­ma­ti­schen Bereich (Busse 2002). Die ganze Geschichte ist in Wahr­heit z.B. in Ver­bin­dung mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Kasu­s­ab­bau sehr viel kom­ple­xer, aber für den Moment soll das reichen.

Hier kön­nen wir ein Kon­zept aus der Sozi­lin­gu­is­tik ins Spiel brin­gen, die soge­nannte T-/V-Unterscheidung (Brown & Gil­man 1960). Anders aus­ge­drückt: thou hat frü­her nicht nur eine Nume­rus­un­ter­schei­dung ermög­licht (2SG), son­dern auch als T-Pronomen fun­giert (von lat. tu ›du‹), you/ye dage­gen als V-Pronomen (von lat. vos ›ihr/Sie‹). So gab es ein Hono­ri­fi­kum, mit dem man auch nur eine Per­son anspre­chen konnte, also zusätz­lich zu du/ihr auch eine ent­spre­chende du/Sie-Unter­schei­dung tref­fen konnte - die soge­nannte T-/V-Unterscheidung. Diese Unter­schei­dung exis­tiert im heu­ti­gen Eng­lisch aber nicht mehr - und you erfüllt als you.2SG die Funk­tion ›eine mir gegen­über­ste­hende Per­son‹ und als you.2PLzwei oder meh­rere mir gegen­über­ste­hende Personen‹.

Wenn jetzt also jemand sagt, im eng­lisch­spra­chi­gen Raum wird »eigent­lich« gesietzt, der sagt damit ja, dass die Kate­go­rie 2SG unge­nutzt dastünde (s.o.). Dass das nicht rich­tig ist, zeigt sich ers­tens in der Nume­rus­un­ter­schei­dung der Refle­xiv­pro­no­mina, wo your­self.2SG und your­sel­ves.2PL klar die Exis­tenz der Nume­rus­ka­te­go­rie bele­gen. Zwei­tens tritt you.2PL dia­lek­tal, kon­text­ab­hän­gig und umgangs­sprach­lich als yous(e)/yez/yiz.2PL auf und ermög­licht so eine Disam­bi­gu­ie­rung von you.SG und you.PL. Wenig über­ra­schend fin­den sich alle Belege für yous(e), youz(e), yiz, oder yez im BNC dem­ent­spre­chend in den Gen­res der gespro­che­nen Spra­che wie ›Fic­tion‹, ›Oral History‹, ›Inter­view‹ oder ›Conversation‹.

Iro­ni­scher­weise ist eine mög­li­che Erklä­rung für das Ver­schwin­den des thou.2SG aus dem Pro­no­mi­nal­pa­ra­digma der Stan­dard­spra­che, dass man zu Shake­speares Zei­ten you.2PL (damals V-Form) in einer Höf­lich­keits­spi­rale auch für Anre­den nutzte, für die man bis dahin die T-Form thou nutzte. Die Iro­nie dabei ist, dass thou jetzt archa­isch ist und abge­se­hen von weni­gen Dia­lekt­ver­wen­dun­gen heute auf reli­giöse und erz­kon­ser­va­tive Kon­texte beschränkt ist: Thou, my Lord! ›Du, mein Gott‹, also gewis­ser­ma­ßen jetzt eine höhere For­ma­li­tät auf­wei­sen. Der Pro­zess in der Stan­dard­spra­che war aber um 1700 abge­schlos­sen, you der unmar­kierte Fall für die all­ge­meine Anrede und die syn­tak­ti­sche V-/T-Unterscheidung somit weg­ge­fal­len (Busse 2002: 3, OED).

Der dritte Trug­schluss ist des­halb ety­mo­lo­gisch. Nur weil etwas irgend­wann (hier: so vor, hm, 300-400 Jah­ren) mal so und so war, heißt das nicht, dass es noch so ist bzw. dass es noch so sein sollte. Heute wird gibt es im Eng­li­schen keine gram­ma­ti­sche V-/T-Unterscheidung. Selbst die dia­lek­tale Ver­wen­dung von thou ist auf einen sehr intimen-familiären Kon­text beschränkt. Wenn, dann wer­den Dis­tanz, Respekt oder sons­tige Hier­ar­chie­un­gleich­hei­ten auf andere Weise aus­ge­drückt. Aber gesiezt wird hier bestimmt niemand.

(Genauso däm­lich ist es umge­kehrt zu behaup­ten, im Eng­li­schen gäbe es kein Sie. Soll­ten Sie das aus mei­nen Zei­len lesen oder gele­sen haben, gehen Sie zurück zu Trug­schluss 1 und 2.)

