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Ask A Muttersprachler

Montag, 27. Juli 2009

In einer E-Mail, die ich diese Woche aus Süd­deutsch­land bekam, stand dies:

Vie­len Dank für Ihr Mail.*

Daran fal­len zwei Dinge auf: Ers­tens hat der Ver­fas­ser rela­tiv ele­gant die Klippe der Schreib­weise für diese Art der elek­tro­ni­schen Post umschifft. Der Duden emp­fiehlt E-Mail, ver­mut­lich da alter­na­tive Schreib­wei­sen ent­we­der zu Ver­wechs­lung füh­ren (Email) oder sich nicht so recht in die Regeln der deut­schen Groß- und Klein­schrei­bung in Wör­tern ein­fü­gen wol­len (eMail und EMail).

Zwei­tens, und das ist viel inter­es­san­ter, liegt hier eine süd­deut­sche Genus­ver­wen­dung vor: wäh­rend im Hoch­deut­schen ›E-Mail‹ weib­lich ist (die E-Mail), bevor­zu­gen die Süd­deut­schen, aber auch Öster­rei­cher und Schwei­zer das E-Mail. (Der Duden, inter­es­san­ter­weise, führt zwar ›die/das E-Mail‹, aber nur ›die Mail‹ auf - in die­sem Fall wäre die Umschif­fung wohl doch nicht so ele­gant gewe­sen, wie ich dachte, aber der Duden stammt aus dem Jahr 2007.)

Nun ist auch ein in Süd­deutsch­land leben­der Mensch, der mit Deutsch auf­ge­wach­sen ist, ein Mut­ter­sprach­ler. (Dies mag ein Ham­bur­ger zwar gerne mal abstrei­ten, aber das ist jetzt nicht das Thema.) Und die Genus­un­ter­schiede hören ja nicht bei elek­tro­ni­scher Post auf. Es zäh­len auch etablierte(re) Wör­ter des All­tags dazu, man denke an der Mikro (abge­lei­tet von und den Mikro­wel­lenherd bezeich­nend), das Cola oder der But­ter. Und was den But­ter betrifft, da bin ich ale­man­ni­scher Mut­ter­sprach­ler genug, um zu sagen, dass diese Ver­wen­dung zwar alt­mo­disch klingt, aber nicht unüb­lich ist. Wer’s genau wis­sen will, der fährt zur Feld­for­schung mal ins Müns­ter­tal bei Offenburg.

Wenn ich nun also sage, ich möchte den Arti­kel­ge­brauch im iri­schen Eng­lisch beschrei­ben und erkläre mei­nen (mut­ter­sprach­li­chen) eng­li­schen Freun­den, worum es geht, dann höre ich oft »Yes, but I think you can use ›the‹ in English in this con­text«. Mit ande­ren Wor­ten, es ist ein sehr schma­ler Grat (wenn auch genau umge­kehrt als in mei­nem Bei­spiel der süd/nord/hochdeutschen Genus­ver­wen­dung). Denn auch der Gebrauch des Arti­kels wie im iri­schen Eng­lisch, der angeb­lich so cha­rak­te­ris­tisch für diese Varie­tät ist,  ist nicht »falsch«, und in vie­len Dia­lek­ten des bri­ti­schen Eng­lisch durch­aus nicht fremd.

Der Mythos des Norm­mut­ter­sprach­lers ist ohne­hin über­holt. Denn, wo die meis­ten bei »I’m here since Mon­day« den Rot­stift anset­zen wür­den, ist das in Irland ein kor­rekte Umschrei­bung dafür, dass jemand, naja, seit Mon­tag hier ist. Und an der mut­ter­sprach­li­chen Kom­pe­tenz eines Iren zwei­felt nie­mand (obgleich mir da von eini­gen Eng­län­dern vehe­ment wider­spro­chen wird).

Ums humo­ris­tisch zu sehen, sag ich’s mit Vol­ker Pis­pers (…bis neu­lich!):

Viele sagen ja, die bei uns leben­den Aus­län­der müs­sen wenigs­tens ver­nünf­tig Deutsch spre­chen. Was isn das? Ver­nünf­ti­ges Deutsch? Wo wird das denn gespro­chen? Warense da schon mal? Kön­nen Sie sich an einem schwä­bi­schen Stamm­tisch artikulieren?

Ja, ich könnte.

(Für die Pho­no­lo­gen unter uns: Vie­len Dank für Ihr Mail aus dem Mund eines Ale­man­nen klänge für einen Nord­deut­schen übri­gens auch nach dem Erhalt einer Mehl­lie­fe­rung; das (Weizen)Mehl klingt auf Badisch wie ›Mähl‹… to be continued!)