Ach so ja: Die Groß­schrei­bung der Anrede Sie im Deut­schen ist irgend­wie auch nur eine schrift­sprach­li­che Kon­ven­tion, die zum Bei­spiel das straf­recht­li­ches Bezie­hungs­ge­flecht bei ich wurde von Ihnen/ihnen kran­ken­haus­reif geschla­gen disam­bi­gu­iert. Hände hoch, wer beim sie­zen an eine abwe­sende dritte Per­son im Plu­ral denkt? Mor­pho­syn­tak­tisch nut­zen wir im Deut­schen für die Höf­lich­keits­an­rede die 3.PL, was sprach­ty­po­lo­gisch übri­gens sehr unge­wöhn­lich ist (Helm­brecht 2005, 2011). Den­kense mal drü­ber nach, bevor Sie behaup­ten, im Eng­li­schen wird gesiezt: What did They do yes­ter­day? und Ihren gegen­über mei­nen.

Wie würde das denn klin­gen, wenn Sie eine Duz­be­kannt­schaft auf Eng­lisch mal übel beschimp­fen möchten?

Fuck thou?

PS: Also, Ana­tol, wie du siehst, sieze ich im Blog. Es lässt sich im Zwei­fels­fall leich­ter beleidigen.

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Brown, Roger & Albert Gil­man. 1960. The pro­no­uns of soli­da­rity and power. In: Sebeok, Tho­mas [ed]. Style in Lan­guage. MIT Press: 253-276.

Busse, Ulrich. 2002. Lin­gu­is­tic varia­tion in the Shake­speare cor­pus - morpho-syntactic varia­bi­lity of second per­son pro­no­uns. Ben­ja­mins.

Helm­brecht, Johan­nes. 2006. Typo­lo­gie und Dif­fu­sion von Höf­lich­keits­pro­no­mina in Europa. Folia Lin­gu­is­tica 39(3-4): 417-452. [Link zu einer frei ver­füg­ba­ren Ver­sion von 2005, Arbeits­pa­piere des Semi­nars für Sprach­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Erfurt (18).]

Helm­brecht, Johan­nes. 2011. Poli­ten­ess Dis­tinc­tions in Pro­no­uns. In: Dryer, Matthew S. & Mar­tin Has­pel­math [eds]. The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. Max Planck Digi­tal Library, chap­ter 45. [Link] (06. Mai 2012).

Smith, Jeremy J. 1999. Essen­ti­als of Early English. Rout­ledge.

Sprache der Magisterarbeit

Donnerstag, 23. Juli 2009

Weil ich gar nicht weiß, wie ich hier­mit anfan­gen soll, zitiere ich ein­fach mal aus der Magis­ter­prü­fungs­ord­nung des Fach­be­reichs Sprach-, Literatur- und Medi­en­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Ham­burg in ihrer der­zeit gül­ti­gen Fas­sung (von 2003, nur damit keine ange­staub­ten Miss­ver­ständ­nisse auf­kom­men). Dort steht unter §29 folgendes:

(6) Die [Magis­ter­ar­beit] ist in deut­scher Spra­che abzu­fas­sen. In den fremdsprachli­chen Fächern kann die Haus­ar­beit mit schrift­li­cher Zustim­mung der bei­den bestell­ten Prü­fenden in der Ziel­spra­che des be­treffenden Faches abge­fasst werden. […]

Ha! Auf Antrag! Einige mei­ner Kom­mi­li­to­nen hiel­ten es ja auch für einen leid­lich lus­ti­gen Kalauer unse­res Pro­fes­sors, der uns damals zwang unsere Lin­gu­is­tik­haus­ar­bei­ten auf Eng­lisch zu schrei­ben: »Bei mir rei­chen Sie Ihre Haus­ar­bei­ten auf Eng­lisch ein. Schließ­lich stu­die­ren Sie diese Spra­che. Bei der Magis­ter­abeit darf ich Ihnen Deutsch nicht ver­bie­ten.« Ich habe der Uni­ver­si­tät schon damals aller­lei skur­ri­len Scha­ber­nack zuge­traut, auch - und vor allem - dass ich meine Magis­ter­ar­beit im Fach Eng­lisch nur auf Antrag auch in eng­li­scher Spra­che ver­fas­sen darf.

Nun bezweifle ich stark, dass die Prü­fer mir die Zustim­mung zum Antrag ver­weh­ren wer­den. Im Teil­be­reich Lin­gu­is­tik wur­den zu mei­nen Anfän­ger­zei­ten ledig­lich eine von zwei Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tun­gen auf Deutsch gehal­ten, eine Haus­ar­beit in deut­scher Spra­che habe ich in die­sem Teil­be­reich nie geschrie­ben. In der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft wer­den nach wie vor die Hälfte aller Vor­le­sun­gen und Semi­nare auf Deutsch gehal­ten, obgleich sich das zuneh­mend zuguns­ten der Unter­richts­spra­che Eng­lisch ver­schiebt. Das mag auch an der Ver­jün­gung des Lehr­kör­pers liegen.

Aber selt­sa­mer­weise stellte sich mir nie die Frage, ob Eng­lisch oder Deutsch. Das war irgend­wie logisch. Und sollte auch selbst­re­dend so sein. Selbst in ande­ren Fächern, die in unse­rem Fach­be­reich SLM gelehrt werden.

Meine Ziel­spra­che ist ja nicht Irisch.